Handreichung für den Deutschunterricht zu Siegfried Lenz: "Das Feuerschiff"


Unterrichtsentwurf, 2014

52 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Interpretation

Didaktische Überlegungen

Stundenskizzen
Vorbemerkung
Auf einen Blick - Inhaltsübersicht
Sequenz 1 Der Anfang der Erzählung
Sequenz 2 Personen – Figurenkonstellation - Konfliktpotenziale
Sequenz 3 Der Konflikt zwischen Freytag und Caspary
Ordnung oder Chaos
Sequenz 4 Der Konflikt zwischen Kapitän und Mannschaft
Formen von Widerstand gegen Gewalt
Sequenz 5 Vater-Sohn-Konflikt
Sequenz 6 Helden – Antihelden – Vorbilder
Menschenbild
Sequenz 7 Erzählweise

Anregungen für handlungs- und produktionsorientierten Unterricht

Themenvorschläge für Klassenarbeiten

Hinweise auf audiovisuelle Materialien und Sekundärliteratur

Die Seitenangaben beziehen sich auf Siegfried Lenz: Das Feuerschiff. München: dtv 22011 (Sonderausgabe).

Diese Handreichung ist die gekürzte und leicht überarbeitete Fassung einer 2000 im Cornelsen Verlag erschienenen Veröffentlichung.

Interpretation

Siegfried Lenz wählt für seine 1960 erschienene Erzählung Das Feuerschiff eine leicht überschaubare Ausgangsituation; Handlungsort ist ein altes, nach 1945 reaktiviertes Feuerschiff, das in der Ostsee festliegt und dessen Kennung anderen Schiffen zur Orientierung dient. Beherrscht wird die Szenerie im Wesentlichen von drei Personen bzw. Personengruppen: von Freytag, dem Kapitän des Feuerschiffs, von seinem verbrecherischen Gegenspieler Dr. Caspary und dessen Gefolgsleuten Edgar und Eddie Kuhl und von der Schiffsbesatzung, die anfangs auf Seiten des Kapitäns steht, später aber von ihm abrückt und zu einem eigenständigen Handlungsträger wird. Eine Sonderstellung nimmt Freytags Sohn Fred ein, der auf Drängen des Vaters die letzte vierzehntägige Wache von Schiff und Besatzung miterlebt. Zwischen Vater und Sohn besteht von Beginn an ein Spannungsverhältnis, dessen Ursachen sich erst nach und nach erschließen. In dem Maße, in dem Fred von seinem Vater abrückt, stimmt er mit der Besatzung überein, wird Teil von ihr.

Mit dem Erscheinen der schiffbrüchigen Verbrecher bricht das Böse in die bis dahin geordnete Welt des Feuerschiffes und seiner Besatzung ein; dieses Ereignis setzt die Handlung in Gang und schafft Konfliktanlässe. Die Verbrecher, die – wie sich nach und nach herausstellt – bewaffnet sind und vor Mord nicht zurückschrecken, wollen so schnell wie möglich ihre Flucht fortsetzen. Der Kapitän fügt sich den Befehlen der Gangster und verzichtet auf offenen Widerstand, um Blutvergießen zu vermeiden. Die Mannschaft und auch Fred wollen dagegen unter Einsatz von Gewalt die Verbrecher überwältigen. Der Kapitän lässt sich, obwohl er schließlich allein gegen alle anderen steht, auch nach dem gewaltsamen Tod eines Mannschaftsmitglieds und eines Gangsters nicht in seiner Haltung beirren; erst als das Feuerschiff selbst als Fluchtfahrzeug eingesetzt werden soll, gibt er seine Position des Abwartens und Hinhaltens auf und tritt den Verbrechern offen entgegen. Die Erzählung endet mit einer Duellszene, in der sich Freytag und die Verbrecher Dr. Caspary und Eddie Kuhl gegenüberstehen. Freytag wird niedergeschossen, Fred rächt seinen Vater und ersticht Eddie.

Wie in vielen anderen seiner frühen Werke ordnet Siegfried Lenz auch im Feuerschiff die wesentlichen Elemente des Erzählens (Raum, Zeit, Personen und Ereignisse) so an, dass der Stoff holzschnittartig strukturiert erscheint und der Leser/die Leserin ein Tableau vorfindet, das wie ein Modell wirkt, mit dessen Hilfe allgemeingültige Fragestellungen und Ideen philosophischer und ethisch-moralischer Natur in den Horizont der Leserschaft gerückt werden. Lenz hat eine „parabolische Grundsituation entworfen und mit epischen Mitteln beglaubigt, in der die Probleme, auf die es ankommt, wie von selbst zutage treten“[1].

Die Handlung spielt im Jahre 1954, neun Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, dessen zerstörerisches Potenzial noch nachwirkt: Eine Mine, Relikt vergangener Kriegshandlungen, treibt auf das Feuerschiff zu und droht es zu vernichten. Schlaglichtartig werden Existenzberechtigung und Notwendigkeit des Feuerschiffs sichtbar und sinnfällig.

Während der Erzähler den Zeitumständen und der Zeitdauer der Handlung – sie erstreckt sich über vier Tage – eine so geringe Bedeutung beimisst, dass von einer weitgehenden historischen Entkonkretisierung gesprochen werden kann, kommt dem Schauplatz größere Bedeutung zu. Die Handlung spielt in einem eng begrenzten Raum, der durch den Kontrast mit der Weite des Meeres besonders eng erscheint und die Figuren zu Eingeschlossenen bzw. zu Gefangenen macht; sie können einander kaum ausweichen, die Konflikte erscheinen zwingend und aufs Äußerste zugespitzt. Die Räumlichkeit erinnert an Dramen des Existenzialismus, etwa an Sartres Stück Geschlossene Gesellschaft oder an Camus‘ Die Pest. Dadurch, dass der Ort der Handlung, das Feuerschiff, die Funktion hat, anderen Schiffen Orientierung zu sein und ihnen Sicherheit zu garantieren, dies aber nur gewährleistet ist, wenn es unter keinen Umständen seine Position aufgibt, wird der Raum selbst zu einem wichtigen Handlungselement, weist über sich hinaus und bekommt symbolische Bedeutung.

Die Ereignisse sind so arrangiert, dass drei Konflikte unterschiedlichen Gewichts entstehen:

‒ der Kampf zwischen Freytag und Caspary um die Verfügungsgewalt über das Feuerschiff
und um die Bewahrung bzw. Zerstörung eines gegebenen Ordnungssystems,
‒ die Auseinandersetzung zwischen Freytag und der Mannschaft wegen der Form des Wider-
stands gegen die Verbrecher,
‒ der Streit zwischen Freytag und Fred über Handlungsmotive und Persönlichkeitsstruktur
- des Vaters.

Die beiden Figuren, die den zentralen Konflikt, der die Bedeutsamkeit der Erzählung konstituiert, austragen, sind vom Erzähler völlig gegensätzlich konzipiert. Freytag ist ein alter Mann, der am Ende seines Berufslebens steht und über einen reichen Erfahrungsschatz verfügt. Er sieht die Welt ohne Illusionen und akzeptiert die Macht des Faktischen. Aufschlussreich sind die ihm vom Erzähler zugeordneten, stereotyp wiederholten Verhaltensweisen, die sich wie ein Leitmotiv durch die Erzählung ziehen: Freytag steckt sich zwar eine Zigarette zwischen die Lippen, zündet sie aber nicht an, er ballt zwar die Faust, umwickelt sie jedoch mit einem Taschentuch und versenkt sie in der Hosentasche. In beiden Gesten drückt sich aus, dass Freytag gelernt hat, sein Temperament und seine Leidenschaften zu zügeln. Im Umgang mit anderen Menschen ist er spröde, bisweilen autoritär, seine Kommunikationsarmut und die Bestimmtheit seines Auftretens geben ihm den Habitus des einsamen Helden, Geltungsbedürfnis und große Gesten sind ihm jedoch fremd; er befindet sich scheinbar in Übereinstimmung mit sich selbst, weiß um die Bedeutung der ihm übertragenen Aufgabe, will seine Ruhe haben und bekennt ausdrücklich: „ich war nie ein Held, und ich möchte auch kein Märtyrer werden“ (S. 64).

Dem zurückhaltenden und verantwortungsbewussten Kapitän Freytag stellt Lenz den zynischen Intellektuellen Caspary gegenüber. Sonnenbrille, klobiger Siegelring, den er gewohnheitsmäßig auf Hochglanz poliert, und ein maskenhaftes Lächeln weisen ihn als einen Menschen aus, der auf Äußerlichkeiten großen Wert legt, etwas zu verbergen hat, Eindruck machen möchte, sich seiner Identität aber nicht sicher ist. Er ist mitteilsam, oft redselig, hat eine rasche Auffassungsgabe, neigt zu Ironie und Sarkasmus.

Auch hinsichtlich ihrer Wertvorstellungen unterscheiden sich beide Figuren. Für Freytag ist das Leben eines Menschen höchstes Gut und unantastbar. Er fühlt sich denen verpflichtet, die ihr Leben der Kennung des Feuerschiffs anvertrauen, er will erreichen, dass alle Besatzungsmitglieder die letzte Wache lebend überstehen, und er würde, so bekennt er in einem Gespräch mit Rethorn, die Schiffbrüchigen auch im Wissen um ihre verbrecherische Vergangenheit und kriminelle Energie noch einmal aus Seenot retten und an Bord holen. Das Feuerschiff bedeutet ihm ein Ordnungssystem, das für die Wohlfahrt der Menschen notwendig ist, dem sich alle blind anvertrauen (können müssen), wodurch es besonders anfällig wird; aber gerade deswegen muss es nach Auffassung des Kapitäns gegen jeden Versuch des Missbrauchs hartnäckig verteidigt werden. Der Kapitän begreift sich als Teil dieser Ordnung, zu deren Bewahrung er, ohne dass es großer Worte und tief greifender Reflexionen bedürfte, durch Unbestechlichkeit, Pflichtbewusstsein, Selbstdisziplin, Standhaftigkeit und Zuverlässigkeit beiträgt.

Solche Wertvorstellungen sind seinem Gegenspieler fremd. Caspary gibt sich als Gegner von Ordnung, Wahrheit und Sicherheit zu erkennen, er liebt die Halbwahrheit, das Geheimnisvolle, das Abenteuerliche und Unberechenbare, er ist die Negation jeglicher Moral und verfolgt nur seine eigenen Interessen. Er akzeptiert keine sittlichen Werte als Maßstab für sein eigenes Handeln und das der anderen, hat kein Gewissen und keine Achtung vor den Menschen, alles gerät ihm zum Spiel. Zweierlei macht ihn besonders gefährlich: Er ist ein Schreibtischtäter, der sich selbst nicht die Hände schmutzig macht, sondern sich anderer bedient, um Chaos und Anarchie zu verbreiten. Und er missbraucht unter der Maske bürgerlicher Seriosität (Rechtsanwalt, Werftunternehmer) die Möglichkeiten des Systems zu dessen Destabilisierung und Destruktion, nicht etwa weil er Kritik vorzubringen hat und an dessen Stelle etwas anderes, etwas vermeintlich Besseres setzen möchte, sondern weil er sich selbst inszenieren und Eigenliebe und egomanische Phantasien ausleben will. Die Indifferenz gegenüber allen herkömmlichen Wertvorstellungen, den Mangel an Verantwortungsbewusstsein, das Fehlen von Schuldgefühlen erklärt er selbst damit, dass sein Leben durch einen Fluch, der auf der Familie laste, determiniert sei, ihm also die Freiheit des Willens fehle.[2] Gemeinsam ist Freytag und Caspary, dass die Wurzeln ihres Gedächtnisses in traumatisierenden Ereignissen der Vergangenheit liegen. Lang zurückreichende Schlüsselerlebnisse, aus denen sie allerdings unterschiedliche Schlussfolgerungen ziehen, bestimmen ihre Existenz.

Der zweite Konflikt resultiert daraus, dass Kapitän und Mannschaft unterschiedliche Auffassungen vom richtigen, der Situation angemessenen Handeln haben. Die Mannschaft setzt Freytags hinhaltendem Taktieren die Position eines aktiven Widerstands unter Einschluss physischer Gewalt und Vernichtung von Leben entgegen, was zu einer zunehmenden Entfremdung und schließlich offenen Gegnerschaft führt. Weil sich die Mannschaft in Übereinstimmung mit dem Recht und mit allgemein anerkannten ethischen Konventionen sieht, glaubt sie sich berechtigt, ja geradezu verpflichtet, der Gewalt der Verbrecher aktiv entgegenzutreten. Freytag kann seine Vorstellungen vom richtigen, vernünftigen Handeln nur kraft seines Amtes als Kapitän, nicht aber aufgrund persönlicher Autorität durchsetzen.

Als Freytag sich am Ende gezwungen sieht, seine Hinhaltetaktik aufzugeben, und den Konflikt mit den Gangstern offen annimmt und austrägt, erscheint seine Tat nicht als eine leichtfertige, sondern als eine vielfach bedachte und in jeder Beziehung gerechtfertigte, ja notwendige Aktion, erscheint als Ultima Ratio.

Der Vater-Sohn-Konflikt spielt auf den ersten Blick im Vergleich mit den beiden anderen eine untergeordnete Rolle. Dieser Eindruck entsteht auch dadurch, dass Fred bald mit der Mannschaft konform geht, also gar nicht eine eigenständige Position vertritt. Es sollte aber zu denken geben, dass Begegnungen und Gespräche zwischen Vater und Sohn die Erzählung eröffnen und beschließen und der ausführliche Bericht Freytags über sein Verhalten während der Levante-Fahrt, mit dem er dem Sohn Rechenschaft gibt, die Mitte der Erzählung bildet.

Der Vater-Sohn-Konflikt unterscheidet sich von den beiden anderen, weil Fred die Wahrhaftigkeit des Vaters in Zweifel zieht und ihm Furchtsamkeit und Feigheit als eigentliche Motive seines Handelns vorwirft. Dies ist ein Angriff auf die moralische Integrität des Vaters; träfe der Verdacht zu, würden Glaubwürdigkeit und Autorität des Alten dauerhaft zerstört.

Die Beziehung zwischen Vätern und Kindern – in der Mehrzahl sind es die Söhne – wird in vielen Werken von Lenz thematisiert. Meistens werden die Väter durch die Jungen in Frage gestellt; oft geht damit die Anklage einher, die Väter würden nicht Rechenschaft über ihre Vergangenheit ablegen und dazu neigen, ihre Verstrickungen zu verharmlosen; sie erwarteten Nachsicht, ja Mitleid, und seien larmoyant.

Auch in der Erzählung Das Feuerschiff zeigt der Vater-Sohn-Konflikt einige für die Nachkriegssituation, die Nachkriegsliteratur und den Schriftsteller Siegfried Lenz typische Aspekte: die lange Abwesenheit der Väter, die Fremdheit zwischen den Generationen, Sprachlosigkeit bzw. Schweigen, die Unfähigkeit zu fragen oder zu erzählen, Rechenschaft zu verlangen oder zu geben, eine Unüberbrückbarkeit der Gegensätze. Der Sohn leidet am Vater, aber nicht – wie zum Beispiel in der Literatur um 1900 – an dessen Stärke und Dominanz oder an der Doppelbödigkeit der väterlichen Moral, sondern an seiner vermeintlichen Schwäche. Erkennbar ist jedoch auch das zaghafte und oft unbeholfene Bemühen des Vaters, die Zuneigung des Sohnes zu gewinnen, seine Geduld, seine Hoffnung, der Sohn möge sich öffnen; Freytag ringt sich sogar dazu durch, über seine Vergangenheit Auskunft zu geben. Wie schwer ihm dies fällt, sieht man daran, dass er phasenweise nicht als Ich-Erzähler über die Levante-Vorkommnisse berichtet, sondern Lubisch als potentiellen Erzähler wählt. Sein Bericht kann die Bedenken des Sohnes nicht ausräumen, die Ereignisse auf dem Feuerschiff können es noch weniger, der von Freytag angestrebte Annäherungs- und Erziehungsprozess misslingt. Der verständnisvolle Vater kann den zunächst zweifelnden, später verständnislosen Sohn nicht überzeugen. Das Dilemma Freytags besteht darin, dass er den Sohn nur für sich gewinnen kann, wenn er sich selbst opfert. Erst sein Ende (sein Tod?) widerlegt den Sohn und räumt dessen Zweifel an der moralischen Integrität des Vaters aus. Dass dies tatsächlich gelingt, wird in der Anrede „Vater“, die der Sohn am Schluss der Erzählung verwendet, deutlich. Der letzte Redebeitrag des Vaters, die doppeldeutige Frage an den Sohn „Alles in Ordnung?“ und dessen bejahende Antwort, spielt auf die Ordnungsvorstellungen des Kapitäns an, sodass der Leser den Eindruck gewinnen muss, in der Schlussszene, die alle Konflikte zusammenfasst und löst, würde Freytag nicht nur als Kapitän, sondern auch als Vater bestätigt. Bemerkenswert ist, dass die Tat des Vaters, seine Selbstopferung, erst durch das unterstützende Eingreifen des Sohnes zum Ziel führt; beide sind am Schluss im Handeln vereint..

Ein Held im herkömmlichen Sinn ist Freytag aber nicht. Auch für ihn gilt, was Reich-Ranicki über die Figuren von Lenz sagt: “Nicht Kämpfer sind die wichtigsten Gestalten von Lenz, sondern passive Naturen, die sich verfolgt und bekämpft sehen. […] Sie wollen lediglich das Leben bestehen, sich gegen die auf sie einstürmenden Mächte verteidigen – das gilt für die Helden der frühen Romane ebenso wie für den Kapitän Freytag in der Erzählung Das Feuerschiff. Es sind immer Menschen in der Defensive, Opfer der zeitgeschichtlichen Verhältnisse oder des Lebens schlechthin.“[3] Freytag fehlt nicht nur die Aura des Helden, er ist auch in seinen Ansichten und Handlungen scheinbar widersprüchlich. Beispielsweise wirkt befremdend, dass Freytag als Kapitän der „Klintje“ die Versorgung der Hunger leidenden Menschen mit Weizen vom Ausgang der Ringkämpfe zwischen Kaxi und Besatzungsmitgliedern abhängig macht und er sich selbst sogar an den männlichen Kampfritualen beteiligt. Es spricht nicht für sein Verantwortungsbewusstsein und seine Souveränität, wenn er sich immer wieder auf die Befehle von Vorgesetzten und Amtsinhabern beruft, um seine Handlungsweise zu rechtfertigen und sich Diskussionen zu entziehen. Er hält starr an seiner Vorgabe, alle lebend nach Hause zu bringen, auch dann noch fest, als es bereits Tote auf dem Feuerschiff gegeben hat. Vor allem in der Levante-Episode, die ihn in einer äußersten Grenzsituation zeigt und die für ihn ein existentielles Erlebnis ist, wird nicht klar, wann sein Handeln an ganz bestimmten Prinzipien orientiert ist und wann er sich taktisch verhält. Zweifel oder gar Selbstzweifel sind ihm weitgehend fremd. Eine selbstkritische Überlegung des Kapitäns wie die folgende – es geht um Eintragungen ins Logbuch – hat Seltenheitswert: „[…] und der ewig wiederkehrende Schluß – keine besonderen Ereignisse – erschien ihm wie eine unbequeme Lüge, mit der er seine Versäumnisse zu decken versucht hatte oder seine Unfähigkeit, wirklich alles zu erfahren, was sich ereignet hatte.“ (S. 82) Freytags Gegnerschaft zu Caspary, dem personifizierten Bösen, beweist noch nicht, dass der Erzähler ihm die Rolle des guten Menschen zugedacht hat, so wenig wie der Schluss als Bestätigung dafür gelten kann, dass er im Recht war oder ist. Freytag ist ein unvollkommener und unheroischer Mensch, jemand, der seine Pflicht erfüllt, der sich klein macht und nicht in Erscheinung treten will, der vorführt, dass aus dem Bewusstsein seiner besonderen Verantwortung Angst, Zögerlichkeit und Vereinsamung erwachsen; auch deswegen erscheint er als Zauderer. Der Erzähler stellt seine Hauptfigur wegen ihrer Schwächen nicht bloß, sondern begleitet sie im Sinne einer künstlerischen Mitwisserschaft mit Verständnis und Zuneigung. „In den frühen Sechzigerjahren liebten es die Erzähler […], das durchschnittliche Leben als werthaft, sogar als einzig beachtenswert, darzustellen.“[4] Freytag könnte unbesehen als Repräsentant dieser Tendenz gelten, wenn er nicht am Schluss, als er sich für die allgemeine Wohlfahrt und gegen das eigene Leben entscheidet, geradezu über sich hinauswüchse und zum Helden wider Willen würde. Seine Tat erscheint als Ergebnis eines langwierigen Prozesses, sie geschieht nicht aus Leichtfertigkeit oder um ihrer selbst, sondern um der als richtig und notwendig erkannten Ziele willen und sie schließt die Bereitschaft zum persönlichen Opfer – auch des eigenen Lebens – ein.

Die Erzählung Das Feuerschiff erlaubt vor allem wegen ihrer historischen Abgehobenheit und ihrer Nähe zur Parabel mehrere Lesarten, die einander nicht ausschließen, aber doch anders akzentuieren:

In dem 1966 erschienenen Essay Mein Vorbild Hemingway nennt Lenz zunächst mehrere Gründe für die Faszination, die der amerikanische Autor auf ihn am Anfang seiner Schriftstellerkarriere ausgeübt hat; unter anderem erwähnt er die „Erfahrung, daß alle Konflikte des Menschen von der Kriegsregel bestimmt werden, und […] die Ansicht, daß ein einziger Augenblick ausreicht, einen Menschen zu überprüfen.“[5] Dem stellt er gegenüber, was er in späteren Jahren bei Hemingway vermisste: „[…] das ist die Zeit zwischen und nach den Niederlagen, das sind die Jahre der Entscheidungslosigkeit, das sind die Vorspiele und Nachspiele zu den Sekunden der Prüfung. […] Er [Hemingway] hatte sich damit begnügt, die Tat zu feiern – ich bestand darauf, auch verstehen zu lernen, was eine Tat begünstigt oder nachträglich widerlegt.“[6] Das Feuerschiff lässt sich wie eine literarische Beglaubigung dieser Zweifel an der Hemingway’schen Idealisierung der Tat um ihrer selbst willen, an einer unkritischen Verklärung des Männlichen, des Heldentums, der Tapferkeit und an der eindimensionalen Wahrnehmung von Wirklichkeit lesen. Lenz schreibt eine „Absage an ein pseudo-historisches Ideal des Kämpfers. Ihm wird das verantwortungsbewusste individuelle Handeln im Interesse anderer, der Gesellschaft, entgegengesetzt.“[7]

Das Feuerschiff kann auch als Modell rezipiert werden, das dem philosophischen Existenzialismus verpflichtet ist; danach ist die existenzielle Grundbefindlichkeit des Menschen durch seine problematische Freiheit zur Entscheidung zwischen allen denkbaren Möglich-keiten, durch seine Schuldhaftigkeit und durch seine Verlassenheit gekennzeichnet. Freytag wird in eine Grenzsituation gestellt, die ihn zu Entscheidungen zwingt, die er nicht treffen will, die ihn in Konflikt mit seinem Bedürfnis nach Ruhe und Harmonie bringen, die ihn von anderen Menschen entfernen und einsam machen, die zum Teil seinen eigenen Erfahrungen und Wertvorstellungen zuwiderlaufen und ihn – wie immer er entscheidet – schuldig werden lassen. Indem er sich opfert, verstößt er gegen die Pflicht, Leben – das höchste Gut – zu bewahren. Und doch realisiert er mit dieser nur scheinbar frei getroffenen und mit höchster Bewusstheit vollzogenen Entscheidung in der aufs Äußerste zugespitzten Situation am Ende der Erzählung seine Existenz. In einem Essay nennt Lenz zwei Kennzeichen solcher Grenzsituationen: „die Unmöglichkeit einer freien Entscheidung und die Möglichkeit, beliebig zu wählen“.[8]

Schließlich kann die Erzählung auch als „eine allegorische Analyse bedrohter Ordnung“ und als eine „Warnung vor allzu großen Sicherheitsgefühlen einer Öffentlichkeit, die glaubt, dass Deutschland bereits von den Bedrohungen der Diktatur befreit sei“, verstanden werden.[9] Das Feuerschiff hat die Aufgabe, die Folgen des Krieges und der Diktatur zu beseitigen und die neue Ordnung abzusichern. Gefahr droht ihm von außen durch eine scharfe Mine, einem Relikt der Vergangenheit, von innen durch den verantwortungslosen Abenteurer Caspary, der Chaos und Anarchie an die Stelle eines geordneten Zusammenlebens setzen will. Die größte Bedrohung aber liegt „in dem unkritischen Vertrauen der Menschen zu den Institutionen, die ihre Existenz ordnen. Die Gesellschaft muss einigen ihrer Mitglieder die Vollmacht erteilen, Ordnung zu halten, aber wenn diese Vollmacht delegiert worden ist, müssen alle aufpassen, wie sie gehandhabt wird“.[10] Es darf unterstellt werden, dass in die Erzählung Fragestellungen eingeflossen sind, die die politische Diskussion der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts bestimmt haben, zum Beispiel die Auseinandersetzungen um die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik („Ohne-mich-Haltung“ bei den Gegnern, „Lieber tot als rot“ bei den Befürwortern einer Wiederbewaffnung) oder um die ursprünglich beabsichtigte Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen und die damit verbundene Frage, wer über deren Einsatz verfügen darf. Und es darf vermutet werden, dass die öffentliche Diskussion über die Schuld der Nichttäter, also die Schuld derer, die selbst nicht aktiv waren, aber den Missbrauch von Gewalt im Dritten Reich toleriert und sich selbst mit dem System arrangiert haben, ihren Niederschlag gefunden hat. - Die zeitgeschichtliche Problematik, die möglicherweise den Anstoß gegeben hat, verflüchtigt sich allerdings bis zur Unkenntlichkeit.

Um den Leser für seine Fragestellungen und Themen zu gewinnen, entwickelt Lenz eine übersichtlich konstruierte Geschichte, die er auf eine traditionelle Weise erzählt. Die Handlung wird weitgehend linear dargeboten und ist auf die Schlussszene hin ausgerichtet. Umfangreichere Rückblenden, zum Beispiel Freytags Rechtfertigung seines Verhaltens auf der „Klintje“ und Casparys Lebensbeichte, stellen rein formal keine Abweichungen vom chronologischen Schritt-für-Schritt-Erzählen dar, weil sie Gesprächsbeiträge der beteiligten Figuren sind. Freytags Ausführungen haben wegen ihres Umfangs und ihrer Funktion für das Erzählganze viel größeres Gewicht als die Konfessionen Casparys, deren situative Angemessenheit vom Erzähler nur schwer plausibel gemacht werden kann. Freytags rückblickende Einlassung dagegen offenbart nicht nur den Grund für Freds Feindschaft gegenüber dem Vater, sondern führt exemplarisch eine Vater-Figur vor, die, wenn auch widerwillig, der jungen Generation Rechenschaft über die eigene Vergangenheit gibt, und sie verdeutlicht, dass Freytag bereits früher eine Ausnahmesituation ähnlich der jetzigen erlebt hat, dass er schon einmal auf die Probe gestellt worden war, dass er somit auf Erfahrungen zurückgreifen kann und dass er möglicherweise durch Zögern und falsches Verhalten Schuld auf sich geladen hatte.

Die Erzählperspektive ist so gewählt, dass der Erzähler kaum in Erscheinung tritt; er gibt nicht vor, allwissend zu sein; Einmischungen, Reflexionen, Kommentare, zukunftsgewisse Vorausdeutungen – alles Erzählmittel eines auktorialen Er-Erzählers – fehlen. Wahrheiten über das hinaus, was die Figuren tun und sagen, gibt es nicht. Beobachtungsfigur ist in der Regel Kapitän Freytag, durch ihn erfährt der Leser am meisten, er ist in fast allen Szenen präsent, durch seine und gelegentlich durch Freds und Gomberts Perspektive erlebt der Leser die Ereignisse auf dem Feuerschiff. Auffallend ist, dass der Erzähler trotz aller Nähe zu seiner Hauptfigur zurückhaltend ist, wenn es darum geht, deren Gedanken, Gefühle oder Bewusstseinsinhalte mitzuteilen. Erst zum Ende der Erzählung mehren sich Textstellen, die genaueren Aufschluss über die Gedanken- und Gefühlswelt des Kapitäns geben.

In seiner oft zitierten Rede, mit der Lenz sich für die Verleihung des Bremer Literaturpreises bedankt hat, bekennt er ausdrücklich, er „schätze nun einmal die Kunst, herauszufordern, nicht so hoch ein wie die Kunst, einen wirkungsvollen Pakt mit dem Leser herzustellen, um die bestehenden Übel zu verringern“.[11] Dass dieser Pakt tatsächlich zustande kommt, liegt sicher auch an seiner „recht konservativen und fein abgewogenen Erzähl- und Stiltechnik, die nicht immer auf den ersten Blick besticht, dafür aber von ehrlicher und deshalb umso eindringlicherer Bescheidenheit zeugt“[12], liegt zum Beispiel an seiner Fähigkeit, „Konflikte in den ungebrochenen Vorgang konventioneller Geschichten einzukleiden“[13] und spannend erzählen zu können. Lenz entfaltet im Feuerschiff einen weit gesteckten Spannungsbogen, der die gesamte Handlung auf die Duellszene am Schluss der Erzählung ausrichtet. Weil dies möglicherweise nicht ausreicht, den Leser zu fesseln, fügt er zum einen in wohl überlegten Abständen neue, unerwartete Handlungsimpulse ein (z. B. Schlägerei zwischen Zumpe und Eddie, Besuch des Versorgungsschiffs, Gefahr durch eine Mine), belässt es zum anderen oft bei Andeutungen, die ein Geschehen zunächst rätselhaft erscheinen lassen und in dem Leser den Wunsch nach Enthüllung und Aufklärung wecken. Der Pakt mit den Lesern wird befördert durch die Dominanz des Szenischen und durch die zahlreichen Dialoge, wodurch Ereignisse und Figuren in den Vordergrund gerückt werden, durch fast stereotyp wiederholte Handlungen, die zum Teil wie Leitmotive wirken und deutliche Hilfen zum Verständnis der Erzählung darstellen, durch eine manchmal recht vordergründige Verwendung markanter Symbole (z. B. Feuerschiff, Logbuch, Mine). Zum Einverständnis zwischen Erzähler und Leser trägt auch bei, dass der Erzähler sehr genau über seinen Erzählgegenstand Bescheid weiß. Dies zeigt sich etwa in der Präzision bei der Beschreibung von Gegenständen und Handlungsabläufen im Umfeld der Schifffahrt, in dem behutsamen Einsatz von Begriffen aus der seemännischen Fachsprache, in der Anschaulichkeit der Schilderung der Meereslandschaft, in der Fähigkeit, die Atmosphäre dieser Landschaft sprachlich heraufzubeschwören. Lenz versteht es schon in diesem Frühwerk meisterhaft, gegenständliche Genauigkeit und atmosphärische Dichte zu verknüpfen – „eine Kunst, in der ihm kein deutscher Gegenwartsautor gleichkommen dürfte“[14].

[...]


[1] Marcel Reich-Ranicki: Siegfried Lenz, der gelassene Mitwisser – 1963. In: Der Schriftsteller Siegfried Lenz. Urteile und Standpunkte. Hrsg. v. Colin Russ. Hamburg: Hoffmann und Campe 1973, S. 226

[2] Unterschiedlich stringente deterministische Erklärungen finden sich auch in anderen Werken, die der klassischen Schullektüre zuzurechnen sind. In Kleider machen Leute erklärt der Protagonist Wenzel Strapinski seine Vorliebe für den schönen Schein mit dem Einfluss der Mutter, die eine „feinere Art“ hatte und „wohl auch etwas eitel“ war.- Cardillac, Hauptfigur in E.T.A. Hoffmanns Fräulein von Scuderi, führt seine Begierde nach Diamanten und Goldschmuck darauf zurück, dass seine Mutter während der Schwangerschaft vom Schmuck eines Adligen so sehr geblendet wurde, dass sie sich auf ein Liebesabenteuer einließ, bei dem der Liebhaber starb. – Friedrich Mergel, die Hauptfigur in Droste-Hülshoffs Novelle Die Judenbuche, erscheint als Opfer schädlicher Einflüsse der Dorfgemeinschaft und falscher Erziehung, nicht als Träger freier, selbstbestimmter Willensentscheidungen.

[3] Reich-Ranicki, a.a.O., S. 223

[4] Hans Mayer: Deutsche Literatur 1945 – 1985. Berlin: Siedler 1998, S. 202

[5] Siegfried Lenz: Mein Vorbild Hemingway. In: Werkausgabe in Einzelbänden. Bd. 19: Essays 1. 1955 – 1982. Hamburg: Hoffmann und Campe 1997, S. 66

[6] Siegfried Lenz: Mein Vorbild Hemingway. In: Werkausgabe, Bd. 19, S.75

[7] Geschichte der deutschen Literatur. Bd. 12: Literatur der BRD. Berlin: Volk und Wissen 1983, S. 492

[8] Siegfried Lenz: Der unspaltbare Nachtkern. Werkausgabe, Bd. 19, S. 108

[9] Kenneth Eltis: Siegfried Lenz und die Politik. In: Der Schriftsteller Siegfried Lenz, a. a. O., S. 85 und 87

[10] Eltis, a. a. O., S. 86 – Lenz selbst stützt eine eher politische Deutung; im Zusammenhang mit seiner Erzählung

Das Feuerschiff fragt er: „Wann merken wir, wann können wir merken, daß die Institutionen der Sicherheit

mit den Falschen besetzt sind, die nur ein vertrackter, äußerlicher Zwang dazu anhält, die Spielregeln der

Ordnung zu beachten? Ist es möglich, daß auf den einkommenden und seegehenden Schiffen nur nach den

Signalen gefragt wird und nicht nach denen, die diese verpflichtenden Signale geben? Und was muß wirklich

geschehen, wenn die Mächtigen ein Signal in ihrem Sinne geben?“

[11] Siegfried Lenz: Der Künstler als Mitwisser. Eine Rede in Bremen. In: Werkausgabe, Bd. 19, S. 87

[12] Albert R. Schmitt: Schuld im Werke von Siegfried Lenz. Betrachtungen zu einem zeitgemäßen Thema. In: Der Schriftsteller Siegfried Lenz, a. a. O., S. 96

[13] Johann Lachinger: Siegfried Lenz. In: Der Schriftsteller Siegfried Lenz, a. a. O., S. 237 - 259

[14] Dieter Borchmeyer: Wind in den Knoten. Die späte Meisterschaft des Siegfried Lenz. In: Die Zeit 42/1999 (14.10.1999), Literatur S. 8

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Handreichung für den Deutschunterricht zu Siegfried Lenz: "Das Feuerschiff"
Autor
Jahr
2014
Seiten
52
Katalognummer
V273337
ISBN (eBook)
9783656665823
ISBN (Buch)
9783656665816
Dateigröße
4628 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es handelt sich um eine Veröffentlichung, die 2000 im Cornelsen Verlag erschienen war - im Rahmen der Reihe "Klassische Schullektüre".
Schlagworte
Siegfried Lenz, Das Feuerschiff, Literaturunterricht, Deutschunterricht, Erzählung, Roman, Klassenlektüre, Mittelstufe, Sekundarstufe I, Literatur nach 1945, Schule, Heldentum
Arbeit zitieren
Dieter Seiffert (Autor), 2014, Handreichung für den Deutschunterricht zu Siegfried Lenz: "Das Feuerschiff", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273337

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