Intertextualität in Arno Schmidts "KAFF auch Mare Crisium"


Hausarbeit, 2011

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einf ü hrung
1.1 Arno Schmidt als Schriftsteller
1.2 Stellenwert der Sprache

2. Intertextualit ä t
2.1 Sprachliche Zeichen und Bezugssysteme
2.2 kulturelle Bezüge
2.3 Gedächtnis und Zeitgeschehen

3. „ KAFF auch Mare Crisium “
3.1 Arno Schmidt und der Mond
3.2 Entstehung
3.3 Die Handlung
3.4 Die Personen
3.5 Die Handlungsebenen
3.6 politische Bezüge
3.7 kulturelle Bezüge
3.8 persönliche Bezüge

4. Schlussbetrachtung

1. Einführung

„Vielleicht bin ich von Mutter Natur ausdrücklich als 1 Gefäß für Worte angelegt, in dem es schtändich probiert & rührt & kombiniert?“1

1.1 Arno Schmidt als Schriftsteller

Die letzten Tage seines Lebens verbrachte der Schriftsteller Arno Schmidt in dem unscheinbaren Dorf Bargfeld, einem Dorf in der Lüneburger Heide. Umringt von Heidelandschaft, Fichten und Birken gibt es hier außer Bauernhöfen, Natur und Stille nichts zu entdecken. Genau diesen Ort wählte der schreibende Exzentriker als letzten Wohnsitz und ließ die Umgebung selbst zur Erzählung werden. Geschichten eines Kriegsheimkehrers, eines zynischen Buchhalters.

„Was ist demnach das beste Rezept für ein Erdenleben überhaupt, oben wie unten ? : "Aufs Dorf ziehen. Doof sein. Rammeln. Maul halten. Kirche gehen. Wenn n großer Mann in der Nähe auftaucht, in n Stall verschwinden : dahin kommt er kaum nach ! Gegen Schreib= und Leseunterricht stimmen; für die Wiederaufrüstung : Atombomben !"2

Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges kommt Arno Schmidt 1914 als Sohn eines Polizeibeamten in Hamburg zur Welt. 1934 beginnt er dann eine Lehre als graphischer Lagerbuchhalter in den Greiff-Werken.3 Hin- und hergerissen Zwischen der strengen Erziehung seines Vaters, den Wirren des Krieges und seinen eigenen romantischen Ambitionen beginnt Schmidt eine Art Doppelleben zu führen. Er schreibt um sich zu entwickeln und um sich selbst einen Platz in der Welt zu schaffen, ein Prozess, der in seinen Elternhaus gehemmt gewesen ist.4 1937 wird er dann als Kanonier in den Kriegsdienst eingezogen, seine literarischen Übungen kommen vorerst nahezu zum erliegen. Durch die Bombardierungen und die Kriegsjahre entsteht bei Arno Schmidt ein immer wiederkehrendes Motiv. Die schützende Verwahrung von Kultur, Wissen und Literatur.5 Zum ersten Mal arbeitet er diese Gedanken in „Leviathan oder Die beste aller Welten“, eschienen 1949, auf. Gegen Ende des Krieges war Schmidt dann Kriegsgefangener der Briten und wurde 1945 nach Cordingen, einem Dorf in der Lüneburger Heide entlassen. Nach kurzer Tätigkeit als Dolmetscher wird Arno Schmidt dann freier Schriftsteller.6

1.2 Der Stellenwert der Sprache

Ein schwieriger Mensch, ein schwieriger Autor. Kryptisch und verworren mag man behaupten. Dennoch ist sein Rang in der Riege der deutschen Nachkriegsschriftsteller ein fester. So hochkomplex und von scheinbar religiöser Tiefe anmutenden Texte beherbergen beim genauen Hinsehen zumeist eine äußerst entschlackte Handlung, die sich auf einfache Figurenkonstellationen und Naturbeschreibungen beruft. Oft ist es Schmidt selbst, der in seinen Geschichten auftaucht, seine Stimme ist es, der den Erzähler durch eine unsichere und nicht greifbare Welt manövriert. Zerfetzte Sätze, bröckelnde Gedanken, Neologismen, fliegende Assoziationen aus der fremdartigen Welt eines ländlichen Dichters, der sich gegen gängige Grammatik und Orthographie sträubte um so seine Eindrücke festzuhalten.

„Allein daß Die sich die Ettümologgie vom Halse geschafft hattn, und ergo die ganze ferkorksde Orrto=Graffie : war ja nicht un=beneidenswert. Und der nickte“7

Als Künstler ging sein Schaffen über das Schreiben hinaus. Ebenfalls erhältlich sind zwei Fotobände aus Bargfeld und Umgebung. Stillleben sind abgebildet. Oberleitungen, Windmühlen, Zäune, Gewitterleuchten. Arno Schmidt war ein bildhafter Schriftsteller, einer der anders als seine Kollegen dachte. Ihm ging es nicht darum eine Geschichte zu erzählen, sondern sich selbst zu verwirklichen, den Leser zu fordern und zu provozieren, Bilder und Bezüge in seinem Kopf entstehen zu lassen. Die graphische Komponente in seinen Texten ist nicht nur Geistesarbeit für den Leser, sondern bildet ebenfalls - mehr als

in vielen vergleichbaren und zeitgenössischen Texte - die Interessen, die Lesebiographie und das politische Zeitgeschehen der deutschen Nachkriegsjahre ab.

Mit seinem Spätwerk „KAFF auch Mare Crisium“, 1960 erschienen, nimmt die Verschrobenheit der Sprache zu, ebenso der Gebrauch von Sonderzeichen und Textformatierungen.

„Zur Wiedergabe von Redepausen verwendet Schmidt immerhin neben der herkömmlichen Interpunktion eine Anzahl weiterer, auch miteinander kombinierte Zeichen, wie (mehrfach geschachtelte) Klammern, Doppelpunkt, Schrägstrich und Gedankenstrich.“8

Es ist ein Text voller Furchen und Ränder, ein Eindruck der sich vor allem durch die unzähligen kulturellen Verweise auf dichterische Werke, politische Persönlichkeiten des Kalten Krieges sowie biographische Gegebenheiten aus seinem eigenen Leben ergibt.

„[…] ein Textgewebe - die 'Kette', (engl. Bottom) aus Worten; ein 'Schuß' Etyms-. (ZT 261m) Das beschreibt in anschaulicher Form Schmidts ästhetische Vorstellung vom inneren Zusammenhalt auch seiner eigenen Prosa: Aus den Längsfäden („Kette“) und den Querfäden („Schuß“) wird ein festes Gewebe geschaffen, und zwar durch die Kreuzweise Verschlingung von Kette und Schuß.“9

KAFF auch Mare Crisium ist ein aufgebrochenes Zeitdokument ohne Anfang und Ende, welches unmöglich als hermetisch abgeschlossenes Werk zu lesen ist. Inhalt dieser Hausarbeit soll daher sein KAFF auch Mare Crisium als intertextuelles Werk zu lesen und anhand beispielhafter Verweise das damalige kulturelle Wissen, sowie den politischen Zeitgeist aufzuzeigen. Es soll die Frage beantwortet werden, inwieweit das Mittel der Intertextualität in einem fiktiven Roman als historisch wertvolle und authentische Wissenschaft angewandt werden kann.

2.1 Sprachliche Zeichen und Bezugssysteme

Geschrieben Sprache besteht aus Zeichen. Diese Zeichen transportieren Wissen, welches durch Übereinstimmung der Zeichen (Wörter) zwischen Sender und Empfänger in Erscheinung tritt. Als Schriftsteller bedient sich Arno Schmidt dieses Zeichensystems, wobei er dieses verfremdet und oftmals gegen gängige Konventionen handelt. Auffällig ist

in seinem Gesamtwerk ist die Häufigkeit von Bezügen auf andere Texte, kulturelles und historisches Wissen. Hier entsteht der Eindruck einer intellektuellen Verzweigung, eine Collage aus der sich eine Vielzahl von Bedeutungen und Informationen ableiten lassen. Nicht umsonst ist Arno Schmidt einer der meistbearbeiteten Schriftsteller in den Geisteswissenschaften. Seine Texte gehen über das Textliche hinaus und formen eine vielzahl von angereicherten Bildern.

“ Ein Text ist nicht eine Linie aus Worten, die eine einzige, theologische Bedeutung entfaltet ... Ein Text ist vielmehr ein mehrdimensionaler Raum, in dem eine Vielzahl von Geschriebenem, nichts davon original, zusammenf ä llt und sich vermischt. Ein Text ist ein Gewebe aus Zitaten, welche aus den zahllosen Zentren der Kultur gezogen werden. ” 10

Der französische Philosoph und Literaturkritiker Roland Barthes ist einer der Vordenker der intertextuellen Theorie ohne dabei speziell auf Arno Schmidt einzugehen. Intertextualität bezeichnet die systematischen Bezüge zwischen Zeichen und Texten. Die Gattungstheoretische Klassifizierung von Zeichen und Texten deutet ebenfalls darauf hin, dass ein gewisser Verwandschaftsgrad in der Form und dem Inhalt gegeben sein muss. Alleine schon diese ontologische Eigenschaft von literarischen Texten zeigt, dass sie sich auf etwas beziehen müssen.11

Zum einen können Texte sich auf sich selbst beziehen, sich durch mehrere Textebenen und Handlungsstränge durchdringen und andererseits ist eine wesentlich weiter gefasste Verzweigung und Bezugnahme möglich. Hierbei tritt der Text aus sich selbst heraus und verweist durch seine übereinstimmenden Zeichen auf kulturelles oder historisches Wissen. Hier ist eine intertextuelle Auslegung möglich. Untersucht wird der Gegenstand der Anspielung auf bereits bestehendes Wissen.

Laut Kristeva baut sich jeder Text als „ Mosaik von Zitaten auf, jeder Text ist Absorbtion und Transformation eines anderen Textes “ . […] Die Kristevasche Intertextualit ä tstheorie geht sogar so weit, die auktoriale Intentionalit ä t v ö llig zu marginalisieren, indem der Dialog von intendierenden Sprechern durch den Dialog von Texten ersetzt wird. ” 12

Die bulgarische Literaturkritikerin Julia Kristeva ermöglicht also die drastische Ansicht, dass die Intention des Autors durch sein bisheriges Wissen, seine Lesebiographie Theorie ist der Autor lediglich schreibendes Subjekt in einem vorherbestimmten Prozess, der sich seiner bewussten Kontrolle entzieht.

„Derjenige, der schreibt, ist auch derjenige, der liest“ und ist „selbst nur ein Text, der sich aufs neue liest, indem er sich wieder schreibt“13

Darüber hinaus definiert sie ebenso wie der französische Philosoph Jacques Derrida, dass der Sinn eines Zeichens niemals eindeutig festzulegen ist und dass unterschiedliche Leser unterschiedliche Auffassungen von einem Zeichen haben können. Durch diese Differenz entsteht eine endlose intertextuelle Verzweigung, die sich tatsächlich der Intention des Autors entzieht, da der Prozess des Lesens ein unkontrollierbarer Prozess für den Autor ist. Das Bezugssystem des Zeichens verweist also auf mehrdeutige Sinnebenen. So ist die Intention eines eindeutigen Sinns ein unmögliches unterfangen, da der Sinn nicht in dem Zeichen enthalten ist, sondern in seinem geisterhaften Charakter durch jeden Leser aufs Neue instatiiert werden muss. Laut Roland Barthes schreibt dem Leser in seinem Essay „Der Tod des Autors“ die Rolle eines Schaffenden zu, die gleichzusetzen mit der Rolle des schriftstellerisch Schaffenden ist. Durch Vorerfahrung aus anderen Texten und einem vorausgehendem Wissen ist der Leser vorbelastet. Der Leser ist die Summe seiner Erfahrungen, ebenso wie der Schriftsteller. Die gemeinsame historische Konstante, womöglich sogar eine anthropologische Konstante verbindet Leser und Schriftsteller. Laut Roland Barthes ist der Leser eine Art räumliches Medium, in dem die Vielzahl von Zeichen ihren Zitatcharakter annehmen und somit zu einem Sinn kommen. Dies geschieht wohl auch dadurch, dass der Leser unbewusst die Beziehung zu anderen Texten herstellt.14 Durch das Lesen eines Textes wird unmittelbar das Unbewusste, bzw. die unbewussten Verknüpfungen umgeformt und erweitert. Der Sinn ist fließend, ist ein Prozess, der sich durch neues Wissen ständig neu strukturiert und umbricht. Ebenso ist dieser Prozess aus der literarischen Arbeit ersichtlich. Der Text baut auf sich selbst, auf seinen Zeichen und seinem Wissen von Seite zu Seite auf und kann nicht als homogenes Ganzes rezipiert werden. Der Sinn und das Wissen eines Textes laden sich durch das Schreiben und Lesen auf, es entsteht sozusagen ein interaktiver Prozess des

Wissensaustausches und der Bedeutungszuweisung zwischen dem lesenden und dem schreibenden Subjekt. In der fiktiven Literatur ist somit eine authentische Wissensvermittlung durch das Mittel der Intertextualität ein schwieriges Unterfangen, da sich die Bedeutungen verschieben. Weiter dazu, speziell auf „KAFF auch Mare Crisium“ bezogen, unter Punkt 3.

2.2 Kulturelle Bezüge

Als kulturelles Gut in einem bestimmten Kulturkreis entstanden ist Literatur mehr als die Summe seiner Zeichen. Literatur ist mit Konnotationen aufgeladen. Die Handlung, die Personen, die Landschaften, die Konflikte beziehen sich im Normalfall auf das Vertraute. Da die Sprache an sich selbst ein Kulturgut ist, kann Literatur selbst in den abstraktesten Formen und mit den schwer greifbaren Themen nicht ihrer kulturellen Gattung entkommen, es sei denn, der Autor würde sich einer Fantasiesprache bedienen, die frei von Inhalt und vertrauten Mustern ist. Durch diese Verfremdung würden sich die Zeichen ihrer Bedeutung und Assoziationsfähigkeit entziehen. Für die Untersuchung von „KAFF auch Mare Crisium“ ist jedoch das Verständnis von Zeichen und Bezeichnetem gegeben, da sich Arno Schmidt trotz seiner Wortdeformationen kulturell geläufigen Sprachen wie der deutschen, der englischen und der russischen Sprache bedient.

2.3 Gedächtnis und Zeitgeschehen

Angesiedelt in einer bestimmten Zeit und einer bestimmten Region werden diese Bestandteile in der Literatur, ebenso wie bereits unter 2.2 beschrieben in den Text eingeflochten. Der Text verweist auf eine physische Realität außerhalb der Zeichen, auf ein materielles Gegenstück zu dem Beschriebenen. Durch das bereits beschriebene Bezugssystem ist es möglich auf das politische und historische Zeitgeschehen Bezug zu nehmen und dieses kulturelles Gedächtnis ebenfalls fortzuschreiben.

3.1 Arno Schmidt und der Mond

Der Mond nimmt in den Werken Arno Schmidts einen besonderen Stellenwert ein. Als Trabant der Erde und des menschlichen Lebens bildete er einen tristen, damals noch unerreichbar anmuteten Gegenpol zum irdischen Dasein, vor dem Arno Schmidt.

[...]


1 Schmidt, Arno: KAFF auch Mare Crisium S. 189

2 Schmidt, Arno: Tina oder über die Unsterblichkeit S. 192

3 Martynkewicz, Wolfgang: Arno Schmidt S. 27

4 Martynkewicz, Wolfgang: Arno SchmidtS. 28

5 Martynkewicz, Wolfgang: Arno Schmidt S. 44

6 Martynkewicz, Wolfgang: Arno Schmidt S. 145

7 Schmidt, Arno: KAFF auch Mare Crisium S. 313

8 Scholz, Carsten: „Ich lese nichts Geschriebenes mehr“ S. 9

9 Hink, Wolfgang: Der Ausflug ins Innere der eigenen Persönlichkeit S. 140, 141

10 Roland Barthes: Der Tod des Autors S. 190

11 Nünning, Ansgar (Hrsg.), Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie S. 287

12 Nünning, Ansgar (Hrsg.), Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie S. 288

13 Nünning, Ansgar (Hrsg.), Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie S. 288

14 Vgl.: Nünning, Ansgar (Hrsg.), Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie S. 289

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Intertextualität in Arno Schmidts "KAFF auch Mare Crisium"
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg  (Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Methoden der Kulturwissenschaften: Literarische Kulturen
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
22
Katalognummer
V273754
ISBN (eBook)
9783668501133
ISBN (Buch)
9783668501140
Dateigröße
1627 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arno Schmidt, Hamburg, KAFF, Mare Crisium, Intertextualität
Arbeit zitieren
Matthias Jessen (Autor), 2011, Intertextualität in Arno Schmidts "KAFF auch Mare Crisium", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273754

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