"Das Böse" im Religionsunterricht. Mit Kindern und Jugendlichen theologisch reden über Tod, Leid und Theodizee


Examensarbeit, 2014

87 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Leid in der Welt - Fachwissenschaftliche Aspekte
2.1. Ursachen von Leid in philosophischer Perspektive
2.1.1. Das „Böse“
2.1.2. Die Gewalt
2.1.3. Der Tod
2.2. Das Böse in christlich-theologischer Perspektive
2.3. Die Theodizeefrage
2.4. Das Leid im außerschulischen Kontext von Kindern und Jugendlichen
2.5. Das Leid als Thema in Unterricht und Schule

3. Gott und das Leid - Didaktische Aspekte
3.1. Entwicklungspsychologische Grundlagen und Modelle
3.2. Die Aktualität der Theodizeefrage in der neueren Forschung
3.3. Didaktische Überlegungen für den Religionsunterricht

4. Das Leid im Religionsunterricht - Methodische Aspekte
4.1. Exkurs: Theologisieren mit Kindern und Jugendlichen
4.1.1. Grundlegende Aspekte einer Kinder- und Jugendtheologie
4.1.2. Kindertheologie in der unterrichtspraktischen Anwendung
4.1.3. Jugendtheologie als Weiterführung des kindertheologischen Ansatzes
4.2. Unterrichtspraktische Materialien für das Gymnasium
4.2.1. „Projekt Tod“
4.2.2. Psalmen und Bibelverse
4.2.3. Philosophische Texte

5. Anregungen und Impulse für den Religionsunterricht
5.1. Bildbetrachtung „Was ist das? Fragt der Frosch“
5.2. Filmprojekt „Adams Äpfel“

6. Fazit und Ausblick

Literaturangaben

Anhang

Vorwort

Während des Prozesses, in dem diese Arbeit entstand, haben sich einige Punkte ergeben, die mit dem ursprünglichen Titel nicht mehr vollkommen übereinstimmen.

So heißt es erstens im Titel „die kindliche Frage“ - aber dass auch Jugendliche religiös bedeutende Fragen stellen, ist nicht von der Hand zu weisen. Wenn man also die Theodizee im Religionsunterricht behandelt, muss man bereit sein, auf Fragen aller Altersstufen ernsthaft einzugehen. Dabei haben Jugendliche durchaus eine eigene Theologie, die sich von der kindlichen unterscheidet.

Zweitens provozieren nicht hauptsächlich Krankheit, Sterben und Tod die Kritik an Gott und seiner Beziehung zu der Welt. Vor allem die sinnlos scheinende Gewalt und das allgegenwärtige Leid ist es, welche die Menschen buchstäblich vom Glauben abfallen lässt. Gleichzeitig aber spielt Gott in unserer Leiderfahrung nur noch eine mehr oder weniger marginale Rolle. Was uns wirklich beschäftigt ist das Radikale, das Unvermeidliche und Allumfassende - „das Böse“ in der Welt und sein Einfluss auf unseren Alltag. Das religiöse und theologische Denken Heranwachsender lässt sich also vor allem weiterentwickeln, indem man der Diskussion alltägliche Fragen und Probleme zur Grundlage macht.

Darum möchte ich einen alternativen, und meiner Meinung nach geeigneteren Titel anbieten, der den Schwerpunkt der Arbeit genauer wiedergeben kann. Der neue Titel würde dementsprechend lauten:

„Das Böse“ im Religionsunterricht:

Mit Kindern und Jugendlichen theologisch reden über Tod, Leid und Theodizee.

Ulrike Briehm Halle, den 15. Januar 2014

1. Einleitung

Eine Frau wünscht sich ein Kind und wird doch nicht schwanger. Eine andere verliert ihr Ungeborenes einen Monat vor der Geburt. Kinder werden geboren in Familien, die ihnen keine Liebe geben können. Flutwellen und Hochwasser berauben Tausende ihrer Häuser, ihres Besitzes, ihres Lebens. Im Urlaub fällt ein Vater vom Boot und ertrinkt. Millionen von Menschen verhungern, werden vertrieben, umgebracht. Das Geschwisterkind versteckt das Lieblingskuscheltier. Die Großmutter muss noch ein Jahr länger gegen die Krankheit kämpfen.

Das Böse ist facetten- und nuancenreich. Es ist schwer zu definieren und noch schwerer zu verstehen, wenn das überhaupt möglich ist. Niemand kann für einen anderen bestimmen: "Das ist schlecht". Was anderen das Herz zerbricht erscheint uns wie eine Lappalie; das, worüber wir weinen, bringt andere zum Jubeln. Die zum Alltag gewordene Grausamkeit entsetzt uns immer wieder aufs Neue. Das Böse ist allgegenwärtig, deshalb neigen wir dazu, es auszublenden, uns davor zu verschließen. "Ich habe genug eigene Probleme" oder "Was geht mich fremdes Elend an" ist wohl jedem schon einmal über die Lippen gekommen. Größtes Elend und Leid am anderen Ende der Welt wiegt meistens weniger schwer als das kleine Übel in unserer Nähe. Mit "Ich kann doch eh nichts daran ändern" ziehen wir einen Schlussstrich unter das Thema.

Die Wahrnehmung des Bösen und seine Bewertung ist oft verdreht, ambivalent, oder widersprüchlich. Gerade deshalb ist der Umgang mit dem Leid, die Öffnung für seine Problematik so wichtig. Die meisten Erwachsenen haben im Laufe ihres Lebens Strategien entwickelt, um mit dem sie betreffenden Negativen umzugehen, ohne sich jedes Mal aufs Neue damit auseinandersetzen zu müssen. Dies ist ein natürliches Bewältigungsverfahren. Wir lernen, dass wir nicht die ganze Welt retten können, lassen ab von unerreichbaren Zielen, auch wenn sie noch so nobel erscheinen mögen. Das schützt uns vor schweren Rückschlägen und dem Gefühl der Ohnmacht.

Kinder und Jugendliche sind erst noch dabei ihre Umwelt richtig einschätzen und ihre Lebenseinstellungen definieren zu lernen. Im jugendlichen Enthusiasmus sind sie noch eher überzeugt von Gut und Böse, glauben an das Schwarz und Weiß der Welt, in dem alles, was schlecht ist, verwandelt werden kann in etwas, das gut ist - wenn man nur will. Wie schnell treffen sie so auf Rückschläge und Sackgassen, in denen sie sich fragen müssen, an was sie eigentlich noch glauben können. In Kindheit und Adoleszenz ist man immer wieder verwirrt von dem, was man weiß, und dem, was man lernt: In der Familie wird alles geteilt, aber im Kindergarten stiehlt mir das Kind die Schokolade. Ich habe für den Test gelernt, aber bekomme nur eine Drei. Ich habe gebetet, dass meine Oma gesund wird, aber sie ist trotzdem gestorben. Mein letzter Freund war immer treu, der jetzige betrügt mich. Kinder in Afrika hungern und im Wahlkampf geht es um Strompreise. Die Welt ist nicht gut, und das wirft viele Fragen auf.

In jeder Lern- und Lebenssituation der Kinder und Jugendlichen, nicht nur im Religions- und Ethikunterricht, begegnen uns diese Fragen. Wieso gibt es Ungerechtigkeit? Warum tut niemand etwas dagegen? Woher haben die Menschen den Willen, Böses zu tun, und wer sollte sie daran hindern? Wie kann es sein, dass mir Schlechtes widerfahrt, wenn ich doch ein guter Mensch bin? Kinder stellen diese Fragen, für die wir Erwachsenen keine eindeutigen Antworten haben, und sind - verständlicherweise - mit dem Ergebnis oft unzufrieden. Dabei sind viele zufriedenstellende und verständliche Antworten bereits vorhanden, und zwar in den Kindern selbst. Man muss nur den richtigen Weg finden, sie herauszubekommen. Im Religionsunterricht findet sich hierzu ein vielversprechender Ansatz im Theologisieren mit Kindern, aber auch allgemein im problem- und schülerorientierten Arbeiten.

Trotz des umfangreichen Angebots an Materialien und Ideen für die Arbeit mit Kindern zur Leidproblematik und allgemein den Fragen nach Sinn und Unsinn des Bösen vor dem Hintergrund des Glaubens an einen allmächtigen und gütigen Gott, sind viele Lehrer unsicher, wenn es um dieses delikate Thema geht. Man kann nur allzu leicht abrutschen in unverständliches Theologisieren, schwammige und unbefriedigende Halbantworten, eine ungewollte Verletzung kindlicher Vertrauensvorstellungen, und vieles mehr. Die Theodizeefrage findet sich hierbei im Mittelpunkt des Dilemmas, denn sie ist bis heute Anlass für vielseitige Diskussionen und Argumentationen. Eine Lösung kann und muss im Unterricht angestrebt werden, aber nur als Mittel zur Weiterentwicklung der Schüler und Herausbildung förderlicher Kompetenzen. Das Ziel sollte es sein, sowohl Lehrer als auch Schüler zu befähigen, sich selbstsicher und offen über Leiderfahrungen, persönliche Zweifel an Gott, Hoffnungsvorstellungen, Theodizee und Anthropodizee äußern und austauschen zu können.

Mit dieser Arbeit möchte ich einen Beitrag dazu leisten. Dazu werde ich zuerst analysieren, wie uns das Leid und der Umgang mit ihm begegnet: im allgemeinen sowie speziell christlich-theologischen Kontext, aber auch im schulischen und außerschulischen Umfeld von Kindern und Jugendlichen, um die es ja schließlich in dieser Arbeit gehen soll. Es folgt danach eine didaktische Analyse, in der es darum gehen soll, wie Kinder leiden und ob sie ihre Leiderfahrungen überhaupt noch mit Gott oder einer ähnlichen Transzendenz in Verbindung bringen, d.h. ob die Theodizeefrage heute noch aktuell und von Bedeutung für den Religionsunterricht ist. Außerdem soll es um die Kompetenzentwicklung der Schüler gehen und um den Sinn der Beschäftigung mit Todes- und Leiderfahrungen im RU. Im Anschluss werde ich mich mit Material zum Thema auseinandersetzen. Hierzu zählen vor allem Projekte, Unterrichtsinhalte und Methoden. Vorhandenes wird analysiert und neue Ideen skizziert werden. Das Ziel der Arbeit ist eine didaktisch und methodisch durchdachte Material- und Ideensammlung, die dem Theologisieren mit Kindern entgegenkommt und den Umgang mit dem sensiblen Thema des Leids und des Todes erleichtert und fördert.

2. Das Leid in der Welt - Fachwissenschaftliche Aspekte

2.1. Ursachen von Leid in philosophischer Perspektive

2.1.1. Das „Böse“

Wenn man über die Theodizee und damit das Leid in der Welt reden möchte, kommt man nicht umhin, auch zu fragen, woher das Leid kommt. Welche Ursachen liegen dem Leid und dem Leiden zugrunde? Schließlich bestimmt oft die Herkunft des Leidens auch seine Erscheinungsform: Auf körperliche Gewalt folgt Schmerz, auf den Anblick von Armut Mitleid, auf den Verlust eines Menschen Trauer. Es gibt vermeidbares und unvermeidbares Leiden, eigenes und fremdes, schuldhaftes und schuldloses Leiden[1]. Die Arten von Leid sind so vielschichtig wie seine Ursachen, und so zahlreich wie die Menschen, die leiden. Was aber die meisten Menschen unmittelbar mit Leid verbinden ist ein Wort, das wie kaum ein anderes in der Alltagssprache verankert und von klein auf erlernt sowie mit Bedeutung gefüllt wird: „böse“, oder, als personifiziertes Konzept, „das Böse“.

Allgemeine Aussagen über das Böse zu formulieren erscheint auf den ersten Blick unmöglich. So sehr ist der Begriff allein schon im deutschsprachigen Raum geprägt von kulturellen, religiösen, gesellschaftlichen und persönlichen Aspekten. Von den Facetten anderssprachiger Ausdrücke ganz abgesehen. Und doch finden sich immer wieder ähnliche Ansichten über dieses Phänomen, das Anton Bucher als „ebenso abstoßend [...] wie anziehend“ beschreibt[2]. Rein intuitiv kann man das Böse als negativen Gegenpol zum Positiven des Guten beschreiben, etwas Machtvolles und doch Unerwünschtes, eine allgegenwärtige Instanz im menschlichen Leben. Das Böse, dem würden die meisten zustimmen, hat üble Gründe und schlimme Folgen. Aber all das sind lebensweltlich geprägte Aussagen, die von Mensch zu Mensch variieren können.

In der Philosophie ist das Böse eine „Sammelbezeichnung für alles Schlechte und Schreckliche, das im Gegensatz zum Guten steht“[3]. Verschiedene geistige Strömungen fassen das Prinzip des Bösen aber unterschiedlich auf: Gut und Böse sind im Manichäismus zum Beispiel gleichgestellte metaphysische Prinzipien, während sie bei den Sophisten den Menschen zugeschrieben werden, nämlich als eben deren Deutungen oder Reaktionen auf die Wirklichkeit. Gleich bleibt aber bei allen, dass das Böse außerhalb des Dualismus mit dem Guten nicht denkbar sein kann.

Das Böse kann nicht existieren ohne das Gute, und indem wir Regeln aufstellen was „gut“ sei, lassen wir das ausgesonderte Abfallprodukt des „schlecht“ zurück. Gute Menschen unterscheiden sich in ihrem Charakter und ihren Handlungen von schlechten Menschen, das wissen schon Kinder, die in jüngstem Alter vermögen, Filmcharaktere einzuordnen in „die Guten“ und „die Bösen“. Das Negative existiert nur in der Dialektik mit dem Positiven, in den Gegensätzen von Gut und Böse, Tag und Nacht, Freude und Leid, Krankheit und Gesundheit, Erfolg und Niederlage.

Und doch besitzt auch das Böse Abstufungen, und kann in verschiedene Kategorien unterteilt werden. Wenn wir vom Bösen reden, gibt es kein Schwarz und Weiß. Ein Erdbeben ist nicht „böse“, es ist eine Naturkatastrophe, ein Übel, wie es in der Welt nun einmal vorkommt, wie das Vorhandensein von Krankheit und körperlichen Schmerzen, und letztendlich das Sterben des Organismus im Alter aufgrund fehlender Zellregenerierung und Organversagen, wenn man den Tod des Menschen rein biologisch betrachten möchte. Auch ein Tier, das auf die Jagd geht, um zu fressen und zu überleben, ist in den Augen der meisten Menschen nicht „böse“ - fressen und gefressen werden erkennen wir als Teil der Natur an. Anders beim Menschen: als Allesfresser steht uns der Verzehr von Fleisch durchaus zu, und doch könnte ein Vegetarier auf die Idee kommen, Nicht-Vegetarier als „böse“ zu bezeichnen. Der Mensch in seinem sozialen Umfeld macht aus manchem natürlichen Übel durch ethische und moralische Bewertung etwas sittlich „Böses“. Der Grat ist hier mitunter dünn. Anton Bucher liefert aber eine Definition bösen Verhaltens, dem viele zustimmen können: „»Böse« ist ein Verhalten, wenn es die Integrität von Menschen (oder anderen Lebewesen) verletzt, ohne dass dafür ein zwingender Grund vorliegt“[4]. Aber wer bestimmt, ob solch ein Grund vorliegt? An dieser Stelle wird deutlich, wie sehr die Ansichten über das Böse (und damit auch das Gute/Richtige) abhängig sind von gesellschaftlichen Normen, Erziehung, und persönlichen Ansichten. Wie sich diese persönlichen Ansichten bezüglich Moral und Gerechtigkeit im Laufe des menschlichen Lebens verändern, wurde unter anderem vom amerikanischen Forscher Lawrence Kohlberg (1927-1987) untersucht (s. З.1.).

Leibniz hat diese Unterschiede in der Wahrnehmung des Bösen in seiner Theodizee von 1710 zu drei Unterkategorien zusammengefasst. Diese sind das malum morale, das malum physicum und das malum metaphysicum. Hierbei werden im Begriff des malum das Böse, das Schlechte und das Übel verbunden, was eine offenere Verwendung des Wortes zulässt.

a) Das Malum Morale - die Verwerflichkeit. „Kennzeichen des moralisch Bösen sind Unrecht, Verbrechen und Unbarmherzigkeit“, fasst Kunstmann zusammen[5]. Es umfasst alles, was auf zwischenmenschlicher Ebene unerwünscht, verboten, böse ist. Dazu zählt nicht nur das aktiv Böse, sondern auch das, was der Mensch verhindern müsste, aber zulässt, oder tun müsste, aber unterlässt. Der Mensch wird durch böse Ereignisse und Strukturen, durch böses Handeln, selber böse. Dies ist nur möglich durch und damit eine Folge seiner Handlungsfreiheit. Aber wieder gilt: Das Böse entsteht hier nur durch die Definition des Guten, durch das Streben zum Besten. Indem klar gemacht wird, wie man sich gut verhält, was man tun sollte, was man nicht zulassen sollte, entsteht das Abfallprodukt des Bösen in seiner Definition.
b) Das Malum Physicum oder M. Naturale - die Erfahrung des Bösen. Hier wird nicht unterschieden zwischen dem von Menschen verursachten Bösen oder einem Unglück, einem Unfall oder einer Naturkatastrophe. Das Malum Physicum ist in den meisten Fällen nicht verursacht, sondern geschieht vielmehr einfach. Dabei geht es darum, wie der auf diese Übel folgende Zustand wahrgenommen wird. Ohnmacht und Unglück, Trauer und Schmerz stehen im Vordergrund. Hier ist das eigentlich Böse die innere Auswirkung des Bösen. Wir fühlen, dass uns ein Leid geschieht oder geschehen ist - wir leiden. Das innere Leid ist der Kern des malum physicum: Der physische Schmerz, den wir durchleben, auch ohne physische Wunden. Gegensatz des Bösen ist hier nicht hauptsächlich das Gute, sondern die Heilung von diesem Schmerz, das Heil-sein, oder christlich gesprochen: das Heil ist das Gegenstück zum und die Erlösung vom Bösen.
c) Das Malum Metaphysicum - Sinnlosigkeit und Absurdität. Hierbei wird das Böse in der Welt resigniert hingenommen, es lohnt sich nicht, darüber nachzudenken, da es sinnlos ist. Das Böse hat keinen Sinn und Zweck, es existiert nur um seiner selbst willen und ist Teil der notwendigen Unvollkommenheit der Welt als Schöpfung. Es ist ein absolutes „Wirklichkeits- und Wirkungsprinzip“[6], und als unvermeidlicher und radikaler Teil unseres Lebens hinzunehmen. Das Böse ist allgegenwärtig, und nicht nur moralisch oder im Zwischenmenschlichen wahrnehmbar. Verstärkt wurde diese Sicht durch das gehäufte Auftreten des Bösen im 20. Jahrhundert: Hunger, Tod, Krieg, Katastrophen - die damals erfahrene Sinnlosigkeit des Lebens, die Wertlosigkeit und Ersetzbarkeit des Einzelnen, die Nichtigkeit und Fragilität der Welt konnten seitdem diese Sicht auf das Böse unterstreichen.

2.1.2. Die Gewalt

Das Böse muss trotz allem immer ein Oberbegriff bleiben. Je nach Konnotation und Wortsinn benutzen wir oft andere Worte als Synonym oder spezifischere Unterkategorie, wie zum Beispiel „Sünde“, „Ungerechtigkeit“, oder „Gewalt“. Aber besonders die Gewalt hat eine sehr ambivalente Beziehung zum Bösen. Oft benutzen wir Gewalt, um das vermeintlich Böse zu bekämpfen oder präventiv zu unterdrücken. Meistens genügt dabei schon die Androhung von Gewalt, um ein erwünschtes Verhalten zu fördern oder ein unerwünschtes zu unterbinden. Aber ist Gewalt nicht selbst „böse“? Wann kann Gewalt erlaubt sein? Ist Gewalt in einem Krieg richtig, der die Menschenrechte schützen soll? Hat ein Kind einen Klaps verdient, wenn es etwas Dummes tut? Und wie steht es mit der Todesstrafe - Gewalt gegen Gewalt, oder das Zusammenspiel: Gewalt-Gegengewalt? Allgemein kann es helfen, die Gewalt zu unterteilen in nützliche Gewalt und zerstörerische, willkürliche Gewalt. So stellt Joachim Kunstmann[7] den Unterschied zwischen potestas (produktive Kraft, wie in Gewaltenteilung) und violentia (zerstörerische Kraft; interessengeleitetes Böses) heraus[8]. Auch die Aussage, dass Gott alle Gewalt gegeben ist, im Himmel und auf Erden, bezeugt die Vielschichtigkeit des Begriffs. Kunstmann zeigt außerdem auf, dass positiv konnotierte Begriffe im Deutschen Gewalt enthalten können, wie die (religiöse) Überwältigung oder die Möglichkeit, schalten und walten zu können, wie es beliebt.

Doch woher kommt überhaupt das Böse und die Gewalt im (zwischen-)menschlichen Leben? Anton Bucher (2003) hat vier psychologische Antworten auf der Basis verschiedener Ansätze aufgezeigt, die aber untereinander stark differieren[9]:

a) „Das Böse ist ein unentrinnbarer Impuls aus dem Es“[10], wie es der späte Freud nach den Eindrücken des Ersten Weltkrieges feststellt. Bucher verweist hier auch auf die „anthropologischen Vorausnahmen“, die jeder Humanwissenschaft, und damit auch der Psychologie, vorangehen. Das heißt, wie man das Böse und seine Herkunft definiert, hängt davon ab ob man den Menschen von vornherein als grundsätzlich gut oder grundsätzlich böse ansieht. Freud fasste seine Erkenntnisse im Begriff des Thanatos zusammen, einem universalen Destruktionstrieb, der im ständigen Kampf mit dem Eros stehe, dem Willen, Leben zu erhalten und zu verbessern. Nach Freud ist dies aber ein aussichtsloser Kampf, da das Ziel allen Lebens letztendlich der Tod sei, also alle Bewegung auf den Stillstand hinauslaufen muss.

Diese Ansichten Freuds lassen nur wenig Raum für pädagogische Arbeit. Man könne den Menschen das Böse nicht aberziehen, geschweige denn es ganz verschwinden lassen. Werde das Böse durch das Über-Ich vom Ausgelebtwerden abgehalten, so richte es sich nur selbstzerstörerisch nach innen, gegen den eigenen Organismus. Eine traurige Aussicht für Lehrer und Pädagogen, deren Aufgabe es unter anderem ist, Kinder von Gewalt und Aggression abzuhalten, und ihnen beizubringen, Konflikte mit Worten beizulegen. Nach Freud wäre dies vergebene Liebesmüh.

b) Das Böse als „Mitgift der Evolution“[11], entgegen behavioristischer Erklärungs­versuche[12]. Aggression sei demnach genetisch von Vorteil, da sich durchsetzungsfähige Organismen eher fortpflanzen und ihren Nachwuchs schützen können. Früher ging man davon aus, diese genetisch verwurzelte Aggression könne ein „Ventil“ finden, zum Beispiel im Sport, um sich nicht ungewollt als Gewalt zu äußern. Experimentelle Forschung hat aber bewiesen, dass körperliche Betätigung die Bereitschaft für Gewalt nur erhöht, und dass verbales Abreagieren den eigenen Ärger steigert. Was allerdings bewiesenermaßen gegen Aggression half, war Vergeltung. Hinzukommend betonten Forscher, dass biologische Fakten nicht gleich ethische Normen seien. Im Gegenteil, der zivilisierte Mensch (im Gegenteil zu seiner genetischen Ur-Natur) sei ein „Kulturwesen von Natur“ aus, und als solches dazu fähig, sich zu beherrschen und größere Ziele, wie etwa den Frieden in einer Gruppe, über die eigenen aggressiven Bedürfnisse zu stellen.

Hier zeigt sich für den Pädagogen von heute schon eher ein Lichtblick auf. Menschen, also auch bereits Kinder, sind von Natur aus dazu befähigt, ihre Launen kontrollieren und ihre Gefühlsausbrüche zügeln zu können. Strategien für derartiges Anger Management sind bekannt und können Kindern vermittelt werden.

c) Frustration als Grund für Gewalt, nach der Theorie von Dollard und Mitarbeitern (1971). Hierbei reagieren Menschen mit Aggression, wenn eine zielgerichtete Aktivität unterbrochen wird, ein Mangelzustand vorherrscht, oder die Person angegriffen wird. Allerdings wurde von Kritikern schnell bewiesen, dass mitunter auch positive Reaktionen auf Frustration folgen können. Konstruktive Problemlösung oder eine Neubewertung der Situation zählen dabei zu den coping-Strategien, die heutzutage zu den zu fördernden Kompetenzen im Schulbereich zählen. Es gehört zum allgemeinen Prozess der Assimilation, mit Rückschlägen fertig zu werden, indem man seine Ziele anpasst, d.h. niedriger ansetzt oder ganz von ihnen ablässt. Als Schüler immer eine Eins bekommen zu wollen kann schnell frustrierend werden. Eine Zwei oder Drei wird also solange als Rückschlag oder Versagen gedeutet werden, bis der Schüler sein Ziel anpasst und sich vornimmt, einfach immer sein Bestes zu geben, und die Note als Folge dessen anzuerkennen lernt. Auch Sätze wie „Die anderen haben auch nur Dreien“ können den Frsutrationsdruck senken. Solche coping-strategien müssen aber erst erlernt werden - jüngere Kinder haben geringere Ressourcen, die ihnen bei der Bewältigung von Konflikten zur Verfügung stehen, und reagieren eher mit Frustration oder Gewalt.

Auch die Flucht wird als mögliche Folge von Frustration dargestellt. Und auch wenn es wenig sinnvoll ist, immer vor seinen Problemen davonzulaufen, um Niederlagen und Versagen zu vermeiden („Ich verstehe die Mathehausaufgaben nicht, also mache ich sie nicht, um mich nicht dumm zu fühlen“) - bei physischer Frustration und Angriff durch einen anderen hilft es nichts, mit Gegengewalt zu reagieren. Manche werden sagen, Angriff ist die beste Verteidigung, aber die neueren Strategien zur Gewaltprävention bei Kindern und Jugendlichen gehen eindeutig in die Richtung, dass Kinder lernen deutlich „Nein“ sagen, weggehen, oder die Nähe zu anderen suchen. Dieser Ansatz zur Gewaltentstehung durch Frustration würde folgerichtig zu der Notwendigkeit führen, Frustrations­bewältigungsstrategien zu entwickeln, die nicht in Aggression und Gewalt enden.

d) Das Erlernen des Bösen durch Imitation, nach der Theorie von Albert Bandura[13]. Hierbei erlernen Kinder beim Heranwachsen durch das Beobachten von Bezugspersonen bestimmte skripts, also Handlungsabläufe, die sich der Gewalt bedienen können oder auf sie verzichten. Sehen die Kinder, dass mit bösem Verhalten wiederholt die eigenen Ziele erreicht werden können, ist es wahrscheinlich, dass sie diese Verhaltensmuster übernehmen. Werden Kinder in einer Umgebung groß, die böses Verhalten verurteilt und darauf verzichtet, ist auch die Gefahr geringer, dass sie sich später böse verhalten.

Die medienwirksamen Aufschreie, die immer nach Amokläufen laut werden, Videospiele und Filme würden aggressives Verhalten fördern und die Hemmschwelle von Gewalttaten herabsetzen, halte ich für völlig fehl am Platz. Im Verhältnis zu familiärer Sozialisation und der in der peer-group, ist der Einfluss solcher Medien sehr gering.

Weiterhin kann man davon ausgehen, dass fast jeder Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren regelmäßig mit Gewalt in Medien konfrontiert wird, ohne gefährliche Verhaltensmuster zu entwickeln. Auch der ausgleichende und entlastende Charakter von Medien in der Freizeit sollte, trotz der Argumente in 2.1.2.b, nicht unterschätzt werden.

Besonderer Wert sollte nach diesen verschiedenen Theorien zur Gewaltentstehung auf der Vorbildfunktion von Lehrern und Eltern liegen, sowie auf dem Bereitstellen gewaltloser coping-Strategien, die den Kindern helfen, mit Problemen und Frustration umzugehen. Woher letztendlich aber das Böse im Menschen kommt, lässt sich psychologisch nicht eindeutig festlegen und muss eine Aufgabe der andauernden Forschung bleiben.

2.1.3. Der Tod

Abschließend muss noch auf den Tod eingegangen werden, der von vielen Menschen als böse wahrgenommen wird. Aber ist es tatsächlich der Tod selbst, vor dem wir Angst haben, oder ist es vielmehr die damit einhergehende Gewalt, vor der wir uns fürchten? Wir verurteilen Gewalt, die zum Tod führt, als Totschlag. Vom Mord reden wir, in Anlehnung an die Juristik, wenn diesem tödlichen Akt eine vorhergehende Planung zugrunde liegt oder eine böse Absicht. Sowohl Mord als auch Totschlag aber gehen einher mit andern Erscheinungsformen des „Bösen“: Neid und Eifersucht, Aggression, Hass, Wut, Trauer, Rachedurst. Diese Emotionen lösen Gewaltbereitschaft in uns aus und können, wenn sie sich offen gegen einen anderen Menschen richten, zu dessen Tod führen.

Dabei muss man unterscheiden zwischen der Vorstellung tot zu sein, und der Vorstellung zu sterben. Während die Aussicht auf das Sterben in vielen von uns Gedanken an Schmerz und Abschied auslöst, verbinden manche den Zustand des Gestorbenseins eher mit der Unendlichkeit, manche mit Wiedergeburt, wieder andere mit Freiheit von irdischen Übeln und dem Bösen, mit der endlich eintretenden, unendlichen Ruhe - also weniger negativ konnotierte Vorstellungen. Liegt ein Mensch lange im Sterben, empfinden wir das als etwas Schlechtes, Trauriges. Stirbt dieser Mensch nach langer Krankheit, so empfinden wir das als Befreiung, Erlösung und als etwas Gutes für alle Beteiligten, auch wenn der Schmerz des Abschieds natürlich trotzdem präsent ist. Das ist es vielleicht auch, was den Tod weniger schrecklich macht: wenn man darauf vorbereitet ist. Der plötzliche Tod eines vielleicht sogar noch sehr jungen Menschen trifft uns schwerer als der eines alten oder kranken. Überhaupt erscheint uns der Tod eines alten Menschen eher als notwendig und unvermeidlich; der eines jungen Menschen, der sein Leben noch vor sich hat, als sinnlos.

Auch ist für alte Menschen der Tod viel gegenwärtiger als für die jungen. Jeder Mensch weiß ab einem bestimmten Alter, dass er sterben muss. Und doch sind es die älteren, für die der Tod in ihrer Generation ab einem gewissen Punkt zum Alltag wird, die Sterberegelungen treffen, Dokumente erstellen, Testamente und Bestimmungen darüber, wie lange sie über ihr Bewusstsein hinaus am Leben erhalten werden möchten. Welcher Jugendliche weiß mit Sicherheit, wie er einmal beerdigt werden möchte? Und doch ist jeder Mensch gleich anfällig für das Unvermeidliche des Todes.

Aber was genau ist der Tod? Zuerst einmal ist der Tod der Zustand eines Lebewesens nach dem Leben, während das Sterben als Prozess einen Teil des Lebens darstellt. Allgemein ist das Konzept des Todes durch vier Dimensionen definiert: 1. Irreversibilität, 2. Kausalität, 3. Nonfunktionalität, 4. Universalität. Diese Dimensionen sind für Kinder noch schwer nachzuvollziehen, werden aber im Laufe des Heranwachsens mehr und mehr nachvollzogen. Irreversibilität bedeutet, dass der Tod nicht umkehrbar ist. Im Gegensatz zu Figuren in Film und Fernsehen, kann ein im wahren Leben gestorbener Mensch nicht wieder lebendig werden. Kausalität bedeutet, dass die Ursachen des Todes auf den menschlichen Körper und dessen physische und biologische Funktionen zurückzuführen sind. Der Tod erfolgt aufgrund von Versagens körperlicher Prozesse, niemand stirbt „grundlos“. Nachdem alle diese Prozesse während des Sterbens aufgehört haben, kommt es zur Nonfunktionalität. Der Körper „arbeitet“ nicht mehr, es erfolgt keine Reizübermittlung, kein Stoffwechsel, kein Herzschlag etc.

Die letzte Dimension des Sterbens ist die wohl bedeutendste für das in dieser Arbeit behandelte Thema: die Universalität. Dieser Begriff steht für die unabänderliche Tatsache, dass alles, was lebt, sterben muss und einmal sterben wird. Einerseits ist diese Vorstellung sehr bedrückend: Jeder Mensch, den ich kenne und liebe, wird einmal nicht mehr sein. Und auch ich werde irgendwann sterben, und Menschen werden meinetwegen trauern und leiden. Denkt man aber genauer darüber nach, so ist der Tod wichtiger Teil des Lebens. Denn wie es schon in der Bibel nach Luther im neunzigsten Psalm, Vers 12 steht: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ So auch in Psalm 39,5 - hier wird noch einmal der Tod als das Ziel des Lebens betont. Damit ist gemeint, dass gerade die Begrenztheit und Endlichkeit des Lebens eben dieses Leben wertvoll machen. Gerade die Tatsache, dass uns nur begrenzt Zeit gegeben ist, veranlasst uns dazu, diese Zeit sinnvoll zu nutzen. Denn wer wünscht sich nicht, im Alter auf das Leben zurückzublicken, sich an alles Gute zu erinnern, und bereit und ohne Reue dem Lebensende entgegenzublicken? Dann wäre der Tod nichts Böses und kein Übel, sondern einfach der logische und erfüllende letzte Schritt im Leben.

Gerade für religiöse Menschen kann der Tod - je nach Religion - eine besondere Bedeutung haben. Hinduisten und Buddhisten zum Beispiel sind die bedeutendsten Vertreter von Karma- und Wiedergeburtsglauben, dieser taucht aber auch in der jüdischen Mystik (Kabbala) auf. Gemäß des Glaubens an eine Wiedergeburt (auch Reinkarnation oder Palingenese) wandert die Seele nach dem Tod des Körpers, zum Beispiel in einen neuen Körper. Die meisten Juden, Muslime und Christen aber glauben nicht an eine Wiedergeburt. Zentral ist hier nach dem Tod in jeweils abgewandelter Form ein individuelles Partikulargericht (also Lohn oder Strafe, Himmel oder Hölle, etc. je nach seinen Taten), bzw. das Weltgericht am jüngsten Tag. Nach dem Tod ist der Mensch in einer Zwischenwelt, „im Himmel“, bzw. „bei Gott“ und wird nach dem Jüngsten Gericht endgültig vereint mit derjeweiligen Transzendenz (Gott, Allah etc.).

Speziell im Christentum hat der Tod eine besondere Bedeutung. Durch den Kreuzestod Jesu Christi und seine Auferstehung wurde endgültig die böse Macht des Todes gebrochen (IKor 15,55: „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“). Die Menschen müssen seither keine Angst mehr vor dem Sterben haben, denn sie können sich sicher sein, dass Jesus Christus die Sünde von ihnen genommen hat, und Gottes Gnade ihnen zuteilwird. Nach dem Tod erwartet sie die Aufnahme in Gottes Reich, in dem es keinen Schmerz gibt, keine Angst oder Trauer. Wie wenig Macht die Angst vor dem Tod über die ersten Christen hatte, bezeugen die Berichte über die Märtyrertode im Rahmen der römischen Christenverfolgungen. Der Tod im Kontext von Religion ist also keineswegs negativ belastet, oder gar „böse“. Womit wir zu der Frage kommen, was der christliche Glaube als das Böse definiert.

2.2. Das Böse in christlich-theologischer Perspektive

Obwohl im psychologischen Bereich viele Aspekte untersucht werden, die in engem Zusammenhang mit dem Bösen gesehen werden können - Angst, Aggression, Depression, Mobbing, Gewalt - so wird doch „das Böse“ an sich hauptsächlich im Zuständigkeits­bereich von Theologie und Philosophie angesiedelt. Manche Psychologen meinten sogar, der Begriff sei religiös und metaphysisch zu stark vorbelastet, um ihn überhaupt in der Psychologie verwenden zu können[14]. Und tatsächlich, kaum ein Arbeitsbereich hat sich im Laufe der Geschichte mehr mit dem Bösen befasst als die christliche Theologie; gründet doch ein Großteil der christlichen Glaubenslehre auf dem Bezwingen des Bösen, der Vergebung der Sünden, Hilfe im Leid und Überwinden des Todes - alles eng verknüpft mit realen Erfahrungen des Bösen im Alltag der Gläubigen.

Der Artikel „das Böse“ in der Theologische Realenzyklopädie (TRE, 1993) von Johan Hygen ordnet das Böse eher der Ethik zu, während seine gezielt theologische Entsprechung die Sünde ist. Eine Sünde muss in ethischer Hinsicht nicht unbedingt böse sein, wenn der Sündigende gegen ein religiöses Gesetz oder Tabu verstößt. Der Verzehr von Schweinefleisch mag für christliche Vegetarier böse sein, für Juden oder Muslime eine Sünde, bzw. ein Verstoß gegen religiöse Vorschriften, aber für die meisten anderen keine negativ belastete Handlung. Auch die TRE fügt den beiden Begriffen von Bösem und Sünde noch den Begriff des Übels bei. Letztere können „zwar böswillig verursacht sein, können aber ebenso gut einfach geschehen und den Charakter eines unpersönlichen Schicksals haben“[15]. Auch hier wird also der Charakter des Bösen drei großen Wirkungsfeldern zugeordnet: dem (zwischen-)menschlichen Bereich, dem auf eine Transzendenz bezogenen Bereich, und der Natur mit seinen natürlichen Übeln. Aufgrund einer zunehmenden „Ethisierung der Religion“ weist Hygen aber darauf hin, dass der Begriff „Sünde“ auch vermehrt für ethische Übertretungen benutzt wird; im Rahmen der Bibel ist das Böse aber auch zugleich das Gottlose, bzw. Gottfremde.

Aus Sicht der Bibel ist der Einfluss des Bösen auf die Welt übermächtig stark. Klassische Beispiele hierfür sind Gal 1,4 und 1Joh 5,19: In der Lutherübersetzung finden wir hier das Wort „arg“, welches wir aus heutiger Sicht eher mit dem milderen „schlecht“ oder „schlimm“ gleichsetzen würden, als mit dem radikaler anmutenden „böse“. Und doch wird deutlich, wie allumfassend sich das Böse auf unsere Welt auswirkt. Die Welt ist unvollkommen und daher (was gerade im Neuen Testament betont wird) bedroht und erlösungsbedürftig.

Und doch können Menschen gemäß der Bibel Gutes tun - Gott selbst hat uns dazu befähigt. Nach Röm 13,10 kann ein Liebender nichts Böses tun, ja die Liebe ist unter Christen das oberste Gebot (vgl. dazu das Doppelgebot der Liebe Mt 22, 37-40). Absolut gut zu sein ist allerdings Gott vorbehalten. Der Mensch kann nur gut handeln, gut gesinnt sein etc. Die Bibel legt hierbei großen Wert auf die innere gute Gesinnung und lehnt Werkgerechtigkeit ab, bei der sich der Mensch seiner eigenen guten Taten rühmt und sich durch sie vor Gott gerechtfertigt sieht. Luther betonte hierzu, dass der Mensch allein im Glauben durch Gottes Gnade gerechtfertigt sein könne.

Was aber nun macht das Gute gut und das Böse böse? In erster Linie sind diese Begriffe schließlich Wertungskategorien, menschliche Projektionen auf Dinge und Handlungen[16]. Hygen liefert hier eine übersichtliche, christliche Antwort auf die Frage nach der Norm von Gut und Böse: „Der erhabenste Normbegriff ist der in Wort und Tat geoffenbarte, im Gebot und Gesetz mitgeteilte, oft durch menschliche Autorität und gesellschaftliche Institutionen, etwa die Kirche, vertretene Wille Gottes“[17]. Kritisch betrachtet könnte man sagen, diese Definition lege den Fehlschluss nahe, biblische Texte stellten Zwangsregeln auf, die wenig mit dem zwischenmenschlichen Leben zu tun hätten und sich der Anpassung an bestimmte Lebensumstände entzögen. Ein reflektierter, historisch-kritisch fundierter Glaube muss an dieser Stelle aber eingestehen, dass auch die in der Bibel festgelegten Regeln und Gebote das Ergebnis zwischenmenschlicher Interaktion und intersubjektiver Konsensfindung sind. Solche objektiven Normen, die in der Bibel als gottgegeben dargestellt werden, konnten nur entstehen, indem man in der Vergangenheit subjektiven Normvorschlägen den Wert von Universalität zugestand. Das bestmögliche Verhalten, mit dem größten Vorteil für die meisten Menschen, ist in der Tat auf das Letztgültige, das Transzendente hin ausgerichtet und damit gottesnah.

Verschiedene Dogmatiker haben versucht, das Böse und die Sünde aus christlicher Sicht heraus systematisch darzustellen. Horst Georg Pöhlmann fasst die Thematik in seinem dogmatischen Kompendium unter der Überschrift „De Peccato (Von der Sünde)“ zusammen[18]. Neben dem Wesen und der Erkenntnis der Sünde allgemein und dem Problem der Erbsünde, trifft man hier auf „das Böse“ als Wesenszug des modernen Menschen, der - trotz einem steigenden Bewusstsein für das radikal Böse seit Auschwitz und Hiroshima - in seinem Alltag aberjenseits von Gut und Böse zu stehen scheint. Pöhlmann betont, dass durch die Trennung von Ethik und Theologie in der Aufklärung die Sünde gegen Gott, also das religiös Böse, und die Sünde gegen den Mitmenschen, das moralisch Böse, ebenfalls kaum noch eine Verbindung haben. Das Gute wird nicht mehr mit der Frömmigkeit, sondern mit der Menschlichkeit gleichgesetzt[19]. Gleichzeitig ahnt der Mensch aber von der Radikalität des Bösen. Er ahnt, dass das Böse nicht nur aus dem Menschen heraus entsteht, sondern dass er sich sein Leben lang in ihm bewegt. Durch diese Ahnung hat die Heilsbotschaft auch bei dem modernen Menschen eine Chance zu wirken.

Gehen wir in der Geschichte ein Stück zurück, so finden wir bei Paul Tillich (1925) das Böse in Form von Sünde als Teil der „Wirklichkeit des Wesenswidrigen“[20]. Demnach entsteht die Sünde durch die Spannung zwischen dem Göttlichen, Unerschöpflichen in jedem Menschen und dessen begrenzter Form. Tillich stellt das Wesen der Sünde als das (dem Geschöpf) wesenswidrige Streben nach Unbedingtheit dar. Sie äußert sich in Selbstliebe, Begierde, Hochmut und Absonderung von Gott. Die verschiedenen Formen von Sünde entstehen durch das jeweilige Verhältnis, bzw. die Beziehung auf die Kreatur (das Geschöpf) und auf den Schöpfer. Die Sünde ist allgemein dem Wesen der Schöpfung zuzuschreiben, nicht dem Menschen an sich.

Anders bei Karl Barth, welcher sich der Sünde besonders vom christologischen Aspekt her nähert, und den Menschen in seinem Hochmut dem gekreuzigten Jesus gegenüberstellt. Dieser Hochmut ist laut Barth die konkrete Gestalt dessen, was man allgemein Ungehorsam, und im christlichen Bereich Unglaube nennen kann[21]. Er definiert die Sünde weiterhin als „die in Ignorierung und Beleidigung der Majestät Gottes begangene Tat des Menschen“[22], die trotz des Wissens um das erlösende und heilsame Wesen der Gebote Gottes geschieht. Was genau die Sünde ist, kommt im direkten Vergleich mit Jesus Christus zum Vorschein; sein Vorbild ist das Vorbild der Sündenlosigkeit. Der Glaube an Jesus Christus und damit an Gott ist das genaue Gegenteil des menschlichen Hochmuts und des damit verbundenen Unglaubens und Ungehorsams[23].

Wolfgang Trillhaas verbindet in seiner Dogmatik die Sünde eng mit der Schöpfung. So ist Sünde „Mißbrauch der Schöpfung, sie ist Verwechslung von Schöpfer und Geschöpf, sie ist sogar mitunter förmlich Zerstörung der Schöpfung. Immer ist die Schöpfung selbst die Voraussetzung dazu. [...] Sünde ist Abfall vom Schöpfer“[24]. So ist es nicht verwunderlich, dass wir das Thema der Sünde in dem Kapitel „Der Mensch als Gottes Geschöpf“ finden. Gleichzeitig impliziert dies aber auch, dass der Mensch trotz seiner Sündhaftigkeit ein Geschöpf Gottes, ein Teil der Schöpfung ist und bleibt. Somit ist auch die Sünde ein Teil der Schöpfung. Trotzdem bleibt die Sünde etwas Persönliches, den individuellen Menschen betreffend. Als treffendes Beispiel nennt Trillhaas die Bußpsalmen, zum Beispiel Psalm 51,5, in denen das Ich in den Mittelpunkt gerückt wird.

Zuletzt sei Wilfried Härle genannt, welcher der Sünde ein eigenes Kapitel der Hamartiologie widmet. Hierin definiert er die Sünde als „Verfehlung der Lebens­bestimmung, als Verlorenheit, Scheitern oder Mißlingen des Lebens“[25]. Der Begriff der Sünde ist „negativ auf das menschliche Leben in seiner (von Gott gegebenen) Bestimmung bezogen“[26]. Sieht man diese Bestimmung als Bestimmung zur Liebe, so ist die Sünde laut Härle ihrem Wesen nach eine Verfehlung der Liebe. Gleichzeitig gesteht Härle der Sünde die Macht zu, das Leben der Menschen zu bestimmen.

Abschließend kann man zusammenfassen, dass die Sünde in verschiedenen Bereichen der Dogmatik angesiedelt werden kann: als Teil der Anthropologie, der Christologie, der Gottes- oder Schöpfungslehre. Sie kann unterschiedlich ausgelegt und definiert werden, und eine klare Bestimmung entzieht sich der Allgemeingültigkeit.

Abseits der Systematik wird das Böse auf biblischer Grundlage auch oft mit Dämonen gleichgesetzt oder als solche versinnbildlicht, zum Beispiel mit der Schlange im Paradies. Aber auch der Satan spielt eine entscheidende Rolle als absolut böser Gegenpol zum absolut guten Gott. Die Entstehung des personifizierten Bösen liegt hierbei im Mythischen. Ältere, polytheistische Religionen kannten (und kennen auch heute noch) böse Götter als Gegenpol zu guten oder wohlgesinnten Göttern; dem christlichen und jüdischen Satan ist dieser göttliche Status aber verwehrt. Allerdings fand sich im späthellenistischen Judentum, in der Gnosis und in der Äonenlehre des Neuen Testaments ein dualistisches Weltverständnis, nach der die Welt gespalten ist in eine gute, göttliche und eine schlechte, irdische Welt. Mitunter gilt hier der Satan als Gott der irdischen, schlechten Welt[27]. Anzeichen der Verderbtheit der Welt sind die wiederkehrenden Übertretungen göttlicher Gebote, wie Diebstahl, Ehebruch und Gewalt.

Gerade die Gewalt ist ein wichtiger Aspekt des Bösen in den Religionen. Wie oben bereits erwähnt ist Gott alle Gewalt auf Erden und im Himmel gegeben. Aber auch von zwischenmenschlicher Gewalt wird vor allem im Alten Testament berichtet, oft wird sie dort als gerechtfertigt, notwendig oder gar gottgewollt dargestellt: meistens bestimmt eine von Gott erwählte Person den Ausgang eines Konflikts durch eine gewalttätige Handlung: David schlägt Goliath den Kopf ab (lSam 17,50f), Jael pfählt Sisera (Ri 4,17-21), Abimelech wird mit einem Mühlstein erschlagen (Ri 9, 53) - die Beispiele sind zahlreich. Besonders dem zarten Geschlecht werden die bösartigsten Handlungen zugesagt, nicht zuletzt weil die Niederlage durch Frauenhand als besonders demütigend galt[28].

Nichtsdestotrotz: Gewalt im Alten Testament gegen die Gegner Israels wird durch Gott gerechtfertigt, der zu seinem erwählten Volk steht.

Und auch die weltliche Geschichte des Christentums ist nicht frei von Gewalt. Ungeachtet des christlichen Liebesgebotes sind Christen von jeher nicht gerade sanft mit Widersachern, Häretikern und anders Denkenden umgegangen. Von den mittelalterlichen Kreuzzügen und der Inquisition bis hin zu dem Verhalten der Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus ist der Werdegang der Kirche kein unbeschriebenes Blatt was den Umgang mit dem Bösen betrifft.

Doch woher kommt das Böse aus christlicher Perspektive betrachtet? Jürgen Werbick (2003) stellt eine Übersicht über verschiedene Antwortmöglichkeiten zusammen, auf der Grundlage von Augustinus' Auseinandersetzung mit dem „Unde malum?“ (aus: De Fide, Spe et Charitate), und stellt fest, dass eine Antwort so überfordert sein kann wie der Fragende selbst. Dabei wird deutlich, wie weit entfernt Augustinus von einer Theodizee ist: Für ihn gilt, bei allem Übel und Leid darf doch die Allmacht und Güte Gottes nicht infrage gestellt werden. Und auch wenn es in Werbicks Text eher um das Warum als um das Woher geht, ist doch seine Zusammenfassung einer Orientierung sehr dienlich und bereitet schon einmal das folgende Kapitel über die Theodizee vor[29]:

Das erste Argument Augustinus' lautet, dass das Böse benötigt wird, um das Gute hervorzuheben, das Gute als nur existieren kann, wenn es auch das Böse gibt. Am Bösen kann sich außerdem die alles überwindende Liebe Gottes manifestieren, die aus allem Schlechten etwas Gutes hervorbringen kann. (Ähnlich drückt sich später auch Tillich aus, indem er der Universalität der Sünde die Universalität der Gnade gegenüberstellt.) Werbick betont zurecht, dass diesem Argument allein nicht viel zuzutrauen ist.

Weiter folgt die Aussage, dass das Böse immer nur ein Mangel an Gutem sei (privatio boni), da das Gute im Menschen wie der Mensch selbst ein Geschöpf und damit endlich ist. Augustin geht aber ebenfalls davon aus, dass der Mensch in seiner Freiheit zum Guten berufen ist, diese Berufung aber nicht ergreifen muss. Indem er seine Berufung zum Guten nicht wahrnimmt, vermindert der Mensch das Gute und vermehrt somit das Böse. Hinzu kommt, dass der Mensch von sich aus verdorben ist[30] ; um wahrhaftig Gutes tun zu können, muss er erst aus dieser Verderbnis befreit werden, und dies geschieht durch die Hinwendung und Gnade Gottes. Gott ist die Rettung aus dem Bösen, weil seine Güte - im Gegensatz zum Bösen - unendlich ist.

[...]


[1] Vgl. Dalferth. Leiden und Böses, 2006.

[2] Bucher. Zwischen Destruktionstrieb und aggressiven Modellen, 2003: 31.

[3] Vgl.: Hügli/Lübcke (Hrsg.). Philosophielexikon, 2013. „Das Böse“. 121f.

[4] Bucher, 200З: ЗЗ.

[5] Kunstmann. Das Böse und die Gewalt, 2003: 189.

[6] Kunstmann,2003:191.

[7] Kunstmann,2003:187.

[8] Ebenso Waldenfels, 2003.

[9] Aufgabe dieser Arbeit ist nicht die Gewaltprävention, trotzdem seienjeder Entstehungstheorie zum Bösen ein paar Gedanken zur pädagogischen Aussicht und Chance beigefügt.

[10] Bucher, 2003: 33.

[11] Bucher, 2003: 34.

[12] Der Behaviorismus geht davon aus, dass alles Verhalten antrainiert, bzw. ankonditioniert wird. Durch Belohnung werden erfolgreiche Verhaltensmuster gefördert, während durch Misserfolg und Strafe weniger nützliche oder erwünschte Verhaltensmuster abgelegt werden. Die Gene spielen dabei eine sehr geringe Rolle, bzw. dienen als Grundlage der Möglichkeit zu lernen und zu beurteilen.

[13] In dem bekannten Experiment von Bandura zeigte man verschiedenen Kindergruppen den gewalttätigen Umgang mit einer Puppe und ließ sie danach mit eben dieser Puppe spielen. Wurde der Gewalttätige vorher bestraft, sank die Bereitschaft zu negativem Verhalten, wurde er belohnt, stieg die Bereitschaft deutlich an.

[14] Vgl. Bucher, 2003: 31.

[15] Hygen. Das Böse, 1993: 9.

[16] Vgl. Wickler. Wer verantwortet das Böse in der Welt? 2008.

[17] Hygen, 1993: 10.

[18] Pöhlmann. Abriß derDogmatik, 1990: 195-215.

[19] Pöhlmann, 1990:211.

[20] Tillich. Dogmatik, (1925) 1986: 174.

[21] Barth. Kirchliche Dogmatik, Bd. 4, 1986: 459.

[22] Barth, 1986: 459.

[23] Weiterführend und ergänzend zum Thema des Bösen, siehe auch Barths Ansichten über „das Nichtige“.

[24] Trillhaas. Dogmatik, 1980: 190.

[25] Härle. Dogmatik, (1995) 2007: 465.

[26] Härle, 2007: 465.

[27] s.a. Mensching. Das Böse, 1986: 1344.

[28] Vgl. Obermayer, B. „Krieg (AT)“, 2011. [http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/24120/]

[29] Werbick. Woher das Böse? 2003: 92f.

[30] (vgl. auch Augustinus' Erbsündenlehre)

Ende der Leseprobe aus 87 Seiten

Details

Titel
"Das Böse" im Religionsunterricht. Mit Kindern und Jugendlichen theologisch reden über Tod, Leid und Theodizee
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Religionspädagogik)
Note
1,5
Autor
Jahr
2014
Seiten
87
Katalognummer
V273688
ISBN (eBook)
9783656655084
ISBN (Buch)
9783656655077
Dateigröße
6780 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Theodizee, Religionsunterricht, Religionsdidaktik, Rechtfertigung, Trauer, Leid, Theologisieren, Jugendtheologie, Kindertheologie
Arbeit zitieren
Ulrike Briehm (Autor:in), 2014, "Das Böse" im Religionsunterricht. Mit Kindern und Jugendlichen theologisch reden über Tod, Leid und Theodizee, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273688

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