Das Motiv der Krankheit in "Le hussard sur le toit" von Jean Giono


Hausarbeit, 2009
13 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

1 Das „Motiv“ der Krankheit in der Literatur

1.1 Begriffseinordnung

Bevor das zentrale Motiv der Cholera in Jean Gionos Werk Le hussard sur le toit behandelt wird, soll zunächst auf die grundlegende Problematik dieses Begriffs eingegangen werden. Französisch „thème“ sowie englisch „theme“ umfassen im Großen und Ganzen ein weitaus größeres Begriffsspektrum als der deutsche Terminus „Motiv“, da ebenso Begriffe wie „Stoff“, „Thema“, „Gehalt“, „Idee“ oder „Mythos“ gemeint sein können. Im Englischen rangieren oftmals „theme“ und „motif“ nebeneinander, „motive“ hingegen wird eher mit dem deutschen „Thema“ bzw. der „Idee“ eines Textes in Verbindung gebracht. (vgl. Gröne, 2006, S.39). Eine verallgemeinernde Definition, die sich im deutschsprachigen Raum in diesem Zusammenhang durchgesetzt hat, stammt von Elisabeth Frenzel, die unter Motiven „Kristallationskerne des Inhalts, die den Stoff durchdringen und als Ganzes bestimmen“ (Gröne, 2006, S.40), versteht. Nach Frenzel (1980) stellt ein Motiv ein „konkretes, inhaltliches, situationsmlßiges Element im Aufbau der Dichtung [...]“ dar, „das in sich einheitlich und abgeschlossen ist, aber die Fähigkeit hat, sich mit anderen, ähnlichen Elementen zu verbinden und mit ihnen schließlich einen Plot, einen ganzen Stoff, zu ergeben“. Das Motiv stellt Zusammenhlnge her, verknüpft Erzlhlschichten und wirkt strukturbildend. Das „Thema“ eines Werkes hingegen meint auf abstraktere Weise dessen Sinngehalt, welcher durch die Verbindung von Motiven, Handlungseinheiten und Charakteren entsteht (vgl. Gröne, 2006, S.40). Um diese Ausführungen zu erglnzen, sollte noch auf die Begrifflichkeit des „Stoffs“ eingegangen werden; nach Frenzel (1980, S.25) ist dieser gleichzusetzen mit „eine[r] schon außerhalb der jeweiligen Dichtung vorgeprlgte[n] Fabel, ein[em] „Plot“, der als persönliches Erlebnis, ob nun im Zusammenstoß mit der Außenwelt oder auch nur als Traumbild der eigenen Seele, als Bericht über ein zeitgenössisches Ereignis, als historische Begebenheit, als mythische oder religiöse Erzählung oder als ein bereits durch einen anderen Dichter gestaltetes Kunstwerk an den Dichter gelangt“. Eine etwas weitgefasstere Stellungnahme zu Themen und Motiven in der Literatur bieten Daemmrich & Daemmrich (1987):

„Sie vermitteln Grunderfahrungen des Daseins, erschließen die Zusammenhlnge zwischen Empfindungen, Bewusstsein und Bedürfnissen; sie vergegenwärtigen sowohl Hoffnungen wie auch Angstvorstellungen und beleuchten wiederkehrende menschliche Phantasiegebilde. Motive von übernationaler Spannweite halten daseinsbestimmende Situationen fest und erschließen die existenziale Verunsicherung als Wesensstruktur des Menschen. [...]“

Infolgedessen stellt sich die Frage nach dem eigentlichen Ursprung von literaturgeschichtlich übernational verbreiteten Motiven. Er wird laut Frenzel (1980, S.38) in ihrer „existentiellen Bedeutung“ gesehen, „die sich aus menschlichen Grundsituationen, Grundwünschen und Grundlngsten“ ableitet.

1.2 Das Motiv der Krankheit

Um sich nun dem zentralen Motiv der Cholera in Le hussard sur le toit anzunähern, soll noch kurz allgemein auf das Motiv der „Krankheit“ eingegangen werden. Werke mit letztgenanntem Kernmotiv behandeln meist jene Leiden, die eine entsprechende Bedrohung darstellen; darunter fallen Krankheiten mit einer hohen Ansteckungsgefahr und Letalität (Epidemien, Seuchen) sowie chronische körperliche oder psychische Erkrankungen, welche die Lebensführung des Individuums stark beeinträchtigen, z.B. Wahnsinn. La Peste (Albert Camus), Une Mort très douce (Simone de Beauvoir), Les Mots pour le dire (Marie Cardinal), Mon sang mis à nu (Hervé Guibert) können neben Jean Gionos Le hussard sur le toit als Beispiele für o.g. Krankheitsmotive gelten. Von der Medizin bewältigte Krankheiten hingegen verlieren im literarischen Kontext an Bedeutung.

Literaturgeschichtlich kann ein erster Einschnitt um die Mitte des 19.Jahrhunderts gemacht werden, als die positivistische Experimentalmedizin in den Bereich der kulturellen Produktion ausstrahlte; Freuds um 1900 begründete Psychoanalyse markiert einen zweiten Einschnitt, da sie das Seelenleben und dessen Leiden als wissenschaftlich fundierten Interpretationsansatz eröffnete. Eine dritte Etappe lässt sich durch den Zweiten Weltkrieg und die damit verbundenen politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Veränderungen feststellen. Zuvor tödlich verlaufende Infektionskrankheiten konnten zudem nun mittels Penicillin erfolgreich bekämpft werden, während die Entdeckung bestimmter Psychopharmaka neue Wege bei der Heilung psychischer Störungen bot (vgl. Gröne, 2006, S.47).

2 Umsetzung des Motivs der Cholera in Le hussard sur le toit

Jean Gionos Werk 1951 erschienenes Werk Le hussard sur le toit zählt, wie oben bereits erwähnt, zu jenen Romanen, die das Motiv der Krankheit zentral behandeln. Berücksichtigt werden muss, dass die Schilderung der Cholera sich in einen vierteiligen Romanzyklus („Le cycle du hussard“) einreiht und so die Vernetzung der Choleraepisode auf die Persönlichkeitsentwicklung des Protagonisten erst bei einer Gesamtschau aller vier Werke (Angelo, Mort d`un personnage, Le hussard sur le toit, Le Bonheur fou) deutlich zutage treten würde. Im Folgenden soll explizit auf die Umsetzung des Choleramotivs in Le hussard sur le toit unter besonderer Berücksichtigung der Auswirkungen auf den Protagonisten Angelo eingegangen werden.

2.1 Konfrontation des Helden mit der Krankheit

Die erste direkte Konfrontation mit der Cholera erlebt Angelo, der Held des Romans, im zweiten Kapitel. Ein mitten auf dem Weg nahe des Weilers Les Omergues liegender Leichnam einer jungen Frau hindert den Helden daran, seine Reise in die italienische Heimat fortzusetzen. Die typischen Anzeichen der Krankheit, die sich durch den ganzen Roman ziehen, werden bereits hier deutlich: Dazu gehören beispeilsweise das Verunstalten des Kadavers durch Raben: „[...] par les longs cheveux noirs de son chignon dénoué par les corbeaux“ (Giono, 1951, S.50),1 der drastische körperliche Verfall („chair éffondrée“ ,ibid.), zu einer Grimasse verzerrte Gesichtszüge („sa grimace de quelqu`un qui a bu du vinaigre, ibid.) sowie starke Diarrhö („ses jupes étaient trempées d`un liquide sombre“, ibid.). Nur noch Kleidung und Haare erlauben die Identifizierung des Kadavers als Frauenkörper. Die langen gelösten Haare, „les longs cheveux noirs“ (ibid.), auf die innerhalb dieses Textabschnittes zweimal hingewiesen wird, sind ein erotisches Motiv, welches in diesem Kontext mit dem Tod in Verbindung gebracht wird. Diese Darstellung eines weiblichen Kadavers könnte bereits hier als kleine Vorausschau auf die am Ende des Romans auftretende Choleraattacke bei Angelos Gefährtin Pauline betrachtet werden (vgl., Gröne, 2006, S.144). Angelo scheint mit dem Anblick des Leichnams überfordert, was sich bei ihm in choleralhnlichen Symptomen lußert: In Form von Eiseskllte in den Gliedern („plein d`eau glacée“, S.49) und Brechreiz („une froide envie de vomir“, ibid.). Der Verlust seines standesgemlßen Pferdes („Le cheval [...] s`enfuit au galop“, ibid.) verstlrkt die Situation der Hilflosigkeit. Angelo beklmpft diese durch militlrische Selbstinstruktionen: „Alors, monsieur le troupier, poursuivit-il vous voilà capot !“ (ibid.). Letztlich verliert er jedoch aufgrund eines ihn angreifenden Hundes die Selbstbeherrschung.

Was die Situierung dieser Szene angeht, könnte von einer „narrativen Programmatik“ (Gröne, 2006. S.145) gesprochen werden; denn kurz vorher erflhrt der Leser „Angelo n`avait jamais eu l`occasion de se trouver sur un champ de bataille“ (S.48) und dass er ebenfalls an seiner Fähigkeit als Krieger, wozu auch der Anblick Toter zugehört, zweifelt: „Quelle figure ferais-je à la guerre ? [...], mais aurais-je le courage du fossoyeur ? Il faut non seulement tuer mais savoir regarder froidement les morts » (ibid.). Während Angelo bei dieser ersten realen Begegnung mit dem Tod noch vollkommen überfordert ist, eignet er sich im weiteren Verlauf des Romans einen routinierteren und distanzierteren Umgang mit dem Grauen an (vgl. Gröne, 2006, S.145).

2.2 Die Odyssee durch die Cholera

Die Reiseroute, welche Angelo in der Provence wählt, ist keineswegs geplant oder vorhersehbar. Vielmehr zieht der Held in dem von der Cholera heimgesuchten Land umher, währenddessen ihn immer wieder überraschende Ereignisse andere Wege einschlagen lassen. Seine Hauptbewegungsrichtung gen Osten ist anfangs durch den Wunsch motiviert, in Italien als Teil des Widerstandes gegen die Besatzer aktiv zu werden, im späteren Teil ist seine primäre Absicht, Pauline wohlbehalten auf ihr Schloss bei Gap zu bringen. Neben dem Finden einer geeigneten Route muss der Held immer wieder Umwege oder Rückzüge vornehmen, da er sich zum einen von den Hauptbrandherden der Cholera absetzen, zum anderen den von der Epidemie traumatisierten Autoritätsträgern des Landes sowie den Einheimischen ausweichen will.

2.3 Die Natur der Cholera

Ohne schon direkte Hinweise auf die Verwüstungen durch die Cholera zu geben, vermittelt der abrupte Beginn des Romans mit „L`aube surprit Angélo béat [...]“ (S. 11) das Bild einer durch die Sommerhitze zerstörten Landschaft. Negativ besetzte Nomen und Adjektive verstärken dieses Bild : „Il ne faisait pas frais mrme dans les profondeurs encore couvertes des ténèbres de la nuit. Le ciel était entièrement éclairé d`élancements de lumière grise […] » (ibid.). Die Darstellung einer erstickenden Hitze in Zusammenhang mit einem weißlich-konturlosen Licht wird stark betont: „Malgré la chaleur déjà étouffante [...] il faisait très chaud, mais il n`y avait pas de lumière violente[…] (ibid.). Die Natur tritt an dieser Stelle - im Vergleich zu Gionos Werken der Vorkriegszeit - als durch und durch pervertierte, menschenfeindliche Umwelt in Erscheinung (vgl. Gröne, 2006, S.149).

Dieses hier dargestellte bedrohliche Bild der Natur in Verbindung mit der unerträglichen Hitze könnte als Vorbote der Cholera gesehen werden.

Eine akustische Verzerrung der Geräusche im Rahmen einer allgemeinen Verhärtung der Flora, welche einerseits an Metalle, andererseits an Knochen erinnert, unterstreicht das Bild der Landschaft, welche zu einem skelettartigen Gebilde ausgetrocknet scheint und von Totenstille geprägt ist:

„Sur les talus brûlés jusqu`àl`os quelques chardons blancs cliquetaient au passage comme si la terre métallique frémissait à la ronde sous les sabots du cheval.

[...]


1 Die Zitate beziehen sich alle auf die Ausgabe Giono, Jean (1951). Le hussard sur le toit. Texte intégral, dossier. Edition Gallimard.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Das Motiv der Krankheit in "Le hussard sur le toit" von Jean Giono
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar II Literaturwissenschaft: De Pan à Shakespeare, le mythe de la Provence chez Jean Giono
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
13
Katalognummer
V273875
ISBN (eBook)
9783656666486
ISBN (Buch)
9783656666448
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
motiv, krankheit, jean, giono
Arbeit zitieren
Christina Rogler (Autor), 2009, Das Motiv der Krankheit in "Le hussard sur le toit" von Jean Giono, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273875

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