The Ultimate Matrix Collection: Der Rezipient zwischen Paratext und Film


Hausarbeit, 2010

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Paratexte
2.1 Peri- und Epitexte

3. Paratexte des Films

4. The Ultimate Matrix Collection
4.1 Peritexte der DVD-Box
4.1.1 Titel
4.2 Epitexte der DVD-Box
4.2.1 Vorwort
4.2.2 Trailer
4.2.3 Making of

5. Schluss

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

Eingeführt durch Gérard Genette erhielt der Begriff Paratext 1986 Einzug in die Literaturwissenschaft.1 Aber auch die Medienwissenschaft beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit dem Phänomen der Paratexte. So stellen Klaus Kreimeier und Georg Stanitzek beispielsweise fest, dass „in vielen medialen Kontexten […] eine rasante Ausdifferenzierung paratextueller Strategien zu beobachten“2 ist. Diese Arbeit wird diese These auf ihren Wahrheitsgehalt in Bezug auf den Film überprüfen, den Begriff der Paratextualität näher erläutern und anhand der The Ultimate Matrix Collection verdeutlichen.

2 Paratexte

Allgemein gesprochen, bezeichnet man einen Paratext als einen (Neben-)Text, der den Haupttext ergänzt, kommentiert, steuert oder begleitet.3 In seinem Buch Seuils stellt Gerard Genette die These auf, dass “ein Text sich selten nackt präsentiert“4 und entwickelt das Konzept der Paratexte, wonach jedes randständige Element des gedruckten Textes, welches als solches, seiner Abgelegenheit zum Trotz, in Wirklichkeit (en réalité) in der Lage ist, jede Lektüre zu steuern[,]5 ein Paratext ist, der dem Haupttext jedoch immer untergeordnet bleibt.6

Ausgehend von der Definition, dass „ein literarisches Werk […] ausschließlich oder hauptsächlich aus einem Text [besteht]“7, spricht Genette dem Paratext die Aufgabe zu, den eigentlichen Text „zu präsentieren: ihn präsent zu machen“8. Jene Präsentation kann je nach Art des Paratextes unterschiedlich ausfallen. So kann er eine Information enthalten, eine Interpretation oder Absicht bekanntgeben oder eine Entscheidung behandeln. Darüber hinaus kann er sich an unterschiedliche Instanzen, zum Beispiel den Leser oder die Öffentlichkeit, wenden, wobei jedes paratextuelle Element einen unterschiedlichen Zweck verfolgen kann.9 „Der Paratext besteht also empirisch aus einer vielgestaltigen Menge von Praktiken und Diskursen“10.

Jene Vielfältigkeit macht es jedoch oft umso schwerer, den Paratext vom Haupttext zu unterscheiden, zumal der Paratext selbst ein Text ist und, so Genette, jeder Kontext prinzipiell als Paratext wirkt.11 „Die Unterscheidung Text/Paratext ist also keineswegs so einfach und zweifelsfrei durchführbar, wie es zunächst den Anschein haben könnte“12, „denn wo der Paratext anfängt und wo er aufhört, kann nicht immer eindeutig ausgemacht werden“13. Um sich diesem mannigfaltigen Phänomen des Paratextes also spezifischer zu nähern, unterscheidet Genette zwischen zwei Arten von Paratexten und leitet folgende Definition her: „Paratext = Peritext + Epitext“14.

2.1 Peritext und Epitext

Unter dem Begriff Peritext versteht Genette jene paratextuelle Elemente, die sich im unmittelbaren Umfeld des Textes befinden. Darunter zählt er unter anderem den Titel, das Vorwort, Kapitelüberschiften, Gattungsangaben, Autorennamen oder das Nachwort.15

Als Epitext bezeichnet Genette solche „Mitteilungen, die zumindest ursprünglich außerhalb des Textes angesiedelt sind“16. Darunter fallen Interviews, Debatten, Kritiken oder späte Selbstkommentare. Sie wahren eine gewisse Distanz zum Haupttext, befinden sich aber in der Umgebung des Textes.17 Die Art und Weise, wie der Epitext eingesetzt wird, variiert. So kann er vor, mit oder nach dem Erscheinen des Haupttextes auftreten und sowohl privat, zum Beispiel ein Briefwechsel, als auch öffentlich zweckgerichtet sein. Die Tatsache, dass er „gewissermaßen im freien, [virtuell unbegrenzten physikalischen oder sozialen Raum] zirkuliert“18, lässt ihn zu einem Ganzen ohne feste Grenzen werden, wodurch sich der Epitext „als Anhängsel vom Anhängsel […] immer mehr in der Gesamtheit des auktorialen Diskurses“19 verliert.

3 Paratexte des Films

Nachdem nun geklärt wurde, was unter einem Paratext zu verstehen ist, soll im Folgenden untersucht werden, ob das Konzept der Paratexte, das sich ursprünglich auf das Beiwerk des Buches bezog, auch auf das Medium Film anwendbar ist. Genette selbst lässt bereits in seinen Ausführungen anklingen, dass das Konzept durchaus in anderen Medien, darunter auch der Film, zur Geltung kommen kann.20 Da Genette jedoch einen literaturwissenschaftlichen Ansatz wählt und seine Argumentation zudem stark vom Autoren des Werkes beeinflusst wird, entstehen im Hinblick auf den Film zwei Fragen: Zum einen ist fraglich, ob man bei einem Film generell von dem Autoren sprechen kann. Zum anderen stellt sich die Frage, ob es sich bei einem Film um einen Text handelt.

„Der Film als singulärer Text[,] unabhängig vom Trägermedium Zelluloid, Magnetband oder Disc[,] folgt bestimmten (zum Beispiel narrativen) An/Ordnungen, die denen der Literatur (unabhängig vom Trägermedium!) nicht unähnlich sind“21

Wenn man das Medium Film betrachtet, lassen sich viele Ähnlichkeiten zu dem des Buches entdecken. So haben sie in der Regel beide eine narrative Struktur, können in Kapitel unterteilt werden und Elemente wie (Film)titel, Vorspann/Vorwort oder Nachwort/Abspann bilden einen gewissen Rahmen.22 Anders ausgedrückt: Der Paratext bezieht sich auf Einzelwerkstrukturen mit entsprechend konstruierten Grenzen, worunter auch Film und Buch fallen.23

Die Frage nach der Autorenschaft ist im Bezug auf den Film komplizierter als beim Buch. Während man bei einem Buch in der Regel eine Person, den Autor, hat, die für den Text verantwortlich ist, tragen beim Film gleich mehrere Entscheidungsträger, darunter das Filmstudio, der Regisseur und der Produzent, die Verantwortung. Sogar Schauspieler können, indem sie ihre Rolle nach ihrer Interpretation spielen, auf das Endprodukt einwirken.24 „Rechtlich ist [zwar] von vornherein der Verleger, der im Filmgeschäft Produzent heißt, Urheber des Films“25, dennoch lassen sich die vielseitigen Arbeitsschritte in der Filmindustrie nicht abstreiten. Nichtsdestotrotz wird

der Rest dieser Arbeit zeigen, „dass der [Paratext]begriff auch ohne übermäßige Inanspruchnahme des Autorenbegriffs funktioniert“26.

4 The Ultimate Matrix Collection

The Ultimate Matrix Collection ist eine DVD-Box, die neben den Filmen MATRIX27, MATRIX RELOADED28 und MATRIX REVOLUTIONS29 neun Animations-Kurzfilme, aufgeführt unter dem Titel ANIMATRIX30, sowie ausführliche Dokumentationen zu jedem Film der MATRIX-Reihe beinhaltet, die „die filmischen, historischen, philosophischen und technologischen Inspirationsquellen der Matrix“31 behandeln. Da der Umfang der DVD-Box enorm ist, werden im weiteren Verlauf dieser Arbeit, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, einzelne Elemente beleuchtet und auf ihre möglichen paratextuellen Funktionen untersucht.

4.1 Peritexte der DVD-Box

4.1.2 Titel

Für Genette ist das paratextuelle Element des Titels „meist nicht einfach ein Element, sondern eher ein komplexes Ganzes - dessen Komplexität nicht unbedingt auf seiner Länge beruht“32. Auch die Titel der MATRIX-Filme weisen eine gewisse Kürze auf. So erhielt der erste Teil der Trilogie den schlichten Titel Matrix und die beiden anderen bekamen jeweils einen Zusatz in Form der Worte Reloaded und Revolutions. Nun könnte man sich fragen, warum man genau diese Titel gewählt hat. Die Antwort darauf zu finden, wäre vermutlich sehr mühsam. Stattdessen sollte man sich auf ihre paratextuellen Funktionen konzentrieren. Denn neben der Aufgabe den Text zu identifizieren, soll der Titel „seinen [des Werkes] Inhalt […] bezeichnen und […] ihn in ein günstiges Licht […] rücken“33. Alexander Böhnke hält zudem fest, dass diese Funktionen auch für den Filmtitel gelten und formuliert sie ähnlich:

1. Differenz - und damit Rechtsanspruch - zu anderen Werken signalisieren, 2. das Werk zu kommentieren, also eine Lektüreanweisung zu geben und 3. für das Produkt werben.34

Besonders im Hinblick auf die angesprochene Differenzierung sind die Titel der MATRIX-Filme sehr aussagekräftig. Natürlich haben Genette und Böhnke recht, wenn sie sagen, dass der Titel das Werk oder den Film identifizieren und unterscheiden soll. Aber wohlmöglich ist beim Beispiel der MATRIX-Filme die aus dem Umkehrschluss entstehende Funktion der Zusammengehörigkeit viel wichtiger. Indem die beiden Titel Matrix Reloaded und Matrix Revolutions auf ihren Inhalt, und somit auch auf den ersten Teil der Trilogie, verweisen, bewerben sie zum einen sich selbst, aber zum anderen auch ihren Vorgänger. Hinzu kommt, dass das Publikum die Information erhält, dass die Narration der Filme zusammenhängt, wodurch eine Lektüreanweisung betrieben wird, wie die Filme zu rezipieren sind.

Bei einem Doppeltitel, wie er beispielsweise bei MATRIX RELOADED und MATRIX REVOLUTIONS auftaucht, kann jedes Element seine eigenen Funktionen haben und unterschiedliche Ziele verfolgen. Oft dient der Zusatz- beziehungsweise Untertitel „dazu, das im Titel symbolisch oder kryptisch angedeutete Thema wörtlicher anzugeben“35. Im Beispiel der MATRIX-Filme werden mit dem Titel also die narrativen Elemente der Filme angesprochen und situieren sie. MATRIX RELOADED spielt mit dem Titel auf den ersten Teil an und kennzeichnet eine Fortsetzung. Bei MATRIX REVOLUTIONS kommt sogar noch ein narrativer Aspekt, die Revolution der von den Maschinen unterdrückten Menschen, zum Vorschein. Darüber hinaus zeichnet den Titel sein ambivalenter Charakter aus. So ist er zum einen Peritext, zum anderen jedoch auch Epitext, „weil er einerseits zum Text gehört, andererseits aber auch im Jenseits des Textes kursiert. […] Der Adressat des Titels ist deshalb nicht nur der Leser, sondern auch ein potentieller, zukünftiger Leser“36

[...]


1 Vgl. Gérard Genette: Paratexte - Das Buch zum Beiwerk des Buches. Frankfurt a.M. 1989.

2 Klaus/Kleimeier/Georg Stanitzek (Hrsg.): Paratext in Literatur, Film, Fernsehen. Berlin 2004, S. 3.

3 Vgl. Joachin Paech: Film, programmatisch. In: Klaus/Kleimeier/Georg Stanitzek (Hrsg.): Paratext in Literatur, Film, Fernsehen. Berlin 2004, S. 213-223, hier: S. 221ff.

4 Gérard Genette: Paratexte - Das Buch zum Beiwerk des Buches. Frankfurt a.M. 1989, S. 9

5 Ebd. Gregor Schwering: Achtung vor dem Paratext - Gérard Genettes Konzeption und H.C. Artmanns Dialektdichtung. In: Klaus/Kleimeier/Georg Stanitzek (Hrsg.): Paratext in Literatur, Film, Fernsehen. Berlin 2004, S. 164-169, hier: S. 165.

6 Vgl. Genette: Paratexte - Das Buch zum Beiwerk des Buches, S. 18

7 Ebd., S. 9.

8 Ebd.

9 Vgl. Genette: Paratexte - Das Buch zum Beiwerk des Buches, S. 17f.

10 Ebd. S. 10.

11 Vgl. ebd. S. 14f.

12 Georg Stanitzek: Texte, Paratext, in Medien - Einleitung In: Klaus/Kleimeier/Georg Stanitzek (Hrsg.): Paratext in Literatur, Film, Fernsehen. Berlin 2004, S. 3-19, hier: S. 6.

13 Natalie Binczek: Epistolare Paratexte: Über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts in einer Reihe von Briefen. In: Klaus/Kleimeier/Georg Stanitzek (Hrsg.): Paratext in Literatur, Film, Fernsehen. Berlin 2004, S. 117-133, hier: S. 117.

14 Gérard Genette: Paratexte - Das Buch zum Beiwerk des Buches, S. 13.

15 Vgl. ebd., S. 12.

16 Ebd. S. 12.

17 Vgl. Ebd.

18 Gérard Genette: Paratexte - Das Buch zum Beiwerk des Buches, S. 228.

19 Ebd. S. 330.

20 Vgl. Gérard Genette: Paratexte - Das Buch zum Beiwerk des Buches, S. 9.

21 Joachin Paech: Film, programmatisch. In: Klaus/Kleimeier/Georg Stanitzek (Hrsg.): Paratext in Literatur, Film, Fernsehen. Berlin 2004, S. 213-223, hier: S. 213-214.

22 Vgl. ebd. S. 215.

23 Vgl. Alexander Böhnke: Paratexte des Films - Über die Grenzen des filmischen Universums. Bielefeld, S. 7-9

24 Vgl. ebd., 17.

25 Ebd.

26 Alexander Böhnke: Paratexte des Films - Über die Grenzen des filmischen Universums. Bielefeld 2007, S. 17.

27 MATRIX (THE MATRIX), USA/Australien 1999, Erstausstrahlung (USA): 31.03.1999, Deutschsprachige Erstausstrahlung: 17.06.1999, R: Andy Wachowski/Larry Wachowski.

28 MATRIX RELOADED (THE MATRIX RELOADED), USA/Australien 2003, Erstausstrahlung (USA): 07.05.2003, Deutschsprachige Erstausstrahlung: 22.05.2003, R: Andy Wachowski/Larry Wachowski.

29 MATRIX REVOLUTIONS (THE MATRIX REVOLUTIONS), USA/Australien 2003, Erstausstrahlung (USA): 27.10.2003, Deutschsprachige Erstausstrahlung: 05.11.2003, R: Andy Wachowski/Larry Wachowski.

30 ANIMATRIX (THE ANIMATRIX), USA 2003, Erstausstrahlung (Argentinien): 14.04.2003, Deutschsprachige Erstausstrahlung: 02.06.2003, R: Peter Chung/Andy Jones.

31 The Wachowski Brothers: Einleitung der Wachowski Brothers In: The Ultimate Matrix Collection (Beiheft), 2004. S. 1 f.

32 Gérard Genette: Paratexte - Das Buch zum Beiwerk des Buches, S. 58.

33 Gérard Genette: Paratexte - Das Buch zum Beiwerk des Buches, S. 77.

34 Alexander Böhnke: Paratexte des Films - Über die Grenzen des filmischen Universums. Bielefeld 2007, S. 24.

35 Vgl. Gérard Genette: Paratexte - Das Buch zum Beiwerk des Buches, S. 85.

36 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
The Ultimate Matrix Collection: Der Rezipient zwischen Paratext und Film
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft)
Veranstaltung
Übung: Video und Videothek
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V272945
ISBN (eBook)
9783656651093
ISBN (Buch)
9783656651079
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ultimate, matrix, collection, rezipient, paratext, film
Arbeit zitieren
Christian Kresse (Autor:in), 2010, The Ultimate Matrix Collection: Der Rezipient zwischen Paratext und Film, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272945

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: The Ultimate Matrix Collection: Der Rezipient zwischen Paratext und Film



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden