Ernest Hemingways journalistisches Werk als Teil der Erinnerungskultur zum spanischen Bürgerkrieg


Hausarbeit, 2012

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Index

1. Einleitung

2. Hemingway als Journalist
2.1 Anfänge als Journalist
2.2 Einsatz im spanischen Bürgerkrieg
2.3 Die Frage nach der politischen Gesinnung

3. Kulturelles Gedächtnis
3.1 Erinnerung und Gedächtnis
3.2 Erinnerung als sozialer Prozess

4. Hemingways literarische Arbeit als kulturelles und politisches Gedächtnis
4.1 Hemingway Eintritt in die ״Wir-Gruppe"
4.2 Filter durch Persönlichkeit und politische Gesinnung
4.3 Stil und Inhalt
4.4 Geschichtsschreibung und Fiktion

5. ״Literatur als gefärbte Erinnerung" - Abschließende Betrachtung

6. Literaturnachweise

1. Einleitung

Wo fängt die historische Wahrheit in der Literatur an und wo beginnt der Übergang ins Künstliche? Liegt das Erinnern womöglich an einem fließenden Übergang zwischen harten Fakten und stilistischer Literarizität? Und was geschieht mit dem kulturellen Gedächtnis, wenn sich der Verfasser der Begebenheiten selbst ins politische Geschehen einbringt? Abseits der ״Ruinen der Erinnerung"[1] und der ״Topographie des kollektiven Gedächtnisses"[2], die als manifeste Orte des Gedenkens durch Architektur und Namen aufgesucht werden können, gibt es noch die literarische Verarbeitung der Kriegserlebnisse. In zahlreichen Depeschen und einem großen Roman hat Ernest Hemingway die Ereignisse des Spanischen Bürgerkriegs für die Nachwelt festgehalten.

Als Kriegsberichterstatter ging Hemingway 1937 für die North American Newspaper Alliance nach Spanien um über den dortigen Bürgerkrieg zwischen den Truppen der Zweiten Spanischen Republik und den Faschisten unter der Führung General Francisco Franco zu berichten.[3]

Doch war Hemingway seit jeher für seine hedonistische und überschwänglich Abenteuersuchende Lebensart bekannt. Er suchte die Konfrontation und die Gefahr, das Extreme und die tiefen Empfindungen in einem intensiven Lebensstil. Er liebte den Box- und den Stier kampt, ging auf Großwild] agd und berichtete in mehreren Kriegen direkt von der Front. Hemingway ging es um das physische und ekstatische Erleben von Geschichte.

Trotz dieser habituellen und ichbezogenen Tendenzen, ist sein Schreibstil stets glasklar, nüchtern und verknappt gewesen. Ganz und gar nicht ausschweifend pflegte Hemingway in seinen Berichten und literarischen Arbeiten einen sachlichen, fast schon dokumentarischen Stil.[4] Frei von Werten und analytischen Interpretationen fokussieren sich seine Texte auf das subjektiv-sinnliche, unmittelbare Erleben.

Unter Berücksichtigung dieser egoistischen Tendenzen, stellt sich die Frage, ob Hemingway als historisch wertvolle Quelle für die Geschehnisse des spanischen Bürgerkriegs verwendet werden kann, obwohl seine politische Ausrichtung bis heute umstritten ist. Und weiterhin stellt sich die Frage, wie ein möglicherweise unzuverlässiger, Erzähler, der trotz seiner Rolle als Reporter den Kriegsschauplatz eher als Abenteuerplatz für seine literarischen Ambitionen und Männlichkeitsrituale sieht, das kulturelle Gedächtnis eines historischen Ereignisses prägte.

Die These dieser Hausarbeit lautet daher:

Hemingways literarisches Schaffen ist trotz subjektiver-sinnlicher Färbung ein wichtiger Beitrag für das kulturelle Gedächtnis zum spanischen Bürgerkrieg.

2.1 Anfänge als Journalist

1917 begann Ernest Hemingway im Alter von 18 Jahren seine journalistische Tätigkeit beim Kansas City Star. Als Lokalreporter erledigte er die Berichterstattung für die kurzen Laufwege, d.h. alle Ereignisses, die sich in der Nähe des Redaktionsgebäudes abspielten.[5] Das College lehnte er ab, da er lieber etwas erleben wollte. Er meldete sich als Freiwilliger beim Roten Kreuz und ging als Krankenwagenfahrer im Ersten Weltkrieg nach Italien.[6] Dort wurde er bei einem Angriff verwundet. Die Erlebnisse verarbeitete er später in seinem Roman ״ A farewell to arms". Geprägt durch die journalistische Arbeit beim Kansas City Star entwickelte er schon früh eine eigene Erzählsprache.[7] Mit einer Vorliebe für szenische Einstiege entwarf er meist eine Rahmenhandlung für seine Berichte und Reportagen. Seine Texte waren zumeist unkritisch und verspielt und häufig wurde ihm von den leitenden Redakteuren vorgeworfen, mehr Stil als Inhalt in seinen Texten zu transportieren.[8] Nach seiner Verwundung begann Hemingway als Journalist beim Toronto Star.[9] Diese Zeit sollte seinen Schreibstil noch weiter prägen. Neutral, verknappt, distanziert, aber mit einem existentiellem Tiefgang waren seine Texte. Eine gewisse Ähnlichkeit zu den zeitgenössischen Kriminalromanen war zu erkennen. Dort berichte über die Themen, die ihn persönlich interessierten und die in seine Faszination für das männliche Idealbild passten. Er schrieb Berichte übers Angeln, Campen, Essen, Trinken, Geld, Reisen, über gesellschaftliche Randfiguren, Kriegserlebnisse, Boxen und Stierkampf. Das sind allesamt Themen, die Hemingway später wieder in seinen fiktionalen Werken aufgreifen und bearbeiten wird.

Ab 1921 war Hemingway dann als Korrespondent in Europa tätig und berichtete für hoch angesehene Magazine wie Life und Esquire aus Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien und der Schweiz.[10]

2.2 Einsatz im spanischen Bürgerkrieg

Für die American Newspaper Alliance ging Hemingway 1937 nach Spanien, um über den dortigen Bürgerkrieg zu berichten.[11] Den Ausbruch den Krieges bekam Hemingway nicht direkt mit. ״I hate to have missed this Spanish thing (Kriegsausbruch) worse than anything in the world.", schrieb er am 26. September in einem Brief an Maxwell Perkins.[12] Hier wird erstmals seine verspielte Abenteuerlust und moralisch grenzwertige Begeisterung für den Kriegszustand deutlich. Ihm schien die Todesgefahr sehr willkommen zu sein und er entwickelte schon fast eine Obsession für das unmittelbare Erleben von Geschichte.

״Ernest Hemingway arbeitete für die Sache der Loyalisten, obwohl er persönlich den ausländischen Kommunisten, die in Madrid einzogen, um am Kampf gegen den Faschismus teilzunehmen, mißtraute. [...] Von 1936 bis zum Kriegsende 1939 hielt er sich entweder in Spanien auf, arbeitete für die Spanische Republik in den Vereinigten Staaten, oder schrieb über den Verlauf des Konflikts."[13]

Insgesamt waren es für Hemingway vier Aufenthalte während des Bürgerkrieges in Spanien. Er zeigte sich beunruhigt über die sozialen und politischen Entwicklungen und mit seiner journalistischen Arbeit brachte er das Bewusstsein für den Krieg ebenfalls nach Amerika. Mit seinem Schriftstellerkollegen John Dos Passos verwirklichte er 1937 unter der Regie von Joris Ivens den antifaschistischen Propagandafilm Spanish Earth. Premiere für den Film fand im Weißen Haus bei Präsident Roosevelt statt.[14]

״Im April und und Anfang Mai 1937 arbeitete Hemingway im belagerten Madrid und seiner Umgebung zusammen mit Jori Ivens an einem Dokumentarfilm, Die spanische Erde. [...] Hemingway war empört über die faschistische Terrortaktik, die nicht-militärische Stadtbevölkerung hinzumorden. [...] Der Film Die spanische Erde wurde gedreht, um dem spanischen Volke zu helfen [...] Der Film sollte den spanischen Bauer zeigen, der Land zum Ackerbau zurückfordert, das während vieler Generationen mißbraucht oder vernachlässigt wurde. Hauptgegenstand ist die Schilderung, wie die militärische Rebellion diesen Bauer verrät und seine Anstrengungen vereitelt."[15]

Unter anderem verbrachte Hemingway einige Zeit in Madrid und berichtete über die Straßenkämpfe. Gemeinsam mit seiner späteren Geliebten Martha Gellhorn, die ebenfalls als Reporterin in Spanien arbeitet, war er im Hotel Florida untergebracht und schreibt hautnah über die Auseinandersetzungen zwischen Faschisten und Anhängern der Republik.[16] 1939 kommt der spanische Bürgerkrieg zum Ende. Madrid und Barcelona werden von den Faschisten überrannt. Hemingway reist daraufhin ab und beginnt auf Kuba seine Erzählung über den Krieg For whom the bell tolls.[17] Da er im spanischen Bürgerkrieg direkt von der Front berichtet hat und die Schlachtfelder Guadalajara, Brihuega[18], Sierra de Guadarama, Madrid[19] und die Guerilla-Operation zur Sprengung einer Brücke in Teruel[20] miterlebt hatte, konnte Hemingway seine eigenen sinnlichen Kriegserfahrungen in seinen Roman einfließen lassen. Der Roman war weltweit erfolgreich und wurde kurze Zeit später verfilmt.[21] Hemingways fiktive Figuren sind mal mehr, mal weniger historischen Personen entnommen und lassen sich auch als solche dekodieren. So entsteht unter einem leichten Mantel der Verschlüsselung eine Chronik des Kriegsverlaufs, leicht verfremdet und durch die eingebundene Liebesaffäre etwas zu sehr aufgehellt.

2.3 Die Frage nach der politischen Gesinnung

״Hemingway lehnte politische Themen ab, weil er fand, sie seien nur vorübergehend von Bedeutung; sogar in den dreißiger Jahren, als Politik und Wirtschaft die Intellektuellen in Europa und Amerika am meisten beschäftigten [.. .].[22]

Hemingways politische Gesinnung unterlag stets großen Spekulationen und Anschuldigungen.[23] In Spanien pflegte er Kontakte zu den kommunistischen Russen. Fasziniert von Luxus, Macht und Intrige verbrachte er die Zeit in deren Stützpunkten und Hotels und genoss Kaviar, Wodka und sammelte Informationen.[24] Darüber hinaus bezog Hemingway zuerst in seinen Depeschen keine politische Stellung und auch schrieb er keine politischen Analysen, so dass für Außenstehende lediglich seine Enthaltung und sein Umgang mit Kommunisten zu erkennen war.

״Von den [...] Romanschriftstellern kann Ernest Hemingway als der unpolitischte gelten. Der spanische Bauer in Alter Mann an der Brücke, der sich um seine Vögel und Katzen sorgt, sagt: ״Ich bin nicht politisch". Von der Verwundung bei Fossalta del Piave im Ersten Weltkrieg bis zu seinem Aufenthalt im Madrider Hotel Florida war Hemingway fast herausfordernd unpolitisch."[25]

Später würde er dennoch als politisch engagierter Künstler bezeichnet werden. Gegen Ende des Bürgerkrieges ließ das Interesse an seinen Depeschen in den USA nach, da Hemingway zunehmend Fakten und Fiktion miteinander vermischte. Für ihn schien die Tragödie des spanischen Bürgerkrieges oftmals eine Folie für seine Abenteuerlust zu sein. Ihm wurde vorgeworfen, die Berichterstattung als sportlichen Wettkampf zu sehen, bei dem es nicht um Wahrheit und Genauigkeit geht, sondern darum, der Beste, Schnellste und Größte zu sein. Hemingway opferte seinen klaren Blick, um die Realität in ästhetische Muster zu pressen. Manch einer mag ihm hier politische Verantwortungslosigkeit und einen unreifen Missbrauch seines Amtes vorwerfen. Denn auch während des Krieges schrieb Hemingway über die Themen, die ihn persönlich am meisten interessierten. Durch seinen machistischen Blick schrieb er erneut über die spanische Kultur und den von ihm verehrten Stierkampf, über Männlichkeit, Vitalität, Abenteuerlust, Liebesaffären, Jäger, Matadoren, Fischer, Boxer und Trinker.[26] Ebenfalls war Kameradschaft ein wichtiges Leitmotiv für Hemingway:

״Die Art wie Hemingway mit den loyalistischen Truppen gemeinsame Sache machte, belegt seine Überzeugung, daß in Kriegszeiten Kameradschaft alle politischen Ansichten überwölbt."[27]

So kristallisierte sich durch seine Schriften zwar keine wirklich eindeutige politische Haltung heraus, allerdings war eine deutliche Sympathie für die spanische Republik und die Kulturlandschaft Spaniens zu erkennen.[28]

״Als Hemingway 1940 auf das Frühjahr 1937 zurückblickte, bemerkte er: ״Die Kampfzeit, solange wir einen Sieg der Republik noch für möglich hielten, war die glücklichste Zeit unseres Lebens.""[29]

Und weiter:

״Hemingways Glaube an die Republik kommt durch die schlichten, unpolitischen Bauern in Wem die Stunde schlägt zum Ausdruck. Die Partisanen sind eigentlich unpolitisch; doch hegen sie eine visionäre Vorstellung von einer Republik, die ihnen gestattet, in Frieden und mit Würde zu leben.[30] "

[...]


[1] Bernecker, Walther L. - Kampf der Erinnerungen S. 190

[2] Bernecker, Walther L. - Kampf der Erinnerungen S. 212

[3] Vgl.: Hemingway, Ernest – Wem die Stunde schlägt, S. 551

[4] Vgl.: Hemingway, Ernest – Gesammelte Werke Band 10, S. 363

[5] Vgl.: Hemingway, Ernest – Gesammelte Werke Band 10, S. 9

[6] Vgl.: Hemingway, Ernest – Gesammelte Werke Band 10, S. 330

[7] Vgl.: Hemingway, Ernest – Gesammelte Werke Band 10, S. 330

[8] Vgl.: Hemingway, Ernest – Gesammelte Werke Band 10, S. 363

[9] Vgl.: Hemingway, Ernest – Gesammelte Werke Band 10, S. 9

[10] Vgl.: Hemingway, Ernest – Gesammelte Werke Band 10, S. 332

[11] Vgl.: Hemingway, Ernest – Gesammelte Werke Band 10, S. 353

[12] Hemingway, Ernest – Selected Letters, S. 454, 455

[13] Benson, Frederick R. - Schriftsteller in Waffen S. 125

[14] Vgl.: Hemingway, Ernest – Gesammelte Werke Band 10, S. 355

[15] Benson, Frederick R. - Schriftsteller in Waffen S. 126, 127

[16] Vgl.: http://suite101.de/article/hemingway-der-spanische-buergerkrieg-19361939-a62426

[17] Vgl.: Hemingway, Ernest – Gesammelte Werke Band 10, S. 357

[18] Vgl.: Benson, Frederick R. - Schriftsteller in Waffen S. 125

[19] Vgl.: Hemingway, Ernest – Gesammelte Werke Band 10, S. 354

[20] Vgl.: Hemingway, Ernest – Gesammelte Werke Band 10, S. 182

[21] Vgl.: Hemingway, Ernest – Gesammelte Werke Band 10, S. 361

[22] Benson, Frederick R. - Schriftsteller in Waffen S. 68, 69

[23] Vgl.: http://suite101.de/article/hemingway-der-spanische-buergerkrieg-19361939-a62426

[24] Vgl.: Hemingway, Ernest – Gesammelte Werke Band 10, S. 354

[25] Benson, Frederick R. - Schriftsteller in Waffen S. 68

[26] Vgl.: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43365037.html

[27] Benson, Frederick R. - Schriftsteller in Waffen S. 127

[28] Vgl.: Hemingway, Ernest – Gesammelte Werke Band 10, S. 353

[29] Benson, Frederick R. - Schriftsteller in Waffen S. 127

[30] Benson, Frederick R. - Schriftsteller in Waffen S. 236

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Ernest Hemingways journalistisches Werk als Teil der Erinnerungskultur zum spanischen Bürgerkrieg
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg  (Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Fiktionalität und kulturelles Gedächtnis am Beispiel des Spanischen Bürgerkrieges
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V273756
ISBN (eBook)
9783668704862
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ernest, Hemingway, Wem die Stunde schlägt, Spanischer Bürgerkrieg, Erinnerungskultur
Arbeit zitieren
Matthias Jessen (Autor), 2012, Ernest Hemingways journalistisches Werk als Teil der Erinnerungskultur zum spanischen Bürgerkrieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273756

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