Zygmunt Bauman und die Ambivalenz der Moderne


Seminararbeit, 1999
29 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Klärung der Begriffe, Bedeutung dieser für das moderne Denken

3. Die Umsetzung in die Praxis
3.1. Der Gärtnerstaat
3.2. Der Fremde
3.3. Assimilation vs. Ausgrenzung
3.4. Der Vorgeschmack der Postmoderne
3.5. Die Selbsttäuschung

4. Der Holocaust
4.1. Moderne Verwandtschaften
4.2. Unterschiede zwischen moderner und mittelalterlicher Judenverfolgung
4.3. Der wissenschaftliche Anspruch
4.4. "Umnebelung"?

5. Ambivalenz wird privatisiert
5.1. Die schwierige Selbstfindung
5.2. Soziale Systeme als Lösung?
5.3. Die Entstehung des Expertentums
5.4. Technologie

6. Die Postmoderne
6.1. Solidarität als Notwendigkeit
6.2. Die neuen Stämme
6.3. Postmoderne als Chance

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Aufklärung als erster Schritt in eine moderne Existenz, so haben wir gelernt, war der wichtigste Baustein zur Befreiung des Menschen aus seinem Gefängnis der Traditionen und der Unkenntnis von der Welt, hin zu einer menschenwürdigen Existenz, geprägt von den humanistischen Idealvorstellungen. Der Schleier der Unwissenheit wurde uns genommen, nunmehr sollte die Wahrheit in all ihrem Glanz erstrahlen. Der Mensch sollte sich der Gabe zur Vernunft bewußt werden. Zygmunt Bauman läßt in seinem Buch "Moderne und Ambivalenz" jedoch die andere, realere Seite der Moderne zum Vorschein kommen, indem er aufdeckt und erklärt, welche Folgen diese Ideen für die menschliche Existenz hatten.

Bauman erklärt die fatalen Konsequenzen des Verfolgens moderner Ideen am Beispiel Holocaust, den er als Archetyp des modernen Vorgehens gegen Unklarheit und Unordnung sieht. In dieser Seminararbeit wird diesem Sachverhalt auch ein Großteil der Aufmerksamkeit geschenkt. An Stellen, die ich dafür geeignet hielt, lasse ich Viktor Klemperer zu Wort kommen, dessen Überlegungen in "LTI" oftmals Baumans Aussagen bestätigen, manchmal auch ergänzen können. Seine Ausführungen zum Alltagsleben und der Sprache in der Zeit des Dritten Reiches halte ich gerade in Verbindung mit Baumans soziologischen Überlegungen für besonders lehrreich bei der Betrachtung auch unserer "postmodernen" Epoche, decken beide zusammen doch viele Denkfallen, die schon im alltäglichen Sprachgebrauch, vor allem aber von Medien übertragen werden, auf und zeigen, wie über nicht allzu große Zeiträume hinweg Denkweisen beeinflußt, ja verändert werden können.

Zuvor jedoch erfolgt erst einmal eine Klärung der grundlegenden Begriffe, wie auch Bauman sie vorgenommen hat. Begriffe wie Ordnung und Ambivalenz gehen uns leicht über die Lippen, um sich der Tragweite dieser Worte für unser Handeln, ja für unser Denken aber bewußt zu werden, müssen sie zuerst aufgeschlüsselt werden. Daran anschließend die Betrachtung des Holocaust, wie oben schon erwähnt wurde.

Im Anschluß an die Ausführungen zum Holocausts mit besonderem Bezug auf Klemperer werde ich wieder zu ausschließlichen Betrachtung von Baumans Überlegungen wechseln, der mit der Erkenntnis der Unmöglichkeit des modernen Projektes die Möglichkeit zur Entwicklung einer postmodernen Existenz sieht, einer Existenz, die Verschiedenheit als ihren Grundbaustein ansieht und gelernt hat, mit Ambivalenz zu leben. Dennoch ist diese Postmoderne keine logische Folge der Moderne, es gibt Fallen, die überwunden werden wollen, soll die Moderne nicht wieder rehabilitiert werden. Die Postmoderne erscheint als ein höchst fragiles Gebilde, ständig in Gefahr, sich selbst zu zerstören, da Sicherheit und Gewißheit, etwas, wonach jeder Einzelne strebt, ihren eigenen Grundsätzen zuwiderlaufen. Was bleibt, ist unsere Chance, die Postmoderne zu gestalten.

2. Klärung der Begriffe, Bedeutung dieser für das moderne Denken

Dreh- und Angelpunkt für Baumans Ausführungen ist der Begriff der Ambivalenz. Dieses Wort bedeutet allgemein Doppel- oder Mehrdeutigkeit, etwas ist nicht klar zuzuordnen, nach Bauman auch ein Versagen der "Nenn- (Trenn-) Funktion" (Bauman, S. 13) der Sprache.

Der moderne Mensch empfindet Ambivalenz in jeder Hinsicht als störend und unangenehm, da sie die wohlbehütete Ordnung der Dinge bedroht. Ordnung ist also das Gegenteil der Ambivalenz und genau das, was sich die Moderne von Anfang an zur Aufgabe gemacht hat. Entmythologisierung und Verwissenschaftlichung stellten eine unanfechtbare Ordnung der Welt in Aussicht.

Paradoxerweise wachsen jedoch mit jeder Anstrengung in dieser Richtung Widersprüchlichkeiten, eine gelöste Frage wirft tausend neue auf, das Dickicht wird immer undurchschaubarer. Dies gilt sowohl für Naturwissenschaften, als auch für Politik und die Gesellschaft als solche. Ambivalenz vs. Ordnung, bzw. Chaos - das sind für Bauman "moderne Zwillinge" (Bauman, S. 17), beide bedingen einander, Chaos ist nicht durch ordnen zu beseitigen, sondern wächst ebenso schnell wie die Ordnungsversuche sich ausdehnen.

Eng verbunden mit dem Ordnungsbestreben ist die Sicherheit, das Gegenteil von Zufälligkeit. Sind alle Dinge ihrer Logik entsprechend geordnet, kann man zukünftige Entwicklungen mit Sicherheit vorhersagen. Die Realität beginnt Ähnlichkeiten mit einer Zahlenkette zu entwickeln. Laut Bauman tendiert der Mensch schon aufgrund seiner Lern- und Erinnerungsfähigkeit dazu, Beziehungen zwischen Situationen und Folgen der Handlungen als konstant anzunehmen und daraus die relative Vorhersagbarkeit und Berechenbarkeit zukünftiger Entwicklungen zu schließen (ebd. S. 14).

Die Erfahrung der Ambivalenz wirkt in dieser Hinsicht unangenehm, die Einsicht, daß der Zufall eine Hauptrolle in vielen Bereichen des Lebens spielt, wirkt absolut bedrohlich. Wir haben keine Kontrolle mehr, weder über die Folgen unseres Tuns, noch über die Entwicklung der Dinge generell. Das Ergebnis dieser Erkenntnis ist jedoch stets das selbe: Die alten Kategorien, nach denen alles geordnet werden sollte, waren eben zu grobmaschig, neue, genauere Ordnungsmuster müssen her, die, wie schon angedeutet, ihrerseits noch mehr Unordnung erzeugen.

Daneben ist Ordnung auch immer eine Funktion des Ein- und Ausschließens, der Kategorien- und Klassenbildung. Ordnung steht gegen Unordnung, Wahr gegen Falsch, Freund gegen Feind. "Die Welt ist modern, insofern sie die Alternative von Ordnung und Chaos enthält" (Bauman S. 19). Wobei Ordnung in keinster Weise eine natürliche, sondern eine von Menschen erdachte und durchzusetzende Kategorie ist (siehe Zitat von Collin in Bauman S. 17/18). Diese Unnatürlichkeit, die letztendlich doch nur willkürliche Unterscheidung der Dinge, ist von zentraler Wichtigkeit für Baumans weiteren Argumentationsgang.

3. Die Umsetzung in die Praxis

Erweist sich Ordnungs- und Klassifizierungsbestreben in den Naturwissenschaften als gerechtfertigte Methode, um "Naturgesetze" erkennen zu können, kann genau dieser Eifer in der Politik und allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens eine tödliche Spirale in Gang setzen. Es gibt kein Naturgesetz, mit dem man Freund und Feind definieren könnte, was im Laufe der Geschichte in dieser Form wohl auch nicht versucht wurde. Ulrich Beck:

"Und warum wechseln Feind- und Freundbilder oft so schnell? So war im vorrevolutionären Amerika das >>Mutterland<< England (...) der >natürliche Feind<, später im 20. Jahrhundert in zwei Weltkriegen der >>natürlicheVerbündete<<. An dem, was in einem bestimmten sozialen Raum, einer bestimmten Epoche als >>Eigenes<< und >>Fremdes<< gilt, ist nichts natürlich, sondern alles unvorhersehbar und -sagbar, mit einem Wort: chaotisch."

(Beck, S. 474)

Sehr wohl aber hat es den Menschen schon immer verstört, wenn etwas (oder jemand) diesen zwei Kategorien nicht zugeordnet werden konnte. Wer zur Zeit Freund und wer Feind ist, ist bekannt, jedem begegnet man seiner Kategorie entsprechend. Aber welcher Schublade soll man den Fremden zuordnen? Er ist der Unbekannte, die verkörperte Ambivalenz, welche in sich sowohl Merkmale des Freundes, als auch des Feindes vereinigt.

Was nicht eingeordnet werden kann, muß auf irgendeine Weise beseitigt, aus dem Blickfeld geräumt werden. Intoleranz ist die Folge der nicht möglichen Zuordnung, da die gewohnten Kategorien von Recht und Unrecht, Freund und Feind bedroht sind. Allein die Existenz des Fremden erinnert an die Unnatürlichkeit aller Ordnungsversuche. Was weder Freund noch Feind ist, mit dem kann das moderne Denken nichts anfangen, es ist der Abfall der Moderne: "All das ist die unerlaubte Mischung von Kategorien, die sich nicht mischen dürfen. Sie haben ihr Todesurteil verdient, weil sie der Trennung widerstanden haben" (Bauman S. 29/30).

3.1. Der Gärtnerstaat

In diesem Sinne verwendet Bauman auch das Bild des Staates als Gärtner, der nützliche Pflanzen hegt und pflegt, alle anderen jedoch (das Unkraut) herausreißt und vernichtet. Der Staat als solcher ist ein planvoll angelegter Garten, der dem naturwüchsigen Urzustand (dem Chaos) entgegensteht und vor andauernden Übergriffen aus der ihn umgebenden Wildnis geschützt werden muß. Diese Idee verdankt die Moderne ihren Philosophen (genannt werden Kant sowie Descartes, siehe Bauman S. 37), nach denen ihre Disziplin eine gesetzgebende Macht sein sollte, die den Menschen zu seinem wahren Heil führe: "Die Berufsphilosophen, lehrt Rosenberg, begehen durchweg einen doppelten Fehler. Erstens begeben sie sich auf die >>Jagd nach der einen, ewigen Wahrheit<<. Und zweitens fahnden sie auf reinem logischen Wege, in dem sie von Axiomen des Verstandes weiter und weiter schließen" (Klemperer, S. 124).

Hier liegt der Ursprung der Gefahr, die moderne Idee der Trennung von Gut und Böse, nützlich und schädlich von den Naturwissenschaften auch auf die Konstitution einer Gesellschaft zu übertragen. Der inneren Logik gemäß müssen schädliche oder unnütze "Elemente" (Kriminelle, Behinderte, "Randgruppen" im allgemeinen) beseitigt, der Gesellschaft "das Gute" und "Wahre" beigebracht werden. "Die Gesetze der Vernunft zu geben und durchzusetzen, ist die Bürde der Wenigen, der >>Wahrheitswisser<<, der Philosophen" (Bauman S. 38). Und weiter: "In einer solchen Philosophie ist es auf keiner Weise erlaubt, zu meinen"(Bauman S. 41) (Hervorhebung im Orig.).

Um den "Garten" Staat nun in der gewollten Weise "kultivieren" zu können, bedurfte es zuallererst klarer Grenzen, um den Geltungsbereich der "Gesetze der Vernunft" klar definieren zu können. Diese Grenzen waren genauso unnatürlich wie wirksam, trennten Bürger des eigenen Staates von Ausländern, Feinden; schafften Ordnung und Sicherheit.

" >>Aber warum müssen solche Grenzen ausgerechnet die eines Nationalstaates sein?<< fragt Karl - Otto Hondrich, der für die Schließung der Gesellschaft als kleinerem Übel plädiert. Seine Antwort lautet: Weil es keine anderen Grenzen gibt, die annähernd dasselbe leisten, nämlich den Geltungsbereich des staatlichen Gewaltmonopols und den der Zusammengehörigkeitsgefühle zur Deckung zu bringen."

(Beck S. 168)

3.2. Der Fremde

Der Staatsapparat hat also das Gewaltmonopol über all diejenigen, die innerhalb der Staatsgrenzen leben, Staatsbürger sind. Diese Staatsbürger verbindet ein Zusammengehörigkeitsgefühl, welches sich jedoch nicht nur aus der blosen (formalen) Zugehörigkeit zu einem Staat, sondern auch aus einer gemeinsamen Geschichte und Kultur ergibt, die (je nach Notwendigkeit der Identifikation der Bürger mit ihrem Staat) heraufbeschworen werden. Dem Staatsbürger steht die Gruppe gegenüber, für welche das Gewaltmonopol nicht gilt, die Ausländer, also all jene, die außerhalb des eigenen Landes leben.

Diese Dichotomie entspricht der oben erläuterten Kategorisierung von Freund / Feind, innen / außen usw. Schwerer einzuordnen sind diejenigen, die zwar formell Mitbürger des Landes sind, jedoch offenbar weder Geschichte noch Kultur mit der Mehrheit teilen und deswegen aus deren Blickwinkel nicht "dazu gehören". "Der Fremde stört den Einklang zwischen physischer und psychischer Distanz: Er ist physisch nahe, während er geistig fern bleibt" (Bauman S. 82) (Hervorh. i. Orig.). Sie werden als Fremdkörper empfunden, weder Freund noch klar definierter Feind:

Der Fremde ist tatsächlich jemand, der sich weigert, sich auf das >ferne Land< beschränken zu lassen oder aus unserem eigenen fortzugehen und der daher a priori dem bequemen Hilfsmittel der räumlichen oder zeitlichen Absonderung Widerstand leistet. Der Fremde kommt in die Lebenswelt und läßt sich hier nieder, und folglich wird es - im Unterschied zum blosen Unvertrauten - relevant , ob er ein Freund oder ein Feind ist. Er hat seinen Weg in die Lebenswelt uneingeladen gemacht, wodurch er mich auf die Empfängerseite seiner Initiative gestellt, mich zum Objekt des Handelns gemacht hat, dessen Subjekt er ist: All dies ist, wie wir uns erinnern, ein notorisches Merkmal des Feindes . Gleichwohl wird er, im Unterschied zu anderen, > direkten< Feinden, weder auf sicherer Entfernung gehalten noch auf der anderen Seite der Schlachtlinie. Schlimmer noch, er beansprucht das Recht, Gegenstand von Verantwortlichkeit zu sein - das vertraute Attribut eines Freundes . Drängten wir ihm die Freund/Feind - Opposition auf, erschiene er gleichzeitig als unter- und als überdeterminiert."

(Bauman S. 79 / 80)

(Hervorh. i. Orig.)

Fremde gefährden die Ordnung im Gartenstaat, stellen somit eine Bedrohung dar für die Beständigkeit des Staates, die sich auf die erwähnten Gemeinsamkeiten seiner Bürger gründet und müssen daher, auf welche Weise auch immer, aus ihm entfernt werden.

[...]

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Details

Titel
Zygmunt Bauman und die Ambivalenz der Moderne
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Soziolgie)
Veranstaltung
Hauptseminar "Theorien und Diagnosen der 2. Moderne"
Note
2,0
Autor
Jahr
1999
Seiten
29
Katalognummer
V27386
ISBN (eBook)
9783638294485
ISBN (Buch)
9783656397342
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zygmunt, Bauman, Ambivalenz, Moderne, Hauptseminar, Theorien, Diagnosen
Arbeit zitieren
Anka Gehre (Autor), 1999, Zygmunt Bauman und die Ambivalenz der Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27386

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