Platon: Kriton und Sokrates

Über das gute Leben


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt:

1.0. Einleitung

2.0. Der Gottesauftrag an Sokrates

3.0. Kriton – Der Fluchtplan
3.1. Möglichkeiten der Flucht
3.2. Ethische Gründe zur Flucht
3.3. Nicht jede Meinung zählt
3. 4. Nur die Meinung des Sachverständigen zählt
3.5. Gerechtigkeit der Flucht als einziger Entscheidungsgrund
3.6. Unrecht ist weder zu tun noch zu vergelten
3.7. Flucht bedeutet Verletzung der Gesetze
3.8. Das Vaterland hat ein Recht auf Gehorsam
3.9. Dieses Recht wird von jedem Bürger zugestanden
3.8. Konsequenzen der Flucht
3.8.1. Konsequenzen der Flucht auf dieser Welt
3.8.2. Konsequenzen der Flucht für den Hades

4.0. Fazit: Sokrates entscheidet sich für das Leben des Philosophen in Athen

5.0. Literatur- und Quellenverzeichnis

1.0. Einleitung

Im Mittelpunkt Platons früher Dialoge steht Sokrates, der das Wissen seiner Gesprächspartner einer beständigen Prüfung unterzieht, um ihnen bewusst zu machen, dass ein Wissen nur als wahrhaftig gilt, wenn es der Betreffende auch begründen kann. Dies ist die leitende Idee des Sokratischen Dialogs, das heißt, das wahrhafte Wissen zu begründen und das Scheinwissen zu entlarven. Nur wenn sich derjenige, der etwas zu wissen glaubt, über sein Scheinwissen und damit Nichtwissen im Klaren ist, öffnet er sein Bewusstsein, um nach wahrer Erkenntnis und Wissen zu streben. Dies ist die Aufgabe des Philosophen, für dessen Lebensweise sich Sokrates entscheidet. Seine Weisheit besteht darin, zu wissen, was er nicht weiß, was ihn dazu veranlasst, sich als Freund der Weisheit auf die Suche nach wahrer Erkenntnis zu begeben. Darin besteht auch seine Überlegenheit den scheinbar Weisen gegenüber, deren Gespräch er unermüdlich sucht, um ihnen ihr Scheinwissen bewusst zu machen und den Grundstein für wahre Erkenntnis zu legen, wodurch er sich erbitterte Feinde schafft, die ihn der Gotteslästerung, der Verkehrung des Rechts zu Unrecht, sophistischer Täuschungsstrategien sowie der Verführung der Jugend anklagen und schließlich zum Tode verurteilen.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, warum Sokrates auf die Vollstreckung des ungerechten Urteils in Athen wartet, anstatt die Hilfe seines Freundes Kriton in Anspruch zu nehmen und zu fliehen. Hierbei wird folgende These vertreten: Sokrates bleibt in Athen, weil er sich für das Leben als Philosoph entschieden hat und damit nicht nur der Liebe zur Weisheit dient, sondern auch der Gerechtigkeit. Insofern fühlt er sich zum unbedingten Gehorsam dem Vaterland gegenüber und der strikten Einhaltung der Gesetze verpflichtet.

Im Verlauf der Analyse wird das Gespräch zwischen Sokrates und Kriton näher untersucht und deren Argumente aufgegriffen und reflektiert. „Apologie“ und „Kriton“ sind eng miteinander verwoben und beschäftigen sich chronologisch betrachtet mit den Fragen, welche Geschehnisse dazu führten, Sokrates derartiger Vergehen anzuklagen und warum er sich gegen eine Flucht entscheidet. Die Untersuchungen werden zeigen, dass Sokrates stets ein oberstes Ziel verfolgt, das heißt, ein Leben gemäß der Tugend zu führen, demzufolge gerecht zu sein und somit auf die Reinheit der Seele von jeglicher Schuld zu achten.

2.0. Der Gottesauftrag an Sokrates

Als Ausgangspunkt der sokratischen Prüfungen, ob der jeweilige Gesprächspartner über wahrhafte Weisheit verfügt oder nicht, ist der Orakelspruch von Delphi überliefert, wie Platon in der „Apologie“ berichtet. Demgemäß befragt Sokrates’ Jugendfreund Chairephon das Orakel, ob es unter den Menschen einen weiseren gäbe als Sokrates, was die Pythia verneint. Sokrates hat jedoch große Zweifel bezüglich dem Wahrheitsgehalt des Orakelspruchs, den er als Ursache aller Verleumdung gegen ihn betrachtet.

„Denn nachdem ich dieses gehört, gedachte ich bei mir also: Was meint doch der Gott und was will er etwa andeuten? Denn das bin ich mir doch bewußt, daß ich weder viel noch wenig weise bin. Was meint er also mit der Behauptung, ich sei der Weiseste? Denn lügen wird er doch wohl nicht, das ist ihm ja nicht verstattet.“[1]

Sokrates, der insofern starke Zweifel bezüglich seiner von Apollon bestätigten Weisheit hegt, fühlt sich dazu berufen, diese zu prüfen. Folglich sucht er den Dialog mit einem Bürger, der davon überzeugt ist, über Weisheit zu verfügen. Nachdem er diesen des Scheinwissens überführt hat und danach bestrebt ist, ihm diese Tatsache bewusst zu machen, wird er seinem Gesprächspartner verhasst. Auf diese Weise gelangt Sokrates zu der Erkenntnis, dass er bezüglich seines selbst erkannten Nichtwissens dem Anderen gegenüber überlegen ist, der sich von Sokrates nicht aufgeklärt, sondern herabgesetzt fühlt.

„Denn es mag wohl eben keiner von uns beiden etwas Tüchtiges oder Sonderliches wissen, obwohl er nicht weiß, ich aber, wie ich eben nicht weiß, so meine ich es auch nicht. Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als er, daß ich, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen.“[2]

Auf dieses Gespräch folgen weitere, um das Orakel, gemäß Sokrates, untadelig zu halten, beispielsweise mit Staatsmännern, Wahrsagern, Orakelsängern und Dichtern, die stets damit enden, dass die Gesprächspartner zwar befähigt sind, viel Schönes vorzutragen, aber nichts wissen, von dem, was sie sagen.

Schließlich sucht Sokrates auch die Handwerker auf, die tatsächlich auf ihrem Gebiet sehr weise sind und über ihm unbekanntes Wissen verfügen. Jedoch versuchen sie, auch auf anderen Gebieten weise zu sein, wodurch ihre Weisheit verdirbt. Sokrates gelangt zu dem Schluss, dass er lieber genau so bleibt, wie er ist. Obgleich das Orakel Sokrates bestätigt, der weiseste aller Menschen zu sein und er durch die zahlreichen Prüfungen erkennt, dass es tatsächlich keinen gibt, der über mehr Weisheit verfügt, zweifelt er dieses weiterhin an und glaubt, dass Apollon nur aufzeigen will, dass die göttliche Weisheit für den Menschen unerreichbar ist.

„Es scheint aber, ihr Athener, in der Tat der Gott weise zu sein und mit diesem Orakel dies zu sagen, daß die menschliche Weisheit sehr weniges nur wert ist oder gar nichts, und offenbar nicht dies vom Sokrates zu sagen, sondern nur mich zum Beispiel erwählend, sich meines Namens zu bedienen, wie wenn er sagte: Unter Euch, ihr Menschen, ist der der Weiseste, der wie Sokrates einsieht, daß er in der Tat nichts wert ist, was die Weisheit anbelangt.“[3]

Hierbei verdeutlicht sich, dass der Mensch, wenn auch äußerst selten, zwar über Weisheit verfügt, diese sich allerdings von der göttlichen erheblich unterscheidet. Sokrates sieht sich als einer von jenen Weisen, gleichwohl er die menschliche Weisheit als sehr gering erachtet und sich von Gott beauftragt fühlt, diejenigen zu prüfen, die von sich glauben, etwas zu wissen. Insofern betrachtet er sich als treuer Helfer Gottes, der gewissenhaft seinen Dienst verrichtet, aber dadurch sowohl seine häuslichen als auch öffentliche Angelegenheiten vernachlässigt, wodurch er in Armut leben muss. Durch die unermüdliche Suche nach Weisheit aber verdient er sich die Anerkennung seiner Mitmenschen, vor allem bei der Jugend.

„Über dieses aber folgen mir die Jünglinge, welche die meiste Muße haben, der reichsten Bürger Söhne also, freiwillig und freuen sich, zu hören, wie die anderen Menschen untersucht werden; oft auch tun sie mir es nach und versuchen selbst, andere zu untersuchen, und finden dann, glaube ich, eine große Menge solcher Menschen, welche zwar etwas zu wissen glauben, aber wenig oder nichts wissen.“[4]

Diesbezüglich folgen ihm also viele junge Männer, die ihre Freude an der Prüfung der sich für weise haltenden Bürger mit Sokrates teilen, wodurch er den Zorn der Untersuchten über sich bringt und diese sich rächen wollen, indem sie beginnen, ihn zu verleumden. Seine größten Feinde, die ihn anklagen und dafür sorgen, dass über ihn die Todesstrafe verhängt wird, sind de facto Meletos wegen der Dichter, Anytos wegen der Handwerker und Staatsmänner sowie Lykon wegen der Redner.

3.0. Kriton – Der Fluchtplan

Nachdem die Richter Sokrates zum Tode verurteilt haben, wartet er im Gefängnis auf die Vollstreckung des Urteils. Der Todeszeitpunkt ist durch die Ankunft des Schiffes aus Delos festgelegt. Kriton eilt in den frühen Morgenstunden zu seinem Freund, um ihn zur Flucht aus dem Gefängnis zu überreden. Betrübt wacht er über den schlafenden Sokrates und bewundert dessen ausgeglichene Gemütsverfassung, in welcher er sich trotz des ungerechten Urteils und seiner nahen Sterbestunde befindet.

„Aber sogar dir habe ich schon lange verwundert zugesehen, wie sanft du schliefst; und recht wohlbedächtig habe ich dich nicht geweckt, damit dir die Zeit noch recht sanft hingehe. Denn oft schon freilich auch sonst im ganzen Leben habe ich dich glücklich gepriesen deiner Gemütsart wegen, bei weitem aber am meisten bei dem jetzigen Unglück, wie leicht und gelassen du es erträgst.“[5]

Kriton ist traurig über das Urteil und zeigt tiefes Mitgefühl für Sokrates, der überaus gelassen reagiert, was seine Auffassung dem Leben und Sterben betreffend schon andeutet. Für Sokrates ist der Tod kein Übel, daher fürchtet er sich auch nicht davor.

Im Gegenteil, er betrachtet die Angst vor dem Sterben im fortgeschrittenen Alter als unangemessen.

„Es wäre auch frevelhaft, o Kriton, mich in solchem Alter unwillig darüber zu gebärden, wenn ich endlich sterben muss.“[6]

Kriton überbringt Sokrates die für ihn selbst traurige Botschaft, dass das Schiff aus Delos heute ankommen soll und sein Freund am darauffolgenden Tag sterben muss. Dies nimmt Sokrates eher gleichgültig zur Kenntnis, obgleich er anderer Meinung ist, da ihm im Traum ein anderer Todeszeitpunkt vorhergesagt wird.

„Es kam mir vor, als ob eine schöne wohlgestalte Frau, mit weißen Kleidern angetan, auf mich zukam, mich anrief und mir sagte: Oh Sokrates, möchtest du am dritten Tag in die schollige Phtia gelangen.“[7]

[...]


[1] Platon: Apologie des Sokrates, 21b2 – 7.

[2] Platon: Apologie des Sokrates, 21d3 – 8.

[3] Platon: Apologie des Sokrates, 23a6 – b4.

[4] Platon: Apologie des Sokrates, 23c2 – 7.

[5] Platon: Kriton, 43b4 - 10.

[6] Platon: Kriton, 43b11 - 12.

[7] Platon: Kriton, 44a11 - b2.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Platon: Kriton und Sokrates
Untertitel
Über das gute Leben
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Philosophie)
Veranstaltung
Platon: Charmides
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
25
Katalognummer
V273482
ISBN (eBook)
9783656659051
ISBN (Buch)
9783656659044
Dateigröße
2724 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gutes Leben, Gerechtigkeit, Treue zum Gesetz, Die Liebe zum Vaterland, Tugend, Gott folgen, Das Leben des Philosophen
Arbeit zitieren
Angelika Nauschütz (Autor), 2013, Platon: Kriton und Sokrates, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273482

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