Analyse des Hörpiels "Der gute Gott von Manhattan" von Ingeborg Bachmann

Die Liebe als Grenzüberschritt in der Ordnung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

12 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zeitlicher Kontext
2.1 Das Hörspiel der Nachkriegszeit
2.2 Die Hörspiele von Ingeborg Bachmann

3. Der gute Gott von Manhattan
3.1 Inhalt
3.2 Analyse
3.2.1 Die Rolle des guten Gottes
3.2.2 Die Funktion der Eichhörnchen
3.2.3 Das Ende durch den Tod

4. Abschließende Worte

5. Anhang

6. Literaturverzeichnis.

1. Einleitung

„Innerhalb der Grenzen haben wir den Blick gerichtet auf das Vollkommene, das Unmögliche, Unerreichbare, sei es in der Liebe, der Freiheit oder jenen reinen Größe. Im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen erweitern wir unsere Möglichkeiten.“1

Im Jahr 1959 wurde Ingeborg Bachmann für ihr Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“ mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet. Das Hörspiel handelt von einem Grenzfall, einer Liebesgeschichte in den 50er Jahren, die an die Grenzen der herrschenden Ordnung stößt. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges veranschaulicht Bachmann in „Der gute Gott von Manhattan“ die Totalität der herrschenden Ordnung. Das Hörspiel stellt den Wiederstand zweier Liebenden gegen die aufgezogenen Grenzen dar und dass die leidenschaftliche Ekstase zweier Liebenden in dieser Gesellschaft nicht existieren kann.

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit der Frage: Inwieweit die Leidenschaft der Liebe für die gesellschaftliche Ordnung in „Der gute Gott von Manhattan“ eine Gefahr darstellt und warum diese mit dem Tod enden muss.

2.Zeitlicher Kontext

2.1 Das Hörspiel der Nachkriegszeit

Nach dem zweiten Weltkrieg erlebte das Hörspiel eine Hochphase in Deutschland. Das lag zum einen daran, dass zahlreiche kulturelle Einrichtungen durch den Krieg zerstört wurden, andererseits war das Radio das einzige Medium, über das die Menschen zu der Zeit verfügten. Dazu kommt, dass die Menschen nach den schweren Jahren nach Ablenkung und Unterhaltung dürsteten. Der Hörfunk war ein großer Bestandteil der Bevölkerung und galt als Werkzeug zur Rehabilitation der Überlebenden. Die „Blütezeit des Hörspiels“ in den 50er Jahren zeichnet sich „vor allem durch die Vehemenz der Bemühungen aus, einen Hörspieltyp nach dem Vorbild der Literatur zu konstituieren.“2

Das Hörspiel galt, wie heute der Fernseher, als kulturelle Unterhaltung und passte sich der damaligen Zeit und deren Interessen an. Dabei verlor es nach Kriegsende den „Anspruch, Kunst sein zu wollen“ und hatte mehr die Funktion als „Helfer im Alltag“ zu agieren, um die Bevölkerung durch „Phantasie, Mut und leidenschaftlichen Gerechtigkeitswillen“3 von den psychischen Nachwirkungen des Krieges und des Nationalsozialismus abzulenken.

Viele Hörspiele der 50er Jahre basierten auf bereits erschienenen literarischen Werken. Autoren wie Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll und Günter Eich versuchten sich wie viele weitere Schriftsteller im Schaffen neuer Hörspiele.

1.2 Die Hörspiele von Ingeborg Bachmann

In den Jahren zwischen 1951 und 1957 verfasste Ingeborg Bachmann drei Hörspiele. „Ein Geschäft mit Träumen“ (1951/52), „Die Zikaden“ (1954) und „Der gute Gott von Manhattan“ (1957). Die Stücke fallen zeitlich in die Blütezeit der Hörspiele und gelten unter anderen zu den bedeutendsten Funkstücken dieser Zeit. Mit „Der gute Gott von Manhattan“ gewann Bachmann 1959 den Hörspielpreis der Kriegsblinden und widmete ihrer Dankesrede den Titel „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“.

In dieser spricht sie nicht nur über das Hörspiel an sich, sondern setzt sich zudem mit der Aufgabe des Schriftstellers auseinander. Nach Bachmann bestehe die Aufgabe eines Schriftstellers nicht darin, Trost zu spenden oder Leid zu lindern, sondern sollte der Schriftsteller den „großen geheimen Schmerz, mit dem der Mensch vor allen anderen Geschöpfen ausgezeichnet ist“ verständlich machen und „ihn, im Gegenteil, wahrhaben und noch einmal, damit wir sehen können, wahrmachen.“4 Bachmann sagt über „Der gute Gott von Manhattan“, dass das Hörspiel einen „Grenzfall“, nämlich die Liebe darstellt, die einerseits auf „das Vollkommene, das Unmögliche, Unerreichbare“5 gerichtet, andererseits aber an die Bedingungen der gesellschaftlichen Ordnung gebunden sei. Es geht um die Suche nach dem Unmöglichen und gerade diese Suche zeige uns die Grenzen auf.

„Denn bei allem, was wir tun, denken und fühlen, möchten wir manchmal bis zum Äußersten gehen. Der Wunsch wird in uns wach, die Grenzen zu überschreiten, die uns gesetzt sind.“6

Bachmann sieht die Kunst als Mittel den Blick auf das Utopische richten zu können und nach etwas streben zu können, was jenseits der Wirklichkeit und deren Grenzen liegt.7

3. Der gute Gott von Manhattan

3.1 Inhalt

Die Protagonisten im Mittelpunkt des Hörspiels sind der gute Gott von Manhattan, die Personifizierung der gesellschaftlichen Ordnung, der Richter und das Liebespaar Jan und Jennifer. Das Hörspiel beginnt mit der Rahmenhandlung, der Gerichtsszene, die an einem heißen Sommertag in den 50er Jahren in New York stattfindet.

Der gute Gott wird des scheinbar sinnlosem Verbrechen beschuldigt, ein Attentat auf eine Studentin namens Jennifer verübt zu haben. Im Laufe der Verhandlung berichtet er von dem Liebespaar und den Geschehnissen.

Jan und Jennifer lernen sich in einer New Yorker Bahn Station kennen und es entwickelt sich aus einem anfänglichen Flirt eine Liebesgeschichte. Im Gegensatz zu der Studentin Jennifer, die die Initiative ergreift, hält Jan sich zunächst zurück. Die Beiden verbringen die erste Nach in einem billigen Stundenhotel und steigen anschließend von Nacht zu Nacht im Atlantic Hotel etagenweise bis zu einem luxuriösen Hotelzimmer im siebenundfünfzigsten Stockwerk auf. Mit dem Aufstieg der Etagen, wächst auch ihre Leidenschaft zunehmend und auch Jan verliert sich in der scheinbar grenzenlosen Liebe.

Währenddessen plant der gute Gott mithilfe seiner Helfer den Eichhörnchen ein Attentat auf Jan und Jennifer, um die Ordnung wieder her zustellen. Kurz vor dem Bombenangriff verlässt Jan das Hotelzimmer und findet in einer Bar wieder zur Realität zurück. Daher trifft die Bombe nur Jennifer allein und sie stirbt.

3.2 Analyse

3.2.1 Der gute Gott

In der Rahmenhandlung, der Gerichtsszene, findet ein Dialog zwischen dem Richter und dem guten Gott statt, in dem der Fall von Jan und Jennifer in der Rückblende erzählt wird. Bereits zu Beginn des Dialogs wird deutlich, dass bereits im Anfang einer leidenschaftlichen Liebe das Ende sichtbar ist. [Guter Gott: „So fing es an“./ Richter: „Es sieht nach Ende aus.“]8 Zunächst unterscheiden sich die Betrachtungspunkte. Der Richter spricht von Beweisen, Motiven und Geschehnissen, der gute Gott „von einem Grenzübertritt. Von etwas, das Sie und ich nicht erwogen haben“9. Der Richter fokussiert sich auf das Ende der Geschichte, den Tod Jennifers, der gute Gott auf den Anfang und das Ende.

Der gute Gott nimmt zur gleichen Zeit zwei Rollen ein, die des Angeklagten und die des Erzählers. Dabei kann er als „Urheber“10 betrachtet werden, da er zugleich Schöpfer des Falles und beobachtender Erzähler ist, der mit einem von ihm verlangten System dem Richter davon berichtet. „Fangen Sie mit dem Anfang an oder mit dem Ende! Bringen Sie System in die Befragung!“11 Dabei wächst er zunehmend in der Rolle des Erzählers, wodurch die Rolle des Angeklagten zweitrangig wird. „Da sich die Handlung von Liebesmord und Erzählung der Fallgeschichte in ihm treffen, verkörpert er eine doppelte Urheberschaft.“12

[...]


1 Bachmann, Ingeborg: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. In: Hörspielpreis der Kriegsblinden. Reden der Preisträger seit 1952. In: Der Kriegsblinde. Zeitschrift für Verständnis und Verständigung. 3-58. Jahrgang. Marburg/Lahn: Verlag Bund der Kriegsblinden Deutschland, 1952-2007:35

2 Bloom, Margret: Die westdeutsche Nachkriegszeit im literarischen Original-Hörspiel. In: Europäische Hochschulschriften. Deutsche Sprache und Literatur. Reihe 1.Bd./Vol.795. Frankfurt am Main;Bern;New York: Lang Verlag, 1985:10

3 Bloom.1985:93

4 Bachmann, Ingeborg: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. In: Hörspielpreis der Kriegsblinden. Reden der Preisträger seit 1952. In: Der Kriegsblinde. Zeitschrift für Verständnis und Verständigung. 3-58. Jahrgang. Marburg/Lahn: Verlag Bund der Kriegsblinden Deutschland, 1952-2007:35

5 Bachmann, 1952-2007:36

6 Bachmann, 1952-2007:36

7 Albrecht, Monika/ Göttsche, Dirk (Hrsg.): Bachmann. Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. In: J.B.Metzler Verlag. Stuttgart, Weimar. 2002:83

8 Bachmann, Ingeborg: Der Gute Gott von Manhattan. Hörspiel.1957: Kap.1

9 Bachmann 1957: Kap.18

10 Weigel, Sigrid: Ingeborg Bachmann. Hinterlassenschaften unter Wahrung des Briefgeheimnisses. Wien: Paul Zsolnay Verlag, 1999:214

11 Bachmann, 1957:Kap.1

12 Weigel, 1999:214

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Analyse des Hörpiels "Der gute Gott von Manhattan" von Ingeborg Bachmann
Untertitel
Die Liebe als Grenzüberschritt in der Ordnung
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Philologie)
Note
1.7
Autor
Jahr
2014
Seiten
12
Katalognummer
V273238
ISBN (eBook)
9783656654896
ISBN (Buch)
9783656695073
Dateigröße
931 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
analyse, hörpiels, gott, manhattan, ingeborg, bachmann, liebe, grenzüberschritt, ordnung
Arbeit zitieren
Eva Krehl (Autor:in), 2014, Analyse des Hörpiels "Der gute Gott von Manhattan" von Ingeborg Bachmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273238

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Analyse des Hörpiels "Der gute Gott von Manhattan" von Ingeborg Bachmann



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden