Finanzspekulationsblasen. Entwicklung, Verlauf, Auswirkungen und Lösungen


Facharbeit (Schule), 2014
97 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1.0 Ausloser und Grundlagen von Spekulationsblasen
1.1 Neoklassische Kapitalmarkttheorie
1.1.1 DerHomo Oeconomicus (derrationaleAnleger)
1.1.2 Random-Walk-Theory
1.1.3 Erwartungsnutzentheorie
1.1.4 Effiziente Markte
1.2 Behavioral Finance
1.2.1 Befragungen:
1.2.2 Experimente:
1.2.3 Hirnmessungen:
1.2.4 Die Neubewertung des Homo Oeconomicus zum Homo Oeconomicus Humanus
1.3 Auslosungs- und Verstarkungsfaktoren von Spekulationsblasen
1.3.1 Massenpsychologie:
1.3.2 Herdenverhalten
1.3.3 Zusammenfassung:

2.0 Historische Spekulationsblasen
2.1 Ursprung des Begriffs
2.2 Anatomien von Spekulationsblasen
2.2.1 Auslosung
2.2.2 Boom
2.2.3 Euphorie
2.2.4 Ende der Euphorie
2.2.5 Crash
2.3 1634bis37: Die Tulpenkrise
2.4 Der Crash 1929
2.5 Die Dotcom-Blase
2.6 Die Subprime-Krise ab 2007
2.7 Aktuelle Lage: Der nachste Crash?

I. Exkurs: Spekulation aufGrundnahrungsmittel
0 Einleitung
I.I... Hunger durch hohe Lebensmittelpreise
I.II Nahrung als Kapitalanlage
I.III ,,Nutzliche" und „exzessive" Spekulation
I.IV Stellungnahmen der Investmentbanken
I.V Regulierungen, um Leben zu retten
I.V.I Positionslimits
I.V.IIHohere Transparenz
I.VIII Erhohung der Margin-Rate
I.V.IVInstitutionelle Investoren und Zertifikate von Rohstoffmarkten verbannen
I.VI Schluss

3.0 Aus den Krisen gelernt?
3.1 Neuregulierungen
3.2 Wege zu einem besseren Bankensystem
3.2.1 Eigenkapital weitererhohen
3.2.2. Verbriefung stoppen
3.2.3 Weiterentwicklung derRatingagenturen
3.2.4 Grofebanken zerschlagen?
3.2.5 Wandel der Vergutungssysteme
3.2.6 Bankenhospital zwischen Bad Bank and Verstaatlichung
3.3 Was bringtdie Zukunft?

PraktischerTeil
I - Praktikum
II - Ein Borsenversuch
Investmen tstrategie
Kauf- Patrizia AG
Kauf- Facebook Inc.
Kauf-KPS AG
Kauf-BayWaAG
Kauf- Apple Inc.
Kauf- Deutsche Post.
VerkaufFacebook Inc.
Abschluss
Ruckblick

4.0 Glossar wirtschaftlicher Fachbegriffe

5.0 Anhang/Quellen
5.1 Literarische Quellen
5.2 Quelle Verwendeter Zitate
5.3 Genutzte Programme und Software
5.4 Danksagung

0 Einleitung

Was ist Wahnsinn? Immer das Gleiche zu tun und ein anderes Ergebnis zu erwarten. (Albert Einstein)

Im Oktober 2008 stand die Welt kurz vor dem Kollaps des globalen Finanzsystems. Aktienmarkte brachen ein, Geldmarkte froren ein, unzahlige, verangstigte Burger versuchten ihr Erspartes von den Banken abzuziehen und zu retten. Einige Staaten planten die Verstaatlichung des gesamten Bankenwesens.

Alles begann 2007 mit der Krise am US-Hausermarkt - und am Ende stand die Weltwirtschaft vor einer drohenden Depression, wie sie zuletzt 1929 herrschte. Viele fragten sich, ob wir und die Gestalter unseres Finanzsystems wirklich nichts aus der Vergangenheit gelernt hatten. Denn das einzig Uberraschende an dieser Krise war, dass sie fur viele so uberraschend kam. Sie war das lehrbuchhafte Beispiel einer bekannten Spekulationsblase, die sich nur in anderem Gewand prasentierte.

Mit unglaublicher Wucht traf diese Krise die erstaunlich unvorbereitete Finanzwelt. Allein der deutsche Staat musste 630 Milliarden Euro als Hilfen und Burgerschaften fur die Banken, sowie 115 Milliarden Euro als Burgerschaften fur Privatunternehmen und 84 Milliarden Euro fur Konjunkturprogramme zur Verfugung stellen. Zum Vergleich: Der deutsche Bundeshaushalt 2013 betrug ca. 300 Milliarden Euro. Die Politik warf nahezu spielerisch Milliarden auf den Markt, um der Finanzkrise Herr zu werden. Unfassbarkeit und Wut konnen aus meiner Sicht entstehen, denkt man an die herbeigefuhrte Belastung zukunftiger Generationen.

Nach dem Platzen der Blasen 2008 wurde verzweifelt nach dem Schuldigen der Misere gesucht. Die Presse durchleuchtete die Krise anhand einer Vielzahl von Einzelschicksalen, die personliche Verfehlungen, Gier und menschliches Versagen in den Mittelpunkt stellten.

Unverstandnis fur diese blinde Gier der Finanzteilnehmer breitete sich aus. Der Wahnsinn im Sinne Einsteins, ,,immer das Gleiche zu tun und ein anderes Ergebnis zu erwarten", schien Realitat geworden zu sein.

Okonomen schilderten das Problem dagegen weniger auf der Ebene individueller Verfehlungen, als im Abbild von Systemfehlern, die es zu beheben gelte.

Der Wohlstand eines Landes ist das Zusammenwirken von Millionen menschlicher Einzelentscheidungen, die hauptsachlich durch institutionelle Spielregeln begrenzt werden konnen, in Form von Gesetzen und Verordnungen.

Dass Menschen gierig sind ist bedauerlich, aber wohl kaum anderbar. So mussen wohl die Spielregeln, die Platz fur die unlautere Vorteilsschaffung Einzelner auf Kosten der Existenzvernichtung vieler Menschen bieten, untersucht und einer Neuordnung unterzogen werden. Es muss ein Finanzsystem geschaffen werden, das den angestrebten Eigennutzen der Akteure kanalisiert, sodass deren durchaus vorhandene Produktivitat und Kreativitat der ganzen Marktwirtschaft zugutekommt.

Eine gewisse Fassungslosigkeit uber die Entstehung der Spekulationsblase, wie auch die Reaktion auf die Krise, weckte in mir den Wunsch, Hintergrunde und die dafur verantwortlichen Systeme besser verstehen zu konnen und Antworten auf Fragen zu finden, wie:

Wer oder was hat eine Spekulationsblase zu verantworten? Warum werden wir immer wieder vom Platzen einer Spekulationsblase uberrascht? Konnen wir etwas aus der Erfahrung von fruheren Finanzblasen zu lernen? Lassen sich Erfahrungen aus der Vergangenheit uberhaupt in die heutige Finanzwelt ubertragen? Wie konnen Spekulationsblasen aus der Sicht der Experten verhindert werden? Sind sie uberhaupt zu verhindern?

In drei Kapiteln versuchte ich den Antworten naher zu kommen.

Kapitel 1 beschreibt die alten neoklassischen Kapitalmarktteorien und schlagt einen Bogen zur Behavioral Finance, der Lehre, die Finanzteilnehmer nicht mehr als rein rational handelndes Individuum, sondern als menschliches Wesen mit Gefuhlen sieht. Nur wenn wir verstehen, dass psychologische Faktoren erheblichen Einfluss auf die Finanzwelt ausuben, kann ein Schlussel zum Verstandnis von Finanzkrisen gefunden werden. AnschlieRend werden in Kapitel 2 die wichtigsten historische Spekulationsblasen vorgestellt. Es wird erkennbar, wie sehr sich die Verlaufsmuster der Blasen ahneln.

Abschlieteend, in Kapitel 3, mochte ich die bislang umgesetzten politischen Regulierungen zur bewaltigung von Krisen analysieren und weitere Losungsverschlage aufzuzeigen:

Uberspannendes Ziel dieser Arbeit ist es, Zusammenhange zu begreifen und Erkenntnisse zu gewinnen, die vor dem Hintergrund der Spekulation, zu einem faireren, gesunderes und verantwortungsvolleres Finanzsystem beitragen konnten.

"Wenn du den Wert des Geldes kennenlernen willst, versuche, dir welches zu leihen."

Benjamin Franklin „Es ist nicht schwer, Menschen zu finden, die mit 60 Jahren zehnmal so reich sind, als sie es mit 20 waren. Aber nicht einer von ihnen behauptet, er sei zehnmal so glucklich.“ George Bernard Shaw

1.0 Ausloser und Grundlagen von Spekulationsblasen

1.1 Neoklassische Kapitalmarkttheorie

,,Wie soil sich ein Investor verhalten?"

Unter der neoklassischen Kapitalmarkttheorie versteht man eine Familie von wirtschaftswissenschaftlichen Ansatzen, die ihre Entstehungszeit in der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts hatten und nachfolgend immer wieder uberarbeitet wurden. Sie gilt in der Wissenschaft als eine der bedeutendsten Theorien zur Bewertung von Aktienpreisen an Finanzmarkten.

Sie geht von idealen, vollkommenen und vollstandigen Markten aus. Dies setzt voraus, dass alle Marktteilnehmer neben gleichem Informationsstand auch die gleichen Entscheidungsprozesse verwenden und jeder Marktteilnehmer das gleiche rationale Verhalten aufweist. Jede Abweichung von den mndamentalwerten sieht die Theorie als Zufall und willkurlich an, sodass diese sich dadurch im Spiegel zu anderen zufalligen Abweichungen selbst wieder aufhebe. Ein fehlbewerteter Markt korrigiere sich durch Arbitrage demnach auch selbst. Somit geht die neoklassische Kapitalmarkttheorie von vollkommenen Markten aus, bezieht sich hauptsachlich auf zwei Leitbilder, dem rein rational handelnden homo oeconomicus und der Annahme von effizienten Markten. Im Verlauf dieses Kapitels mochte ich die Hauptaspekte der Theorie vorstellen, damit eine Abgrenzung zu der Lehre vom irrationalen Anleger erfolgen kann.1

1.1.1 Der Homo Oeconomicus (der rationale Anleger)

Das Konzept des homo oeconomicus bildet die Grundlage der neoklassischen Kapitalmarkttheorie. Es wird davon ausgegangen, dass der Ursprung dieses Konzepts auf die Gelehrten des 18. Jahrhunderts zuruckgeht, die Zeit der klassischen Nationalokonomie. Als Begrunder gilt Adam Smith, ein schottischer Moralphilosoph und Aufklarer. Das Ziel des Konzeptes ist es wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen zu erklaren und vorherzusagen.

Das Prinzip des homo oeconomicus geht davon aus, dass der Mensch ein absolutes Eigeninteresse verfolgt, die eigenen Ziele und Vorstellungen im Vordergrund stehen. Er ist das Idealbild eines Marktteilnehmers, der ausschlietelich seinen Nutzen unter den Annahmen von Effizienz, Wirtschaftlichkeit und Zweckrationalitat maximiert und zusatzlich uber vollstandige Informationen verfugt. Da an Finanzmarkten jede Entscheidung Unsicherheiten mit sich bringt, muss der homo oeconomicus seine Entscheidungen unter Unsicherheiten treffen. Somit ist er gezwungen, Wahrscheinlichkeiten in seine Entscheidungen mit einzurechnen, was er im Rahmen der Erwartungsnutzentheorie wiederum rein rational umsetzt. Des Weiteren lasst sich der homo oeconomicus von keinerlei Emotionen wie Freude, Gier, Euphorie, Angst und Panik leiten, sondern hat die Fahigkeit vollig rational begrundete Entscheidungen zu treffen.

Die Annahme eines homo oeconomicus ist mittlerweile, aufgrund der Vernachlassigung der Realitat und der Komplexitat des einzelnen Menschen als Individuum, starker Kritik ausgesetzt. Nicht-rationale Beweggrunde fur wirtschaftliches Verhalten ignoriert die Theorie, obwohl Studien belegen, dass Marktteilnehmer kaum rein rational handeln und zudem nicht in der Lage sind, alle relevanten Informationen zu erfassen und korrekt zu verarbeiten. Trotz vieler Schwachpunkte ist das Konzept in Teilbereichen bis heute anwendbar, zum Beispiel bei der Analyse von systematischen Reaktionen auf Veranderungen der Umwelt.2

1.1.2 Random-Walk-Theory

Die Geschichte der Random-Walk-Theory, haufig auch als ,,Theorie der symmetrischen Irrfahrt" bekannt, begann am 19. Marz 1900, als Louis Bachelier seine Dissertation mit dem Titel ,,Theorie de la Speculation" erlauterte. Er behauptete in seiner Arbeit bewiesen zu haben, dass die Terminkurse an der Pariser Borse fur Staatsanleihen einem zufalligen Muster folgten. Davon ausgehend, seien keine systematischen Gewinne auf Seiten der Spekulanten moglich.

Der Grundgedanke der Theorie besagt, dass alle relevanten Fakten bereits in den Kurswerten von Finanzprodukten eingepreist sind. Die Walk-Theorie geht also davon aus, dass alle wirtschaftlichen und politischen Prozesse der vorangegangen Zeit sich schon im Preis einer Aktie widerspiegeln und keinen Einfluss mehr auf zukunftige Kursentwicklungen haben. Nur durch das Hinzukommen neuer Faktoren veranderten sich die Preise; diese Veranderungen konnten aber nicht vorher erkannt werden. Demzufolge gebe es keine Systematik, nach der zutreffende Prognosen uber Kursentwicklungen getroffen werden konnten. Somit folgten, zumindest aus Investoren- Sicht, die Kurse Zufallskriterien.3

1.1.3 Erwartungsnutzentheorie

Die neoklassische Kapitalmarkttheorie geht von einem rational handelnden Marktteilnehmer (homo oeconomicus, vgl. Kapitel 1.2) aus, der stets nach Nutzenmaximierung strebt. Jede Entscheidung an Finanzmarkten birgt Unsicherheiten. Deswegen sei der homo oeconomicus gezwungen Wahrscheinlichkeiten in seine Entscheidungen mit einzurechnen, was er im Rahmen der Erwartungsnutzentheorie umsetzt. Nach der Erwartungsnutzentheorie besitze jeder Marktakteur vollen Informationsbestand. Er kenne somit alle Chancen und Risiken. Nach der Theorie betrachtet er Chancen und Risiken in einem Verhaltnis und kann dadurch die bestmogliche Anlageentscheidung treffen.4

1.1.4 Effiziente Markte

Finanz- und Kapitalmarkte wurden bis heute stark von der Theorie effizienter Markte gepragt. Sie basiert auf der Random-Walk-Hypothese und wurde von dem amerikanischen Okonom Eugene Fama ausgearbeitet. Sie geht davon aus, dass alle verfugbaren Informationen sich in dem Preis eines Gutes widerspiegln, wodurch es keinen Raum fur Stimmungen am Markt gebe. Fama hat seine Theorie in drei Abstufungen eingeteilt: in die ,,weak-form efficiency" (schwache Markteffizienz), die semi-strong-form efficiency (halbstrenge Markteffizienz) und die strong-form efficiency (starke Markteffizienz).

Bei der schwachen Markteffizienz-Theorie wird davon ausgegangen, dass lediglich vergangene Informationen im Marktpreis enthalten seien. Somit konnten mittels der technischen Analyse, die vergangene Preisbewegungen analysiert, keine Uberrenditen erzielt werden. Da allerdings nur vergangene Informationen im Preis enthalten sind, ist es moglich, durch Berucksichtigung von offentlich zuganglichen Informationen, Gewinne zu erzielen.

Die halbstrenge Form der Markteffizienz beinhaltet, dass zusatzlich zu den vergangenen Daten, auch samtliche offentlich zuganglichen Informationen im Marktpreis enthalten seien. Demzufolge gebe es keine uber- oder unterbewerteten Wertanlagen. Mit Hilfe der Fundamentalanalyse lasse sich keine Uberrendite erzielen, da neue Informationen unmittelbar in den Preis einflieRen wurden. Nur durch Ausnutzen von Insider- Informationen konnen bei dieser Theorie marktubertreffende Gewinne erzielt werden. Die Annahme von streng effizienten Markten hingegen geht davon aus, dass alle vergangenen, offentlichen und sogar Insider-Informationen unverzuglich in den aktuellen Kursen verarbeitet werden. Daraus folge, dass es keinerlei Informationen gebe, die zur Erzielung von Uberrenditen geeignet seien.

Die Kursentwicklungen an den Finanzmarkten lassen aber die Frage aufkommen, ob es effiziente Markte uberhaupt gibt, da starke Preisschwankungen, ohne fundamental ersichtliche Grunde, immer wieder auftreten und nicht logisch erklarbar sind. Zudem bietet das Model der Markteffizienz weder Platz fur Psychologie und Gefuhle, noch fur Boom- und Crash-Ablaufe. Da wir Letzteres aber in der Realitat schon mehrfach erlebt haben, scheint die Theorie der effizienten Markte, aber auch generell die neoklassische Kapitalmarkttheorie, nicht in der Lage, unser Marktsystem ausreichend zu erklaren. Hier kommt die Frage auf, wie diese Modelle uberhaupt zu solcher Bedeutung gelangen konnten.

Uber Jahrzehnte hinweg wurden die neoklassischen Modelle, trotz ihrer rein theoretischen Annahmen, gelehrt. Dies konnte hauptsachlich dem Grund geschuldet sein, dass es lange Zeit keine Alternativen gab, mit deren Hilfe Finanzmarkte abgebildet werden konnten. Weiter wurde fur die neoklassische Theorie argumentiert, dass die Modelle bei „normalen" Handelsbewegungen gut funktionierten.

Aus der Unzulanglichkeit der Kapitalmarkttheorie, jede Marktbewegung nachvollziehen zu konnen, entwickelte sich seit Mitte der 1950er Jahre die Behavioral Finance, bei der psychologische Aspekte in die Finanzmarktforschung mit einbezogen werden.5

„Geld: der Punkt, den Archimedes suchte, um die Welt aus den Angeln zu heben.“

Bloor Schleppey

"Geld allein macht nicht glucklich. Es gehoren auch noch Aktien, Gold und Grundstucke dazu."

Danny Kaye

"Reich sind nur die, die wahre Freunde haben." Thomas Fuller

1.2 Behavioral Finance

Die Lehre vom irrationalen Anleger ,,Wie verhalt sich ein Investor?"

In Kapitel 1.2. wurden die zu erwartenden Verhaltensweisen des homo oeconomicus aus Sicht der neoklassischen Kapitalmarkttheorie beschrieben und untersucht. Es wurden die Grundanliegen der Theorie und ihre Anliegen vorgestellt. Dabei wurde versucht, die Abweichungen gegenuber den realen Marktbedingungen hervorzuheben.

Im folgenden Kapitel wird der nicht rein rational handelnde Investor (homo oeconomicus humanus), unter der Sicht der Behavioral Finance vorgestellt.

Ziel der Behavioral Finance ist es, Erkenntnisse uber Verhaltensweisen von Marktteilnehmern zu gewinnen, um Eigenschaften der Kapitalmarkte definieren zu konnen und das Marktgeschehen hinreichend zu erklaren. Dies ist besonders notwendig, wenn die Annahmen der neoklassischen Kapitalmarkttheorie die realen Marktbewegungen nicht hinreichend erklaren konnen (Boom- und Crash-Ablaufe). Die Behavioral Finance bedient sich, um das Verhalten von Marktteilnehmern zu untersuchen, mehreren Methoden wie Befragungen, Experimente und Hirnmessungen.

Im Folgenden werden diese drei Untersuchungsmethoden anhand von Beispielen vorgestellt und die daraus gewonnen Erkenntnisse dargestellt, die genutzt wurden, um eine Abgrenzung von der neoklassischer Verhaltensokonomie und der Behavioral Finance zu schaffen.

1.2.1 Befragungen:

Zu Anfang der Ausarbeitung der Behavioral Finance haben Wissenschaftler die Moglichkeit von Befragung angewandt, um bestimmte Verhaltensmuster erkennen zu konnen. Die Ergebnisse zeigten, dass der Mensch bei Denkprozessen, bei denen er mit einer Fulle von Informationen umgehen muss, auf sogenannte Heuristiken, Abkurzungen im Denkprozess, zuruckgreift.

Beispiel 1

Einschatzung von Wahrscheinlichkeiten

Befragte schatzen die Wahrscheinlichkeit, dass sie beim Schwimmen in einem salzwasserhaltigen Meer ums Leben kommen, ohne zusatzliche Informationen anders ein, als wenn sie aufgrund eines gut vorstellbaren Szenarios im Wasser ihr Leben verlieren.

Die Wahrscheinlichkeit wird zum Beispiel hoher eingeschatzt, wenn der Lebensverlust durch einen Hai-Angriff erfolgt.

Die Einschatzung von Wahrscheinlichkeiten steht in direktem Zusammenhang mit der Vorstellungskraft. Kurz gesagt bedeutet dies: Was wir uns besser vorstellen konnen, empfinden wir als wahrscheinlicher. Diese Vereinfachung unseres Denkens verleitet uns oftmals zu Fehleinschatzungen von Wahrscheinlichkeiten und Risiken, was auch im Finanzwesen zu extremen okonomischen Problemen fuhren kann.

Die Erwartungsnutzentheorie wurde durch diese Erkenntnis stark in Frage gestellt, da bestatigt wurde, dass Marktakteure nicht in der Lage sind, Chancen und Risiken stets richtig einzuschatzen. Unsere Vorstellungskraft hindert uns so an rein rationalen Entscheidungen gemaR der Erwartungsnutztheorie.

1.2.2 Experimente:

Experimente bieten eine neue Moglichkeit Verhaltensweisen von Menschen zu erforschen. Hierbei werden haufig bestimmte Tatigkeitsablaufe von Teilnehmern nachgespielt, wobei es sich haufig um reales Geld handelt. Das am meisten vorkommende Testspiel ist wohl das Ultimatum-Spiel. Dabei kann nicht nur das Muster der Wahrnehmung der Marktteilnehmer untersucht werden, sondern es gibt auch Aufschluss daruber, was ihnen wichtig ist und sie antreibt.

Beispiel 2

Das Ultimatum-Spiel gibt Aufschluss daruber, wie zwischen zwei Menschen Fairness und Kooperation besteht. Es geht darum, dass Spieler 1 einen Geldbetrag erhalt und diesem mit Spieler 2 teilen soll. In welchem Verhaltnis er das erhaltene Geld aufteilt ist ihm uberlassen. Nimmt allerdings Spieler 2 das Angebot nicht an, weil er seinen Teil als zu niedrig empfindet, gehen beide leer aus.

Oftmals ist zu beobachten, wie Spieler 2 die angebotene Summe opfert, die er erhalten konnte, weil er die Teilung als ungerecht empfindet. Dies ist logisch betrachtet ein irrationaler Vorgang, da er aus Krankung lieber nichts annimmt als einen zumindest kleinen Betrag zu erhalten.

Auch dieses Forschungsergebnis stellt die Erkenntnisse der neoklassischen Theorie stark infrage. Denn es wird belegt, dass wir uns bei Finanzentscheidungen nicht nur nach dem maximalen Profit richten, sondern durch Emotionen und Gefuhle geleitet und beeinflusst werden.

1.2.3 Hirnmessungen:

Die moderne Hirnforschung stellt eine weitere sehr effiziente Variante dar, um das tatsachliche Verhalten von Marktteilnehmern zu erforschen. Diese Messungen helfen Aufschluss zu geben, welcher Teil des Gehirns aktiv wird, wenn ein Individuum eine Entscheidung trifft.

Beispiel 3

Versuchspersonen wurden mehrere Produkte gezeigt. Vorerst war nur das Produkt zu sehen, anschlieteend wurde der Preis hinzugefugt. Die Probanden sollten sich fur ein Produkt entscheiden und dieses kaufen.

Die Messungen der Gehirnstrome zeigten, dass bei verschiedenen Informationsaufnahmen (Produkt oder Preis) verschiedene Hirnregionen aktiv waren.

War nur das Produkt zu sehen, aktivierte sich der Teil des Gehirns, der fur die Vorfreude zustandig ist. Wurde allerdings der Preis des Produkts dargestellt, aktivierte sich der Teil des Gehirns, der fur Schmerz und Geldverlust zustandig ist. Die Aktivitat dieses Bereichs beeintrachtigt den Kauf-Impuls.

Dieses Experiment hebt hervor, wie Menschen bei Konsumentscheidungen zwischen dem Genussgefuhl, das Produkt zu erhalten, und dem Schmerz, Geld abgeben zu mussen, abwagen.

Kreditinstitute machten sich diese Erkenntnis zunutze und entwickelten Kredit- und Konsumentenkarten. Diese verhindern das unmittelbare Schmerzgefuhl, da das Produkt nicht sofort bezahlt werden muss. Darauf lasst sich zuruckfuhren, dass in den USA und in Europa die Verschuldung mit Kreditkarten immer weiter anwachst.

Auch dieses Forschungsergebnis hebt die Abwendungen der neoklassischen Kapitalmarkttheorie gegenuber der Realitat hervor. Durch die Aktivierung des fur Schmerz zustandigen Hirnareals bei Geldverlust konnen auch Investments, die aus wirtschaftlicher Sicht ideal waren, verhindert werden. Das fehlerfreie Streben des homo oeconomicus nach Effizienz, Wirtschaftlichkeit und Zweckrationalitat ist durch das beschriebene Phanomen kaum moglich.

1.2.4 Die Neubewertung des Homo Oeconomicus zum Homo Oeconomicus Humanus

Auf der Grundlage der drei vorgestellten Verhaltensuntersuchungen hat die Behavioral Finance seit Beginn der 1980iger Jahre eine Neubewertung des homo oeconomicus in Form des homo oeconomicus humanus vorgenommen. Der Mensch wird nicht mehr als rein rational handelnder Marktteilnehmer gesehen, sondern als Individuum, das von Denkabkurzungen zu begrenzt rationalem Verhalten gelenkt wird und nach seiner eigenen Vorstellungvon Fairness und Rationalitat handelt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die neue Forschungsrichtung der Behavioral Finance erklart das Geschehen auf den Finanzmarkten unter Einbeziehung von menschlichen Verhaltensweisen. Das Verhaltenskonzept wurde ausgearbeitet um jede Marktbewegung (auch Boom- und Crash-Ablaufe) erklaren und aufzeigen zu konnen. Durch verschiedene Verhaltensforschungen die auf Befragungen, Experimenten und Hirnmessungen beruhen, wurde bewiesen, dass der Mensch nicht wie in der neoklassischen

Kapitalmarkttheorie rein rational handelt, sondern von Emotionen getrieben und von anderen Marktteilnehmern beeinflusst, immer wieder Fehlentscheidungen trifft.6

1.3 Auslosungs- und Verstarkungsfaktoren von Spekulationsblasen

Wenn wir die Geschichte der Finanzmarkte betrachten, betrachten wir auch die Geschichte der Spekulationsblasen. Wie ein roter Faden ziehen sie sich, angefangen im 16. Jahrhundert mit der weitbekannten Tulpenmanie bis hin zur letzten Subprime-Krise 2007-08, durch die Finanzgeschichte (vgl. Kapitel 2). Doch wie entstehen diese matelosen Ubertreibungen, die meistens in Panikverkaufen enden? Durch was werden sie verstarkt? Allein auf rationales Anlageverhalten lassen sie sich nicht zuruckfuhren, weswegen in Kapitel 1.2 der homo oeconomicus humanus, der nicht rein rational handelnder Investor, vorgestellt wurde, welcher als Ausloser des Hypes agiert.

Im folgenden Kapitel werden, auf der Grundlage des irrational handelnden homo oecnonomicus humanus, psychologische Auslosungs- und Verstarkungsfaktoren fur Spekulationsblasen vorgestellt.

Nicht durch einen einzigen Sachverhalt und ein plotzliches Ereignis wird eine Spekulationsblase ausgelost. Vielmehr eine Verkettung von Ereignissen fuhrt zu einer andauernden Ubertreibung der Borsen- oder Anlagepreise.

Ein wichtiger Faktor hierbei ist die soziale Ansteckung durch das Boom-Denken. Allgemeine Beobachtungen und mediale Berichterstattungen, die von schnell steigenden Wertpapierkursen berichten, fordern den Glauben an weitere Preissteigerungen. Geschichten entstehen und vermeintliche Belege fur die Anstiege werden gefunden und die Fortsetzung des Booms gewinnt mehr und mehr an Glaubwurdigkeit. Diese Geschehnisse konnen als Feedback Theorie verstanden werden. Steigende Kurse geben das „Feedback", dass der Boom anhalt, was weitere Markteilnehmer zu Kaufen verleitet, was wiederum zu weiter steigenden Kursen fuhrt. Der Boom nahrt den Boom. Diese Entwicklung wird als eine der Ursachen fur Spekulationsblasen an Kapitalmarkten gesehen.

Eine weitere Ursache fur eine Blasenbildung ist ein Ansteckungseffekt unter Finanzakteuren, der mit einer Epidemie verglichen werden kann.

Ahnlich wie Epidemien brechen auch Spekulationsblasen von Zeit zu Zeit aus. Um die Ausbreitung solcher Finanzepidemien zu beschreiben, nahmen sich Finanzokonome die Theorie der „Epidemiologie" aus dem Gesundheitsbereich zur Hilfe, um so das Verhaltensmuster einer solchen „Massenerkrankungen" besser erklaren zu konnen. Grundlegend basiert die Theorie auf zwei Aspekten: der Ansteckungs- und Abklingrate. Die Ansteckungsrate gibt Aufschluss daruber, mit welcher Rate die Ansteckung von Person zu Person weitergegeben wird. Die Abklingurate beziffert die Quote der Erkrankten, die genesen oder sterben und somit nicht mehr ansteckend sind. Wenn die Ansteckungsrate die Abklingquote dauerhaft ubersteigt, bricht eine Epidemie aus. Die Ansteckungsrate entwickelt sich dabei auf der Grundlage bestimmter Faktoren.

Im Gesundheitsbereich z.B. ist die Witterung ein Bestimmungsfaktor. Wenn die Temperaturen sinken, ist die Gefahr einer Grippe hoher, da sich Viren bei niedrigen Temperaturen besser ausbreiten konnen.

In der Finanzwelt verlauft die Ausbreitung einer Epidemie ahnlich. Nach gewisser Zeit ubersteigt die Ansteckungsrate, auf Grund eines oder mehrerer Faktoren, die Abklingrate und eine optimistische Marktstimmung breitet sich aus. Sobald die Argumente die steigende Kurse stutzen, Anklang gewinnen und von der breiten Gesellschaft der Marktteilnehmer angenommen werden, ubersteigt die Ansteckungs- die Abklingrate. Die Epidemie gerat auRer Kontrolle.

Dieser „Ansteckungseffekt" verdeutlicht wie stark Marktteilnehmer sich von anderen Investoren beeinflussen lassen. Fehleinschatzungen einzelner konnen sich durch diesen Ansteckungseffekt auf die breite Mehrheit ubertragen, wodurch fundamental nicht gerechtfertigte Preisanstiege moglich sind.

Die Ansicht der neoklassischen Theorie, dass einzelne zufallige Fehlbewertungen sich im Spiegel zu anderen Fehlbewertungen wieder aufheben, ubersieht den Ansteckungseffekt durch den eine falsche Entscheidung aufviele ubertragen werden kann.

Aufgrund der enormen Auswirkungen solcher Masseneffekt wurde in den letzten Jahren ein neuer Verhaltensokonomischer Zweig, das Herdenverhalten auf Finanzmarkten, ausgearbeitet. Im Folgenden mochte ich einen Bogen uber Massenpsychologische

Aspekte, die auf den Aussagen von Gustave le Bon basieren, hin zu den modernen Ansichten des Herdenverhaltens aufFinanzmarkten machen.7

1.3.1 Massenpsychologie:

Wie im vorherigen Abschnitt beschrieben, basieren Spekulationsblasen haufig auf Boom-Geschichten, wobei steigende Kurse zu weiteren Preisanstiegen fuhren. Dabei spielen Marktteilnehmer, die sich aneinander orientieren, eine tragende Rolle. Der Mensch als soziales Wesen sucht immer Zugehorigkeit und gleichzeitig auch Leitfiguren, um mit dem Strom schwimmen zu konnen. Massenpsychologische Aspekte spielen somit eine tragende Rolle auch im Finanzwesen.

,,Die Gesamtheit ist nun das geworden, was ich als psychologische Masse bezeichnen will". Dies schrieb Gustave Le Bon 1895 in seinem Hauptwerk ,,Psychologie der Massen" und schuf damit erstmals den Ausdruck von psychologischen Massen. Le Bon war ein franzosischer Arzt, widmete sich anthropologischen Studien und gilt als Begrunder der Massenpsychologie. Diese beschaftigt sich mit drei Hauptanliegen: Das Verhalten von Massen, Veranderungen von Individuen in Massen und die Beeinflussbarkeit von Massen. Im Folgenden mochte ich die wichtigsten Erkenntnisse von Le Bon vorstellen, die als Grundlage fur die moderne Theorie des Herdenverhaltens auf Finanzmarkten dienen.

1. Die Kollektivseele

Le Bon zufolge reagiert und handelt ein Mensch in einer Masse vollig anders, als er es als Individuum tun wurde. Die Handlungsweisen vieler verschmelzen in der Masse und es entsteht eine Art Kollektivseele. Massenindividuen fuhlen sich durch ihre Verbindung sehr stark, intellektuelle Funktionen werden zuruckgestuft, unbewusste Anteile gewinnen an Bedeutung.

,,Die Masse lasst nicht zu, dass sich zwischen ihrer Begierde und der Verwirklichung dieser Begierde ein Hindernis erhebt, umso weniger, als ihre Uberzahl ihr das Gefuhl unuberwindlicher Macht gewahrt. Fur den Einzelnen in der Masse schwindet der Begriff des Unmoglichen."

2. Gemeinsam stark

Durch die Anonymitat in einer Masse reduziert sich das Verantwortungsbewusstsein und es entsteht das Gefuhl unuberwindlicher Macht. Egal, ob es sich darum handelt, bei einer Massendemonstration Steine auf Polizisten zu werfen oder ein Gebaude in Brand zu stecken, alles scheint moglich. Es hangt nur von der Art des Anreizes ab. Die Beziehung zwischen eingegangener Tat und der Vernunft, die sich der Verwirklichung der Handlungen widersetzt, wird auteer Kraft gesetzt.

3. Das Gesamtinteresse

Ein weiteres massenpsychologisches Merkmal ist die sogenannte ,,emotionale Ansteckung". Gefuhle und Handlungen sind in hohem Matee ,,ansteckend". Das Gesamtinteresse ubertrifft immer das Einzelinteresse. ,,Wenn eine Behauptung oft genug und einstimmig wiederholt wurde, wie das bei gewissen Finanzunternehmungen der Fall ist, so bildet sich das, was man eine geistige Stromung nennt und der machtige Mechanismus der Ansteckung kommt dazu. Unter den Massen verbreiten sich Ideen, Gefuhle, Erregungen, Glaubenslehren mit ebenso starker Ansteckungskraft wie Mikroben. Diese Erscheinungen beobachtet man auch bei Tieren, wenn sie in Scharen zusammen sind. Ein Schreck, die wirre Bewegung einiger Schafe greift bald auf die ganze Herde uber. Die Ubertragung der Gefuhle erklart die plotzlichen Paniken..."

4. Einfache Gefuhle

,,Die Massen kennen nur einfache Gefuhle und ubertriebene Gefuhle" (Le Bon, 1895) Individuen sind in der Masse reizbar, unduldsam und impulsiv. Ihre Gefuhle sind einfach und neigen zur Ubertreibung. Es gibt nur Schwarz-oder-Weite-Denken. Meinungen, Ideen und Glaubenssatze, die man der Masse antragt, werden so nur in Extremen ubernommen, also als unbedingte Wahrheit oder unbedingter Irrtum. Die Vernunft wird von grenzenloser Leichtglaubigkeit ubertrumpft. ,,So muss die Masse, die stets an den Grenzen des Unbewussten herumirrt, von der Heftigkeit ihrer Gefuhle erregt, alien kritischen Geistes bar, von einer ubermateigen Leichtglaubigkeit sein. Und nicht zuletzt fuhlt sich die Masse wahnsinnig stark und sicher fur ihr Handeln straflos auszugehen: Die Gewissheit der Straflosigkeit ermoglich der Gesamtheit Gefuhle und Handlungen, die dem Einzelnen unmoglich sind. In den Massen verlieren die Dummen, Ungebildeten und Neidischen das Gefuhl ihrer Nichtigkeit und Ohnmacht; an ihre Stelle tritt das Bewusstsein einer rohen, zwar verganglichen, aber ungeheuren Kraft." (Le Bon 1895)

5. Gefuhle und Meinungen schaukeln sich hoch

Menschen konnen sich in bestimme Gefuhle, egal ob Freude, Depression oder Aggression, extrem hineinsteigern. Die Gefuhle werden dann immer starker und geraten in einen Strudel, dem man sich kaum noch entziehen kann. Dieses Gefuhlsmodel kann als Massenphanomen noch um ein Zigfaches verstarkt und unkontrollierbar werden.

Basierend auf den Aussagen von Gustave Le Bon wurden die massenpsychologischen Erkenntnisse genutzt und weiter ausgearbeitet, um Massenphanomene im Finanzwesen zu verstehen und zu begrunden. Im folgenden Kapitel wird das Herdenverhalten auf Finanzmarkten vorgestellt. Da dieser Forschungszweig auf den Annahmen von Le Bon grundet, kann es zu Wiederholungen einzelner Aspekte kommen.8

"Ich kann die Bahn der Himmelskorper auf Zentimeter und Sekunden genau berechnen, aber nicht, wohin die verruckte Menge einen Borsenkurs treiben kann."

Isaac Newton

„An der Borse werden keine Wertpapiere, sondern Meinungen gehandelt.“ Unbekannt

1.3.2 Herdenverhalten

In der Natur lasst sich haufig beobachten, wie Tiere sich instinktiv zu einer Herde zusammenfinden. Sie erhohen dadurch ihre Lebenschancen, um sich beispielsweise vor Feinden zu schutzen oder auf Nahrungssuche zu gehen. Doch nicht nur in der Tierwelt konnen solche Verhaltensmuster festgestellt werden. Auch der Mensch neigt dazu, sich an anderen zu orientieren und mit dem Strom zu schwimmen. Wir suchen Vorbilder und imitieren ihre Handlungen. Denn den meisten Menschen fallt es ungeheuer schwer, sich entgegen der Masse zu bewegen. Hierzu ein Beispiel:

Der Sozialpsychologe Solomon Asch hat in den funfziger Jahren ein Experiment durchgefuhrt. Versuchspersonen sollten vier verschieden lange Linien miteinander vergleichen. Zwei der Linien sind genau gleich lang. Die dritte und vierte Linie aber haben eine andere Lange - extrem anders - so offensichtlich, dass ein dreijahriges Kind die Frage beantworten konnte.

Die Frage an die Versuchsperson lautete: »Welche beiden Linien sind gleich lang? « Diese Frage soll in Anwesenheit anderer beantwortet werden, in einer grofieren Gruppe. Die Versuchsperson ahnt nicht, dass alle anderen Mitglieder der Gruppe mit dem Testleiter zusammenarbeiten. Die eingeweihten Gruppenmitglieder geben alle eine falsche Antwort. Alle. Diese Antwort, wie gesagt, ist so grotesk falsch, dass es jeder, egal mit welcher Sehschwache, sehen muss.

Im Durchschnitt schliefien sich drei Viertel der Versuchspersonen trotzdem der falschen Antwort an. Nur ein Viertel hat den Mut, den eigenen Augen mehr zu trauen als der Gruppe. Die anderen denken vielleicht, dass mit ihren Augen etwas nicht stimmt. Oder sie wollen nicht unangenehm auffallen.

Das Experiment ist oft wiederholt worden, es kommt immer das Gleiche heraus. Man kann die meisten Leute dazu bringen, offentlich zu erklaren, dass eins plus eins drei ergibt. Kein Problem. Es mussen ihnen nur genugend andere Leute dabei Gesellschaft leisten.

[...]


1 (Vgl. Daxhammer und Fascar, 2012 Scite 17-20)

2 (Vgl. Dietmar Kubik, 2013 Scite 4-5)

3 (vgl. Daxhammerund Fascar, 2012, Scite 24-27)

4 (Vgl. DietmarKubik, 2013 Scitc 11-15)

5 http://technische-analyse.eu/index.php?title=Effizienzmarkthypothese /(vgl. Daxhammer und Fascar, 2012, Seite 35-42)

6 (vgl. Kitzmann, 2008, Seite 16-20)

7 (vgl. Daxhammer,Facsar, 2012, Seite 75-94)

8 (vgl. Le Bon, 2012)

Ende der Leseprobe aus 97 Seiten

Details

Titel
Finanzspekulationsblasen. Entwicklung, Verlauf, Auswirkungen und Lösungen
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
97
Katalognummer
V273397
ISBN (eBook)
9783656653882
ISBN (Buch)
9783656653875
Dateigröße
1843 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Börse, Finanzen, Spekulation, Spekulationsblasen, Aktien, Aktienhype, Börsenhype, Behaviour Finance, Finanzmärkte, Crash, Börsencrash, Börsenkrach, Bankensystem, Spekulation auf Grundnahrungsmittel, Kapitalmarkt, Kapitalmärkte, neoklassische Kaptialmarkttehorie
Arbeit zitieren
Severin Burkart (Autor), 2014, Finanzspekulationsblasen. Entwicklung, Verlauf, Auswirkungen und Lösungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273397

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