Wir bauen ein Modell vom Hauke-Haien-Deich - produktionsorientierter Umgang mit der "Krug"-Szene und der Deichbeschreibung aus dem "Schimmelreiter"


Unterrichtsentwurf, 2004

13 Seiten


Leseprobe

Inhaltsübersicht

1. Überlegungen zur Lerngruppe

2. Überlegungen zum Unterrichtsinhalt

3. Überlegungen zur methodischen Gestaltung

4. Lernziele

5. Verlaufsplan

6. Unterrichtsmaterial

Literaturverzeichnis

1. Überlegungen zur Lerngruppe

Einen aufschlussreichen Einblick in die Lerngruppe bietet die Befragung, die im Februar anlässlich der Hospitationsphase und den damit verbundenen Beobachtungsaufträgen durchgeführt wurde. Die Erhebung ergab, dass die Klasse zufrieden ist mit ihrer Klassengemeinschaft (2,7 im Durchschnitt). Bei schulischen Entscheidungen fühlt sie sich einbezogen (2,3) und geht im allgemeinen gern zur Schule (2,9). Auch das Lehrerbild ist ein positives, die Klasse bewertete die Frage, ob sie Zwistigkeiten unter den Lehrern „auszubaden“ habe, mit 2,8. Auffallend positiv fiel die Frage danach aus, ob die Lehrer auch offen seien für persönliche Probleme der Schüler (1,8). Die Befragung spiegelt den Eindruck wieder, den die Klasse auch im Unterricht macht, dass es sich nämlich um eine im allgemeinen unproblematische Klasse handelt. Allerdings wendet der Klassenlehrer, Herr D., auch viel Mühe für erzieherische Aspekte auf, um diesen Zustand zu erhalten. Dass die Klasse auch anders sein kann, wurde deutlich, als sich in einem Teil der Klasse großer Unmut gegenüber einer Fachlehrerin bildete, der eine unselige Eigendynamik anzunehmen schien. Für die bevorstehende Unterrichtsprobe lässt sich daher nur mutmaßen, wie die Disziplin sein wird. Zu bedenken ist allerdings, dass Herr D. in dieser Woche abwesend ist und insofern seine Disziplinierung der Klasse als Klassenlehrer fehlt.

Was den Leistungsstand angeht, gibt es innerhalb der Klasse große Divergenzen. Die Klasse enthält mehrere ehemalige Realschüler, die recht leistungsstark sind. Zu den Schülern, die kontinuierlich mitarbeiten, gehört v. a. T., die, obwohl die sozialkulturellen Bedingungen[1] denkbar ungünstig sind eine große Bildungsmotivation aufweist und schon jetzt anstrebt, auf eine weiterführende Schule zu gehen. Zu den leistungsstarken Schülern gehören auch K. sowie C., dessen Eltern großen Anteil an dem schulischen Leben ihres Sohnes nehmen. Dann gibt es aber auch ausgesprochen leistungsschwache Schüler wie J. und M., ein Scheidungskind aus ausgesprochen „einfachen“ Verhältnissen, die zwar völlig unauffällig, aber wenig leistungsstark ist. H. ist erst kürzlich aus Togo nach Deutschland immigriert und hat bisher nur rudimentäre Deutschkenntnisse; zwar wurde er auf dem Schulhof einmal von einem Türken als „Nigger“ beschimpft, die Klasse selbst hat ihn aber schnell integriert, z. B. gleich zu Anfang zum Fußballspielen eingeladen. Das methodische Arrangement erfolgt nicht zuletzt vor diesem Hintergrund, dass nämlich auch Schüler wie H. oder kognitiv nicht so starke Schüler in das Geschehen eingebunden werden müssen.

Was das Repertoire der Schüler an Methoden und die Vertrautheit mit unterschiedlichen Unterrichtsformen angeht, ist die Klasse Freiarbeit gewöhnt, weil sie Herr D. als ausgebildeter Montessori-Pädagoge gelegentlich einsetzt. Aus diesem Grund schien es auch unproblematisch, das Lesetagebuch einzusetzen, das als solches außer M. keinem der Schüler bekannt war. Gruppenarbeit wurde in den vorausgehenden Stunden schon erprobt, und sie hatte sich auch in der sechsten Stunde als unproblematisch erwiesen, was die Disziplin betrifft.

2. Überlegungen zum Unterrichtsinhalt

Die „Richtlinien und Lehrpläne“ für die Hauptschule sehen für jede der sogenannten Doppeljahrgangsstufen die Lektüre einer Ganzschrift vor.[2] Für die Auswahl der Lektüre werden dort keine Vorgaben gemacht. Für die Begründung der Wahl des „Schimmelreiters“ kann der Unterrichtende daher nicht einfach auf den Lehrplan verweisen, sondern muss hier Autonomie unter Beweis stellen.

Der „Schimmelreiter“ als Lektüre für die achte Klasse einer Hauptschule ist in mehrfacher Hinsicht nicht unproblematisch. Zwar erfüllt die Lektüre sicher die Kriterien des Repräsentativen, Typischen und Exemplarischen,[3] denn Storm gilt bis heute als der bedeutendste Novellist der deutschen Literatur und als herausragender Vertreter des poetischen Realismus, aber aus der Perspektive eines stärker den Schüler fokussierenden Didaktikverständnisses muss sich die Novelle auch als Lektüre erweisen, die den Schülern gerecht wird. Problematisch vor diesem Hintergrund ist v. a. Sprache der Lektüre, die bedingt durch ihre zeitliche Distanz und den hohen Anteil an Fachvokabular für die Schüler recht anspruchsvoll sein dürfte. Des weiteren eine Hürde darstellen dürfte der Umfang der Lektüre wie auch der tiefgründige Symbolgehalt der Novelle.

Und dennoch soll hier begründet werden, weshalb die Lektüre vertretbar erscheint für diese Lerngruppe und Altersstufe. Die Richtlinien und Lehrpläne fordern für den Deutschunterricht im allgemeinen und als Auswahlkriterium für Texte im besonderen, dass sie dem Schüler beim „Durchschauen und Bewältigen von Problemen der individuellen und gesellschaftlichen Existenz“ helfen und dass sie gegenwarts- und zukunftsrelevant sind.[4] Dieses Kriterium wird konkretisiert. Einige Konkretisierungen lauten beispielsweise, dass dem Schüler die Möglichkeiten und Grenzen seines Handelns bewusst gemacht werden sollen, er mit grundlegenden Sinnfragen konfrontiert werden und Anteil an fundamentalen menschlichen Erfahrungen nehmen oder dass er sich gerade in der Jahrgangsstufe 7/8 mit der Rollenverteilung auseinandersetzen soll.[5] Außerdem werden die Konfrontation der Schüler mit der Problematik der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen, der sich wandelnden Arbeitswelt und der Gestaltung von Beziehungen zwischen Menschen genannt.[6] In Hauke begegnen die Schüler einem Menschen, der sich verwirklichen will, dem dabei aber Grenzen durch den Widerstand seiner Umwelt gesetzt werden. An Hauke können die Schüler lernen, wie es ist, wenn sich jemand mit der Gemeinschaft, in der er lebt, überwirft und von dieser diskriminiert wird; dabei können sie diese Erfahrung beim Lesen machen und sich die reale Erfahrung ersparen.[7] Die Schüler lesen etwas über das Altwerden (Trin Jans), von Behinderung (Wienke), von Glauben, Aberglauben und Sterben, insofern werden grundlegende Sinnfragen angesprochen. Die Person Elke Volkerts eignet sich gut, das damalige Rollenverständnis der Geschlechter zu untersuchen. Aktualisiert man die Bedrohung durch Naturkatastrophen, können auch Gesichtspunkte der menschlichen Verursachung solcher Naturextreme zur Sprache kommen (Klimaerwärmung u. ä.).[8] Liest man den „Schimmelreiter“ als sozialgeschichtliches Dokument, so enthält er Hinweise auf den Wandel der Arbeitswelt in der Gründerzeit.

Was die oben angesprochenen Hürden betrifft, räumen die „Richtlinien und Lehrpläne“, die ansonsten stark die Schülerorientierung betonen, ein, dass diese Schülerorientierung nicht zu eng verstanden werden darf.[9] Im Unterricht wird auch gerade wegen der so wichtigen Differenzerfahrung der Text in der Originalfassung verwendet. Um einer zumindest bei einigen Schülern sicher drohenden Frustration zu begegnen und um der Forderung der „Richtlinien und Lehrpläne“ gerecht zu werden, wonach die Schüler ihre eigene Leistungsfähigkeit und nicht bloß ihre Defizite erfahren sollen,[10] wird die methodische Gestaltung mit besonderer Sorgfalt erfolgen und ein gewisses Korrektiv bieten müssen.

Die Stunde des Unterrichtsbesuchs steht im Kontext der Reihe zum „Schimmelreiter“. Bisher wurde im Verlauf der Reihe der Inhalt der Lektüre durch die Anfertigung von Zeitleisten zum Handlungsverlauf und eine sich an diese Gruppenarbeit anschließende Inhaltsbesprechung gesichert. Außerdem sollen die Schüler in den bis zum 7. Juli 2004 fertigzustellenden Lesetagebüchern Inhaltsangaben zu den von ihnen auszumachenden Sinnabschnitten erstellen und auch selbständig weitere Arbeitsaufträge bearbeiten. Ferner wurde bereits die Rahmenstruktur der Novelle durch die Schüler erarbeitet und in Schaubildern per OHP den Mitschülern präsentiert. Des weiteren wurden Gattungsmerkmale einer Novelle besprochen, woran sich die Diskussion anschloss, inwiefern der „Schimmelreiter“ als Novelle bezeichnet werden kann. Auch befassten sich die Schüler schon mit Vorübungen zur Charakterisierung. In der der Lehrprobe vorausgehenden Stunde haben sich die Schüler in Form eines „line ups“ mit der Frage auseinandergesetzt, inwieweit verschiedene Figuren der Novelle der Aufklärung oder eher dem Aberglauben zuzuordnen sind. Sie haben dann auch wichtige Textabschnitte, wo die konträren Deutungssysteme deutlich werden, in Augenschein genommen. Für die heutige Stunde steht die Rekonstruktion des Deichprofils und -verlaufs an.

Den Deichverlauf sowie sein Profil genau nachzuvollziehen ist nämlich außerordentlich wichtig. Zum einen ist es wichtig für den ganzen weiteren Handlungsverlauf, um nämlich zu verstehen, wo der Priel auftritt, weshalb Hauke derart besorgt ist über die nur notdürftige Reparatur, weshalb die Männer während der Sturmflut den neuen Deich durchbrechen wollen und warum der alte Deich schließlich bricht. Zum anderen ist er ein wichtiges Symbol, denn der ganze Konflikt zwischen Aberglauben und Vernunft spiegelt sich in den beiden Deichen, dem alten und dem neuen, wieder. Ferner ist der neue Deich auch ein ganz zentrales Moment in Verbindung mit Haukes mehrfach zu Tage tretender Hybris. Aus diesem Grund – und weil Hauke selbst in seiner Kindheit mit solchen Modellen experimentierte – scheint es legitim zu sein, so viel Zeit auf die Herstellung eines Deichmodells zu verwenden. Das Deichmodell wird in nachfolgenden Stunden noch des öfteren eingesetzt werden können, wenn es um den Priel und den Deichbruch geht.

3. Überlegungen zur methodischen Gestaltung

Die methodischen Überlegungen wurden flankiert von der Überzeugung, dass es einer enormen Vorstellungskraft bedarf, Texten, d. h. schwarzen Buchstaben auf weißem Papier, Farbe und Leben zu verleihen. Dazu bedarf es einer enormen Vorstellungskraft des Lesenden, zumal bei einem literarischen Text mit diesem Alter. Im „Schimmelreiter“ fällt die geistige Rekonstruktion des Deiches und des einzudeichenden Koogs besonders schwer, weil die Beschreibung durch Hauke ganz die eines Experten mit seiner Nomenklatur ist. Gestützt wird die Zugriffsweise auf einen literarischen Text über das Erstellen eines Deichmodells durch die „Richtlinien und Lehrpläne“, die in der Passage zur Handlungsorientierung explizit Konkretheit und Anschaulichkeit fordern.[11] Dennoch ist die Warnung Meyers ernst zu nehmen, wonach Handlungsorientierung des Unterrichts nicht zu einem blinden Aktionismus verkommen darf.[12] Eine profundere Rechtfertigung des methodischen Vorgehens ist aus diesem Grund unerlässlich.

[...]


[1] Dieses Voraussetzungsfeld für Unterricht unterscheidet die Berliner Didaktik von dem der anthropologisch-psychologischen Voraussetzungen (vgl. Paul Heimann, Gunter Otto, Wolfgang Schulz, Unterricht. Analyse und Planung (Hannover:41969)).

[2] Vgl. Ministerium für Schule, Jugend und Kinder (Hrsg.), Richtlinien und Lehrpläne für die Hauptschule in Nordrhein-Westfalen. Deutsch (Düsseldorf/Frechen: 1989 (unveränderter Nachdruck 2003)), S. 63.

[3] Vgl. Wolfgang Klafki, Studien zur Bildungstheorie und Didaktik (Weinheim: 1964), S. 135.

[4] Vgl. Richtlinien und Lehrpläne. Deutsch, S. 16, 18, 86.

[5] Vgl. ebd., S. 11; 14, 36, 61, 93; 25.

[6] Vgl. ebd., S. 38, 124, 174.

[7] Vgl. ebd., S. 36, 61. Erasmus nannte aus diesem Grund schon die (reale vs. fremde/literarische) Erfahrung die „Lehrerin der Toren“.

[8] Dabei ist jedoch große Vorsicht geboten, um nicht die stark ideologisierten Deutungssysteme der Ökobewegung unkritisch zu übernehmen und einem gefährlichen Krisenbewusstsein Vorschub zu leisten, das viel verhängnisvoller sein kann in seinen Auswirkungen als die reale Krise (vgl. Björn Lomborg, Apocalypse: No! Wie sich die menschlichen Lebensgrundlagen wirklich entwickeln (Springe: 2002)).

[9] Vgl. Richtlinien und Lehrpläne. Deutsch, S. 63.

[10] Vgl. ebd., S. 19.

[11] Vgl. ebd., S. 17.

[12] Vgl. Hilbert Meyer, Unterrichtsmethoden, Bd. 2, Praxisband (Frankfurt a. M.: 21989), S. 160.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Wir bauen ein Modell vom Hauke-Haien-Deich - produktionsorientierter Umgang mit der "Krug"-Szene und der Deichbeschreibung aus dem "Schimmelreiter"
Autor
Jahr
2004
Seiten
13
Katalognummer
V27377
ISBN (eBook)
9783638294409
Dateigröße
914 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In dieser im Entwurf verschriftlichen Lehrprobe baue ich mit den Schülern Modelle von Haukes Deich aus Knetmasse. Die Schüler befassen sich zunächst durch Arbeitsblätter angeleitet eingehend mit dem Text, bauen dann die Modelle und stellen sie schließlich in szenischem Spiel (Deichgevollmächtigten-Versammlung) vor. Komplett mit Arbeitsblättern, methodisch-didaktischen Überlegungen (Für und Wider der Produktionsorientierung, kritische Auseinandersetzung mit Lehrplan usw.) und Lernzielen!
Schlagworte
Modell, Hauke-Haien-Deich, Umgang, Krug, Deichbeschreibung, Schimmelreiter
Arbeit zitieren
Marcel Haldenwang (Autor), 2004, Wir bauen ein Modell vom Hauke-Haien-Deich - produktionsorientierter Umgang mit der "Krug"-Szene und der Deichbeschreibung aus dem "Schimmelreiter", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27377

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