Ekel und Fleischkonsum

Der Einfluss kognitiver Elemente auf das Gefühl des Ekels


Hausarbeit, 2014

12 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Anfang 2006 bis Ende 2007 wurde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena von den Psychologinnen Kristin Mitte und Nicole Kämpfe-Hargrave eine Studie zum Thema Vegetarismus durchgeführt (Thivissen). Die Teilnehmer der Studie sollten verschiedene Onlinefragebögen zu ihren Essgewohnheiten ausfüllen, sowie Abbildungen von u.a. „Fleischprodukten, Tierhaltung und Schlachtung in verschiedenen Dimensionen wie Ekel und Moral einschätzen“ (Thivissen).

Zunächst wurde untersucht, welche Motivationen die befragten Personen zu einer vegetarischen Lebensweise bewegten. Hierbei wurden hauptsächlich moralische Gründe wie: „das Essen von Fleisch bedeutet, dass man Tiere töten muss“ oder „das Essen von Fleisch erhöht das Leid und den Schmerz der Tiere“ genannt (Mitte). Vegetarier mit dieser Motivation fassten Mitte und Kämpfe-Hargrave unter dem Begriff „moralische Vegetarier“ zusammen. An zweiter Stelle folgten die „Gesundheitsvegetarier“, bei welchen Gründe wie Krankheit, der Wunsch abzunehmen oder allgemein gesünder zu leben die Hauptrolle spielten (Mitte). Am dritthäufigsten wurden emotionale Gründe wie die Abneigung gegen den Geschmack von Fleisch oder Ekel bei dem Gedanken an die Herkunft des Fleisches genannt (Mitte). Daraus folgt, dass dem Gefühl des Ekels in der vegetarischen Lebensweise eine wichtige Rolle zugewiesen werden kann.

Wiederrum empfinden „Fleischesser“ generell keinen Ekel vor diesem Nahrungsmittel, sondern nur wenn es sich um das Fleisch von Tieren handelt, die nicht zum Verzehr „vorgesehen“ sind (Joy 12-13).

Das Ziel dieser Arbeit ist es zu klären, warum sich manche Menschen vor Fleisch ekeln und für manche der Konsum von Fleisch kein Problem darstellt. Außerdem soll die Vermutung bewiesen werden, dass Ekel nicht nur bei emotionalen Vegetariern eine Rolle spielt sondern auch bei moralischen- und Gesundheitsvegetariern.

Dazu wird als Erstes erläutert, was das Gefühl des Ekels allgemein auszeichnet und welche Arten von Ekel es gibt. An zweiter Stelle wird analysiert, wie Ekel wahrgenommen und erlebt wird. Dabei soll auf Unterschiede zwischen fleischessenden Menschen und Vegetariern eingegangen werden. Anschließend soll auch die Leitfrage dieser Arbeit aufgeschlüsselt werden.

Zunächst lässt sich sagen, dass trotz der unterschiedlichen Auslöser und Anlässe aufgrund deren sich Ekel in den verschiedenen Kulturen einstellen kann, dieser eine universale, fest in die menschliche Natur verankerte Primäremotion ist (Demmerling 93). Aurel Kolnai zählt diese zu den Abwehrreaktionen wie unter anderem Hass, Missfallen oder das Gefühl des Leidens (Kolnai 8). Allerdings bezieht sich Ekel im Unterschied zu diesen (mit Ausnahme des Schmutzes), nie auf etwas Anorganisches beziehungsweise Lebensfreies (Kolnai 8), sondern stets auf etwas Lebendiges, welches das künstlich geschaffenen Bild der Einheit, beispielsweise unseres Körpers oder der Körper von anderen Lebewesen bricht (Peker). Genauer gesagt versucht man durch das Gefühl des Ekels das zu umgehen, was nicht im Einklang mit der von Kulturkreis zu Kulturkreis unterschiedlichen subjektiven Wahrnehmung der Welt ist (Peker). Demnach ist Ekel eine „[körperliche] und [geistige] Säuberungs- und Umgehungsstrategie“, die dem Menschen als Schutz und auch als Warnsystem dient (Peker), denn er bewahrt Organismen vor der Einverleibung „schädliche[r] Substanzen oder der Annäherung an Dinge die „Schwächung, Krankheit oder gar den Tod bedeuten können“ (Demmerling 93). Aus diesem Grund tritt das Gefühl des Ekels meist schlagartig auf und lässt „keinen oder kaum Raum für Distanzierung (Demmerling 93). Diese Vorgänge sind schon bei Neugeborenen zu beobachten, werden allerdings durch Erziehung weiter geformt (Verplaetse 125-126).

Desweiteren werden dem Ekel in der phänomenologischen Terminologie ein Verdichtungsbereich und ein Verankerungspunkt zugeordnet (Demmerling 93). Ersterer steht für „die Objekte die den Ekel auslösen“ (Demmerling 93). Letzterer für „die aufdringliche Präsenz dieser Objekte, deren Nähe zum eigenen Körper bzw. der eigenen Person, denkbare Berührungen sowie die Schäden, die von diesem Objekt manchmal ausgehen können“ (Demmerling 93).

Außerdem setzt „[j]ede Art von Ekel […] Kultur voraus“ und kann sogar „vielfältige kulturelle Ausdifferenzierungen voraussetzen“. (Demmerling 93-94) Der generelle Ekel vor Fleischprodukten der zu einem langfristigen Verzicht auf jeweilige Produkte führt, kann hier als Beispiel für eine solche kulturelle Ausdifferenzierung aufgeführt werden, da die dominierende Ernährungsweise in der modernen westlichen Gesellschaft den Verzehr von Fleisch und anderen tierischen Produkten mit einbezieht. Außerdem ist die Anzahl der Vegetarier im Vergleich immer noch gering. Einer Studie der Universitäten Göttingen und Hohenheim zufolge beträgt der Vegetarieranteil an der deutschen Bevölkerung im Jahr 2013 3,7% (Klebs).

Die Typologie der verschiedenen Arten des Ekels kann auf der „Grundlage unterschiedlicher Kriterien stattfinden“ (Demmerling 96). Zum einen gibt es die Möglichkeit die Formen des Ekels nach den Sinnesorganen mit welchen die Objekte des Ekels wahrgenommen werden zu unterteilen (Demmerling 96). Zum anderen ist es möglich anhand der Objekte, Ereignisse und Begebenheiten die Ekel hervorrufen verschiedene „Typen des Ekels voneinander [zu] differenzier[en]“ (Demmerling 96).

Nach Demmerling und Landweer können die Sinne des Menschen bezüglich ihrer Relevanz für den Ekel hierarchisch strukturiert werden (96). Der Gehörsinn spielt für den Ekel kaum oder gar keine Rolle, beziehungsweise handelt es sich bei der Verwendung von Begriffen oder Redewendungen des Ekelvokabulars bezüglich Eindrücken die den Gehörsinn betreffen eher um Metaphern, die eine bestimmte Überzeugung transportieren sollen (Demmerling 98). Diese Art von „Ekel“ kann aufgrund ihrer „mangelnden physischen Stimulanz als „körperferner“ oder „vermittelter“ Ekel bezeichnet werden (Demmerling 98) und setzt die Fähigkeit voraus „differenzierte Überzeugungen zu hegen oder komplexere Urteile zu fällen“ (Demmerling 98). Demnach könnte man auch eher von einer Abneigung sprechen, welche bewusst durch die Verwendung eines gewissen Vokabulars oder auch Mimik und Gestik deutlich gemacht und transportiert wird und nicht automatisiert abläuft (Demmerling 98).

Weiterhin wurde festgestellt, dass der „Geruch und Geschmack […] über Tast- und Gesichtssinn zu dominieren [scheinen], was die Empfänglichkeit dieser Sinne für den Ekel betrifft (Demmerling 96). Aurel Kolnai erklärt dieses Phänomen mit der „Intimität dieser Sinnesmodalitäten“ (Demmerling Zitat Kolnai 97). Geruch und Geschmack sind zum einen eng mit unserem Verdauungssystem verbunden und sprechen dieses durch diese Nähe am meisten an, was zu heftigeren körperlichen Reaktionen führen kann (Demmerling Zitat Kolnai 97). Zum anderen ist nicht nur der Bezug „zum Kontext von Nahrung und Ernährung“ bedeutend für die Stellung des Geruch- und Geschmackssinns, sondern auch, dass diese beiden Sinne in Wechselwirkung stehen (Demmerling 97). Außerdem weist Kolnai darauf hin, dass „Partikelchen des Gegenstandes in das Subjekt hineingetragen“ werden und man somit dem Geruch und auch dem Geschmack schutzlos ausgeliefert ist (Demmerling 97).

Ekel kann aber auch durch Tasten oder Sehen erzeugt werden, hier sei beispielsweise auf das Medium des Films verwiesen. (Demmerling 97) In diesem Fall kann das Gefühl erzeugt werden, indem man sich freiwillig oder unfreiwillig ekelerregenden visuellen Wahrnehmungen aussetzt. Anders als beim Geruch- und Geschmackssinn fungieren der Seh- und Tastsinn meist im Zusammenspiel mit anderen Sinnen (Demmerling 97). Demnach ist „die Berührung [oder das Sehen] von bereits ekelhaft klassifizierten Objekten“ oder auch Objekten die Assoziationen zu diesen auslösen ebenfalls mit Ekel verbunden (Demmerling 97). Von der Tatsache ausgehend, dass Ekel kulturell und individuell variiert wäre es allerdings durchaus möglich, dass sich dieses Gefühl „ausschließlich auf Grund von taktilen und visuellen Erfahrungen einstellen kann“ (Demmerling 98).

Die zweite Möglichkeit die Arten des Ekels einzuteilen wäre, wie schon erwähnt die, Differenzierung nach den Ekel auslösenden Objekten, Ereignissen und Begebenheiten. Aurel Kolnai unterscheidet an dieser Stelle zwischen Typen des physisch Ekelhaften und Typen des moralisch Ekelhaften (29-47). Dabei bezeichnet das physisch Ekelhafte die „typischen Gegenstände jenes Ekels, der der Hauptsache nach unmittelbar durch Sinneseindrücke vermittelt wird“ (Kolnai 29) und das moralisch Ekelhafte die moralischen Faktoren die zu Ekel führen können (Kolnai 39).

[...]

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Ekel und Fleischkonsum
Untertitel
Der Einfluss kognitiver Elemente auf das Gefühl des Ekels
Hochschule
Universität Leipzig
Note
2,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
12
Katalognummer
V273008
ISBN (eBook)
9783656653653
ISBN (Buch)
9783656653622
Dateigröße
396 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ekel, fleischkonsum, einfluss, elemente, gefühl, ekels
Arbeit zitieren
Beatrice Dietel (Autor), 2014, Ekel und Fleischkonsum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273008

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