Die Reformen Solons und die jüdische Sabbat- und Jobeljahrgesetzgebung

Wie zwei Kulturen versuchen sich vor Schuldknechtschaft und Landzentralisierung zu schützen


Hausarbeit, 2013

13 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Voraussetzungen und soziale Abhängigkeit in Athen

Solons Reformen

Die jüdische Sabbat- und Jobeljahrgesetzgebung

Vergleich der athenischen Reformen mit der jüdischen Gesetzgebung

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

Die vorliegende Quelle ist ein Auszug aus der Athenaion Politeia (im Folgenden AP) des Aristoteles. Die Autorenschaft wurde 1891 von dem ersten Herausgeber F. G. Keynon direkt und ohne Diskussion Aristoteles zugeschrieben. Heute gilt es als gesichert, dass er damit recht hatte.[1] Lediglich die Möglichkeit, dass einer seiner Schüler den Text aus seinen Vorlesungen zusammengestellt haben könnte, wird noch diskutiert, da Unterschiede zur „Politik“ sowohl in sachlicher als auch in sprachlicher Hinsicht zu bestehen scheinen.[2] Was die Verfassungszeit angeht, so besteht noch eine gewisse Unklarheit. Mortimer Chambers leitet überzeugend her, dass die AP zwischen 328 und 325 geschrieben worden sein muss.[3] Andere Forscher, z. B. Alexander Demandt und Eberhard Ruschenbusch nennen auch das Jahr 322.[4]

In dem vorliegenden Auszug beschreibt der Autor, wie „die Adeligen und das gemeine Volk lange Zeit in Zwietracht lebten“, da die Verfassung oligarchisch sei und die Armen von den Reichen in Abhängigkeit leben. Geraten die pelatai (Hörige) und die hektemoroi (Sechstellöhner) in Schulden, so droht ihnen und ihren Familien die Verpfändung und somit der Übergang in die Schuldknechtschaft. Überhaupt seien die „Lebensbedingungen“ schlecht, da die p elatai und hektemoroi „sozusagen an nichts Anteil“ haben.[5] Um dem Abhilfe zu schaffen, wird Solon „erster Fürsprecher des Volkes“[6]. Dieser habe die Schuldknechtschaft verboten, die Schulden erlassen, „sowohl d[ie] privaten als auch d[ie] öffentlichen“.[7]

Im Folgenden sollen nun die Reformen Solons sowie Grundlagen der Verfassung in Hinblick auf Abhängigkeitsverhältnisse und Landzentralisierung kurz skizziert werden. Anschließend werde ich einen ähnlich angelegten Überblick über die Abhängigkeit und Landzentralisierung in Palästina geben und diese abschließend mit jenen vorher beschriebenen Bedingungen in Athen vergleichen. Da die Quelle die Verhältnisse in Athen beschreibt, kommt diesem Teil insgesamt ein höheres Gewicht zu. Da die Hebräische Bibel besonders in der Thora, also im Pentateuch, auf diese Problematik eingeht und verschiedene Regelungen beschreibt, dient gerade diese besonders als Grundlage für die Forschung. Ein Vergleich zwischen der Einstellung der Israeliten in Palästina mit jener der athenischen Bürger in Griechenland ist allein schon deswegen besonders spannend, da beide Reformen bzw. Vorschriften ungefähr zur gleichen Zeit entstanden sind. Solons Reformen fanden im 6. Jahrhundert vor Christus statt, während der Pentateuch sich zu dieser Zeit entwickelte, jedoch spätestens 400 vor Christus fertiggestellt sein musste.[8] Eine zeitliche Nähe und eine geographische Ferne, welche durch die kulturellen Differenzen umso deutlicher zu Tage tritt, lässt es ungleich erstaunlicher erscheinen, dass beide Kulturen unter einem ähnlichen Problem litten und zu (ähnlichen?) interessanten Lösungen gelangt sind.

Voraussetzungen und soziale Abhängigkeit in Athen

Aristoteles beschreibt eine stasis, einen Konflikt, welcher sich im siebten Jahrhundert zwischen den esthloi und den kakoi verschärfte. Ihm zufolge handelt es sich hierbei um einen vertikalen Konflikt, was bedeutet, dass die reiche Klasse der esthloi mit der armen Klasse der kakoi im Streit lag. So soll der Zustand im vierten Jahrhundert gewesen sein, was neuere Forschungen zu dem Ergebnis führt, dass Aristoteles sowie auch andere antike Quellen den Zustand des vierten Jahrhunderts irrtümlicherweise auf das siebte Jahrhundert übertrugen, weswegen es sich vielmehr um eine horizontale Auseinandersetzung handelte, was hieße, dass die esthloi eine hereditäre Adelsschicht waren, während ihre Gegner sich aus neureichen Bauern zusammensetzten.[9] Diese neuere These scheint zu überzeugen, da die reichen Adeligen der armen Unterschicht nicht hätten nachgeben müssen, während die reichen Bauern allerdings über die monetären und politischen Mittel verfügten, einen Wandel einzuleiten.[10]

Aristoteles beschreibt, dass Solon zwei Arten von Sklaverei abschaffte, namentlich die der „schwarzen Erde“ und die in Schuldknechtschaft geratenen Athener, welche ins Ausland verkauft wurden. Die Erde befreite er demnach, indem er die horoi aus dem Boden entfernen ließ. Im 4. Jahrhundert dienten diese Steine als Markierungen von Pachtgrundstücken. Deswegen vermutet Stanley, dass Aristoteles die Verwendung der horoi ebenfalls vom 4. auf das 7. Jahrhundert projiziert hat, denn seiner überzeugenden Herleitung zufolge, wurden die horoi im 7. Jahrhundert zu vielen verschiedenen Zwecken verwendet, unter anderem zierten sie Gräber und dienten als simple Grenzsteine.[11] Die in die Ferne verkauften Athener kaufte er mit Staatsgeldern zurück.[12]

Die Eupatriden hatten bis auf das Jahr 624 das Recht die Gesetze auszulegen. Dieses Prärogativ wurde nun aber abgeschafft, indem man Drakon beauftragte, die Gesetzte zu sammeln und niederzuschreiben. Zwar hat die Verfassung des Drakon, wie sie von Aristoteles im vierten Kapitel der AP beschrieben wird, wohl nie existiert, allerdings war diese Zusammenstellung notwendig, damit das „Recht (…) kritisier- und änderbar“[13] wurde.

Nun kommt es im Verlaufe des 7. Jahrhunderts zu extremen gesellschaftlichen Veränderungen. So wurden die Rechte der öffentlichen Bestattung wieder auf die Oberschicht begrenzt, nachdem im 8. Jahrhundert auch Athener anderer Schichten ein öffentliches Begräbnis in Anspruch nehmen durften. Auch wurden die Küstensiedlungen aufgegeben, die Monarchie abgeschafft und durch das Archontat ersetzt. Zudem entwickelten sich Konflikte mit Ägina und Milet.[14] Schließlich kam es zu dem Coup d’État des Kylon im Jahre 632, welcher zwar scheiterte, aber die Gesellschaft nachhaltig erschütterte, was unter anderem in dem Mythos vom Kylonischen Fluch mündete. Auch wurde das in Athen übliche Geschenkesystem, das auf Parität beruhte, zugunsten eines Kontraktsystems von Kauf und Verkauf weitestgehend aufgegeben. All diese tiefgreifenden Veränderungen begünstigten schließlich den Ausbruch eines Konflikts zwischen den agathoi und den neureichen Nicht- agathoi, welcher in der von Aristoteles beschriebenen stasis mündete.[15] Wie üblich wurde deswegen ein Vermittler berufen, ein nicht sonderlich reicher Adeliger namens Solon.[16]

[...]


[1] Patrick Sutter, Die politische Ordnung Athens. Im Lichte von Aristoteles und im Vergleich zum heutigen Forschungsstand. (Rechtsgeschichtliche Studien Band 11), Hamburg 2005. 1.

[2] Ebd. Hans-Joachim Gehrke ist in diesem Punkte allerdings anderer Ansicht. Er zieht nach vergleichender Betrachtung der “Politik” und der AP den Schluss, dass beide Werke keine nennenswerten Widersprüche aufweisen. Vgl. Hans-Joachim Gehrke, The figure of Solon in the Athenaion Politheia, in: Josine H. Block / Andre P.M.H. Lardinois, Solon of Athens. New Historical And Philological Approaches. Leiden / Boston 2006, 276-289.

[3] Aristoteles, Staat der Athener, übersetzt und erläutert von Mortimer Chambers, 1990.

[4] Sutter, 2005. 2.

[5] Ath.Pol. 2. Alle wörtlichen Zitate aus der AP nach Chambers, siehe Anhang.

[6] Ebd.

[7] Ath.Pol. 6.

[8] Der Pentateuch musste spätestens zu dieser Zeit fertiggestellt worden sein, wahrscheinlich aber schon früher, da sich damals die Sekte der Samaritaner abspaltete, welche bis heute nur den unveränderten Pentateuch als sakrale Grundlage ihres Lebens akzeptiert.

[9] Phillip V. Stanley, The Economic Reforms of Solon. (Pharos, Studien zur griechisch-römischen Antike Band IX) St. Katharinen 1999. 172f.

[10] Ebd. Stanley bezieht sich hier auf die Forschungen von V. J. Rosivach, welche dieser in seinem Buch „Redistribution of Land in Solon Fragment 34 West“ von 1992 darbietet.

[11] Stanley, 1999. 193ff.

[12] Ebd.

[13] Derselbe. 9.

[14] Stanley, 1999. 201.

[15] Stanley, 1999. 202.

[16] Sutter, 2005. 9.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Reformen Solons und die jüdische Sabbat- und Jobeljahrgesetzgebung
Untertitel
Wie zwei Kulturen versuchen sich vor Schuldknechtschaft und Landzentralisierung zu schützen
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1.3
Autor
Jahr
2013
Seiten
13
Katalognummer
V273124
ISBN (eBook)
9783656654414
ISBN (Buch)
9783656695868
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
reformen, solons, sabbat-, jobeljahrgesetzgebung, kulturen, schuldknechtschaft, landzentralisierung
Arbeit zitieren
Luca Brandt (Autor), 2013, Die Reformen Solons und die jüdische Sabbat- und Jobeljahrgesetzgebung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273124

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