Die Geschichte der Gouvernementalität. Genealogie als Staatskritik?


Hausarbeit, 2013

13 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Foucault und die Schule der Kritische Theorie

2. „Die Verarmung der Staatstheorie“

3. Theoretischer Zugang: Der (Post-) Strukturalismus
3.1. Strukturalismus
3.2. Poststrukturalismus

4. Foucaults Theorie des Staates
4.1. Der Staat aus der Perspektive der Gouvernementalität
4.2. Die Analytik der Macht

5. Foucault aus der „klassischen“ Perspektive kritischer Staatstheorie
5.1. Macht und Herrschaft
5.2. Staatstheorie

6. Reflexion: Wie kritisch ist Foucaults Theorie nun?

Literaturangaben

1. Foucault und die Schule der Kritische Theorie

Die Anforderungen an die Kritische Theorie wurden programmatisch erstmals von Max Horkheimer in einem 1937 erschienenen Aufsatz „Traditionelle und Kritische Theorie“ auf den Punkt gebracht. Dabei kritisiert Horkheimer die Tradition von Aristoteles bis Hegel, die Theorie und Erkenntnis noch als Selbstzweck verstanden wissen wollte. Diese Wissenschaft wollte frei von Leidenschaft und Interessen sein. Dem stellt Horkheimer mit der Kritischen Theorie einen praktischen Anspruch gegenüber. Durch die Beschränkung auf die Erkenntnis rechtfertige die traditionelle Theorie lediglich das Bestehende. Die Kritische Theorie möchte die Welt jedoch nicht nur betrachten und verstehen, sondern verändern.[1] Der Staat wird aus dieser Perspektive gerne als Produkt sozialer Kräfte oder „notwendige Vorform der proletarischen Diktatur“ betrachtet.[2]

Michel Foucaults Macht- und Staatsanalyse steht in vielerlei Hinsicht quer zu diesen Vorstellungen und zum Anspruch einer praktischen Theorie. Wenngleich er sich gegenüber der Frankfurter Schule in einer freundschaftlichen Position verstand, entfernt sich seine Kritik von jener der deutschen Kritischen Theorie.[3] Aus der Krise der europäischen sozialistischen Bewegungen in den 1970er Jahren zieht Foucault dann den Schluss, dass die Tradition des Sozialismus fundamental in Frage gestellt werden müsse.[4] Ihm missfällt nicht nur das pessimistische Geschichtsdenken der Kritischen Theorie und dessen postulierte Kontinuität des geschichtlichen Verlaufs. Foucault kann sich genauso wenig mit der Fortsetzung der Kritischen Theorie im Sinne Habermas anfreunden: Die Suche nach rationalen Bedingungen, unter denen Kritik als legitim oder universell gültig betrachtet werden kann, lehnt Foucault ab.[5] Foucault selbst verweist mehrfach darauf, er habe gar keine politische Position[6] - und diese bewusste Distanzierung vom politischen Geschehen bleibt nicht das letzte Hindernis um die von Foucault eingeführten Begriffe und Konzepte für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Staat zu verwenden. Dennoch lässt sich schwer bestreiten, dass Foucaults Arbeit ihres Wesens nach zutiefst kritisch ist, und soweit sie sich mit der Regierung beschäftigt, kann auch die kritische Staatstheorie nicht ohne Weiteres über sie hinwegsehen.

2. „Die Verarmung der Staatstheorie“

Die theoretische Auseinandersetzung mit dem Gegenstand des Staates brachte in mehreren wissenschaftlichen Disziplinen unterschiedlichste Staatsbegriffe hervor, die im Wesentlichen mit deren jeweiligem Erkenntnisinteresse in Zusammenhang stand. Dabei wurde teils die schon in der Antike diskutierte Frage nach gerechter Herrschaft reflektiert, teils stand auch schlicht das Interesse an der Form und Entwicklung des Staates oder seiner Funktionsweise im Vordergrund. Man entwickelte diesbezüglich einen jeweils eigenständigen Analysefokus, abhängig des eigenen Forschungsschwerpunktes.[7] An der jüngeren staatstheoretischen Diskussion wird jedoch bemängelt, dass der Staat dabei nicht mehr als gesellschaftliches Verhältnis in Betracht gezogen wird. Diese analytische Isolation des Staates von Politik und Gesellschaft wird als Problematisch betrachtet: Es habe sich ein Verständnis des Staates als eines autonomen Akteurs etabliert, in dessen Folge die Handlungsspielräume des Staates systematisch über- oder unterschätzt würden.[8] Außerdem sollte eine kritische Auseinandersetzung mit dem Staat über eine Begriffsdefinition allein hinausgehen. In der Staatstheorie seit Hegel stellt sich die Frage, welches Verhältnis zwischen dem Staat und gesellschaftlichen sowie partikularen Interessen besteht. Hier spielen Begriffe wie „Macht“ und „Herrschaft“ eine Rolle, sowie die Frage danach, wie sich bestimmte Herrschaftsverhältnisse ergeben und verfestigen. Schließlich sollte eine kritische Perspektive auf den Staat nicht versäumen, jene Machtbeziehungen zu analysieren, die innerhalb des Staates, auf und über den Staat wirken.[9]

Im Folgenden wird zu diskutieren sein, inwiefern die Theorie Foucaults dem Anspruch gerecht werden kann, die Komplexität staatlicher Regierung zu erfassen und dabei eine kritische Perspektive zu wahren. Ich möchte meine Aufmerksamkeit also darauf legen, ob es Foucault möglich war, über zentrale Unterscheidungen der Kritischen Theorie wie etwa den „Klassencharakter“[10] von Systemen hinwegzusehen und dennoch ein kritisches Verständnis von Staat, Macht und Herrschaft zu entwickeln. Daher werde ich darstellen, wie es Foucault gelingt, die historischen Bedingungen von Staatlichkeit und Macht herauszuheben und sich gleichzeitig von gängigen Kategorisierungen, wie etwa ökonomisch/neoliberalen oder marxistischen, zu distanzieren.

3. Theoretischer Zugang: Der (Post-)Strukturalismus

3.1. Strukturalismus

Eine oft gestellte Frage, die sowohl in der Philosophie als auch in der modernen politischen Theorie kontrovers diskutiert wird, ist diejenige nach dem Grad an Autonomie und Vernunft des handelnden Individuums. Wo der Existenzialismus radikale Freiheit und Verantwortung des Einzelnen vermutet, entgegnet der Strukturalismus den Vorrang struktureller Effekte. Demnach folgt menschliches Denken nicht subjektiven Zwecken und Absichten, sondern den Regeln eines bestimmten Deutungsschemas. Die Begriffe, die wir gebrauchen um bestimmte Phänomene zu beschreiben oder zu erklären sind Teil einer ganz bestimmten Sichtweise und auch nur innerhalb dieser Struktur erhalten sie ihren jeweiligen Sinn. Für gewöhnlich ist dem Einzelnen weder bewusst, in welche Art Deutungsschema er verstrickt ist, noch kann er sich außerhalb eines solchen Schemas bewegen. Die Frage, ob es eine von solchen Strukturen unabhängige Wirklichkeit gibt oder nicht, tritt daher in den Hintergrund[11].

3.2. Poststrukturalismus

Die strukturalistische Perspektive wird von Foucault nun insofern erweitert, als Strukturen nicht länger nur hinsichtlich ihrer Gleichzeitigkeit wahrgenommen, sondern auch als etwas historisch geprägtes erkannt werden. Um diese Geschichtlichkeit darzustellen, macht er von der Methode der Genealogie gebrauch, mittels derer insbesondere jene Ansichten verfremdet werden sollen, die als vermeintlich selbstverständlich gelten. Im Gegensatz zum klassischen Strukturalismus bezieht er auch nichtsprachliche (körperbezogene) Praktiken in seine Analyse ein.[12]

[...]


[1] Vgl. Ottmann, Henning: Geschichte des politischen Denkens 4/2. Das 20. Jahrhundert. Von der Kritischen Theorie bis zur Globalisierung. Weimar: Metzler'sche J.B. Verlagsbuchhandlung, 2012, S. 67.

[2] Ebd., S. 80 f.

[3] Vgl. Neumeister, Bernd: Kritik und Aufklärung. In: Kleiner, Marcus (Hg.): Michel Foucault. Eine Einführung in sein Denken. Frankfurt am Main: Campus Verlag, 2001, S. 192.

[4] Vgl. Kammler, Clemens: Michel Foucault. Bonn: Bouvier, 1986, S.192.

[5] Vgl. Neumeister, Kritik und Aufklärung, S. 200 f.

[6] Vgl. Walzer, Michael: Zweifel und Einmischung. Gesellschaftskritik im zwanzigsten Jahrhundert. Frankfurt am Main: S. Fischer, 1991, S. 263.

[7] Bspw. der Zusammenhang von Staat und Recht in der Rechtswissenschaft; Staat und Markt in der Wirtschaftswissenschaft; Staat und Gesellschaft in der Soziologie oder der Staat als Element der Entwicklung menschlichen Zusammenlebens in der Geschichtswissenschaft. Vgl. Benz, Arthur: Der moderne Staat. Grundlagen der politologischen Analyse, 2. überarb. und erw. Aufl., München: Oldenbourg, 2008, S. 55.

[8] Vgl. Lemke, Thomas: Eine unverdauliche Mahlzeit? Staatlichkeit, Wissen und die Analytik der Regierung. In: Krasmann, Susanne ; Volkmer, Michael: Michel Foucaults "Geschichte der Gouvernementalität" in den Sozialwissenschaften. Internationale Beiträge. Bielefeld: transcript Verlag, 2007, S. 48 ff.

[9] Vgl. Benz, Der moderne Staat, S. 93.

[10] Vgl. Panitch, Leo: Die Verarmung der Staatstheorie. In: Görk, Christoph ; Roth, Roland (Hg.): Kein Staat zu machen. zur Kritik der Sozialwissenschaften. Münster: Westfälisches Dampfboot, 1998, S. 25.

[11] In Foucaults Analysen der Gouvernementalität wird das Interesse deshalb vielmehr darauf liegen, wie unterschiedliche Wahrheiten hergestellt werden und sich daraus bestimmte Technologien der Macht ergeben. Vgl. Lemke, Thomas: Neoliberalismus, Staat und Selbsttechnologien. Ein kritischer Überblick über die governmentality studies. In: Politische Vierteljahresschrift 41(1), Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 2000, S. 44.

[12] Vgl. Ladwig, Bernd: Moderne politische Theorie. Fünfzehn Vorlesungen zur Einführung. Schwalbach: Wochenschau-Verlag, 2009, S. 196-200.

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Details

Titel
Die Geschichte der Gouvernementalität. Genealogie als Staatskritik?
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Kritische Theorien des Staates
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
13
Katalognummer
V273239
ISBN (eBook)
9783656654889
ISBN (Buch)
9783656654872
Dateigröße
388 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geschichte, gouvernementalität, genealogie, staatskritik
Arbeit zitieren
Robin Ostrowski (Autor), 2013, Die Geschichte der Gouvernementalität. Genealogie als Staatskritik?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273239

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