Die geläufigsten Fragen, welche der pikareske Roman aufwirft, betreffen die Identität des Autors und die Identifizierung bzw. Differenzierung von Autor, Erzähler und Protagonisten, die Zuordnung zur Gattung sowie unzählige Mikro-Analysen immer
wiederkehrender Motive. Zahlreiche Versuche, diese Aspekte kohärent oder gar endgültig zu klären, sind nicht selten in ihrem Vorhaben gescheitert und hinterließen zahlreiche Kadaver auf dem Schlachtfeld des literaturwissenschaftlichen Betriebs - wie beispielsweise jüngst eine Abhandlung von Rosa Navarro Durán, in welcher sie den Autor des Lazarillo de Tormes “entlarvt” und kurz darauf jedes ihrer Argumente zur Klärung der anonymen Autorenschaft des pikarischen Erstlings dezidiert und einschlägig von einem Madrider Kollegen widerlegt wurde.
Die vorliegende Arbeit möchte sich nicht in derart kontroversen Diskussionen über die Autorenschaft, Authentizität oder die Absichten des Verfassers verlieren, sondern anhand des Aufbaus und der Gestaltung der Erzählung das Motiv des Geständnisses in Form einer Art „Lebensbeichte“ inhaltlich sowie strukturell analysieren.
Diese Hausarbeit hat es sich zum Ziel gesetzt, anhand der diskursanalytischen Theorie, die Michel Foucault in seinem Werk Histoire de la sexualité: La volonté de savoir (dt. Sexualität
und Wahrheit- Der Wille zum Wissen) unter anderem formuliert, den Charakter des Geständnisses und seine Bedeutung für die Literaturgeschichte am Beispiel des Lazarillo de Tormes auf die Bühne zu bringen und etwas mehr als sonst auszuleuchten.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- "confessando yo" - Das gestehende Subjekt
- Bekenntnis / Geständnis
- Confessio und aveu
- Confessio
- Aveu
- Die Geständnisse des kleinen Lazarus von Tormes
- "Busca, busca un amo a quien sirvas."
- Lazarillos Mund als greifbarer Ort des Geständnisses
- Der verräterische Schlüssel
- Fazit
- Literatur- und Quellenverzeichnis
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Hausarbeit analysiert das Motiv des Geständnisses in der novela "Lazarillo de Tormes" anhand der diskursanalytischen Theorie von Michel Foucault. Die Arbeit untersucht die unterschiedlichen Charakteristika des Bekenntnisses (confessio) und des Geständnisses (aveu) und analysiert, wie diese Formen des Erzählens im Lazarillo de Tormes zum Tragen kommen. Die Arbeit beleuchtet die Bedeutung des Geständnisses für die Literaturgeschichte und untersucht die Motivation und die Auswirkungen des Gestehens im Kontext der pikarischen Erzählung.
- Das Motiv des Geständnisses in der novela
- Foucaults Theorie des Geständnisses (aveu)
- Die Rolle des Schelmen (Picaro) in der Gesellschaft
- Die Persiflierung der katholischen Kirche und ihrer Praxen
- Die Bedeutung des Mundes als Ort des Geständnisses
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung führt in die Thematik des Geständnisses in der novela ein und stellt die Zielsetzung der Arbeit dar. Sie beleuchtet die gängigen Debatten um die Autorenschaft des Lazarillo de Tormes und stellt die Bedeutung des Motivs des Geständnisses für die Literaturgeschichte in den Vordergrund. Die Analyse des Bekenntnisses (confessio) und des Geständnisses (aveu) im ersten Kapitel differenziert zwischen diesen beiden Formen des Erzählens und zeigt, wie sie sich in der christlichen Tradition und in Foucaults Verständnis unterscheiden. Kapitel Zwei konzentriert sich auf die Geständnisse des kleinen Lazarus von Tormes und untersucht, wie er durch äußeren Zwang zum Gestehen gezwungen wird. Es analysiert die Rolle des Mundes als Ort des Geständnisses und zeigt, wie Lazarillos Mund als Symbol für die Verheimlichung und die gewaltsame Offenbarung seiner Missetaten fungiert. Die Kapitelzusammenfassung endet mit der Analyse der Schlüssel-Episode, die die biblische Motivik des Brotes und des Schlüssels aufgreift und die Persiflierung der katholischen Kirche durch den anonymen Autor verdeutlicht.
Schlüsselwörter
Die Schlüsselwörter und Schwerpunktthemen des Textes umfassen das Motiv des Geständnisses, die diskursanalytische Theorie von Michel Foucault, den Picaro-Roman, den Lazarillo de Tormes, die confessio, das aveu, die katholische Kirche, die Persiflierung, die Bedeutung des Mundes als Ort des Geständnisses, die soziale Abhängigkeit und die Rolle des "outcast".
- Quote paper
- Deniz Tavli (Author), 2013, Motiv und Motivation des Geständnisses in der novela picaresca, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273188