Das Schulsystem der Wolgadeutschen zwischen 1764 und 1917

Zwischen Autonomie und Russifizierung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

23 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Schulwesen der Wolgadeutschen – Zwischen Autonomie und Russifizierung
2.1 Hintergründe
2.2 Die Anfänge des Schulwesens der Wolgadeutschen
2.3 Die Situation in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
2.4 Der russische Staat ergreift erste Initiative
2.5 Die Hauptphase der Russifizierung 1891 bis 1905
2.6 Das Schulwesen im Ersten Weltkrieg

3. Der Sonderfall der Mennoniten

4. Fazit

5. Literatur

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Schulwesen der Russlanddeutschen schwerpunktmäßig, mit den Regionen an der Wolga von den ersten Ansiedlungen in den 1760ern bis hin zum ersten Weltkrieg. Ein allumfassender Blick, der auch die Schwarzmeerregion miteinschließen würde, ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich. Es soll sich ein Überblick über Forschungsstand, das bedeutet das Schul- und Bildungswesen als wesentliche Institution zur Reproduktion und Erhaltung kultureller Identität, verschafft werden. Bis heute ist das Schulwesen in der Forschung zu den Russlanddeutschen nur sehr marginal berücksichtigt worden. Thematisch liegt der Fokus dieser Arbeit darüber hinaus auf dem Spannungsfeld zwischen Autonomie und Russifizierung des wolgadeutschen Schulsystems während des genannten Zeitraums von 150 Jahren. Hinzu kommt eine Skizzierung der Entwicklung des deutsch-mennonitischen Schulwesens auf russischem Boden, welches sich in signifikanten Aspekten von jenem der anderen deutschen Einwanderer unterschied, worauf kontrastierend im Fazit dieser Arbeit eingegangen wird. Es folgt ein kurzer Ausblick auf die sich verändernden Verhältnisse der 1920er Jahre, die gleichzeitig das Ende des eigenständigen russlanddeutschen Schulwesens bedeuten.

Zunächst ist anzumerken, dass die deutschen Einwanderer in Russland keine homogene Gruppe darstellten, sondern unterschiedlichste Berufe und soziale Hintergründe aufwiesen. Jede territoriale Gruppe hatte ihre eigenen Besonderheiten wie Sprache, Gebräuche, kulturell-religiöses Leben oder die Art des Wirtschaftens.[1]

In der Forschung habe es lange eine Glorifizierung des russlanddeutschen Schulwesens in Beschreibungen und Verkennen möglicher Mängel gegeben, als Resultat von antirussischer Grundhaltung, inhaltliche Unklarheiten hinsichtlich Russifizierung und der Frage nach Schärfe und Konsequenz von Russifizierung (siehe Mennoniten).[2] Heute scheint der Blick deutlich differenzierter, sodass die Lage gerade in konfessionellen Dorfschulen des 19. Jahrhunderts vielfach als schlecht beschrieben wird.[3] Dennoch wird berichtet, die deutsche Schule sei die erste organisierte Bildungsinstitution auf russischem Staatsgebiet gewesen, da

vorher in Russland kein organisiertes Bildungswesen vorhanden gewesen sei. Erst mit Revolution 1917 wurde eine vierjährige Grundschulpflicht eingeführt.

Hier ist das Stellen folgender Frage sinnvoll: Welche Interessen verfolgten die Russen mit Russifizierungsmaßnahmen? Dies ist als eine Art Leitfrage zu verstehen, die sich durch die Arbeit als „roter Faden“ zieht und auf die im Laufe der kommenden Seiten immer wieder eingegangen werden soll.

2. Das Schulwesen der Wolgadeutschen – Zwischen Autonomie und Russifizierung

2.1 Hintergründe

Nach Süss habe die Gründung deutscher Kolonien in Russland immer mit der Errichtung einer Schule und einer Kirche in Verbindung gestanden, wobei die Kirche als „Bewahrerin der Traditionen des deutschen Volkes in der neuen Heimat“ zu verstehen sei. Wichtig sei zudem, die Untrennbarkeit von Kirche und Bildungssystem nicht außer Acht zu lassen, da die Schule der Siedler der „Erhaltung und Pflege der deutschen Sprache“, von Sitten und Bräuchen sowie Wertvorstellungen diente. Somit garantierte sie Stabilität hinsichtlich der Erhaltung kultureller Eigenheiten. Darüber hinaus habe sie nicht nur der Erziehung der Jugend in der reziproken Interaktion mit der Umwelt gedient, sondern auch das russische Bildungssystem beeinflusst.[4]

Die Entwicklung der Kolonistenschule habe sich grundlegend von der Schule auf deutschsprachigem Territorium unterschieden.[5] Das zur Anfangszeit der Kolonisierung von stark kirchlich, das heißt konfessionell geprägte Schulsystem der Deutschen entwickelte sich bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts praktisch vollkommen autonom und ohne jegliche russische Einflussnahme, während Russland selbst kein Bildungssystem aufweisen konnte, abgesehen von regionalen Kirchenschulen. Aus dem Grunde der langen Unberührtheit sei das deutsche Schulsystem, was für die wirtschaftliche Blüte der deutschen Kolonien im 19. Jahrhundert maßgebend war, später auch verstärkt den Russifizierungsmaßnahmen der russischen Behörden ausgesetzt gewesen. Es gilt im Hinblick auf die Anforderungen an die Schule allerdings zu differenzieren, welcher Zielgruppe diese diente, sei es die bäuerliche Dorfschule oder diejenige des mittelständischen Bildungsbürgertums in den russischen Großstädten. Die Sicherung der Identität durch die Schule sei in den Kolonistendörfern aufgrund der Isoliertheit der Deutschen im Gegensatz zu den städtischen Schulen unnötig gewesen.[6]

Das russische Bildungssystem war im 18. Jahrhundert unterschiedlich ausgeprägt, vor allem wurden unter Peter dem Großen zahlreiche Schulen wie Militärakademien insbesondere für die privilegierten Stände Adel und Klerus im Sinne des Absolutismus[7] gegründet, unter Mithilfe ausländischer Berater, darunter auch zahlreiche deutsche Intellektuelle der Aufklärung. Bereits zuvor gab es lang Kontakte zwischen deutschen Gelehrten und dem russischen Staat, von denen beide Seite profitieren konnten.[8]

Dies bedeutete einen Bruch mit der Tradition der Bildung als private Angelegenheit mit dem Ziel, eine Generation russischer Wissenschaftler auszubilden.[9] Die ersten russischen Volksschulen in der Hand des Staates in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren nur in den Städten verfügbar, wovon die Landbevölkerung nicht profitieren konnte, während im deutschen Raum zur selben Zeit ebenso erste Volksschulen errichtet wurden (Preußen 1775). In ihre neue Heimat brachten die Kolonisten allerdings ihre Vorstellungen der deutschen Kirchenschulen des 18. Jahrhunderts mit.[10]

2.2 Die Anfänge des Schulwesens der Wolgadeutschen

Wladimir Süss orientiert sich an seiner Darstellung der wolgadeutschen Schule an drei historischen Zeitabschnitten, Etappen, nämlich der Gründungsphase und der Organisation durch die Kirche 1764 bis 1840, die Ausdifferenzierung in verschiedene Schultypen von 1840 bis 1897 und schließlich letzte Phase der deutschen Schule 1897 bis 1917. Anzumerken ist hierbei dennoch, dass die mennonitische Schule ihren Betrieb teilweise bis in die späten 1920er Jahre aufrechterhalten konnte.[11]

Süss gibt an, dass in den Manifesten[12] zur Ansiedlung der Deutschen an die Wolga weder von Katharina II. 1763, noch von Alexander I. 1804 auf die Frage eines möglichen Bildungssystems eingegangen wird. Dies begründet er einerseits mit dem allgemein fehlenden staatlichen Bildungssystem im Russland des 18. Jahrhunderts, woraus die nicht vorhandende Beschulung der ländlichen Bevölkerung resultierte Susanne Janssen fügt hinzu, dass in einem Land, in dem Analphabetismus zu jener Zeit weit verbreitet war und in dem die Bauernklasse unfrei gewesen sei, kaum mit staatlicher Unterstützung zu rechnen gewesen sei.[13] [14]

Andererseits sei die Vermittlung von Allgemeinbildung als Aufgabe der Kirche angesehen worden, weshalb die Frage der schulischen Erziehung und Bildung den Kolonien völlig selbst überlassen worden sei[15], was wiederum den Vorteil der Autonomie in der Wahl der Lehrkräfte und Unterrichtssprache mit sich gebracht habe.[16]

So war das Schulwesen der Russlanddeutschen anfangs konsequenterweise unter kirchlicher Obhut und zwar konfessionell orientiert, wenngleich die Qualität des Schulwesens unter den anfänglich schwierigen Bedingungen in den Wolgakolonien defizitär gewesen sei. Auf die Gewohnheit der deutschen Siedler, ein „geordnetes Dorfschulwesen“ zu haben, sei dennoch nicht verzichtet worden, vor allem auch daher, dass eine gewisse Grundbildung eine konfessionell bedingte Notwendigkeit[17], zum Beispiel bei den Mennoniten und Protestanten, gewesen sei. Die Unterrichtung der Jugend galt vor allem mit dem Ziel der Vorbereitung auf Konfirmation oder Kommunion und fand anfangs häufig in kirchlichen Räumlichkeiten statt, was auf die Schulbildung der Jugend als dringendes Bedürfnis der Kolonisten schließen lasse. Eigene Schulgebäude seien erst Jahre nach der Verbesserung der wirtschaftlichen Bedingungen errichtet worden, der erste Unterricht habe 1767 begonnen.[18]

Unterrichtet wurden die Kinder im Alter von sechs bis 14 Jahren (Kommunions-, beziehungsweise Konfirmationsalter) sechsmonatig im Winter vormittags und nachmittags. Obligatorische Inhalte beinhalteten biblische Geschichte, das Auswendiglernen biblischer Verse, Kirchenlieder, der Katechismus sowie das Erwerben von Grundlagen im Rechnen und Schreiben. Als „Lehrwerke“ für den Unterricht habe man vor allem die Bibel und Gesangsbücher genutzt, weil „weltliche Schulbücher“ entweder unbekannt oder unerwünscht gewesen seien. Beide Geschlechter wurden häufig gemeinsam unterrichtet, wobei die Jungen für das Lesen und Schreiben bevorzugt worden seien.[19][20]

[...]


[1] Süss, Wladmir: Das Schulwesen der deutschen Minderheit in Russland. Von den ersten Ansiedlungen bis zur Revolution 1917. Köln: Böhlau, 2004, S. 1-3.

[2] Ebd., S. 19.

[3] Ebd., S. 11.

[4] Süss,Wladimir (2004), S. 136.

[5] Ebd., S. 22.

[6] Süss,Wladimir (2004), S. 136/37.

[7] Ebd., S. 138-141.

[8] Ebd., S. 36-63.

[9] Ebd., S. 149.

[10] Ebd., S. 150/51.

[11] Ebd., S. 152.

[12] Diese Manifeste gewährten den Kolonisten Steuererleichterungen, eine eigene Verwaltung, Befreiung vom Militärdienst und freie Religionsausübung.

[13] Janssen, Susanne: Vom Zarenreich in den amerikanischen Westen: Deutsche in Russland und Russlanddeutsche in den USA (1871-1928): die politische, sozio-ökonomische und kulturelle Adaption einer ethnischen Gruppen im Kontext zweier Nationen. Münster: LIT Verlag, 1997, S. 218.

[14] Süss,Wladimir (2004), S. 153.

[15] Ebd.

[16] Janssen, Susanne (1997), S. 218.

[17] Zum eigenständigen Studium der Bibel

[18] Süss,Wladimir (2004), S. 154/55.

[19] Janssen, Susanne (1997), S. 218.

[20] Süss,Wladimir (2004), S. 154-56.

.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das Schulsystem der Wolgadeutschen zwischen 1764 und 1917
Untertitel
Zwischen Autonomie und Russifizierung
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Historisches Institut, Osteuropäische Geschichte)
Veranstaltung
Russland und Hessen 1763 - 1917
Note
3,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
23
Katalognummer
V273740
ISBN (eBook)
9783656662501
ISBN (Buch)
9783656693444
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Russlanddeutsche, Wolgadeutsche, Russisches Zarenreich, Zarin Katharina, Schulsystem, Wladimir Suess
Arbeit zitieren
Tobias Molsberger (Autor), 2014, Das Schulsystem der Wolgadeutschen zwischen 1764 und 1917, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273740

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