Die "Archäologie" des Thukydides. Leben, Herkunft und das Werk


Seminararbeit, 2012
20 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Verfasser und Werk
2.1. Leben und Herkunft des Thukydides
2.2. Das Werk - Aufbau und Überlieferungen

3. Die Archäologie des Thukydides
3.1. Kriegszustände und unbefestigte Städte
3.2. Der Sonderfall Attika
3.3. Gemeinsame Unternehmungen und Zusammengehörigkeitsgefühl
3.4. Thalassokratie der Minoer und Zivilisierung der Griechen
3.5. Der Trojanische Krieg
3.6. Unruhen, Tyranneien und Expansion
3.7. Der Konflikt zwischen Athen und Sparta

4. Schlussbetrachtung

5. Literatur

1. Einleitung

Der österreichische Historiker und Schriftsteller Egon Friedell schreibt in seiner Kulturgeschichte des Altertums über Thukydides, den zweiten Begründer der Historiographie nebst Herodot, folgendes:

„Zwanzig Jahre umfasst [...] seine Geschichte des Peloponnesischen Krieges, die bis zum Jahr 411 reicht. Er hatte gleich beim Beginn des Kampfes, seine Bedeutung erkennend, den Plan gefasst, ihn mitlebend zu erzählen. Seine Darstellung gründet sich prinzipiell und durchgängig auf Augenschein: persönliche Beteiligung, Berichte von Tatzeugen, Besichtigung der Kriegsschauplätze. Auch Materialien aus dem athenischen Staatsarchiv hat er reichlich benützt, aber in seinen Stil umgegossen. Seine Objektivität ist vorbildlich und bis zum heutigen Tag unerreicht. Man kann aus seinem Werk absolut nicht erkennen, dass er auf athenischer Seite kämpfte, und obgleich seine berühmte Leichenrede des Perikles als Hohelied der Demokratie gilt, so hat er doch andrerseits die Schäden seiner heimischen Staatsform so schonungslos aufgedeckt, dass der hochkonservative Hobbes ihn ins Englische übersetzte, in der ausgesprochenen Absicht, seine Landsleute von der Demokratie abzuschrecken.“1

Auch wenn der letzte Satz beim heutigen Leser Belustigung hervorruft, so ist die Beschreibung über das Schaffen von Thukydides ziemlich treffend, wie dieser Aufsatz zeigen wird. Die vorliegende Arbeit behandelt denjenigen Teil von Der Peloponnesische Krieg, welcher sich der Frühgeschichte Griechenlands widmet, und welchen man als Archäologie bezeichnet.

Die Fragen, welche sich zu Beginn dieser Arbeit stellten, waren folgende: Musste Thukydides, der als Zeithistoriker über den Peloponnesischen Kriegs berichtete, bei der Ausarbeitung der Frühgeschichte Griechenlands, bei welcher er als Althistoriker sich behaupten musste, eine andere Methodik anwenden? Welche Rolle spielt die Archäologie innerhalb seiner Monographie über den Peloponnesischen Krieg? Auf welche Weise hat Thukydides die Frühgeschichte Griechenlands dargestellt?

Über den Forschungsstand lässt sich sagen, dass viel Literatur zu Thukydides vorhanden ist. Bezüglich der Archäologie des Thukydides seien folgende zwei Werke erwähnt: Bizer, Fritz: Untersuchungen zur Archäologie des Thukydides, Darmstadt 1968; sowie Sonnabend, Holger: Thukydides, Hildesheim/ Zürich/ New York 2011 (Studienbücher Antike 13); welcher prägnant die Frühgeschichte nach Thukydides erörtert hat, und auf welchen immer wieder im Aufsatz Bezug genommen wird. Als Quellengrundlage wurde die Reclamausgabe verwendet: Thukydides: Der Friedell, S. 879.

Peloponnesische Krieg, übersetzt und herausgegeben von Helmuth Vretska und Werner Rinner, Stuttgart 2009. Die Arbeit ist wie folgt aufgebaut: Im zweiten Kapitel nach der Einleitung wird auf das Leben von Thukydides, sowie auf den Aufbau und die Inhalte seiner Monographie eingegangen. Anschliessend wird im dritten Kapitel die Archäologie einer Textanalyse unterzogen, wobei die Inhalte interpretiert werden sollen und festgestellt wird, in welchem Kontext diese lesbar sind. Letztlich werden im vierten Kapitel Schlussbetrachtungen gezogen und Anmerkungen getroffen.

2. Verfasser und Werk

2.1. Leben und Herkunft des Thukydides

Über Thukydides, welcher im fünften bzw. vierten Jahrhundert v. Chr. lebte und sein einziges Werk Der Peloponnesische Krieg verfasste, ist wenig bekannt. Die Quellen zu seiner Biographie entstammen einigen wenigen Kommentaren aus seinem Werk, die er zu seiner Person machte (Thuk. 1,1,1; 2,48,4; 4,104-107; 5,26) bzw. später entstandenen Lebensbeschreibungen, deren Wahrheitsgehalt gering bzw. nicht vorhanden ist. Wann genau Thukydides gelebt hat, ist schwer zu ermitteln. Im Proömium (Thuk 1,1,1) äussert er, er habe mit der Aufzeichnung des Krieges - der Ausbruch fand 431 v. Chr. statt - begonnen, weil dieser bedeutender und umfrangreicher sein werde als alle vorher gehenden.2

Zwar bricht sein Werk mit dem Jahr 411 v. Chr. ab, doch hat Thukydides gewiss das Ende des Krieges im Jahre 404 v. Chr. miterlebt, da mehrere Stellen dies belegen, unter anderem eine Prolepse in Thuk 2,65; und in Thuk 5,26,1 gibt er an, der Krieg habe 27 Jahre gedauert. Weiters ist Thukydides selbst am Krieg beteiligt gewesen, und im Jahre 424 v. Chr. sollte er als strategos, dies war einer der zehn höchsten Militärbefehlshaber in Athen, die Stadt Amphipolis an der thrakischen Küste gegen die spartanischen Angreifer unter der Führung von Brasidas verteidigen (Vgl. Thuk 4,104). Da man in Athen nicht vor dem 30. Lebensjahr das Amt des strategos bekleiden durfte, dürfte Thukydides nicht nach 454 v. Chr. geboren worden sein. Auch sein Sterbejahr ist nicht rekonstruierbar, es mag jedoch zwischen 399 und 396 v. Chr. anzusetzen sein, Sonnabend hat dies ergiebig erläutert. So führt er an, dass Thukydides über einen 425 v. Chr. erfolgte Vulkaneruption des Aetna auf Sizilien berichtet, doch ein weiterer Ausbruch im Jahre 396 v. Chr. ihm nicht bekannt gewesen ist. Somit lässt sich feststellen, dass Thukydides „nicht lange vor 454 v. Chr. geboren wurde, und nicht später als 396 v. Chr. gestorben ist.“3

Thukydides war unzweifelhaft aristokratischer Herkunft, und das Verfassen eines solch monumentalen Werkes wie Der Peloponnesische Krieg ist nur mit hohen finanziellen Mitteln vorstellbar gewesen. Darauf verweist die Stelle Thuk 4,105,1 welche besagt, Thukydides hätte die Rechte an den Goldbergwerken in Teilen Thrakiens besessen, weswegen er wohl gute Beziehungen mit jenem Gebiet hatte, sodass er dann als strategos dorthin entsandt wurde. Sonnabend verweist weiters daraufhin, der Name seines Vaters, Oloros, sei thrakischen Ursprungs und damit sei ein Ahne beider Thraker gewesen, jedoch sei Thukydides Zeit seines Lebens Athener gewesen, und habe dort gelebt, zumindest bis vor seinem militärischen Misserfolg.4

Über das Leben von Thukydides und sein Wirken als Geschichtsschreiber hat Jürgen Malitz einen ausführlichen Aufsatz geliefert.5

2.2. Das Werk - Aufbau und Überlieferung

Da er den von Thukydides aufgezeichneten Krieg selbst mit erlebt hat, ist er - nach heutigem Ermessen - Zeithistoriker gewesen, wodurch er den Vorteil hatte, viele Informationen sammeln zu können, jedoch den Nachteil, möglicherweise nachträglich über die Ereignisse berichtend, parteiisch zu sein bzw. mit eigenen Reflexionen versehen das Wahrgenommene wiederzugeben.6 Weswegen das Werk Der Peloponnesische Krieg bezeichnet wurde - die erste Erwähnung erfolgte im ersten Jahrhundert v. Chr. durch Diodor, und Thukydides selbst hat den Krieg nie als Peloponnesischen bezeichnet - ist wohl dadurch zu erklären, dass die Namensgebung von Kriegen sich entweder nach der Partei richtet, mit der man sympathisiert, oder nach der, die siegt. In diesem Falle haben die meisten griechischen Autoren mit den Athenern sympathisiert, jedoch hatte Athen diesen Krieg verloren. Dass Thukydides keinen Oberbegriff für den Krieg benutzte liegt entweder daran, dass er keinen hatte - denn das Kriegsgeschehen bezog sich nicht nur auf Athen und Sparta, es fand sogar ausserhalb von Hellas statt - oder er wollte gar keine Bezeichnung für die Kriegsgeschehen wählen, die er ja doch als Einheit verstand, weil es entgegen seinem Bestreben, Neutralität zu wahren, gewesen wäre.7

In hellenistischer Zeit wurde die Monographie des Thukydides in acht Teile gegliedert, ohne dass dabei auf inhaltliche Kriterien geachtet wurde. Grundsätzlich ist das Werk chronologisch verfasst, Geschehnisse jedes Jahres werden wiedergegeben, sodass es zur Gattung der Annalen gerechnet werden kann. Sein Werk ist aufgebaut in mehrere Teile, die eine klare Struktur erkennen lassen. Einem Proömium (Thuk 1,1) folgt die Archäologie (Thuk 1,2-19), derjenige Teil der sich mit der griechischen Frühgeschichte beschäftigt und insbesondere die Entwicklung der Seefahrt und des Seehandels hervorhebt, und welche im Fokus dieses Aufsatzes steht. Sonnabend hat das Werk in weitere „Rubriken“ unterteilt, auf die hier nicht näher eingegangen wird.8 Angemerkt sei, dass Der Peloponnesische Krieg zum Inhalt viele Reden hat, in denen Thukydides unter anderem den `Volksgeist` (mit den Worten Hegels ausdrückend, wie Literatur älterer Zeiten geschrieben wurde) verschiedener Völker wiederzugeben versuchte; exemplarisch seien der Epitaphios (Thuk. 2,35-46) des Perikles und der Melierdialog (Thuk. 5,84-116) genannt. Wolfgang Schadewaldt formuliert treffend: „Zusammen mit seinem grossen Vorgänger Herodot hat Thukydides [...] mit diesem Geschichtswerk einen grossen Teil dessen erst konstituiert, was seitdem als Geschichtsschreibung in Europa betrieben wird.“9

Lowell Edmunds meint weiters: „The wirting of Thucydides , Thucydides as a writer, can also be understood in the historical context of the change from orality to reading and writing.“10 Bezüglich der Überlieferung dieses Werks lässt sich sagen, dass es zwei Hauptgruppen von Handschriften gibt, c und b, wobei c aus einem Laurentianus C und b aus dem 10. Jahrhundert und einem Monacensis G aus dem 13. Jahrhundert besteht; b hingegen aus A B E F M, allesamt aus dem 11. Jahrhundert. Beide haben einen Archetypos aus der Kaiserzeit, welcher eine byzantinische Abschrift hat, und beide Handschriften gehen auf diese zurück, wobei sie sich trennten.11 Im nächsten Abschnitt wird auf die Archäologie des Thukydides eingegangen, welche die Kapitel 2 bis 19 des ersten Buches umfasst, und die Frühgeschichte Griechenlands behandelt. Nicht zu verwechseln ist der Begriff mit den Wissenschaftsdisziplinen der Archäologie.12 „Vielmehr charakterisiert er, in seiner ursprünglichen griechischen Bedeutung, die Darstellung der `alten Zeit`.“13

3. Die Archäologie des Thukydides

3.1. Kriegszustände und unbefestigte Städte

Während den Peloponnesischen Krieg Thukydides als Zeithistoriker aufarbeitete, ja sogar im Kriegsgeschehen involviert war, musste er sich in der Archäologie mit der Geschichte weit zurück liegender, teilweise kaum erschliessbarer, Zeiten beschäftigen. Dies erfordert eine andere Methodik als die Zuwendung zur Zeitgeschichte. Im Proömium heisst es:

In einer Dokumentation mit dem Titel Jagd auf die Monster der Urzeit wird die These aufgestellt, dass Fossilien von Dinosauriern und ausgestorbenen Tieren als Inspiration für die Literatur und die Mythen der Antike gedient haben konnten. Es wäre wohl nahezu unmöglich festzustellen, ob und wenn ja, inwieweit die Griechen der Antike Archäologie betrieben hatten. Zumindest scheinen die Menschen der Antike bereits auf prähistorische Fossilien gestossen zu sein, die ihre Fantasie beflügelt haben mochten. Vgl. dokuworld online.

Was sich nämlich davor und noch früher ereignet hatte, war wegen der Länge der Zeit zwar unmöglich zu erforschen, aufgrund von Anzeichen aber, von deren Richtigkeit ich mich bei der Prüfung eines langen Zeitraumes überzeugen konnte, bin ich der Meinung, dass es nicht bedeutend war, weder in Kriegen noch sonst. (Thuk. 1,1,3)

An dieser Stelle ist bereits herauszulesen, dass es für Thukydides schwer war, Quellen über die Frühgeschichte Griechenlands zu sammeln, und dass er auf „Anzeichen“ angewiesen war, deren „Richtigkeit“ er einer „Prüfung“ unterziehen musste. Besagte (An-)Zeichen mögen literarische Quellen, mündliche Überlieferungen sowie Beobachtungen von geographischen und klimatischen Gegebenheiten sowie der Kenntnis von Völkerwanderungen gewesen sein, welche Thukydides auszuwerten beabsichtigte. Dabei kam er zu dem Schluss, dass vor dem Peloponnesischen Krieg gar nicht das Potenzial für einen solch gewaltigen Krieg vorhanden war. Die Archäologie des Thukydides ist hierbei nicht ein Exkurs, es ist vielmehr das Fundament seiner Monographie; es ist jener Teil, in welchem er die Bedeutung seines Monumentalwerks aufzeigt, und sich rechtfertigt, weswegen er den Krieg welcher durch den Konflikt zwischen Athen und Sparta ausgelöst wurde, den bis dato als die „bei weitem gewaltigste Erschütterung für die Hellenen und einen Teil der Barbaren , sozusagen unter den Menschen überhaupt“ (Thuk. 1,1,2) bezeichnet.14

(1) Denn es ist klar ersichtlich, dass das jetzt Hellas genannte Gebiet nicht von alters her fest besiedelt war, sondern dass es häufig zu Ortsveränderungen kam und alle Stämme leicht ihre Wohnsitze verliessen, wenn sie von den jeweils Mächtigeren bedrängt wurden. (2) Da es keinen Handel gab, sie auch nicht ohne Furcht miteinander verkehrten, weder auf dem Land- noch auf dem Seewege, da sie ihren Grund nur so weit bebauten, wie es zum Leben notwendig war, und sie Überfluss an Gütern nicht hatten, ausserdem ihr Land nicht mit Bäumen bepflanzten - es war ja ungewiss, wann ein anderer sie überfallen und bei dem Mangel an festen Plätzen ihres Besitzes berauben werde - und sie für den Tag nötige Nahrung überall zu gewinnen hofften, so konnten sie unbeschwert auswandern; und deshalb waren sie weder durch die Grösse ihrer Städte mächtig noch durch ihre sonstige Kriegsrüstung.

(Thuk. 1, 1, 1-2)

Thukydides argumentiert, dass die Bewohner der griechischen Frühzeit keine festen Siedlungen hatten, sondern dass sie durch Wanderungen ihre Wohngebiete wechselten, ständig auf der Suche nach Nahrung und fruchtbarem Boden waren.

[...]


1 Friedell, S. 879.

2 Vgl. Sonnabend, S. 9.

3 Vgl. ebd. S. 10f.

4 Vgl. Sonnabend, S. 11f.

5 Vgl. Malitz, S. 257-289.

6 Vgl. Sonnabend, S. 16f.

7 Vgl. ebd. S. 26f.

8 Vgl. ebd. S. 29-34.

9 Schadewaldt, S. 223f.

10 Edmunds, S. 93.

11 Vgl. Schadewaldt, S. 317.

12 In einer Dokumentation mit dem Titel Jagd auf die Monster der Urzeit wird die These aufgestellt, dass Fossilien von Dinosauriern und ausgestorbenen Tieren als Inspiration für die Literatur und die Mythen der Antike gedient haben konnten. Es wäre wohl nahezu unmöglich festzustellen, ob und wenn ja, inwieweit die Griechen der Antike Archäologie betrieben hatten. Zumindest scheinen die Menschen der Antike bereits auf prähistorische Fossilien gestossen zu sein, die ihre Fantasie beflügelt haben mochten. Vgl. dokuworld online.

13 Sonnabend, S. 59.

14 Vgl. Sonnabend, S. 59.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die "Archäologie" des Thukydides. Leben, Herkunft und das Werk
Hochschule
Universität Zürich  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Seminar: Griechische Geschichtsschreibung
Note
3,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
20
Katalognummer
V273942
ISBN (eBook)
9783656663942
ISBN (Buch)
9783656664512
Dateigröße
596 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thukydides, Archäologie, Der Peloponnesische Krieg
Arbeit zitieren
Marko Stevic (Autor), 2012, Die "Archäologie" des Thukydides. Leben, Herkunft und das Werk, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273942

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die "Archäologie" des Thukydides. Leben, Herkunft und das Werk


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden