Soziales Lernen im Sportunterricht


Seminararbeit, 2013

11 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsbestimmung

3 Sport als soziales Handlungsfeld

4 Didaktische Maßnahmen

5 Empirische Untersuchungen

6 Fazit

7 Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Derzeit werden die Aufgaben der Sozialerziehung vermehrt vor dem Hintergrund der fortschreitenden Individualisierung und Pluralisierung unserer Gesellschaft gesehen. Im Zuge dieser gesellschaftlichen Entwicklung wird oft ein Mangel an Sozialkompetenzen von Kindern und Jugendlichen beklagt. Pühse geht soweit, dass, durch veränderte Formen des Aufwachsens, Kinder in der Entwicklung ihrer sozialen Kompetenzen zurückbleiben würden und fehlende soziale Kontakte eine Perspektivenübernahme nur sehr schwer ermöglichten (vgl. Pühse, 2001, S. 336).

Demnach ist es nicht verwunderlich, dass soziales Lernen, bzw. Sozialerziehung als Lernziel in den meisten Lehrplänen in Deutschland fest verankert ist. Vor allem dem Fach Sport wird dabei eine besonders große Bedeutung zugesprochen. So steht zum Beispiel im Lehrplan für die bayrische Hauptschule:

„Sportunterricht beinhaltet soziales Lernen und bietet Handlungs- und Erfahrungsgelegenheiten für eine praxisorientierte Sozialerziehung. Regelentsprechendes Handeln und die damit verbundene Achtung des Gegners als Partner in einem gemeinsamen Leistungsvergleich erziehen die Schüler zur Fairness. Sie erkennen die Notwendigkeit, die eigenen Interessen zeitweise zurückzunehmen und Verständnis, Nachsicht und Toleranz zu zeigen.“ ( Hohlmeier, 2004, S. 54)

Auch im rheinland-pfälzischen Lehrplan für die Sekundarstufe I wird die Vermittlung von Sozialkompetenzen gefordert. Dazu zählen unter anderem die Fähigkeit zu fairer und argumentativer Konfliktlösung, die Bereitschaft zur Rücksichtnahme und Integration und die Einhaltung von Vereinbarungen und Regelungen (vgl. Lehrplan Rheinlandpfalz, 1998, S. 8). Der Beitrag, den Sportunterricht zur Sozialerziehung Heranwachsender leisten soll, ist also klar formuliert. In dieser Arbeit soll nun untersucht werden, inwiefern sich solche sozialer- zieherischen Ziele auf der Basis didaktischer Maßnahmen initiieren lassen und wie sie im Sportunterricht realisierbar sind.

2 Begriffsbestimmung

Begriffsbestimmungen zum sozialen Lernen sind in der Literatur zahlreich vertreten und fallen zum Teil auch unterschiedlich aus. Nach Balz lässt sich soziales Lernen als „die An- eignung und Verarbeitung sozialer Wirklichkeit begreifen“ (Balz, 2003, S. 151).Der Ausdruck „sozial“ ist zunächst einmal mit Worten wie „innergesellschaftlich“ oder „gemeinschaftlich“ gleichzusetzen (vgl. Pühse, 2001, S. 335). „Lernen“ kann als ein Prozess definiert werden, „durch den ein Organismus sein Verhalten als Resultat von Erfahrung ändert“ (Gage & Berliner, 1996, S. 230). Dementsprechend macht sich soziales Lernen zwischenmenschliche Beziehungen zum Gegenstand und vollzieht sich als Prozess - vor allem in der Interaktion mit anderen. Diese Interaktion kann entweder in pro-sozialer oder antisozialer Weise erfolgen. Inwiefern Verhalten als pro- oder anti-sozial einzustufen ist, bestimmt der jeweilige gesellschaftliche Rahmen (vgl. Bähr, 2008, S. 172).

Das Ziel sozialer Lernprozesse ist es auf der Basis von Erfahrungen soziale Werte und Kompetenzen zu erwerben, diese selbstständig zu reflektieren und somit in einer Gesellschaft handlungsfähig zu werden.

Nicht immer findet soziales Lernen intentional, d.h. absichtlich und sozialen Erziehungszielen folgend, statt. Vielmehr kann es auch ungeplant und unabsichtlich erfolgen. Außerdem hängt der soziale Lernprozess von individuellen Voraussetzungen, sowie äußeren Einflüssen ab (vgl. Balz, 2003, S. 152f).

Im Sport können sozialerzieherische Maßnahmen auf die Verbesserung der sportlichen Praxis abzielen, d.h. Kinder und Jugendliche sollten in der Lage sein, dauerhaft und erfolgreich Sport in mit unter wechselnden Gruppen zu treiben. Diese pädagogische Position wird als „Erziehung zum Sport“ bezeichnet (vgl. Pühse, 2001, S. 336). Der Begriff „Erziehung durch Sport“ dagegen, spricht Sport einen Beitrag zu übergeordneten Erziehungszielen zu. Sport soll hier auch außerhalb des Unterrichts zu sozialer Handlungsfähigkeit führen (ebd.).

3 Sport als soziales Handlungsfeld

Dem Sport, bzw. dem Sportunterricht wird immer wieder nachgesagt, er sei ein besonders geeignetes Feld, um soziale Lernprozesse zu initiieren.

„ Mit seinen Formen des Mit-, Für- und Nebeneinanders stellt er einen Raum aktiver sozialer und körperbezogener Auseinandersetzung dar, in dem soziale Prozesse handelnd erfahren und nicht nur theoretisch vermittelt werden.“ (Pühse, 2001, S. 339)

Im Sport wird soziales Lernen also nicht nur theoretisch behandelt, sondern durch die Praxis direkt erfahren. Viele sportliche Handlungen sind auf ein soziales Miteinander angewiesen.

Im Sportsspiel kann z.B. Teamarbeit oder der Umgang mit Regeln und Konflikten gut erprobt werden.

Besonders mannschaftsorientierte Spiele sind auf eine Perspektivenübernahme angewiesen. Es gilt Rollen anzunehmen und sich in andere Spieler hineinzuversetzen und gegebenenfalls die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, um besser mit anderen kooperieren zu können (vgl. Pühse, 2001, S. 340).

Da Sport die Bedingungen zu dieser Form von sozialem Umgang bietet, liegt in ihm ein möglicher Beitrag zur Sozialisation Jugendlicher (ebd.).

Nach Kleindienst-Cachay gibt es im Sport drei „Basisdimensionen sozialen Handelns“: Verständigung, Kooperation und Konkurrenz (vgl. Bähr, 2008, S. 172). Verständigung findet im Sport auf reflexiver und leiblicher Ebene statt. Durch das vorherige Absprechen oder Verändern von Spielregeln oder das Bilden von Gruppen wird verbale Kommunikationsbereitschaft auf reflexiver Ebene gefordert.

Besonders im Sport geschieht Verständigung in leiblicher Form im Sinne einer „Unmittelbarkeit sozialer Bewegungsbeziehungen“ (Bähr, 2008, S. 173). Beim Staffellauf und in Teamsportarten, wie Rudern Akrobatik gehen Sportler harmonische Bewegungsbeziehungen ein, die auf einem konstruktiven Miteinander beruhen. Kooperation, die zweite Basisdimension macht Teamsportarten erst möglich. Die Interaktion zwischen Sporttreibenden kann nur mit einem gewissen Maß an Einfühlungsvermögen, Kompromiss- und Hilfsbereitschaft gelingen. Auch bei Individualsportarten kann Kooperation im Training sehr wichtig sein: „Die Gruppe und das dazugehörige Gruppengefühl verleihen dem Üben, Trainieren und Lernen der leichathletischen Grundtätigkeiten eine besondere Qualität.“ (Lange, 2005, S. 34)

Die dritte Dimension, die der Konkurrenz, findet man vorwiegend in Situationen des Leistungsvergleichs. Sie wird hier als eine „anspruchsvolle Form der Kooperation“ verstanden(vgl. Bähr, 2008, S. 174). In Konkurrenzsituationen lernt man faires Verhalten, indem man sich an die Regeln des Wettkampfes hält und den Gegner als Partner wahrnimmt, ohne den es keine Spannung gäbe (ebd.). Besonders in den Kampfsportarten, welche durch körperliche Auseinandersetzungen bestimmt sind, ist die Achtung des Gegners in hohem Maße erforderlich (vgl. Lange & Sinning, 2007, S. 17). Unter Bezugnahme auf die Fairness bieten Wettkämpfe im Sport damit Situationen, in denen die Beteiligten auf pro-soziales Verhalten angewiesen sind.

Allerdings kann in solchen Situationen durchaus auch anti-soziales Verhalten auftreten. Wenn in Leistungssituationen nur Sieg oder Niederlage zählt, kann das zu aggressiver und unausgewogener Konkurrenz führen. So werden leistungsschwächere Schüler/- innen zum Beispiel ausgeschlossen oder vereinbarte Regeln werden nicht mehr eingehalten. Durch die Gefährdung von anderen Sportlern oder unerlaubte Vorteilsbeschaffung, tritt der Gedanke der Fairness in den Hintergrund und anti-soziales Verhalten bildet sich aus (vgl. Bähr, 2008, S. 175).

Kritisch ist auch zu betrachten, dass Sport, vor allem im institutionellen Rahmen totalitärer Systeme zur Vermittlung von Ideologien missbraucht werden kann. Ein Beispiel hierfür stellt der Nationalsozialismus dar. Hier galt Sport als „das politische Gesinnungsfach“ zur „Einübung von Wehrtüchtigkeit und Gehorsam“ (Bähr, 2008, S. 175f.). Die Werte, die im Sport vermittelt werden sollen, sind also immer auch vor dem gesellschaftlichen Hintergrund zu betrachten.

4 Didaktische Maßnahmen

Die Förderung von pro-sozialem Verhalten im Unterricht geschieht zum größten Teil nicht automatisch, sondern erfordert systematische Einflussnahme. Deshalb ist es wichtig geeignete Bedingungen und altersgerechte Lernsituationen zu schaffen. Diese Situationen sollen so ausgerichtet sein, dass „Impulse für soziales Handeln gesetzt werden“ (Pühse, 2004, S. 188). Didaktische Maßnahmen tragen entsprechend dazu bei, dass die Ziele der Sozialerziehung auch umgesetzt werden können, wobei im Sportunterricht das motorische und das soziale Lernen immer eng miteinander verknüpft sind (vgl. Bähr, 2008, S. 183).

Die Umsetzung der didaktischen Maßnahmen wird stark durch die Einstellung und das Verhalten der Lehrperson geprägt, da persönliche Erfahrungen und Überzeugungen das pädagogische Handeln im Unterricht mitbestimmen (vgl. Bähr, 2008, S. 184). Ferner hat ein immer eine bestimmte Vorbildfunktion, da Schüler/-innen, zum Teil auch unbewusst, ihr Verhalten imitieren und später auch initialisieren (vgl. Pühse, 2001, S. 341). Lehrkräfte sollten pro-soziales Verhalten vorleben, beispielsweise indem leistungsschwächere Schüler verstärkt einbezogen werden. Ebenso sollte pro-soziales Verhalten der Schüler/-innen bewusst durch Lob oder Belohnungen bestärkt und nicht angemessenes Verhalten bestraft werden, wobei Mitschüler/-innen durchaus auch im Bezug auf ihr Verhalten als Vorbild fungieren können (vgl. Kleindienst-Cachay, 1996, S. 23).

Eine wichtige didaktische Rahmenbedingung ist zudem die Atmosphäre, die in einer Klasse herrscht. Nur wenn sich die Schüler im Klassenverband wohlfühlen, sind die Bedingungen zum sozialen Lernen geschaffen. Auch das soziale Klima der gesamten Schule kann ausschlaggebend für die Sozialerziehung der Schüler sein. Durch sportbezogene Angebote außerhalb des Unterrichts kann Sozialerziehung zum Beispiel entsprechend zusätzlich berücksichtigt werden (vgl. Gebken, 2002, S. 191f.; Bähr, 2008, S. 184). Bei der Auswahl sozialerzieherischer Inhalte gilt es auf Abwechslung zu achten, da unterschiedliche Inhalte jeweils verschiedene Lernerfahrungen ermöglichen. Zunächst sollten solche Inhalte dem Alter der Kinder entsprechend ausgewählt werden. So können z.B. Grundschüler der ersten beiden Klassenstufen mit Konkurrenzsituationen leicht überfordert sein. Kinder diesen Alters besitzen noch eine gewisse Egozentrik, weshalb sie die Rolle des Gewinners oder Verlierers im Sportspiel noch nicht als symbolisch betrachten können (vgl. Kleindienst- Cachay, 1996, S. 24f.). Ab der dritten Klasse empfiehlt es sich das gemeinsame Verändern und Entwickeln von Spielregeln zu thematisieren. So werden die Schüler/-innen zum Perspektivenwechsel angeregt, da sie sich auf diesem Wege in andere hineinversetzen sollen. Nach Bähr können erst ab der fünften Klasse tiefgreifendere Prinzipien wie Fairness richtig verstanden werden, was komplexere Sportspiele zum sinnvollen Inhalt macht (vgl. Bähr, 2008, S. 185).

Neben der Altersangemessenheit sind bei der Auswahl der Inhalte im Unterricht auch „Sachanalysen von Bewegungsaufgaben in sozialer Perspektive“ zu berücksichtigen (Funcke- Wieneke, 1997, S. 35f.). Diese teilt der Autor nach den drei Kriterien Beziehungsmuster, Form des Kontakts und Wirkungsrichtung ein. Sportarten ohne eindeutigen Sieger, wie z.B. Gruppenturnen, die kooperativen, indirekten Kontakt verlangen, würden Kindern zunächst leichter fallen. Funke-Wieneke verweist daher darauf, zuerst solche Inhalte zum Unterrichtsgegenstand zu machen und mit der Zeit anspruchsvollere Bewegungsaufgaben mit einzubinden. Komplexere Anforderungen, die dann z.B. direkten Kontakt oder eine ursächlich auf andere bezogene Bewegungsrichtung verlangen, findet man oft in Konkurrenzsituationen wieder. Hier können z.B. Sportspiele zum Inhalt des Unterrichts gemacht werden.

Bei solchen am Wettkampf orientierten Inhalten ist ein „ behutsamer und reflektierter Umgang mit Leistungs- und Konkurrenzsituationen [...], bei dem die Bedeutung von Sieg und Niederlage immer wieder von der Lehrkraft relativiert werden sollte“ eine Voraussetzung für funktionierende Sozialerziehung (Bähr, 2008, S. 186). Dies kann z.B. durch die Einführung von zusätzlichen Ehrungen zum besten Zuspieler oder ähnlichem geschehen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Soziales Lernen im Sportunterricht
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
11
Katalognummer
V273005
ISBN (eBook)
9783656653585
ISBN (Buch)
9783656653547
Dateigröße
401 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziales, lernen, sportunterricht
Arbeit zitieren
Lena Zell (Autor:in), 2013, Soziales Lernen im Sportunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273005

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