Burnout. Kapitulation oder Revolution?

Betrachtung eines gesellschaftlichen Massenphänomens unter dem Aspekt der Aufklärung im Sinne Kants


Seminararbeit, 2013

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Was ist Auklärung?
1.1 Zur Person Immanuel Kant
1.2 Kants Idee der Aufklärung
1.2.1 Die selbstverschuldete Unmündigkeit
1.2.2 Der"öffentliche" und "private" Gebrauch der Vernunft
1.2.3 Vom "guten" Rahmen

2. Das Burnout-Syndrom
2.1 Burnout: keine Krankheit, nur das Leben will bewältigt werden
2.2 Die Gesellschaft der Helden
2.3 Der Wolf im Schafspelz: ein neuer Gängelwagen
2.3.1 Der Charakter der Postmoderne
2.3.2 Im Dschungel des „viel zu viel“ kommt keine Langeweile auf
2.3.3 Keine Zeit für Zeit
2.3.4 Vom Nicht-mehr-können zum Nicht-mehr-Wollen - Sapere aude!

3. Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Ausgebrannt! Eine Diagnose, die seit geraumer Zeit die Menschen in unserer Gesellschaft bewegt. Burnout nennen es Mediziner und Psychologen. Doch was steckt hinter dieser Diagnose, die mittlerweile so häufig gestellt wird, dass das Burnout-Syndrom mehr und mehr einem Massenphänomen gleicht?

Im Rahmen des Seminars „Europa – ein Kind der Aufklärung?“ diskutierten die Seminarteilnehmer verschiedene Texte von Adorno/Horkheimer, Kant und Foucault zu dem Thema Aufklärung. In diesem Zusammenhang wurden auch die Selbst- und Fremdführung des Menschen thematisiert. Wo und in welcher Rolle findet sich der Mensch heute in der Gesellschaft? Wie sehr ist er dabei „Ich“ und selbstbestimmt und was entfernt ihn vom „Ich“ und seiner Natur durch Fremdbestimmung oder Herrschaft?

Die rasante Entwicklung unserer Gesellschaft seit Beginn der Industrialisierung führte u. a. auch zu einer Reduzierung des Menschen auf eine Funktionseinheit, einer Arbeitseinheit in einer Wertschöpfungskette im Rennen um Rekordgewinne und Absatzstrategien. Diese gesellschaftlichen Veränderungen führen immer häufiger zu psychischen und psychosomatischen Erkrankungen, zu denen heute vorrangig das Burnout-Syndrom zählt. Wie ist nun das Auftreten dieses Syndroms im Wandel einer augenscheinlich aufgeklärten Gesellschaft zu werten? Handelt es sich hier lediglich um die Erscheinung einer individuellen Problematik, die auf Grund des Nicht-Schritt-Haltens mit dem beschleunigten Lebenstempo zu Tage tritt, also dem Scheitern der Selbstführung? Oder lässt sich hier ein Prozess der Aufklärung und damit ein Schritt aus der „selbst verschuldeten Unmündigkeit“[1], wie Kant ihn in seiner Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? im Dezember-Blatt der Berlinischen Monatsschrift 1784 beschreibt, erkennen?

Der Frage, ob und wie sich der Kant’sche Aufklärungsansatz auf das Burnout-Syndrom der heutigen Gesellschaft übertragen lässt, widme ich mich in der folgenden Seminararbeit. Ich werde dabei zunächst eine Definition des Begriffs der Aufklärung, wie Kant ihn verstanden hat, vornehmen. Im Anschluss daran folgt die Betrachtung des Burnout-Syndroms, seiner Definition und seines Erscheinungsbildes. Dabei werden mögliche Auslöser vor dem Hintergrund einer Gesellschaft mit stark beschleunigtem Lebenstempo analysiert. Des Weiteren soll die heutige Form von Selbst- und Fremdführung betrachtet werden. In welchen Lebensbereichen findet Selbstführung statt und welche Qualität hat die vorhandene Fremdführung im Hinblick auf eine der Aufklärung fördernde oder behindernde Freiheitseinschränkung. Abschließend soll eine Beurteilung der Beantwortung der aufgeworfenen Fragen zu einem möglichen aufklärerischem Prozess des Burnout-Syndroms im Sinne Kants als Résumé erfolgen.

1 Was ist Aufklärung?

Aufklärung versteht sich vorrangig als ein Prozess, in dem sich der Mensch als Individuum oder Gattung durch den richtigen Gebrauch der Vernunft aus sich selbst heraus befreit und dabei intellektuell und moralisch Vollkommenheit erlangt. Die menschliche Vernunft als Naturanlage sowie Grundfreiheiten wie Denk-, Rede- und Publikationsfreiheit sind Voraussetzung für den Erfolg des Prozesses. Aufklärung wird auch als Bewegung verstanden, die versucht, diesen Prozess zu realisieren sowie als Epoche, die geprägt ist durch den Prozess der Aufklärung. In diesem Prozess kommen verschiedene Ideen zum Tragen, die alle philosophischen Ursprungs sind. Kennzeichnend sind Begriffe wie Selbstbestimmung, Selbstdenken und Mündigkeit.[2] Einer der wichtigsten Philosophen in diesem Zusammenhang war Immanuel Kant, der mit seinen Werken die Philosophie des 18. Jahrhunderts bis heute maßgeblich beeinflusst hat.

1.1 Zur Person Immanuel Kant

Immanuel Kant, geboren am 22. April 1724 als Kind einer traditionsreichen Handwerkerfamilie in Königsberg (heute: Kaliningrad, Russland), genoss eine streng pietistische Erziehung[3]. Er erhielt bis 1740 den ersten gelehrten Unterricht am Collegium Fridericianum und studierte im Anschluss an der Universität seiner Heimatstadt u. a. Mathematik, Physik und Philosophie. Bewegt durch Newtons Werke erschien 1747 seine erste Schrift „Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte[4] Nach dem Tode seines Vaters im selben Jahr, unterbrach Kant sein Studium und verdiente sich ca. neun Jahre lang als Hauslehrer seinen Lebensunterhalt, bevor er 1754 an die Universität zurück kehrte[5] und 1755 durch seine Dissertation „De igne“ die Doktorwürde und die Venia legendi (Lehrberechtigung) erwarb. Nach fünfzehnjähriger Tätigkeit als Privatdozent, erhielt er 1770 die Stelle des Professors für Logik und Metaphysik an der Universität Königsberg. Er dissertierte ein weiteres Mal mit der Studie „Formen und Gründe der Sinnes- und Verstandeswelt“, welche bereits die Basis seiner eigenen Philosophie, der transzendentalen Ästhetik, und damit den Gedanken seines späteren Hauptwerkes „Kritik der reinen Vernunft“, das jedoch erst zehn Jahre später 1781 erschien, enthielt. Seine zweite Dissertation kann demnach als Beginn seiner dritten Periode betrachtet werden, in der er durch seine eigene Philosophie von den Ansichten Humes und Wolffs Abstand nimmt. Von 1781 bis 1798 veröffentlichte Kant zahlreiche Werke und kleinere Abhandlungen. In seinen letzten fünfzehn Lebensjahren geriet er zunehmend in Konflikt mit der Zensurbehörde, die ihm nach der Herausgabe seiner Schrift „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ einen Verweis wegen Entstellung und Herabwürdigung des Christentums erteilte. 1797 stellte er seine Vorlesungen an der Universität endgültig ein. Am 12. Februar 1804 verstarb er in seinem Heimatort an Altersschwäche.[6] „Sein Werk Kritik der reinen Vernunft kennzeichnet einen Wendepunkt in der Philosophiegeschichte und den Beginn der modernen Philosophie. Kant schuf eine neue, umfassende Perspektive in der Philosophie, welche die Diskussion bis ins 21. Jahrhundert maßgeblich beeinflusst.“[7] Beeinflusst hat Kant auch den Begriff der Aufklärung. Mit dem Satz „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“[8] wurde Kant einer der wichtigsten Philosophen der deutschen Aufklärung.

1.2 Kants Idee der Aufklärung

1.2.1 Die selbstverschuldete Unmündigkeit

“Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.” Mit dieser Definition formuliert Kant in seiner Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? in dem Dezember-Blatt des Berlinischen Monatsblattes von 1784 einen Leitsatz für ein gutes Leben im philosophischen Sinne. Er ruft den Menschen auf, sich „seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“[9] Kant erklärt die Selbstverschuldung der Unmündigkeit mit dem Mangel an Willen und Mut zum Selbstdenken. Der Mensch sei faul und feige und überlasse aus Bequemlichkeit anderen die Leitung des eigenen Verstandes. So werde „es anderen so leicht, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen.“[10] Er führt an „das Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt[…]“[11] Die Vormünder halten die Menschen bewusst in Angst und Unsicherheit, damit sie „ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen […] wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen, allein zu gehen.“[12] Der „Gängelwagen“, ein Gerät mit dem Kinder laufen lernten, bezeichnet ganz klar die Fremdführung, der sich die Menschen im Laufe der Geschichte freiwillig, zu Gunsten eines höheren Maßes an Bequemlichkeit und Sicherheit unterworfen haben. „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“[13] lautet die Forderung Kants als Wegweiser aus der Abhängigkeit von den Vormündern. Wer diesen Schritt wagt, wird zunächst „nur einen unsicheren Sprung tun, weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt ist.“[14] Die Überwindung der Unmündigkeit erfordert demnach nicht nur Mut, sondern ist auch mit einer Einbuße an Sicherheit verbunden. Für einen Einzelnen ist es also sehr schwer, diesen Schritt zu wagen.

1.2.2 Der „öffentliche“ und „private“ Gebrauch der Vernunft

“Daß aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich, […] wenn man ihm nur die Freiheit läßt […]“[15] Kant stellt hier fest, dass unter der Bedingung entsprechender Freiheit, sich eine Gesellschaft als Ganzes aufklären kann. Seiner Ansicht nach, würden einige Vorreiter zunächst den „Geist“ der Aufklärung, also des Selbstdenkens um sich verbreiten. Die notwenige Freiheit spaltet Kant dann in einen der Aufklärung „beförderlichen“ und einen ihr „hinderlichen“ Bereich[16]. Auf dieser Grundlage unterscheidet er zwischen dem „öffentlichen“ und „privaten“ Gebraucht der Vernunft. Als öffentlichen Gebrauch der Vernunft definiert er den, den jemand von Staat und Kirche uneingeschränkt „als Gelehrter von ihr vor dem ganzen Publikum der Leserwelt macht“[17] Es handelt sich hier also um die Freiheit des Denkens und der Meinungsäußerung gegenüber der Öffentlichkeit. Der private Gebrauch hingegen wird definiert, als der Gebrauch, den der Einzelne im Rahmen einer von außen gegebenen Ordnung machen darf, und zwar den jemand „in einem gewissen ihm anvertrauten bürgerlichen Posten oder Amte von seiner Vernunft machen darf.“[18] So führt er den Offizier an, der nach Erhalt eines Befehls durch einen Vorgesetzten, nicht über die „Nützlichkeit dieses Befehls laut vernünfteln“[19] soll, sondern diesen, zum Erhalt einer notwenigen öffentlichen Ordnung befolge. Erlaubt sei allerdings die Beurteilung seiner Position im Hinblick auf Mängel oder Fehler im Rahmen des öffentlichen Gebrauchs außerhalb des Dienstes bzw. des Amtes.

[...]


[1] Bahr, 1974 – Was ist Aufklärung?

[2] Vgl. Jordan/Nimtz 2009, S. 42

[3] Vgl. www.immanuel-kant.net/Biografie 2013

[4] Vgl. Meyers Konversationslexikon 1892, Bd. 9, S. 466

[5] Vgl. www.immanuel-kant.net/Biografie 2013

[6] Vgl. Meyers Konversationslexikon 1892, Bd. 9, S. 468

[7] www.wikipdia.org/Immanuel_Kant, 2013

[8] Bahr 1974, S. 9

[9] Ebd.

[10] Ebd.

[11] Ebd.

[12] Bahr 1974, S. 9

[13] Ebd.

[14] Ebd. S. 10

[15] Ebd. S. 10

[16] Vgl. Ebd. S. 11

[17] Ebd. S. 11

[18] Ebd. S. 11

[19] Ebd. S. 12

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Burnout. Kapitulation oder Revolution?
Untertitel
Betrachtung eines gesellschaftlichen Massenphänomens unter dem Aspekt der Aufklärung im Sinne Kants
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Veranstaltung
Europa - Ein Kinder der Aufklärung?
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V273322
ISBN (eBook)
9783656655763
ISBN (Buch)
9783656655787
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Burnout, Burnout-Gesellschaft, Aufklärung heute, Gesellschaftskrankheit, Kant
Arbeit zitieren
Melanie Hardt (Autor), 2013, Burnout. Kapitulation oder Revolution?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273322

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