Eine ganz kurze Darstellung von Platons Ideenlehre


Quellenexegese, 2014
8 Seiten

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Eine ganz kurze Darstellung von Platons Ideenlehre

Bereits seit ihrer Entstehung sucht die Philosophie nach dem Urgrund von allem was ist, also nach Wahrheit und dem, was für uns wirklich ist. Eine logische Wahrheit besteht für uns, wenn unsere Urteile inhaltlich mit dem entsprechenden Sachverhalt übereinstimmen.[1] Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom Seienden, wenn es ist, was es sein soll, dann ist es wahr im Sinne einer ontologischen[2] Wahrheit. So sprechen wir von wahrem Gold, wahren Bäumen, wahren Pferden usw.

In dieser Intention hat Platon ebenfalls seine Philosophie aufgebaut, mit der Suche nach einem Grund von allem was existiert. Er hat dazu kein System erschaffen, wie später Kant oder Hegel, sondern legt sein Denken und Ringen um die Wahrheit in Dialogen vor, in denen oft Sokrates der Redeführer ist.[3]

Für das Denken Platons wird der ontologische Wahrheitsbegriff der maßgebliche, worin er zwischen wahrem Sein (einai) und einem „Seienden“, das kein wahres Sein ist und in der Mitte zwischen Sein und Nichtsein steht, unterscheidet. Das, was wir was wir mit unseren Sinneswahrnehmungen feststellen ist also nicht das Wahre oder Wirkliche. Das Wahre ist für Platon etwas Ursprüngliches, das dem Seienden seine Existenz im Sinne von Wirklichsein verleiht: die Idee (idea, eidos). Das Seiende, also z. B. das Pferd, das wir sehen können ist von der „Idee“ (Urbild) des Pferdseins abhängig, es ist sein Abbild. Das Seiende, hier in Form des Pferdes wird die ideale „Pferdheit“ nie erreichen können, es kann sich als Abbild nur höchstmöglich nähern. Die Idee, streng genommen, müsste man sagen die Form, ist als etwas Wahres auch unveränderlich, ewig, besser gesagt, zeitlos und nur dem Denken zugänglich. Diese These verlangt nach einer ausführlichen Erklärung die im Folgenden gegeben werden soll.

Das mag für uns heute etwas seltsam klingen: eine Welt hinter der Welt, eine versteckte, ideale Welt? Dazu vielleicht noch ein anderes Beispiel: die Gerechtigkeit ist eine Idee und alles was in unserer sinnlichen, also wirklichen Welt gerecht erscheint, hat seinen Grund in der Idee. Etwas Gerechtes in der Welt wäre also nur unvollkommen gerecht, denn es erreicht die Idee der Gerechtigkeit niemals. Auch hier wirkt bestenfalls die höchst mögliche Annäherung an das, was gerecht sein soll. Gerade die abstrakten Begriffe wie die Gerechtigkeit, das Schöne, Wahre und Gute verdeutlichen das platonische Denken sehr plastisch. Das Schöne finden wir in der wirklichen Welt nicht, wir sehen schöne Dinge, wie z. B. Häuser, Landschaften, Kunstwerke, die wir als „schön“ bezeichnen; letztlich aber, bleiben es Häuser, Landschaften und Kunstwerke, die die „Schönheit“ von der Idee des Schönen "verliehen" bekommen haben.

Platon interessiert der Ursprung der Wahrheit, aber wo ist sie zu finden? In der Beantwortung dieser Frage scheidet er die Sinnlichkeit als mögliche Wahrheitsquelle aus. Das gilt sowohl für die subjektive Sinneswahrnehmung, wie auch für die objektive Welt in Raum und Zeit, also dem, was wir als Wirklichkeit bezeichnen würden. Allerdings sind die Sinneswahrnehmungen unzuverlässig. Wir machen die Erfahrung, dass unsere Augen Dinge immer wieder anders sehen und die übrigen Sinne sind noch unzuverlässiger. Andere Menschen sehen dieselben Dinge oder Gegebenheiten oft anders als sie uns erscheinen. Durch diese Umstände steht Platon der Sinneserfahrung skeptisch gegenüber, da es keine einheitliche Erfahrung bzw. Erkenntnisse gibt. Um zu der wahren Wirklichkeit (ontos on)zu gelangen, muss der Philosoph sterben; dann sieht er die Ideen, die die reine Wahrheit verkörpern. Die Welt der Sinne ist ständiger Bewegung unterworfen, d. h. alles ist im Fluss, so wie Heraklit dies bereits vor Platon formuliert hatte. Wenn alles fließt, kann es keine beständige Wahrheit und auch keine Wissenschaft geben, denn gerade der Wahrheitsbegriff fordert gerade ein mit sich selbst Identischsein. Für Platon sind sinnliche Meldungen keine formale Erkenntnis, denn eine bestimmte Sinneswahrnehmung liefert das Material, das erst mit dem anderer Sinneswahrnehmungen zusammengebracht und verglichen wird und dann erst zu einer Ist-Aussage des urteilenden Erkennens führt, was wir gemeinhin als Gegenstand von Wahrheit und Wissenschaft bezeichnen. Dieses urteilende Erkennen kann jedoch nicht sinnlich sein, da jede Sinneswahrnehmung einem einzelnen Sinnesorgan zukommt. Das Erkennen überschaut die Ergebnisse dieser Einzelwahrnehmungen der Sinne, fasst sie zusammen und verarbeitet sie. Damit wird einsichtig, dass die Sinnlichkeit selbst nie der Ursprung der Wahrheit sein kann.[4]

Die Quelle der Wahrheit ist in der Seele zu suchen: Wenn die Seele „aber durch sich selbst betrachtet, dann geht sie zu dem reinen, immer seienden Unsterblichen und sich stets Gleichen […] dann hat sie Ruhe von ihrem Irren und ist auch in Richtung auf jenes immer sich selbst gleich, weil sie ebensolches berührt…“[5] Gemeint ist hier das reine Denken, wovon auch die Erkenntnis letztlich lebt. Dieses Wissen (episthmh) um die Wahrheit besitzt der Geist von Natur aus, was bedeutet, er braucht es nicht irgendwann zu erlernen.[6] Dies betrifft das Wissen vom an sich Gleichen, Großen, Kleinen, Guten, Gerechten, dem Menschen usw. Das „an sich“ steht dabei für das „Wesen an sich“. Begriffe, Gedanken und das Wissen um etwas bezeichnet Platon eben als „Ideen“. Somit sind wir beim bereits Gesagten: Die Idee ist unveränderlich, genauso wie die echte Wahrheit. Diese Ideen sind uns angeboren, es ist ein Wissen, was wir durch Wiedererinnerung (anamnesis) aufrufen können. Dieses Wissen, was keinerlei Erfahrung bedarf, hat man a priori genannt; es sind, anders gesagt, ideale Begriffe. In einem vorgeburtlichen Sein, d. h. in der Präexistenz der Seele bei den Göttern, haben wir diese reinen Gedanken bekommen und erinnern sie in der sinnlichen Welt in Raum und Zeit wieder. Damit haben wir ein Wissen, was eben nicht aus der Erfahrung stammt, sondern auf Grund der präexistenten Schau der Seele. Das, was wir sinnlich wahrnehmen, hat somit sein Wesen im übersinnlichen Bereich, wodurch uns ein Teil der idealen Gestalt übermittelt wird. Das wurde ja bereits am Begriff des Pferdes dargestellt. Wir sind durch diese anthropologische Gegebenheit über das Raumzeitliche hinausgehoben, denn wir können an apriorischen und urbildlichen Gewusstheiten des Geistes partizipieren.

[...]


[1] Die entsprechende Definition dazu stammt von Aristoteles: „…zu sagen, das Seiende sei und das Nicht-Seiende sei nicht, ist wahr.“ (Metaphysik IV, 7; 1011 b 27).

[2] Ontologie ist die Lehre vom Sein, als Urgrund von allem Wahren und Wirklichen.

[3] Zitiert wird nach der Stephanus-Paginierung. Platon: Sämtliche Werke in vier Bänden. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1994.

[4] Vgl. Politeia 523f; Theaitet 185f.

[5] Phaidon 79d.

[6] Vgl. ebd. 73a.

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Details

Titel
Eine ganz kurze Darstellung von Platons Ideenlehre
Autor
Jahr
2014
Seiten
8
Katalognummer
V273265
ISBN (Buch)
9783656653554
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
eine, darstellung, platons, ideenlehre
Arbeit zitieren
Dr. Manfred Klein (Autor), 2014, Eine ganz kurze Darstellung von Platons Ideenlehre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273265

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