Emersons ethisch-spiritualistische Philosophie. Die Kluft zwischen Theorie und Praxis

Praktische Anwendung am Beispiel des Lebens von Henry David Thoreau


Hausarbeit, 2011

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Ist Emersons Philosophie anwendbar?

2. Ralph Waldo Emerson
2.1 Personen- und Werkbeschreibung
2.2 Philosophie
2.2.1 Self-Creation
2.2.2 Der Stellenwert der Natur
2.2.3 Transzendentalismus
2.3 Einflüsse
2.3.1 Fichte
2.3.2 Schelling
2.3.3 Kant

3. Henry David Thoreau
3.1 Leben in den Wäldern
3.2 Verhältnis zu Emerson

4. Christopher McCandless

5. Schlussbetrachtungen
5.1Emersons Streben
5.2das Persönliche in seiner Philosophie
5.3die Anwendung seiner Philosophie

1. Ist Emersons Philosophie anwendbar?

Wie soll ich leben1: Um diese Frage hat sich Emersons gesamtes Leben gedreht und durch seine Arbeit, sein philosophisches Gesamtwerk hat er nicht nur diese Frage beantworten können, sondern ebenfalls das Leben anderer nachhaltig beeinflusst. Wieviel Gutes kann man über einen Mann sagen, der andere dazu veranlasst hat, allein in die Wildnis zu ziehen, sich von Vater, Mutter und Gesellschaft abzukehren und dort in der Einsamkeit dem Hungertod zu erliegen? Am 06. September 1992 wurde die Leiche des damals 24-jährigen Christopher McCandless in einem ausrangierten und als Unterkunft umgebauten Bus am Stampede Trail in Alaska gefunden. Nach dem Studium hatte er mit seinem Elternhaus gebrochen und dieses wortlos verlassen um das Land zu sehen und um ein nonkonformistisches Leben in der Natur zu leben. Letztendlich fand er, den einige einen Spinner, andere einen Romantiker nennen, den Tod. Neben seiner stark abgemagerten Leiche fand man in seinen wenigen Habseligkeiten eine Ausgabe von Henry David Thoreaus „Walden“. Thoreau hat in diesem 1854 veröffentlichtem Buch sein Leben in der Natur von Concord, Massachusetts dokumentiert. Mit 28 Jahren2 zog er für zwei Jahre an den Waldensee, zimmerte sich eine Hütte und lebte von dem, was die Natur ihn zu bieten hatte. Thoreau lebte die Philosophie seines Freundes, Nachbarn, Kollegen und Lehrers Ralph Waldo Emerson und versuchte dadurch ein radikales Experiment, in dem er philosophische Abstraktionen durch pragmatische Alltagsanwendung interpretierte. Wo Thoreau sich von seinem Verstand leiten ließ, erlag der junge McCandless der wilden Sehnsucht seines Herzens und musste aufgrund seiner Unachtsamkeit und der überwältigenden Macht der Natur sein Leben lassen. Emerson hat in beiden Fällen lediglich den Grundstein zum eigenständigen Denken und zur Wertschätzung der eigenen und der weltlichen Natur gelegt und ist daher nicht für die freie Interpretation seiner Gedankengänge verantwortlich.

In den Augen vieler Intellektueller, Geschichtsforscher und Geisteswissenschaftler ist Ralph Waldo Emerson die bedeutendste Figur3 unter den amerikanischen Philosophen. Manche sagen sogar, dass es seinen Gedanken, seinen Vorlesungen und gedruckten Texten zu verdanken ist, dass sich die Vereinigten Staaten intellektuell und geistesgeschichtlich von Europa lösen und eine eigene literarische Kultur etablieren konnten. Emerson liebte die Natur, auch wenn er um ihre Grausamkeit wusste. Schon früh wurden ihm Geschwister, Vater und Frau genommen4 und dennoch liebte er nichts mehr als die Einfachheit und die Reinheit der Natur. Er benutzte sie als Spiegel, als Projektionsfläche für sein Weltverständnis, als Metapher für das individuelle und das kollektive Bewusstsein. Inzwischen sind die Lehren Emersons ein elementarer Bestandteil der amerikanischen und Schul- und Universitätsbildung. An Forschungsliteratur mangelt es auf diesem Gebiet ganz sicher nicht, wobei die besten Quellen seine Essays selbst sind, da diese in der glasklaren, präzisen und bildhaften Sprache eine genießenden Dichters geschrieben sind. Sie sind so einfach und leidenschaftlich verfasst wie seine Gedanken, so dass jede wissenschaftliche Abhandlung seine Gedanken nur unnötig verkomplizieren würde. Dennoch gibt es noch immer einige unbeantwortete Fragen. Das Thema dieser Hausarbeit soll die Kluft zwischen einer ethisch-spiritualistischen Philosophie und deren praktische Anwendung am Beispiel von der Philosophie Emersons und dem Leben Thoreaus sein. Das Hauptaugenmerk soll hierbei auf der Frage liegen, ob Emersons Philosophie eine pragmatische Anwendung finden kann, bzw. ob es eine Synthese von Leben und Lehre geben kann. Hierfür werde ich zuerst eine Personen- und kurze Werkbeschreibung vornehmen, sowie seinen Platz in der Geistesgeschichte erläutern. Es folgt eine Darstellung seiner philosophischen Grundgedanken, die ich anhand seiner, vorwiegend dem deutschen Idealismus entspringenden Vorbilder, darstellen werde. Weiterhin werde ich auf Emersons Lebensaufgabe, der Persönlichkeitsgestaltung eingehen und diese erneut mit Hilfe der eingangs erwähnten Charakterbeispiele von Henry David Thoreau und Christopher McCandless im Bezug auf die pragmatische Anwendung seiner ethisch-spiritualistischen Philosophie aufzeigen.

2.1. Personen- und Werkbeschreibung

Am 25. Mai 1803 brachten Ruth Haskins (1768 - 1853) und William Emerson (1769 - 1811) ihren Sohn Ralph Waldo Emerson in Boston, Massachusetts zur Welt. Im Alter von acht Jahren verlor Emerson seinen, an Magenkrebs erkrankten Vater, der bis zu seinem Tod als Pastor an der First Church of Boston tätig gewesen ist. Ebenfalls verlor er schon früh drei seiner Brüder, die an Tuberkulose erkrankt waren. Nach dem Tod seines Vaters erfolgte ein Großteil der weltlichen, literarischen und poetischen Bildung durch seine Tante Mary Moody Emerson. Durch sie, eine Autodidaktin, kam der junge Emerson das erste Mal in Kontakt mit der Literatur, die später sein Leben bestimmen und bereichern sollte. Nach seiner Zeit auf der Boston Latin School und dem Harvard College besuchte er die Harvard Divinity School, wo er graduierte 18255. Zwei Jahre später traf er seine zukünftige Frau Ellen Louisa Tucker, die bereits zu dem Zeitpunkt unter Tuberkulose litt und zwei Jahre nach der Hochzeit, 1831, im Alter von 20 Jahren verstarb. 1829 trat Emerson seinen Dienst an der unitarischen Second Church of Boston an, den er nach dem Tod seiner Frau nicht mehr mit reinem Gewissen ausüben konnte. Er quittierte seinen Dienst und begann eine groß angelegte Europareise. Von Malta aus ging er nach Italien, in die Schweiz, nach Frankreich und nach England. Neben bedeutenden literarischen Figuren wie Wordsworth, Carlyle und Coleridge kam Emerson auf seiner Reise mit den Gedankengängen und geistigen Anregungen des deutschen Idealismus in Kontakt, was seine eigene philosophische Weltsicht und sein literarisches Streben nachhaltig beeinflussen sollte. Er kehrte 1833 in die Vereinigten Staaten zurück und begann als Dozent für Naturgeschichte in Boston zu arbeiten. Zwei Jahre später heiratete er erneut und zog mit seiner zweiten Frau, Lydia Jackson nach Concord, Massachusetts. 1836 veröffentlichte Emerson, im Alter von 33 Jahren sein Haupt- und auch sein bekanntestes Werk „Nature“. Im selben Jahr trat er dem „Transcendental Club“6 bei, einem Zusammenschluss von Intellektuellen, die sich neuen Denkrichtungen und Ideen verschrieben hatten.7 Wenig später wurde Emerson aufgrund seiner liberalen Gedankengänge und öffentlichen Vorlesungen seines Werks „The American Scholar“ von der Harvard University vom Dienst suspendiert. Danach widmete er sich seiner Arbeit als Dichter und Denker, schloss Freundschaft mit Henry David Thoreau, den er später als seinen besten Freund bezeichnen würde und brachte die Zeitschrift „The Dial“ heraus, die als Plattform für transzendentales Gedankengut dienen sollte. Darüber hinaus betätigte er sich als Literaturkritiker und erfolgreicher Essayist. 1872 brannte sein Haus nieder und beendete seine Karriere als Dozent. Während der Rekonstruktion, die aus Spenden finanziert wurde, unternahm Emerson Reisen nach Ägypten und England. Am 27. April 1882 erlag Ralph Waldo Emerson den Folgen einer Lungenentzündung. Er wurde 78 Jahre alt.8

2.2 Philosophie

Im Hinblick auf eine klassische Einteilung befindet sich Emersons Philosophie an der Grenze zwischen praktischer und theoretischer Philosophie. Zum einen vertritt er Lehren der Ethik, der Religionsphilosophie, der Geschichtsphilosophie (bspw. die Souveränität des amerikanischen Denkens im Hinblick auf europäische Einflüsse) und der Ästhetik, auf der anderen Seite zeichnet sich sein Werk durch theoretische Überlegungen aus den Bereichen der Erkenntnistheorie und vor allem der Naturphilosophie aus. Stark beeinflusst durch den deutschen Idealismus, vertreten durch Kant, Fichte und Schelling9 gibt es in Emerson Denken ebenfalls Anleihen aus der Metaphysik. Emerson widmet sich in seinem Werk vor allem den, durch Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft verfassten grundsätzlichen Fragen der Philosophie: 1. Was kann ich wissen? 2. Was soll ich tun? 3. Was darf ich hoffen? und 4. Was ist der Mensch?

2.2.1 Self-Creation

Für Emerson ist die Arbeit an einem Selbst, die Gestaltung der eigenen Persönlichkeit, die Selbstgestaltung in den Tiefen der Seele10 und das „ästhetische Erleben der eigenen Persönlichkeit“11 die wertvollste künstlerische Tat gewesen. Ein großer Teil seiner Philosophie zielt neben dem sekundären Zweck der künstlerischen Dichtung und Verehrung auf die Ausbildung der eigenen Biographie und Gesinnung ab. Er folgt der Maxime „Jeder soll sein Eigenes bewahren“.12 Er vertrat die Ansicht, dass jeder „erkennen (soll), was er selbst tut“ und dass „Jeder sich selbst Gesellschaft sein (soll)“.13 „Obwohl wir durch die ganze Welt reisen, um Schönheit zu finden, so müssen wir sie doch in uns selbst mitführen, oder wir finden sie nicht“.14 Emersons dichterisches und philosophisches Streben zielt auf die Festigung einer unerschütterlichen und ehrlichen, naturverbundenen Seele ab, welche weder Tod noch Einsamkeit fürchtet. „Ich muss ich selbst sein […] Ich will so überzeugt sein, dass, was tief ist, heilig ist, dass ich […] tun will, was mich innerlich freut, und was mir mein Herz vorschreibt“15. Die größte Inspirationsquelle und Vorbildfunktion für Emerson war jedoch nicht bereits erdachte und niedergeschriebene Philosophie. Emerson war strikt gegen das „Rückwärtssschauen“16 und trotz seiner Funktion als Pfarrer und Philosoph hielt er nur wenig von festgezurrten Weltanschauungen und vorgefertigten Meinungen.

2.2.2 Stellenwert der Natur

Er verfolgte ein „Durchdrungenwerden vom Ewigneuen, dem ewigheilsamen Bewusstsein“.17 Der Mensch solle im Jetzt leben, für sich selbst Denken und auf sein eigenes Seelenleben hören. „Im heute ist eine Kraft vorhanden, die das schöne Gestern ersetzen oder neuschaffen kann“.18 Autorität und Lehrer war für Emerson einzig und allein die Einsamkeit der Natur, welche er andächtig und ehrfürchtig verehrte.

[...]


1 Vgl. Miles, Josephine 1964: Ralph Waldo Emerson S. 6.

2 Vgl. Feldhoff, Heiner 1989: Vom Glück des Ungehorsams S. 35.

3 Vgl. Miles, Josephine 1964: Ralph Waldo Emerson S. 5.

4 Vgl. Porte, Joel 2001: Emerson's Prose and Poetry S. 791.

5 Vgl. Porte, Joel 2001: Emerson's Prose and Poetry S. 791.

6 Vgl. Emerson, Ralph Waldo 1984: Essays S. 324.

7 Vgl. Porte, Joel 2001: Emerson's Prose and Poetry S. 791.

8 Vgl. Emerson, Ralph Wadlo 1984: Essays S. 323 - 326.

9 Vgl. Welleck, René 1964: Konfrontationen S. 125.

10 Vgl. Schiff, Hugo 1919: Gestaltung der Persönlichkeit S. 24.

11 Schiff, Hugo 1919: Gestaltung der Persönlichkeit S. 24.

12 Vgl. Schiff, Hugo 1919: Gestaltung der Persönlichkeit S. 36.

13 Vgl. Schiff, Hugo 1919: Gestaltung der Persönlichkeit S. 36.

14 Vgl. Schiff, Hugo 1919: Gestaltung der Persönlichkeit S. 24.

15 Vgl. Schiff, Hugo 1919: Gestaltung der Persönlichkeit S. 35.

16 Emerson, Ralph Waldo 1988: Natur S. 9.

17 Vgl. Schiff, Hugo 1919: Gestaltung der Persönlichkeit S. 42.

18 Vgl. Schiff, Hugo 1919: Gestaltung der Persönlichkeit S. 40.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Emersons ethisch-spiritualistische Philosophie. Die Kluft zwischen Theorie und Praxis
Untertitel
Praktische Anwendung am Beispiel des Lebens von Henry David Thoreau
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg  (Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Lieblich zum Auge, gewinnend zum Herzen - Naturliebe und Empfindung im 18. und 19. Jahrhundert
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V273757
ISBN (eBook)
9783656663294
ISBN (Buch)
9783656663287
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Natur, Philosophie, Ralph Waldo Emerson, Henry David Thoreau, Christopher McCandless, Into the Wild, Transzendentalismus, Naturphilosophie
Arbeit zitieren
Matthias Jessen (Autor), 2011, Emersons ethisch-spiritualistische Philosophie. Die Kluft zwischen Theorie und Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273757

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