Die Deutsche Sprachinsel in Ungarn - die Volksgruppe der Ungarndeutschen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
23 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitende Worte mit Blick auf die Forschungsliteratur

2. Geographische und Demographische Beschreibung

3. Ungarndeutsche Siedlungsgebiete und ihre Sprachvarietäten
3.1 Domänenkonzept in Vergangenheit und Gegenwart

4. Ungarndeutsche Traditionen
4.1 Institutionen
4.2 Nationalitätenpolitik und Spracherhalt
4.3 Assimilationstendenzen des Deutschen in Ungarn

5. Aktuelle Situation der deutschen Sprache in Ungarn und Motivationsfaktoren hinsichtlich des Erlernens des Deutschen

6. Schlussbetrachtung

7. Bibliographie

1. Einleitende Worte mit Blick auf die Forschungsliteratur

Deutsch ist in Europa die „kontaktfreudigste“ Sprache, besitzt sie doch, wie keine andere ein derartig vielfältiges Minderheitenbild. Wurden die deutschsprachigen Minderheiten noch in der Nachkriegszeit diskriminiert[1], so hat sich das Blatt zum heutigen Tage hin geändert. In den 70er und 80er Jahren erwachte ein neues Interesse an den fast schon untergegangenen Mundarten, an ihren regional variierenden Traditionen und Lebensverhältnissen. Trotzdem die deutschen Minoritäten ständig gegenüber der sie überdachenden Kultur und Sprache unterlegen waren, entwickelte sich in ihren Gebieten dennoch eine regionale Eigenständigkeit und ein großes Selbstbewusstsein. Durch neue außersprachliche Faktoren (politische sowie rechtliche) verbesserten sich die Bedingungen zum Überleben der jeweiligen Dialekte der deutschen Sprachinseln in Europa (Vgl. Hinderling 1986, 251).

Eine in Europa herausragende Minderheitenpolitik ist seit den letzten beiden Jahrzehnten in Ungarn zu betrachten, sicherlich basierend auf den negativen Erfahrungen der ungarischen Minoritäten in den angrenzenden Ländern (Vgl. Hinderling 1986, 260). Die Volksgruppe der Ungarndeutschen, auch mit Deutschungarn oder Donauschwaben[2] betitelt, ist - neben den in geringem Maße sesshaften Sinti und Roma - die größte Minderheitengruppe im Magyarenstaat (Vgl. Born 1989, 229). Jedoch taten sich die Ungarndeutschen im Laufe ihrer Siedlungszeit schwer ein stärkeres Gruppenbewusstsein zu entwickeln. Zum einen wird dies durch ihre Streusiedlungslage verständlich, zum anderen assimilierten sie sich nach dem 2. Weltkrieg mehr und mehr an das Ungarische und wiesen ihre gebürtige Nationalität in einer Art „Selbsthass“, wie es Joachim Born ausdrückt, von sich (Vgl. Born 1989, 230). Diese fehlende Selbstbehauptung wirkt nun bedauerlicherweise dem Interesse des ungarischen Staates entgegen, die deutschsprachigen Minderheiten im Ausbau der fast verloren gegangenen Traditionen, zu der auch die deutschen Dialekte gehören, zu unterstützen. Wie diese Bemühungen zur Erhaltung der ungarndeutschen Sprache und Kultur von Statten gehen und welche Früchte sie tragen, sowie die fortschreitenden Annäherungstendenzen der Ungarndeutschen an die magyarische Kultur und Sprache, als auch die Situation des Deutschen als Schulsprache möchte ich ins Zentrum meiner Ausarbeitung stellen.

Vorab möchte ich jedoch noch einen Blick auf die mir zur Verfügung stehende Literatur werfen. Als besonders hilfreich, hinsichtlich neuerer Erkenntnisse, erwiesen sich die im Internet zur Verfügung stehenden Aufsätze von Csaba Földes, der allgemein mit großer Skepsis die Situation der ungarndeutschen Dialekte schildert, aber auch eine von der Regierung in Auftrag gegebene Interviewreihe zum Thema Nationalitätenbekenntnis der Ungarndeutschen. Neue Literatur (sozusagen in Buchform) der letzten Jahre zu diesem Thema ist kaum vorhanden, sieht man von Peter Bassolas Betrachtung der Geschichte und Gegenwart der Ungarndeutschen sowie von Wolfgang Aschauers im Bereich der erdkundlichen Lehre angesiedelten Werk über die Ungarndeutschen ab.

2. Geographische und Demographische Beschreibung

Nach dem ersten Weltkrieg unterzeichnete Ungarn 1920 den Friedensvertrag von Trianon, eine Einwilligung zur Abgabe Zweidrittel seiner Gebiete, u.a. Siebenbürgen, einen Teil der Batschka[3] und das Oberland. Diese Gebiete waren besonders stark von deutschen Siedlern erschlossen, somit verlor Ungarn einen großen Teil der Ungarndeutschen[4] (Vgl. Bassola 1995, 224). Eine prägnante Definition der ungarndeutschen Bevölkerung ließ sich vom Trianoner Frieden ableiten: Als Ungarndeutsche bezeichnet man seitdem „jene auslandsdeutsche Volksgruppe, die in Ungarn nach den Grenzen des Trianoner Friedensvertrages (1920) beheimatet war.“ („Wer sind die Ungarndeutschen?“ auf der Ungarndeutschen Homepage)

1941, bei der letzten Volkszählung vor der Vertreibung und Enteignung, gab es noch 477 000 Personen mit der Muttersprache Deutsch in Ungarn, immerhin 5,1% der Landesbevölkerung. Die damaligen Siedlungsgebiete gelten auch heut noch als die typischen ungarndeutschen Siedlungen: Die so genannte Schwäbische Türkei[5], bestehend aus den Komitaten Baranya, Tolna und Somogy, ist auch heute noch die größte deutsche Sprachinsel in Ungarn, mit damals 182 600 Deutschungarn. Weitere Deutsch-besiedelte Gebiete sind Budapest und das Ungarische Mittelgebirge (westlich der Hauptstadt gelegen, das Ofener Bergland inbegriffen), mit 165 600 Angehörigen dieser Volksgruppe, im Jahr 1941; außerdem der Bereich zwischen Donau und Theiß, genannt Batschka und Banat, mit einst 58 000 Ungarndeutschen und Westungarn (Györ-Moson-Sopron) mit 51 000 (Vgl. „Geschichte“ der Ungarndeutschen homepage). Hinzu kommen weitere kleine Streusiedlungen. Doch die Vertreibung und Enteignung als „Bestrafung der Bevölkerung deutscher Nationalität“ (Tóth 2001, 220) nach dem 2. Weltkrieg fügte der ungarndeutschen Bevölkerung großen Schaden an[6]. Die offizielle Zahl der Angehörigen dieser Minderheitengruppe beläuft sich heute auf 200 000 – 220 000, wovon jedoch bedauerlicherweise nur noch 15% (30 000) der deutschen Mundart mächtig sind und diese vorrangig der älteren Generation angehören (Vgl. Bassola 1995, 224f.). Das wichtigste Nationalitätengebiet ist im Komitat Baranya zu finden, in welchem 37,6% der ungarndeutschen Minorität leben, sich jedoch durch ein stark zersplittertes Siedlungsnetz „extreme innere Differenzierungen der Lebensverhältnisse ergeben“ (Aschauer 1992, 14 und 108).

3. Ungarndeutsche Siedlungsgebiete und ihre Sprachvarietäten

Die Kulturgeschichte Ungarns ist schon seit über einem Jahrtausend eng mit den deutschsprachigen Ländern verbunden, Peter Bassola spricht sogar von einer „doppelten Identität“ (Bassola 1995, 221), die sich herausgebildet hat. Beginnend mit der Heirat zwischen dem Staatsgründer König Stefan und der bayrischen Prinzessin Gisela um das Jahr 1000 orientiert sich Ungarn in den folgenden Jahrhunderten maßgeblich an Europa und wird zusätzlich durch verschiedene deutsche Kolonisationswellen vom Deutschtum stark geprägt (Vgl. Földes 1998, „Zur Situation der deutschen Sprache, der Hochschulgermanistik und der germanistischen Forschungen in Ungarn“ Kap.2.1). Die einzelnen deutschen Kolonisations-bewegungen (u.a. die so genannte vortürkische und nachtürkische Kolonisation) möchte ich an dieser Stelle außen vor lassen und mich stärker auf die entstandenen Dialekte in den verschiedenen Siedlungsgebieten, in Stadt und Land, in der Handwerkerschicht und der Intelligenz konzentrieren. Es ist zuallererst wichtig nicht zu vergessen, dass die jeweiligen entstandenen Mundarten „Siedlungsmundarten“ sind, also in ihrer jetzigen Form erst in der neuen Heimat durch das Verschmelzen der unterschiedlichen Ausgangsdialekte (z.B. Pfälzisch, Hessisch, Bairisch, Schwäbisch) im Zuge der Besiedlung der ungarischen Gebiete entstanden sind (Vgl. Born 1989, 231).

Wenn auch bis heute den Ungarndeutschen fälschlicherweise immer noch unterstellt wird einem Kleinbauerntum anzugehören, so ist dieser Bezug - historisch gesehen -durchaus nicht verkehrt. Noch Ende der 80er Jahre schreibt Joachim Born in seinem Forschungsüberblick zu deutschsprachigen Minoritäten, dass cirka 80% der Deutschungarn in kleinen Dörfern leben und demnach im Großen und Ganzen eine rurale Bevölkerung darstellen (Vgl. Born 1989, 230). Natürlich ist heutzutage nicht jeder Ungarndeutsche zugleich auch ein Kleinbauer, schon die ständige Migration und die verstärkte Anziehungskraft der Städte arbeiten dem entgegen. Dies betont auch Wolfgang Aschauer, indem er Joachim Born wie folgt widerspricht: „So führt die

mit der Industrialisierung des Landes einhergehende Abwanderung aus dem ländlichen Raum dazu, dass die Ungarndeutschen – entgegen dem allgemein vorhandenen Vorurteil – heute keine vorwiegend rurale, geschweige denn landwirtschaftlich tätige Bevölkerung sind.“ (Aschauer 1992, 100)

Obwohl in der Vergangenheit unumstritten die Zentren der ungarndeutschen Siedlungen zumeist ländlich gelegen waren, so fiel bereits im 19. Jahrhundert den Städten eine immer größer werdende Bedeutung zu. Das Zunftwesen zog Handwerker aus Österreich und Deutschland an und die Industrialisierung in den Städten tat ihr übriges (Vgl. Manherz 1977, 122f.). Es entwickelte sich mehr und mehr ein sprachlicher Gegensatz zwischen Stadt und Land. Letzteres besiedelte das einfache Bauerntum – die Stadt dagegen war den Militärs, den Intellektuellen und, wie schon erwähnt, den Handwerkern vorbehalten[7]. Der Deutschdialekt in den Städten war, aufgrund der Nähe zu Wien, der Wiener Verkehrssprache angelehnt und bildete somit eigene deutsche Sprachinseln inmitten der andersartigen Mundartlandschaft der Provinz (Vgl. Gehl 1997, 14 sowie Manherz 1977, 126).

Die Fach- und Berufssprachen dagegen waren nie bestrebt sich von ihrer eigenen Ortsmundart zu entfernen. Die Fischer, Kerzengießer, Sattler und Schlosser unterschieden sich in ihrer Sprache nur im Wortschatz voneinander (Vgl. Manherz 1977, 125).

Nicht nur auf die Sprachvarietäten sondern auch auf das ungarndeutsche Nationalitätenbewusstsein hatten politisch-gesellschaftliche Bedingungen, wie das Zunftwesen oder auch ein fortschrittliches Gedankengut, Einfluss. Die Ofener Region z.B., ein Weinanbaugebiet, profitierte von einer strengen Zunftordnung und ließ alte Traditionen lange fortleben. Dadurch konnten sich die dort ansässigen Deutschungarn am längsten gegen die Überdachungsgesellschaft behaupten. Im Jahr 1842 gab es dort noch 72% Deutsche, 19% Ungarn und nur 7% magyarisierte frühere Deutsche. Dagegen waren im Gebiet um Fünfkirchen[8] um 1840 die Deutschen zu einem großen Teil magyarisiert, galt Fünfkirchen doch als Bischofs- und Schulstadt, die die Magyarisierung stark propagierte (Gehl 1997, 23f.).

Noch einmal zurückkommen möchte ich an dieser Stelle auf die oben bereits erwähnten Siedlungsmundarten, die zwar erst in ihrem jeweiligen ungarischen Gebiet entstanden, aber dennoch anhand von deutschen lokalen Sprachmerkmalen auf einen gewissen Ausgangsdialekt schließen lassen, welcher sich dann auch in den jeweiligen Siedlungen mehr oder weniger durchsetzen konnte. So hat sich z.B. im Ungarischen Mittelgebirge mit dem Zentrum Budapest eine bairische Varianz entwickelt, mit den typischen ua- und ui- Mundarten. In den Randzonen tauchen auch das Fränkische sowie einige Mischmundarten auf. Die Schwäbische Türkei dagegen ist rheinfränkisch bestimmt, wobei im Norden (Tolna) die hessische Mundart hinzukommt und im Süden (Baranya) der Fuldaer Dialekt (Vgl. Gehl 1999, 205f.). Betont sei noch einmal, dass auf die städtischen Mundarten ein österreichischer Einfluss fällt.

[...]


[1] In Robert Hinderlings Abhandlung über die europäischen Sprachminderheiten im Vergleich, scheint, obwohl vielfach verwendet, eine deutliche Abneigung gegenüber des Begriffes „Minderheit“ durch. Hinderling sieht das Wort selbst schon als Diskriminierung an (siehe: Hinderling 1986, 251). Der Begriff der Minderheit soll in meiner nun folgenden näheren Betrachtung der deutschsprachigen Volksgruppen in Ungarn ganz und gar nicht negativ konnotiert sein, stellt er doch im Eigentlichen nur die zahlenmäßige Unterlegenheit gegenüber der überdachenden Gesellschaft dar.

[2] Der Begriff der „Donauschwaben“ umfasst im heutigen Sprachgebrauch die gesamte ungarndeutsche Bevölkerung, wobei im früheren, eigentlichen Sinn nur die deutschen Siedler in der Schwäbischen Türkei (im südwestlichen Ungarn) gemeint waren.

[3] Südliches Grenzgebiet zwischen Donau und Theiß bis nach Novisad

[4] Von den vormals 1,9 Millionen Deutschen, blieben in Ungarn nur noch 555 000 übrig, die Ausgegliederten zählten nun zu Rumänien, Österreich, Tschechien und der Slowakei (Vgl. „Geschichte“ der Ungarndeutschen homepage).

[5] Der Name „Schwäbische Türkei“ geht auf die Türkenherrschaft im 16./17. Jahrhundert und die nachfolgende schwäbische Kolonisation zurück (Vgl. „Wer sind die Ungarndeutschen?“ in „Geschichte“ der Ungarndeutschen homepage).

[6] Bezüglich der Forschungen von Agnes Tóth zur Migration der Ungarndeutschen nach dem Krieg wurden ca. 34 000 Familien zwangsmäßig umgesiedelt; 74,1% des ungarndeutschen Besitzes wurden im Zuge der Enteignungen beschlagnahmt und infolge dessen änderte sich die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung grundlegend (Vgl. Tóth 2001, 218f.).

[7] Karl Manherz zufolge bildete noch Anfang des 20. Jahrhunderts die Handwerkerschicht die Hauptmasse der Stadtbevölkerung (Vgl. Manherz 1977, 126).

[8] Das heutige Pécs

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Deutsche Sprachinsel in Ungarn - die Volksgruppe der Ungarndeutschen
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Germanistik/Sprachwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar: "Deutsche Sprachinseln in Geschichte und Gegenwart"
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
23
Katalognummer
V27394
ISBN (eBook)
9783638294560
Dateigröße
715 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit umfaßt eine Untersuchung zu ungarndeutschen Siedlungsgebieten, Traditionen, Sprachvarietäten und Sprachverlust sowie eine Betrachtung zu aktuellen Spracherhaltsbestrebungen und dem Deutschen als Unterrichtssprache und Fremdsprache an ungarischen Schulen.
Schlagworte
Deutsche, Sprachinsel, Ungarn, Volksgruppe, Ungarndeutschen, Hauptseminar, Sprachinseln, Geschichte, Gegenwart
Arbeit zitieren
Adeline Pissang (Autor), 2003, Die Deutsche Sprachinsel in Ungarn - die Volksgruppe der Ungarndeutschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27394

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