Schamanismus und Neo-Schamanismus

Eine Entwicklung in der „westlichen Welt“


Hausarbeit, 2009
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Schamanismus
2.1. Die Kosmologie
2.2. Der Seelenglaube
2.3. Der Auftrag des Schamanen
2.4. Schamanismus im europäischen Kontext

3. Neo-Schamanismus
3.1. Die Bewegung in der „westlichen Welt“ seit
3.2. Carlos Castaneda
3.3. Michael J. Harner

4. Schamanismus und Neo-Schamanismus: wissenschaftliche Betrachtungsweisen

5. Kritik und Schluss

6. Literatur

1. Einleitung

Diese Hausarbeit ist im Rahmen des Proseminars der Religionsethnologie bei Prof. Dr. Hahn auf der Grundlage eines Referates über Schamanismus entstanden.

Die Basis dieser Arbeit bilden das Buch, Schamanismus. Heiler, Geister Rituale (2006) von Klaus E. Müller sowie die Arbeit von Kocku von Stuckrad, Schamanismus und Esoterik. Kultur und wissenschaftsgeschichtliche Betrachtungen (2003).

Mein Ziel ist es, auf dem Fundament der wissenschaftlichen Definition von Schamanismus einen Zweig des Neo-Schamanismus in seiner Entstehung sowie die fachliche Auseinander-setzung damit in der Ethnologie zu beleuchten.

Im zweiten Kapitel werden die Grundlagen des Schamanismus mit seinen Glaubens-vorstellungen erörtert und die daraus resultierenden Aufgaben eines Schamanen in den Blick genommen. Des Weiteren wird ein bereits seit dem 17. Jahrhundert existierendes, ambivalentes Spannungsverhältnis gegenüber dieser Religion in der westlichen Welt aufgezeigt.

Das Aufkommen und die Entwicklung des Neo-Schamanismus bilden den Inhalt des dritten Kapitels. Hierbei liegt der Schwerpunkt ausschließlich auf der Bewegung, welche aus den Büchern von Carlos Castaneda entstanden ist, da die Hinzunahme weiterer Strömungen den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

In Kapitel 4 werden unterschiedliche wissenschaftliche Standpunkte des Phänomens Neo-Schamanismus gegenübergestellt. Woran sich in Kapitel 5 meine abschließende Betrachtung und Kritik anschließt.

2. Schamanismus

Der Schamanismus hat in der Geschichte weit zurückliegende Wurzeln und bildete sich aus den Vorstellungen über das Verhältnis und die Abhängigkeit des Menschen mit seiner Umwelt. Er ist bis heute bei Wild-, Feldbeuter-, Pflanzergesellschaften und Hirtennomaden erhalten und kommt in Eurasien, Australien, Nord- und Südamerika vor, wobei er besonders in Sibirien elaboriert ist. Von Anfang an gab es den Schamanismus in Afrika, Melanesien und Neuguinea nicht. In den archaischen Hochkulturen und den angrenzenden Einflussgebieten (z. B. Europa, Vorderasien) könnte er ursprünglich bestanden und verdrängt worden sein, worüber jedoch keine wissenschaftlichen Studien vorliegen.[1]

Der heutige Menschentypus Homo sapiens sapiens trat während der letzten Eiszeit ca.

40 000-10 000 v. Chr. auf und bestritt seine Ernährung durch Wild- und Feldbeuterei. Das Überleben der Gruppe stand im Mittelpunkt und damit einhergehend die Gesunderhaltung der Menschen sowie die Sicherung des Jagdwildes und der Fruchtbarkeit.[2]

Die existenziellen Probleme führten zu einer Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt, beispielsweise auf welche Art und Weise das eigene Verhalten die Lebens Bedingungen verbessern oder verschlechtern konnte. Den Kern dieser Überlegungen bildete der Seelenglaube sowie der „kosmologische Dualismus“, wonach Wohlstand und Gesundheit im Diesseits durch „jenseitige Mächte“ gewährt wurden.[3]

2.1. Kosmologie

Ebenso wie der Seelenglaube (siehe Kap. 2.2.) ist die „dualistische Weltanschauung“ eine tragende Säule des Schamanismus. Dual bezeichnet in diesem Kontext, dass neben dem unmittelbar erlebten Diesseits, der alltäglichen Wirklichkeit unseres Erlebens, sozusagen eine jenseitige Welt der nicht alltäglichen Wirklichkeit existiert. Der Kosmos baut sich aus einer Mittel-, Ober- und Unterwelt auf, deren Grenzen jedoch miteinander verschwimmen.[4] Die Mittelwelt entspricht der alltäglichen Wirklichkeit in der der Mensch handelt und lebt. Die Ober- und Unterwelt formen das Jenseits, hier sind die unsterblichen Geistmächte beheimatet, aber auch die Seelen verstorbener Lebewesen gelangen hierhin. Ereignisse in den unterschiedlichen Welten beeinflussen sich wechselseitig. So ist es beispielsweise möglich, die Ursachen für die Erkrankung eines Individuums in der nicht alltäglichen Wirklichkeit zu finden, die sich unmittelbar auf den Körper in der Mittelwelt ausgewirkt haben. Aber auch ein Fehlverhalten der Menschen kann die Geistwesen verärgern und zu Schwächung oder Krankheit führen.[5]

Ein gutes Verhältnis zu den jenseitigen Mächten, oder auch Geistmächten, ist also eine Voraussetzung für das Überleben und man benötigt die Möglichkeit der Kontaktaufnahme mit ihnen. Den Schlüssel für diese Kontaktaufnahme bildet der „Seelenglaube“, wonach der Mensch eine leibesunabhängige Freiseele besitzt, die selbst ein Geistwesen ist und so jenseitigen Kontakt aufnehmen kann, worauf im Folgenden eingegangen wird.

2.2. Der Seelenglaube

Nachweislich bestanden bereits für den Neandertaler im Mittelpaläolithikum (ca. 200 000 – 40 000 v. Chr.) Glaubensvorstellungen über die Existenz einer Seele sowie einem Leben nach dem Tod, worüber Grabbeigaben dieser Zeit Zeugnis ablegen.[6]

Der Mensch besteht nach dieser Weltanschauung aus „drei Hauptkonstitutionselementen“, dem physischen Leib, der Vitalseele und der Freiseele, die eine geschlossene Funktionseinheit bilden. Für die Gesundheit sind alle drei Elemente gleichsam verantwortlich und bedingen sich wechselseitig. Der Körper und die Vitalseele bilden einen festen „Funktionsverband“ und können getrennt voneinander nicht überleben. Die Vitalseele ist für die organischen Funktionen verantwortlich und gibt dem Körper seine „Lebenskraft“. Von ihr sind die individuelle Leistungsfähigkeit und Fruchtbarkeit des Menschen abhängig. Die Vitalseele kann den Körper nicht verlassen, denn das würde zu einem Kraftverlust führen, der einen sofortigen Tod zur Folge hätte. Die Freiseele hingegen kann sich von den beiden anderen Elementen lösen und den Körper verlassen. So wird zum Beispiel der nächtliche Trauminhalt als eine Reise der Freiseele ins Jenseits gesehen, in der sie unabhängig vom Körper und der Vitalseele Erfahrungen macht und mit Geistmächten Kontakt aufnimmt. Eigentliches Leben verleiht dem Menschen die Freiseele, deren Sitz am Kopf unter der Fontanelle gedacht wird, sie „beseelt“ sozusagen den Menschen.[7]

Da die Freiseele nicht fest mit der Physis verbunden ist, birgt sie nach dieser Glaubensvorstellung die Gefahr verloren zu gehen und nicht mehr zu ihrem Körper zurück zu finden. Diese Anschauung der „Drei-Elementenlehre“ des Menschen beschreibt Müller (2006) besonders eindrucksvoll. Hierbei wird deutlich, wie sich (auch in der europäischen Vergangenheit) die Entstehung individueller Krisensituationen vorgestellt werden. „Wenn Menschen beispielsweise in einen heftigen Streit und dabei „außer sich“ gerieten [oder] (…) ein übel wollender Geist Besitz von der Seele ergriff […], sie abfing […], vielleicht gar sie in die Irre schickte“ konnte dieser Verlust zu Ohnmachtsanfällen, Psychosen und im Extremfall zum Tod des Opfers führen. Dies lag darin begründet, dass die Betroffenen neben sich standen oder ihnen ein „lähmender Schreck“ widerfuhr, ihre Freiseele sich also gewaltsam aus dem Verbund gelöst hatte und dies zu Beeinträchtigungen und Krankheit führte.[8]

Diese früheren Betrachtungsweisen spiegeln sich bis heute in unserem Sprachgebrauch wider. Es ist zum Beispiel auch in aktuellen Ausdrucksweisen durchaus gebräuchlich, nach einem Autounfall sinnbildlich vor Schreck neben sich zu stehen oder auch nicht ganz bei sich zu sein, wodurch ja ein Etwas impliziert wird, das sich vom Körper gelöst hat, um dann daneben stehen zu können. Dieses Etwas, also die Seele, die in einem nicht sichtbarem Bereich losgelöst vom Körper (der ja durchaus noch atmet und zu Handlungen fähig ist) unabhängig existiert.

[...]


[1] Vgl. Müller, Klaus E. (2006)

[2] Vgl. ebd.

[3] Vgl.ebd.

[4] Manche schamanische Systeme weisen mehr als drei Welten auf. Hierbei werden Zwischenebenen der Ober- und Unterwelt hinzugefügt. Auch die Ausgestaltung der einzelnen Welten kann unterschiedlich aufgebaut sein. Das Grundprinzip der dualistischen Weltanschauung ist aber gleich bleibend. Vgl. Halifax, Joan (1981)

[5] Vgl. Müller, Klaus E. (2006)

[6] Vgl. ebd.

[7] ebd.: S. 11 ff

[8] ebd.: S.13

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Schamanismus und Neo-Schamanismus
Untertitel
Eine Entwicklung in der „westlichen Welt“
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Ethnologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
15
Katalognummer
V273318
ISBN (eBook)
9783656655732
ISBN (Buch)
9783656655725
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schamanismus, Neo-Schamanismus, Carlos Castaneda, Religion, Religionsethnologie, Glauben
Arbeit zitieren
Beate Limbach (Autor), 2009, Schamanismus und Neo-Schamanismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273318

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