Das Münchhausen-by-proxy-Syndrom. Eine subtile Form der Kindesmisshandlung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriff und Erklärung des Münchhausen-by-proxy-Syndroms

3 Warnsignale und aufgetretene Manipulationstechniken

4 Die Beteiligten
4.1 Opfer 7
4.1.1 Geschwisterkinder
4.2 Verursachende Personen

5 Folgen nach der Diagnosestellung

6 Schlussbetrachtung

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der folgenden Arbeit möchte ich mich mit dem Münchhausen-by-proxy-Syndrom (MbpS) befassen, da ich es für essenziell halte, über diese subtile Form der Kindesmisshandlung zu informieren. Gerade im Bereich der Pädagogik der frühen Kindheit können Berührungspunk- te mit dieser Krankheit und deren Folgen entstehen, die oftmals nicht wahrgenommen wer- den, da sie zum einen eher unbekannt und zum anderen schwer erkennbar ist. Ein Grund hierfür sind die oberflächlich liebevollen, fürsorglichen Mütter, die einem Außenstehenden nicht als der Auslöser der scheinbaren Krankheit des Kindes erscheinen. Die Diagnosestel- lung ist äußerst schwierig, da diese Mütter die behandelnden Ärzte lange Zeit als Mittäter missbrauchen, indem sie ein eigentlich gesundes Kind einer Reihe von Behandlungen und oftmals auch invasiven Eingriffen aussetzen.

In Kapitel 2 folgt eine (Begriffs)Erklärung des MbpS. Durch die Auseinandersetzung mit den typischen Manipulationstechniken und Warnsignalen in Kapitel 3, den Charakteristika der Opfer in Abschnitt 4.1 und den Verhaltensweisen und der Psychodynamik der verursachenden Personen in Abschnitt 4.2 soll eine gewisse Sensibilität für dieses Krankheitsbild geschaffen werden, um möglichst früh intervenieren zu können. Die Auswirkungen auf die Geschwisterkinder in Abschnitt 4.1.2 stellt ebenfalls ein wichtiges Merkmal dar. Die Folgen nach der Diagnosestellung in Kapitel 5 sollen aufzeigen, wie bisher in Deutschland mit dem MbpS umgegangen wurde. In Kapitel 6 folgt eine Schlussbetrachtung, in der sich noch einmal kritisch mit den wichtigsten Inhalten der Arbeit auseinandergesetzt wird.

Da diese Form der Kindesmisshandlung fast ausschließlich von weiblichen Personen ausgeführt wird, werden in der vorliegenden Arbeit hauptsächlich die Begriffe „Mütter“ und „Täterinnen“ verwendet.

2 Begriff und Erklärung des Münchhausen-by-proxy-Syndroms

Das Münchhausen-Syndrom ist eine Sonderform der sogenannten artifiziellen Störungen. Diese bezeichnen eine Krankheitsgruppe, deren Leitsymptom darin besteht, körperliche und/oder (deutlich seltener) psychische Krankheitssymptome zu aggravieren, vorzutäuschen oder künstlich zu erzeugen, um auf diese Weise Aufnahmen in Krankenhäusern, medizini- sche Behandlungen und insbesondere invasive Maßnahmen, wie Operationen und aufwen- dige diagnostische Eingriffe, zu erreichen. Hierbei handelt es sich um ein zwanghaftes Ver- halten, denn die Betroffenen können in 80% der Fälle das Verhalten nicht beenden. Bei Pati- enten, die unter dem Münchhausen-Syndrom leiden, liegt eine Pseudologia Phantastica so- wie eine ausgeprägte Beziehungsstörung vor, die sich in ständigen Beziehungsabbrüchen zu den behandelnden Ärzten und in häufigen Krankenhauswechseln äußert.

Wiederum eine Sonderform der artifiziellen Störungen stellt das Münchhausen-by-proxy-Syn drom dar. Hierbei fügen die Personen nicht sich selbst Schaden zu, sondern gleichsam in Vertretung - by-proxy - ihren Kindern oder Personen, die unter ihrem Schutz stehen (vgl. Deegener, 2005, S. 128).

In dem D iagnostic and S tatistical Manual of M ental Disorders (DSM 5), welches im Mai 2013 von der American Psychiatric Assosiation veröffentlicht wurde, wird das Münchhausen-by- proxy-Syndrom unter dem Namen „Factitious Disorder Imposed on Another“ (vorher Factitious Disorder By Proxy) geführt und wie folgt definiert:

1. Falsification of physical or psychological signs or symptoms, or induction of injury or disease, in another, associated with identified deception.
2. The individual presents another individual (victim) to others as ill, impaired or injured.
3. The deceptive behavior is evident even in the absence of obvious external rewards.
4. The behavior is not better explained by another mental disorder, such as delusional disorder or another psychotic disorder. Note: The perpetrator, not the victim, receives this diagnosis (DSM-5, 2013, S. 325).

Eine Übersetzung ins Deutsche könnte wie folgt lauten:

1. Fälschung von physischen oder psychologischen Anzeichen oder Symptomen, oder Herbeiführung von Verletzungen oder Krankheiten bei einer anderen Person, in Ver- bindung mit nachgewiesener Vortäuschung.
2. Die Person stellt eine andere Person (Opfer) als krank, beeinträchtigt oder verletzt gegenüber Dritten dar.
3. Das täuschende Verhalten tritt trotz fehlender Anerkennung von Dritten auf.
4. Das Verhalten ist nicht in anderen psychischen Störungen, wie einer wahnhaften Stö- rung oder einer anderen psychischen Erkrankung, begründet.

Hervorzuheben ist, dass die Diagnose dem Verursacher, nicht dem Opfer, gestellt wird ( Ü bersetzung S.F.).

Bereits die früheren Definitionen des DSM wurden von einigen Autoren als unzureichend empfunden, woraufhin sich diese um eine Ergänzung der diagnostischen Kriterien bemühten. Einige Beispiele hierfür sind die Folgenden:

Definition des MbpS nach pädiatrischer Sicht (Rosenberg, 1987):

- Vorliegen eines Beschwerdebildes bei einem Kind, das durch einen Elternteil oder einen Erziehungsberechtigten vorgetäuscht und/oder aktiv herbeigeführt wurde.
- Vorstellung des Kindes zur medizinischen Untersuchung und länger andauernden Versorgung, häufig einhergehend mit multiplen medizinischen Prozeduren.
- Verleugnung des Wissens um die Ursachen des Beschwerdebildes durch die Täterin.
- Akute Beschwerden und Symptome bilden sich zurück, wenn das Kind von der Täterin getrennt wird (zit. n. Noeker, 2004, S. 451).

Roy Meadow verfasste in einem 2002 veröffentlichten Artikel ebenfalls vier Kriterien:

- Produzierte Erkrankung von Eltern oder jemandem an deren Stelle.
- Die Kinder werden denÄrzten häufig mehrfach vorgestellt und der Verursacher verneint, für die Kindeserkrankung verantwortlich zu sein.
- Die Erkrankung sistiert, wenn das Kind von dem Verursacher separiert wird.
- Der Verursacher verursacht die Erkrankung stellvertretend, um selbst Aufmerksamkeit zu bekommen (zit. n. Lorenc, 2011, S. 4).

1986 wurden von Libow und Schreier drei Typen von MbpS-Müttern beschrieben, bei denen es allerdings fließende Übergänge gibt:

Bei den „active inducers“ (aktiv Induzierenden) kommt es wiederholt zu Symptominszenie- rungen. Fast alle der oft ängstlichen und depressiven Mütter werden als besorgt, liebevoll, kooperativ und vertrauenswürdig beschrieben. Sie sind meist resistent gegen therapeutische Interventionen, da sie selbst bei Androhung von Strafe die Manipulationen nicht einräumen. Die „help seeker“ (Hilfesuchenden) stellen ihre Kinder seltener vor und lenken nach der Konfrontation mit dem Verdacht meist in Form von Dankbarkeit und kooperativem Verhalten ein. Die „doctor addicts“ (Artzsüchtigen) sind meist misstrauische und paranoide Mütter, welche sich weniger kooperativ verhalten. Die betroffenen Kinder sind meist älter. Die Sym- ptome werden nicht aktiv produziert, jedoch bestehen die „doctor addicts“ nachdrücklich auf die Behandlung der nicht existierenden Krankheiten (vgl. Deegener, 2005, S. 130, Lorenc, 2011, S. 4 f.).

Wie an der Definition des DSM 5 zu erkennen ist, wurden auch in dieser Neufassung Kriterien, welche von anderen Autoren, die sich mit dieser Krankheit befassen, als wichtig und ausschlaggebend für die Diagnose empfunden werden, nicht mit aufgenommen, sondern durch andere ergänzt.

Im Jahr 1977 hat der englische Kinderarzt Roy Meadow erstmals zwei Fälle publiziert, in de- nen Mütter ihre Kinder heimlich krank gemacht haben. Im ersten Fall hat eine Mutter dem Urin ihres Kindes von Geburt an bis zum 6. Lebensjahr Blut und Eiter beigemischt, was zur Folge hatte, dass dieses Kind unzähligen medizinischen Untersuchungen und Behandlungen unterzogen wurde. Erst im Alter von 6 Jahren wurde die richtige Diagnose gestellt, nämlich dass das Kind kerngesund war und Opfer einer bislang unbekannten Form der Kindesmiss- handlung wurde. Hierbei handelte es sich um ein Vortäuschen der Krankheitssymptome, so dass keine körperlichen oder organischen Schäden bei dem Kind zurückblieben, jedoch psy- chische.

Der zweite Fall handelt von dem Säugling Charles, der erstmals im Alter von 6 Wochen we- gen Erbrechen und Bewusstseinstrübung stationär aufgenommen wurde. Diese Symptome und die stationäre Aufnahme wiederholten sich unzählige Male. Es wurden immer wieder ex- trem erhöhte Salzwerte (Hypernatriämie) festgestellt. Während der Krankenhausaufenthalte erholte sich das Kind immer sehr schnell und wirkte gesund, es traten keine neuen Sympto- me auf. Als Charles 14 Monate alt war, fiel den Ärzten auf, dass die Zustände immer nur zu Hause und niemals in der Klinik auftraten. Aufgrund dessen trennte man die Mutter einige Zeit von ihrem Kind, was zur Folge hatte, dass es sich vollständig erholte. Als die Mutter ihr Kind dann besuchte, trat das Koma erneut auf. Nachdem die Diagnose MbpS gestellt wurde, gab man ihr Charles wieder mit nach Hause und begann über sozialtherapeutische und psy- chologische Maßnahmen zum Schutz des Kindes und zur Therapie der Mutter nachzuden- ken. Während dieser Phase brachte die Mutter Charles erneut mit starken Symptomen ins Krankenhaus, wo er nach einigen Stunden verstarb. Bei der Autopsie wurde eine extreme Salzvergiftung festgestellt und rekonstruiert, dass die Mutter, welche von Beruf Kranken- schwester war, ihrem Sohn das Salz wahrscheinlich durch eine Magensonde zugefügt hatte. In diesem Fall wurden von der Verursacherin die Symptome aktiv herbeigeführt, welche letzt- endlich zum Tod geführt haben.

Diese Publikation hatte zur Folge, dass zahlreiche Berichte über ähnliche Fälle auftauchten. Bis heute steigt die Zahl der als MbpS-diagnostizierten Fälle rasant an. Im Jahre 1993 wurde von Libow und Schreier eine einzige Umfrage mit 1450 englischen Kinderärzten durchgeführt, in der von 570 gesicherten oder hoch verdächtigen Fällen berichtet wurde. Es sind international zahlreiche Aufsätze, Artikel und Bücher erschienen, später folgten erste Studien (vgl. Plassmann, 2004, S. 5 f.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Münchhausen-by-proxy-Syndrom. Eine subtile Form der Kindesmisshandlung
Hochschule
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg  (Department Soziale Arbeit)
Veranstaltung
Familienberatung
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
15
Katalognummer
V273915
ISBN (eBook)
9783656665380
ISBN (Buch)
9783656665403
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Münchhausen-Syndrom, Münchhausen-by-proxy-Syndrom, Kindeswohlgefährdung, Kindesmisshandlung
Arbeit zitieren
Sandra Fischer (Autor), 2013, Das Münchhausen-by-proxy-Syndrom. Eine subtile Form der Kindesmisshandlung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273915

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Münchhausen-by-proxy-Syndrom. Eine subtile Form der Kindesmisshandlung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden