Im Fiebertraum von der Demokratie. Zur Exklusion der indigenen Bevölkerung durch die Oberschicht in Bolivien


Bachelorarbeit, 2014
45 Seiten, Note: 2,1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die segregierte Gesellschaft unter spanischer Kolonialverwaltung
2.1 Die Reform des kolonialen Systems unter Francisco de Toledo

3 Der postkoloniale Staat Bruch oder Persistenz kolonialer Strukturen?
3.1 Wirtschaftspolitik im Wandel Inklusion auf dem Weg?

4 Die Revolution von 1952 Ausschluss oder Beteiligung traditioneller Eliten?

5 Die Rückkehr autoritärer Regime

6 Wie Phönix aus der Asche: Demokratische Neuordnung 1982
6.1Plan de Todos Der neoliberale Wolf im liberalen Schafspelz
6.1.1 Dezentralisierung der Verwaltung
6.1.2 Die zweite Agrarreform
6.1.3 Die Privatisierung der Infrastruktur
6.1.4 Die Bildungsreform
6.1.5 Der Arbeitsmarkt

7 Die Gesellschaftsstruktur im Vorfeld des Wahlsieges von Evo Morales

8 Fazit

9 Quellen und Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Eine demokratische Staatsordnung, welche neben freien Wahlen und einem pluralistischen Wahl- und Parteiensystem auch die egalitäre Wahrung der Bürgerrechte für alle Bevölkerungsteile und gleichermaßen den Schutz, sowie die Förderung aller Bevölkerungsgruppen - unabhängig ihrer Abstammung - garantierte, war (und ist) in Bolivien bis heute mehr ein Fiebertraum denn gelebte politische Realität geblieben. Unrechtsstrukturen, wie sie „naturgemäß“ in der Kolonialzeit errichtet wurden, um die Dialektik der Eroberer und der Eroberten zu schaffen und aufrecht zu erhalten, dienten bis zur Unabhängigkeit Boliviens klar der Gewinnmaximierung des spanischen Staates und einer kleinen spanisch-sprechenden Elite auf Kosten indigener Arbeitskraft. Doch noch im Jahre 2006 erklärte Evo Morales, der im Dezember 2005 die Präsidentschaftswahlen gewann, dass "Injustice, inequality and the poverty of the masses compel us to seek better living conditions. Bolivia's majority Indian population was always excluded, politically oppressed and culturally alienated. ” 1 Somit scheinen Unrechtsstrukturen und die Exklusion der indigenen Bevölkerung bis in die jüngste Vergangenheit bestehen geblieben zu sein.

Das Wahlprogramm Morales' steht hingegen für soziale Gerechtigkeit, gesellschaftlichen Frieden, die egalitäre Beteiligung aller Bevölkerungsgruppen und vor allem die politische, soziale und wirtschaftliche Integration der indigenen Völker Boliviens und brachte ihm bei den Wahlen 2005 mit 54% der Stimmen das deutlichste Wahlergebnis seit dem Ende der Militärregierungen 1982 ein.2 Dieses Ergebnis legt die Vermutung nahe, dass weite Teile der Bevölkerung die Unrechtsstrukturen anklagten und sich durch die Wahl von Morales einen Wechsel der politischen Agenda erhofften. Wenn also die Exklusion der indigenen Bevölkerung bis zur Wahl von Morales 2005 in Form einer longue dur é e bestand, muss untersucht werden, durch welche Mechanismen die Exklusion der indigenen Bevölkerungsgruppen schon in der Kolonialzeit zustande kam und wie sie nach der Unabhängigkeit des Landes 1825 aufrecht gehalten werden konnte. Hierzu sollen neben den Lebensbedingungen der Indigenen auch die der „Anderen", nämlich der bolivianischen Oberschicht, untersucht werden, deren Wurzeln bis zu den europäisch-stämmigen Eroberern des 16. Jahrhunderts zurückreichen. Um die fortdauernde Dialektik zwischen den unterdrückten

Indigenen und des unterdrückenden Kreolen im Laufe der Geschichte aufzeigen zu können, werden neben der Kolonialgeschichte und dem postkolonialen Staat nach 1825 auch die jüngere Geschichte des 20. und 21. Jahrhundert beleuchtet. Um diesen Anspruch gerecht zu werden, muss der heranzuziehende Zeitraum der bolivianischen Geschichte über mehrere Jahrhunderte aufgespannt werden. Die gerade deshalb notwendige thematische Fokussierung liegt hierbei auf den Herrschaftsstrukturen der bolivianischen Elite, welche beginnend mit der Kolonialherrschaft im 16. Jahrhundert, über den postkolonialen Staat nach 1825, der Revolution von 1952 und den anschließenden Militärregierungen bis hin zu der demokratischen Neuordnung von 1982 den Fluchtpunkt dieser Arbeit darstellen sollen. Enden wird diese Untersuchung fast in der Gegenwart, nämlich am Vorabend des Wahlsieges von Evo Morales, da die Einhaltung seiner Wahlversprechen und sein Erfolg bei der Gleichstellung der indigenen Bevölkerung nicht in voller Gänze abzusehen ist. Dabei soll für diese Arbeit folgende These leitend sein: "Die Segregation der Kolonialzeit wurde nach der Unabhängigkeit des Landes 1825 bis zum Wahlsieg Evo Morales von einer elitären Oberschicht aufrecht erhalten, um die eigene Macht und den Status zu sichern und der indigenen Bevölkerung den Zugang zu den Vorteilen des Wohlstands zu versagen."

2 Die segregierte Gesellschaft unter spanischer Kolonialverwaltung

Ausgehend von der Annahme, dass Morales das Vertrauen der Wähler gewann, um jahrhundertelange Unrechtsstrukturen politisch zu beseitigen, muss am Anfang dieser Arbeit die Spurensuche nach jenen beginnen. Daher wird im folgenden Kapitel die Kolonialgeschichte Boliviens aufgearbeitet und dabei der Fokus auf die koloniale Segregation der Gesellschaft gelegt. Erst durch diese Aufarbeitung lässt sich eine Verbindung zu möglichen Unrechtsstrukturen im unabhängigen Bolivien nach 1825 und den Machterhalt tradierter Eliten bis in die Gegenwart hinein erkennen.

Nachdem die reconquista der spanischen Halbinsel 1492 formal beendet wurde, begannen die iberischen Königreiche Aragón und Kastilien, welche 1516 das geeinte spanische Königreich bildeten, sich ausgedehnten Entdeckungsfahrten auf den Weltmeeren zuzuwenden.3 Mit der Wiederentdeckung des amerikanischen Kontinents und der Etablierung fester Seerouten durch Cristóbal Colón wurde durch die ersten Siedlungsgründungen Ende des 15. Jahrhunderts der Grundstein für weitere Eroberungszüge auf dem amerikanischen Festland gelegt. Getragen von der Legende des sagenhaften Goldlandes El Dorado, das sich in Südamerika befinden sollte, bestanden die ersten Generationen der Konquistadoren in erster Linie aus jenen Männern, die im spanischen Mutterland über kein festes oder andere Arten eines geregelten Einkommens verfügten. Die erfolgreichen Handwerker, Kaufleute, Großgrundbesitzer oder reiche Adlige hatten demnach keinen Grund die beschwerliche Reise und andere Risiken, die das Besiedeln eines unerforschten Kontinents mit sich brachten, auf sich zu nehmen und verblieben in Europa, sodass die conquista von den hidalgos4 verwirklicht wurde.5 Zu jenen conquistadores gehörte auch Francisco Pizarro, der von Mittelamerika aus die Küste Perus erreichte und dort auf die Hochkultur der Inka6 traf. Durch eine capitulaci ó n7 - 1529 ausgesprochen vom spanischen König Karl I. - war Pizarro bemächtigt, eine Expedition in die Kerngebiete der Inka durchzuführen und die Gebiete im Namen der spanischen Krone zu erobern, womit ihm die Leitung über das eroberte Gebiet und Anteile an den Bodenschätzen zugesprochen wurde.8 Die Inka, welche zunächst an Handelsinteressen der Spanier glaubten9 und durch die fragile Herrschaftsstruktur ihres Reiches10 geschwächt waren, konnten dem schnellen militärischen Eroberungsfeldzug der Spanier nichts entgegen setzen. So nahmen die Spanier schnell weite Teile des Landes ein11 und eroberten 1533 Cusco, brachen bis 1538 den indigenen Widerstand und „befriedeten“ das heutige Bolivien.12

Das altiplano13, welches bereits unter den Inka ein Siedlungszentrum der indigenen Sprachfamilien der Aymara- und Quechua war, entwickelte sich im Zuge der spanischen Siedlungsgründungen von Chuquisaca und Porco und vor allem nach der Entdeckung reicher Silbervorkommen im heutigen Potosí zu einem Stützpunkt der spanischen Kolonialpolitik.14 Vom Andengürtel versprach sich die spanische Krone Gewinne durch die immensen Bodenschätze und dem human capital einer enormen indigenen Population, deren Arbeitskraft günstig ausgebeutet werden konnte. Dies wurde bereits mit dem Beginn der spanischen Eroberungen durch die Institution der encomiendas erreicht, welche als erste koloniale Verwaltungsstruktur und zentrale Quelle wirtschaftlicher und politischer Macht dienten. Eine encomienda umfasste dabei ein Gebiet mit all seinen Bewohnern, die ihr Land weiterhin eigenständig bestellten und formal dem curacas15 unterstellt waren. Diese Bezirke wurden einem Spanier (dem encomendero) zugesprochen, der sich verpflichtete, die indigene Bevölkerung in der christlichen Religion, spanischen Bräuchen und der spanischen Sprache zu unterrichten und im Gegenzug die dort lebenden Indigenen als tributpflichtige Untertanen zugeteilt bekam.16 Dieser Tribut wurde in Form von Naturalien, Edelmetallen und anderen Gegenständen von Wert an den curacas abgeführt, der diese an den encomendero und dieser an die spanische Krone weiterreichte. Schon unter der Herrschaft der Inka wurde dieses System der "indirect rule"17 praktiziert.18 Die Spanier nahmen als Zielbestimmung der Tribute den Platz des Inkas ein und hielten die strukturelle Ausbeutung damit aufrecht. Des Weiteren mussten die Tributpflichtigen Frondienste für den encomendero leisten, der damit über ihre Arbeitskraft in Landwirtschafts- und Bergbaubetrieben verfügte und so - neben den Tributen - seinen Reichtum auf zwei Systeme der Ausbeutung indigener Untertanen begründete. Dieser Reichtum verhalf den Kolonisten zur Schaffung einer dauerhaften Machtbasis19 und bildete die Grundlage für die Bildung einer iberoamerikanischen Oberschicht. Diese begann die Gesellschaft nach ihren Wünschen zu gestalten, wobei die encomenderos (als wohlhabendste Schicht) an der Spitze dieser standen und das eroberte Land entlang klarer Prinzipien aufteilten: So wurde dem Investitionsumfang der privaten Eroberungsexpedition oder der gesellschaftlichen Stellung bei der Landvergabe Rechnung getragen.20 Daneben griffen sie auch auf Heirat, Schenkungen oder Absprachen zurück, um sich die ertragreichsten Gebiete schnellstmöglich zu sichern und die Landakkumulation für Neuankömmlinge zu erschweren.21 Jedoch sank die Effizienz der encomiendas und der Minen Mitte des 16. Jahrhunderts drastisch, da sich in allen Gebieten Boliviens die indigene Bevölkerung durch die übermäßige Ausbeutung, Kriege und eingeschleppte Krankheiten stetig verringerte.22 Dadurch war dieses System der kolonialen Verwaltung und Arbeitsorganisation nicht mehr den wirtschaftlichen Anforderungen der spanischen Krone gewachsen, welche in den 1570er Jahren23 Reformen durch den Vizekönig Francisco de Toledo anstrengte.

2.1 Die Reform des kolonialen Systems unter Francisco de Toledo

Diese folgten dem Prinzip "Sin Indios no hay indias"24 und suchte die indigene Bevölkerung als Grundlage des iberischen Reichtums dauerhaft zu schützen. So ordnete er eine Siedlungstrennung an, durch die die indigene Bevölkerung in abgegrenzten rep ú blica de indios abseits der Kolonisten lebte. Dadurch wurden im altiplano 900 indigene Gemeinschaften, die 129.000 Menschen umfassten, auf 44 pueblos reduziert.25 Neben dem Schutz der indigenen Bevölkerung vor Übergriffen, diente die Siedlungstrennung vor allem zur effektiveren Kontrolle der Bevölkerung, da die Konzentrierung des Lebensraums bessere Populationszählungen, eine effizientere Festlegung der Tribute und eine intensivere Missionierung ermöglichte.26 In den rep ú blica verwalteten sich die Indigenen nach spanischen Vorgaben selbst und übernahmen zum Beispiel die Rechtsprechung bei niederen Delikten.27 Die Idee der indigenen Selbstverwaltung entstand aus der späteren Ablehnung der Sklaverei und dem grundsätzlichen Wandel in der Perzeption dieser Bevölkerung durch die Spanier.28 Diesen wurde nicht mehr nur eine "natürliche Ungleichheit" unterstellt, die zum Beginn der conquista die Versklavung und Massakrierung gerechtfertigt hatte, sondern Mitte des 16. Jahrhunderts wurde ihnen die grundsätzliche Fähigkeit zur Vernunft zuerkannt, wobei sie jedoch "[...] zwar Mensch, aber doch näher beim Tier als beim Spanier [...]"29 gewesen seien. So sollte nicht nur indigene Bevölkerung geschützt werden, sondern die spanische Krone versuchte den Einfluss der encomenderos zu brechen. Auf der einen Seite betrachtete sie deren Macht mit Argwohn und sie suchte die Bildung einer homogenen Adelsschicht - wie im heimischen Spanien - zu verhindern. Des Weiteren standen die encomenderos immer häufiger im Konflikt mit der royalen Verwaltung des Kolonialreichs, da sie stets bestrebt waren möglichst wenig Tribute an die Krone abzuführen und lokale Verwaltungsangelegenheiten in ihrem Sinne zu beeinflussen.30 Deshalb begrenzte Toledo den Besitz einer encomienda und deren Weitervererbung auf drei Generationen und ersetzte die Tributzahlungen in Form von Naturalien und Frondiensten durch eine monetäre Kopfsteuer, die direkt an die Krone abgeführt werden musste und ermöglichte damit den Übergang indigener Arbeitsleistung an den spanischen König.31 Durch die neue Steuer war die indigene Bevölkerung gezwungen am spanischen Geldmarkt teilzunehmen, da nur dieser die Möglichkeit eröffnete die fälligen Tribute zu erwirtschaften.32 Des Weiteren griff Toledo auf das System der mita33 zurück, um eine stetige Versorgung der Minen mit Arbeitern zu gewährleisten.34 Dadurch wurden jährlich 13500 mitayos zu Frondiensten in den Minen herangezogen, welche sie für ein Jahr verrichteten, um im Anschluss wiederum sechs Jahre von dieser Arbeit freigestellt zu werden und die heimischen Felder bestellen zu können.35 Durch diese Reformen wurden den encomenderos sowohl die Tribute als auch die indigene Arbeitsleistung als Einkommensquelle entzogen. Diese fokussierten sich nunmehr auf die Landwirtschaft und nahmen Gebiete in Besitz, die durch Toledos Siedlungspolitik verwaist waren.36 Diese neuen Landbesitzer - die sich zu den feudalen haciendados37 entwickeln sollten - konnten auf viele indigene Arbeiter zurückgreifen. Durch die neue Siedlungspolitik wurden Tausende aus ihren heimischen Dorfgemeinschaften entrissen und hatten als forasteros38 keinen Anspruch auf Parzellen in den neuen rep ú blica und mussten sowohl ihren Lebensunterhalt als auch den Tribut durch Lohnarbeit erwirtschaften und sich auf den haciendas als billige Arbeitskräfte verdingen.39 Die haciendas stellten nicht nur eine enorme Einkommensquelle dar, sondern sie dienten dem kolonialen Staat gleichermaßen als Erweiterung seiner Machtsphäre.

In ländlichen Gebieten, in denen der Staat durch fehlende Institutionen seine Macht nicht effektiv ausüben konnte, griff er „notgedrungen“ auf haciendados als Stellvertreter zurück, die koloniale Strukturen auf die Tributpflichtigen ihrer hacienda ausweiteten.40 Neben der ruralen Lohnarbeit verblieben viele Indigene als Lohnarbeiter in den Minen, übernahmen Gelegenheitsarbeiten in den urbanen Zentren oder verkauften ihre Waren an Spanier, um ihren Tribut für die spanische Krone abzuleisten. Die indigenen Lohnarbeiter mussten jedwede Anstellung zu den schlechtesten Konditionen annehmen und wurden in einem System der Lohnknechtschaft gebunden, welches - obwohl sie nicht den Status von Sklaven hatten - ihre dauerhafte politische und soziale Marginalisierung bedingte.41 Die Bindung in jenem System verstärkte sich durch den Boom der Silberindustrie zwischen 1570 und 1650, als das Wachstum des Industriezweigs in der Region Potosí eine wachsende Infrastruktur verlangte.42 Der Ausbau der Infrastruktur erforderte die Versorgung mit technischen und landwirtschaftlichen Gütern, welche abseits der Kopfsteuer ebenfalls von der indigenen Bevölkerung abgepresst wurden.43

Da die Reichtümer Südamerikas der spanischen Krone zu einer Vormachtstellung in Europa verhalfen44, profitierte die weiße Oberschicht in Bolivien von der Ausfuhr der Kolonialwaren, da die spanische Krone die Loyalität der Oberschicht mit politischen Ämtern in der iberoamerikanischen Gesellschaft quittierte, wodurch sie die Geschicke des Landes zukünftig in ihrem Interesse mitgestalten konnte.45 Der Niedergang der Silberindustrie ab 1650 führte -neben der Landflucht tausender Kolonisten - zur Aufgabe diverser Minen und haciendas, da diese als deren landwirtschaftliche Versorgungsorgane fungierten.46 Durch die Verbindung der wirtschaftlichen Elite mit der Politik führte dies zu einer Erosion der, von den haciendados geführten, lokalen Kolonialverwaltung. Das verlassene Land konnte in der Folge von indigenen Gemeinschaften besetzt werden, die sich durch die Erosion staatlicher Kontrolle der Lohnknechtschaft und der mita entziehen und gemeinschaftlich Ackerbau betreiben konnten.47 So konnten sich eine Vielzahl freier Gemeinschaften neben den haciendas bilden, welche sich zwar der direkten Kontrolle durch die Spanier entzogen hatten aber weiterhin tributpflichtig waren.

Dieser Umstand führte erstmals seit der Ankunft spanischer Eroberer zum Wachstum der indigenen Bevölkerung. Die freien Gemeinschaften entwickelten sich mit dem wirtschaftlichen Abschwung zur bedeutendsten Einnahmequelle des Landes, da sie neben der steigenden landwirtschaftlichen Produktion auch durch ihre Kopfsteuer einen großen Beitrag zum Staatsbudget der Kolonialverwaltung lieferten.48 Während die Wirtschaftspolitik zuvor noch auf die Stärkung der Silberindustrie und der effektiven Ausbeutung des Erzes bedacht war, begann die spanische Krone sich im Laufe des 18. Jahrhunderts auch der ökonomischen Bedeutung indigener Völker im altiplano bewusst zu werden und war bestrebt diese effektiver an der Besserstellung des eigenen Staatshaushaltes zu beteiligen. Während der Staat die Indigenen durch die Tributzahlungen wirtschaftlich ausbeutete, blieben koloniale Ausbeutungsstrukturen für jene, die auf den - weiterhin existierenden - haciendas lebten, bestehen, da dort noch auf Fronarbeit, Zwangsverkauf spanischer Waren an Indigene und Kontrolle der c uracas zurückgegriffen wurde.49

Im beginnenden 19. Jahrhundert entstand mit den napoleonischen Kriegen und der Absetzung des spanischen Königs ein Machtvakuum in Südamerika, welches die kreolische Oberschicht in allen Teilen des Kolonialreiches in der Frage der legitimen Nachfolge des Königs spaltete. So plädierten einige der junta central zu folgen, die sich in Spanien in der legitimen Nachfolge des abgesetzten Königs sah. Andere hingegen wollten den status quo beibehalten, die Führung in die Hände der Bischöfe, Gerichte sowie des Beamtentums legen und eine Freiheitsbewegung griff sogar die republikanische Idee Frankreichs und den USA auf und forderte die Loslösung von der spanischen Krone.50 Diese divergierenden Strömungen schufen immer neue Krisenherde51, die durch royalistische Kräfte niedergeschlagen wurden. Erst eine geschlossene Befreiungsarmee unter Antonio José de Sucre - einem engen Vertrauten von Simón Bolívar -konnte Bolivien 1825 schließlich von der spanischen Kolonialherrschaft befreien.52

Am Ende der Kolonialherrschaft bestand in Bolivien also eine segregierte Gesellschaft: Auf der einen Seite eine - weiße und mestizischen, spanisch-sprachige53 - Oberschicht, der auf der anderen Seite eine - in großen Teilen indigenen, Aymara oder Quechua sprechende -Unterschicht gegenüberstand. Diese Oberschicht hatte sich der - nunmehr abgelösten -Kolonialverwaltung bedient, um die eigene Einkommens- und Machtakkumulation, ihren Status und die Exklusion der indigenen Mehrheit zu sichern. Diese Bevölkerungsgruppen verdankten ihr nacktes Überleben allein der Bedeutung für die koloniale Wirtschaft und dem Einkommenserwerb der Oberschicht, die sie durch Tribute, Frondienste und Lohnknechtschaft wirtschaftlich ausbeutete.

3 Der postkoloniale Staat Bruch oder Persistenz kolonialer Strukturen?

Nach der Unabhängigkeit, mussten zunächst drängende Probleme von der neuen Staatsführung behoben werden. Vor allem die Silberindustrie musste wiederbelebt werden, da sie stets Garant für die wirtschaftliche Entwicklung und soziale Sicherheit war. Darüber hinaus muss - in Hinblick auf die These dieser Arbeit - gefragt werden, ob der postkoloniale Staat die Unrechtsstrukturen des kolonialen Systems beseitigen konnte und willens war die politische und wirtschaftliche Inklusion der indigenen Bevölkerung herzustellen.

Der unabhängige Staat nahm nicht nur zu Ehren Simón Bolívars den Namen, sondern auch die Verfassung aus dessen Feder an. Diese war von seinen kreolischen Wurzeln, seiner Bewunderung aristokratischer Symbolik54, der Ablehnung föderalistischer und liberaler Staatsstrukturen55 und der Überzeugung geprägt, dass die politische Machtbasis auf den Schultern der gebildeten und spanisch-sprachigen Bevölkerungsschicht zu ruhen habe. So war das Wahlrecht in Bolivien an Grundbesitz geknüpft, wodurch die indigene Mehrheit zwar rechtlich gleichgestellt war aber de facto keine politische Teilhabe geltend machen konnte.56 Somit wurde die politische Ungleichheit des kolonialen Systems fortgeführt wurde, da hauptsächlich die spanisch-sprachige Bevölkerung über die nötigen Voraussetzungen verfügte. Wie bereits oben erwähnt57, zogen wirtschaftliche Rezessionen auch die Erosion ziviler Staatsinstitutionen nach sich, sodass auch im 19. Jahrhundert das Versiegen der Silbervorkommen politische Instabilität bedingte58, wodurch das Militär in der Lage war unter Führung der caudillos59 die Macht an sich zu reißen. Nun wurde das Präsidentenamt durch die Armee legitimiert und die Kompetenzen der Exekutiven forciert. Das Parlament diente nur als Zuarbeiter für den Präsidenten, der oft per Dekret regierte und de facto eine Diktatur errichtete.60 Durch die Landflucht - ob der Rezession des 17. und 18. Jahrhunderts - lebte nunmehr eine Minderheit von 15.000 spanisch-sprechenden Bürgern im altiplano, während auf der anderen Seite 800.000 indigene Bewohner im Land verblieben.61 Letztere waren - trotz der Gleichstellung durch die Verfassung - weiterhin tributpflichtig und mussten auf den haciendas zusätzlich Frondienste für die Oberschicht ableisten.62 Dadurch wurde das koloniale System der indirekten Kontrolle durch die elitären Grundbesitzer beibehalten, die die gesellschaftliche Zweiteilung auch im postkolonialen Staat aufrecht erhielten und die proklamierte rechtliche Gleichstellung ad absurdum führten. Das regressive Steuersystem befreite die Oberschicht weitestgehend von Steuerzahlungen, während die Indigenen mit ihren Tributzahlungen 1832 45% und 1846 gar 54% des nationalen Haushaltsvolumens leisteten.63 Diese herausgehobene Bedeutung der indigenen Steuern zwang die Regierung garantierte Landtitel auszusprechen, um deren Prosperität und den Umfang des Staatsbudgets zu fördern.64

[...]


1 Der Spiegel, Capitalism has only hurt Latin America, Ausgabe 35 / 2006, Unter:http://www.spiegel.de/international/spiegel/spiegel-interview-with-bolivia-s-evo-morales-capitalism-has-only-hurt-latin-america-a-434272.html.

2 Susanne Käss, Fulminanter Wahlsieg für Evo Morales, In: Konrad-Adenauer Stiftung, Länderbericht Bolivien, 2009, Unter: http://www.kas.de/wf/doc/kas_18325-1522-1-30.pdf?091207134411.

3 Vgl. Herbert S. Klein, Bolivia -The Evolution of a Multi-Ethnic Society, Oxford, 1982, S. 26.

4 "Sohn von Jemanden" - vor allem Söhne des verarmten Kleinadels, uneheliche Söhne reicher Kaufleute oder hoher Beamten.

5 Vgl. Klein, Bolivia, S. 29.

6 "Inka" kann sowohl das Volk der Inka aber auch alleinig den Herrscher des Volkes meinen

7 Vertrag zwischen dem König und dem conquistador, der im Gegenzug für die selbstfinanzierten Eroberungen - im Namen der Krone - einen Anteil an den Bodenschätzen erhalten sollte

8 Vgl. Horst Pietschmann, Staat und staatliche Entwicklung am Beginn der spanischen Kolonialisation Amerikas, Münster, 1980, S. 177.

9 Vgl. Klein, Bolivia, S. 31.

10 Der Kampf um die alleinige Herrschaft zwischen den beiden Inka Huascar und Atahualpa erschütterte das riesige Reich bereits vor der spanischen Ankunft. Siehe: Vgl. Klein, Bolivia, S. 32.

11 Ebd.

12 Vgl. Klein, Bolivia, S. 32f.

13 So wird das Hochland der Anden genannt - umfasst heute den Süden des Titicaca-Sees, La Paz, Oruro und Potosí

14 Vgl. Klein, Bolivia, S. 35.

15 Eine lokale Adelsschicht, die die Position des Vermittlers zwischen dem Inka und den Untertanen schon unter der Inkaherrschaft innehatte.

16 Vgl. Olaf Kaltmeier, Hacienda, Staat und indigene Gemeinschaften. Kolonialität und politisch-kulturelle

Grenzverschiebungen von der Unabhängigkeit bis in die Gegenwart, In : Ingrid Wehr & Hans-Jürgen Burchardt (Hrsg.) Soziale Ungleichheiten in Lateinamerika - Neue Perspektiven auf Wirtschaft, Politik und Umwelt, Baden-Baden, 2011, S. 29.

17 Klein, Bolivia, S. 37.

18 Der Inka wurde als Sonnengott verehrt und vergab Land an die tributpflichtigen Untertanen. Diese bearbeiteten im religiösen Kontext des Sonnenkults das Land und führten aus Dankbarkeit und Verehrung Abgaben ab.

19 Vgl. Klein, Bolivia, S. 37.

20 Vgl. Klein, Bolivia, S. 30.

21 Ebd

22 Vgl. Klein, Bolivia, S. 38.

23 Inspiriert durch die Leyas Nuevas von 1542/43 siehe: Pietschmann, Staat und staatliche Entwicklung, S. 155.

24 Vgl. Pietschmann, Staat und staatliche Entwicklung, S. 107 & S. 179f.

25 Vgl. Klein, Bolivia, S. 39.

26 Vgl. Volkmar Blum, Hybridisierung von unten - Nation und Gesellschaft im mittleren Andenraum, Hamburg, 2001, S. 43f.

27 Vgl. Blum, Hybridisierung von unten, S.45.

28 Aus Platzmangel kann dieser Diskurs hier nicht behandelt werden. Er lässt sich aber in Blum, Hybridisierung von unten, S.35 - 41 nachvollziehen.

29 Vgl. Blum, Hybridisierung von unten, S.42.

30 Vgl. Pietschmann, Staat und staatliche Entwicklung, S.106 & S.111.

31 Vgl. Klein, Bolivia, S. 39f.

32 Vgl. Klein, Bolivia, S. 40.

33 Schon unter den Inka ein System zur Organisation der Frondienste.

34 Vgl. Klein, Bolivia, S. 42.

35 Ebd.

36 Vgl. Pietschmann, Staat und staatliche Entwicklung, S.183.

37 Im Sinne von Großgrundbesitzer.

38 In etwa "Ausländer" - jene, die nicht von Geburt an einer bestimmten indigenen Gemeinschaft angehörten.

39 Vgl. Klein, Bolivia, s. 52.

40 Vgl. Kaltmeier, Hacienda, Staat und indigene Gemeinschaften., S. 31.

41 Vgl. Kaltmeier, Hacienda, Staat und indigene Gemeinschaften., S. 30.

42 Vgl. Klein, Bolivia, S. 55.

43 Vgl. Klein, Bolivia, S. 66f.

44 Vgl. Klein, Bolivia, S. 26f.

45 Vgl. Klein, Bolivia, S. 57.

46 Vgl. Klein, Bolivia, S. 64f.

47 Vgl. Klein, Bolivia, S. 66.

48 Vgl. Klein, Bolivia, S. 72.

49 Vgl. Klein, Bolivia, S. 74 & S.80.

50 Vgl. Klein, Bolivia, S. 66.

51 Vgl. Klein, Bolivia, S. 90f.

52 Vgl. Klein, Bolivia, S. 95.

53 Mischung aus indigenen und europäischen Vorfahren.

54 Vgl. Norbert Rehrmann, Sim ó n Bol í var. Die Lebensgeschichte des Mannes der Südamerika befreite, Berlin, 2009, S. 51.

55 Vgl. Rehrmann , Sim ó n Bol í var, S.76.

56 Vgl. Benjamin Kohl, Restructuring Citizenship in Bolivia: El Plan de Todos, In: International Journal of Urban and Regional Research, Vol. 27.2, Oxford, 2003, S. 339.

57 Siehe Kapitel 2.1, S.7.

58 Vgl. Klein, Bolivia, S. 101 & 104.

59 Hochrangige Militärs, welche aus der weißen, spanisch-sprechenden Oberschicht stammten.

60 Vgl. Maria Luisa Wagner, Political instability and economic decline (1839-79), In: Rex A. Hudson and Dennis M. Hanratty. Bolivia: a Country Study, 1989, Unter: http://memory.loc.gov/cgi-bin/query/r?frd/cstdy:@field%28DOCID+bo0019%29.

61 Vgl. Klein, Bolivia, S. 104.

62 Vgl. Herbert S. Klein, Bolivia Prior to the 1952 Revolution, In: Jerry R. Ladman (Hrsg.), Modern-Day Bolivia - Legacy of the Revolution and Prospects for the Future, 1982, Arizona, S. 18.

63 Vgl. Klein, Bolivia, S.114.

64 Vgl. Klein, Bolivia, S.106.

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Details

Titel
Im Fiebertraum von der Demokratie. Zur Exklusion der indigenen Bevölkerung durch die Oberschicht in Bolivien
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie)
Veranstaltung
Segregation und Apartheid im südlichen Afrika
Note
2,1
Autor
Jahr
2014
Seiten
45
Katalognummer
V273656
ISBN (eBook)
9783656729549
ISBN (Buch)
9783656729495
Dateigröße
620 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bolivia, Elite, Latin America, Indigena, Indio, Exclusion, Segregation, Society, History, Democracy
Arbeit zitieren
Sascha Pliske (Autor), 2014, Im Fiebertraum von der Demokratie. Zur Exklusion der indigenen Bevölkerung durch die Oberschicht in Bolivien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273656

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