Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit dem conte oriental, dem Orientalismus und Voltaires conte Zadig ou la destinée. Das heißt, es wird versucht, zwischen diesen drei Hauptaggregaten eine Brücke zu schlagen und herauszuarbeiten, inwieweit sich das Orientbild des Westens bereits während der Aufklärung manifestierte und bis heute hält. Begonnen wird zunächst mit einem inhaltlichen Überblick Zadigs. Danach wird versucht, die Erzählung in den Kontext des conte oriental einzuordnen. Es folgt eine Analyse des Epître dédicatoire de Zadig à la sultane Shéraa (1748), also einer Art Vorwort an eine fiktive Sultanin, die im Hinblick auf die Fragestellung auszugsweise analysiert wird. Weiterhin wird das Bild eines Sultans der Aufklärer exemplarisch an einem Lexikonartikel aus der Encyclopédie zu analyisieren versucht. Zum Abschluss werden noch einige Textpassagen zu Edwards Orientalismuskonzept herausgegriffen. [...]
Der Titelsong zum US-amerikanischen Zeichentrick-Kinderfilm Aladdin der Produktionsfirma Walt Disney aus dem Jahre 1993 gibt uns bereits zahlreiche Hinweise auf das bis heute erhaltene Bild der sogenannten westlichen Welt auf den so genannten Orient. Der Film basiert dabei auf der Erzählung Aladin und die Wunderlampe aus Les Mille et une Nuits, übersetzt und mit aufgenommen von Antoine Galland zu Beginn des 18. Jahrhunderts.
Zuerst wird von einem "exotischen Fleck", an dem "Kamele durch die Wüste ziehen" gesungen, später dann von einer "Zaubernacht" und fliegenden Teppichen. Hinzu kommt eine für den Zuschauer exotisch, orientalisch-arabisch klingende Musik mit entsprechendem Instrumentalklang unterlegt. Zudem scheint auch der Sänger mit "exotischem Akzent" zu singen. Die visuelle Aufmachung des Filmes ist dabei gebettet in eine zauberhafte Wüstenwelt, voller Zauber und Mysterien, dem Orient.
Dabei wird jenes Orientbild bereits durch die Populärkultur jungen Menschen vermittelt und erhält sich dadurch starr bis ins Erwachsenenalter, beziehungsweise wird dadurch weiter reproduziert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Voltaires Zadig ou la destinée als conte oriental
2.1 Zadig ou la destinée im inhaltlichen Überblick
2.2 Voltaire im Verhältnis zur orientalischen Erzählung (conte oriental) - Zadig als conte oriental
2. 3 Analyse des Epître dédicatoire de Zadig à la sultane Shéraa
2.4 Analyse ausgewählter Textstellen aus Voltaires Zadig ou la destinée
2.5 Bild eines orientalischen Sultans nach Diderots Encyclopédie (18. Jh.)
2.6 Edward Saids Blick auf den Orientalismus
3. Schlussbetrachtung
4. Literatur
4.1 Internetquellen:
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konstruktion des Orientbildes in Voltaires Werk "Zadig ou la destinée". Dabei wird analysiert, inwiefern Voltaire durch das Genre des "conte oriental" aufklärerische Ideale vermittelt und bestehende westliche Stereotype über den Orient als Projektionsfläche für interne gesellschaftskritische Zwecke nutzt.
- Die Funktion des "conte oriental" in der Aufklärung
- Voltaires Kritik an zeitgenössischen absolutistischen Verhältnissen
- Die literarische Darstellung des Sultans als Despot
- Edward Saids Theorie des Orientalismus
- Die Perpetuierung orientalischer Stereotype in der Popkultur
Auszug aus dem Buch
2.6 Edward Saids Blick auf den Orientalismus
Im Folgenden werden bedeutende Textpassagen aus dem Werk "Orientalism" des US-amerikanischen Literaturtheoretikers libanesischer Herkunft Edward Said (1935-2003) analysiert, um zu zeigen, durch welche "Brille" der Westen bis ins 20. Jahrhundert auf den Orient schaut. Auf Basis dessen wird herausgearbeitet, wie der Westen Said zufolge auf den Orient blickt.
Zu Beginn schreibt Said, dass letztlich jeder Akademiker, der sich mit "dem Orient" beschäftige, Orientalist sei und somit Orientalismus betreibe, also den Blick des Westens auf den Orient. Der Orientalismus sei demnach vor allem im Bereich der Wissenschaft weit verbreitet. Zudem hätten zahlreiche "poets, novelists, philosophers, political theorists, economists, and imperial administrators" akzeptiert, dass ein grundlegender Unterschied zwischen Orient und Okzident bestehe und entsprechende Konzepte zu den Verhältnissen im Orient bestünden.
"Taking the late eighteenth century as a very roughly defined starting point Orientalism can be discussed and analyzed as the corporate institution for dealing with the Orient-dealing with it by making statements about it, authorizing views of it, describing it, by teaching it, settling it, ruling over it: in short, Orientalism as a Western style for dominating, restructuring, and having authority over the Orient." (Said 1978: 2/3).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik ein, indem sie Disneys "Aladdin" als populärkulturelles Beispiel für fortbestehende westliche Orientklischees heranzieht und die Forschungsfrage der Arbeit formuliert.
2. Voltaires Zadig ou la destinée als conte oriental: Dieses Kapitel bildet den Hauptteil der Arbeit, in dem die Erzählung in den Kontext der Gattung eingeordnet, die Widmung analysiert, Textstellen untersucht und das Bild des Sultans sowie die Theorie Edward Saids diskutiert werden.
3. Schlussbetrachtung: Hier werden die Ergebnisse zusammengefasst und die Rolle Voltaires bei der Entstehung des modernen Orientalismus sowie die Persistenz westlicher Stereotype reflektiert.
4. Literatur: Dieses Verzeichnis listet sämtliche verwendeten wissenschaftlichen Quellen, Primärliteratur und Internetquellen auf.
Schlüsselwörter
Voltaire, Zadig, conte oriental, Aufklärung, Orient, Orientalismus, Edward Said, Diderot, Encyclopédie, Stereotypen, Literaturwissenschaft, Gesellschaftskritik, Herrschaft, Sultan, Wahrnehmung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Bild des Orients in Voltaires Erzählung "Zadig ou la destinée" und dessen Verbindung zum frühen Orientalismus der Aufklärungsepoche.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Gattung des "conte oriental", die Rolle des Verstandes (raison) gegenüber Aberglauben, die literarische Darstellung despotischer Machtstrukturen und die westliche Sichtweise auf den Orient nach Edward Said.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Voltaire den Orient als exotische Kulisse nutzt, um aufklärerische Ideale zu vermitteln und gleichzeitig absolutistische Verhältnisse in Europa zu kritisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die literaturwissenschaftliche Analyse ausgewählter Textstellen sowie den Abgleich mit zeitgenössischen Quellen wie Diderots "Encyclopédie" und der Orientalismus-Theorie von Edward Said.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine inhaltliche Zusammenfassung von Zadig, eine Gattungsanalyse, die Interpretation der Widmung, eine Untersuchung des Sultansbildes und eine kritische Auseinandersetzung mit Saids Orientalismus-Begriff.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Voltaire, Zadig, Orientalismus, Aufklärung, Orient, Stereotypen und Gesellschaftskritik.
Inwiefern dient der Orient bei Voltaire als "Spiegel"?
Voltaire nutzt die geografische Verschiebung in den Orient, um gesellschaftliche und politische Missstände im absolutistischen Frankreich der Zeit zu kaschieren und sicher zu kritisieren.
Wie unterscheidet sich der "aufgeklärte" Zadig von seiner Umgebung?
Zadig verkörpert durch seinen Scharfsinn und sein logisches Denken (raison) einen Kontrast zu einer Umgebung, die laut der Analyse von Aberglauben, Willkür und Unwissenheit geprägt ist.
Welche Rolle spielt die Encyclopédie in der Untersuchung?
Sie dient als Vergleichsfolie, um das zeitgenössische westliche Verständnis des "Sultans" als absoluten Despoten zu veranschaulichen und mit der Darstellung in Voltaires Erzählung in Bezug zu setzen.
- Arbeit zitieren
- Tobias Molsberger (Autor:in), 2013, Voltaires "Zadig ou la destinée" als conte oriental im frühen Orientalismus der Aufklärung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273739