Mode und sexuelle Identität in Christian Krachts "Faserland"


Hausarbeit, 2013
31 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Meine Hemden sind alle von Brooks Brothers. Kein Hemdenmacher schafft es, so einen wunderbaren Stoff herzustellen. Der Kragen bei diesen Hemden rollt sich ein bißchen [sic!], und das Hellblau sieht immer frisch aus, und deswegen kann man sie wirklich jederzeit tragen.1

Diese wie ein Werbespruch anmutende Aussage stammt von dem Ich-Erzähler des 1995 veröffentlichten Romans Faserland von Christian Kracht. An der Bemerkung wird bereits deutlich, dass der Protagonist besonderen Wert auf seine Kleidung legt. Doch nicht nur seine Garderobe, sondern auch die seiner Mitmenschen ist ihm immens wichtig.

Das legt bereits der - mehrere Interpretationen zulassende - Titel nahe. Unter Zugrundelegung der einzelnen Substantive des Kompositums kann dieser als „Faser-Land“ gelesen werden. Das verdeutlicht, dass Kleidung in dem Werk eine gewisse Rolle spielt.

Die vorliegende Arbeit folgt der vorstehenden Lesart des Titels. In einem ersten Schritt wird zunächst die Funktion und Bedeutung der in dem Roman vorkommenden „Fasern“ analysiert. Hierbei wird der „Faser“-Begriff weit gefasst und dementsprechend nicht nur Kleidung im Besonderen, sondern Mode im Allgemeinen sowie Status- als auch Luxussymbole und Accessoires betrachtet. Von besonderem Interesse ist dabei die Untersuchung, was Kleidung und Mode zu leisten vermögen und wie das Verständnis des Protagonisten zur eigenen als auch fremden Garderobe ist. Es wird aufgezeigt, dass die zentrale Bedeutung der Mode für die Hauptfigur die Formation der eigenen Identität ist. Diese Identität durchlebt in dem Buch eine Misere. Der Erzähler verändert seine Einstellung zur Garderobe im Laufe der Geschichte, sie wird zerstörerisch. Da seine Identität und Kleiderwahl eng zusammenhängen, symbolisiert dies seine Identitätskrise. Die Hausarbeit zeichnet diese Krise detailliert nach, wobei vorerst in einem zweiten Schritt die sexuelle Identität des Ichs näher bestimmt wird. Schließlich werden die Veränderungen des Protagonisten, besonders in sexueller Hinsicht, erläutert und die Rolle der Kleidung hierbei herausgestellt.

2 Kurzinhalt und Titelgebung von Faserland

Der Roman handelt von einem jungen, namenlosen, gut situierten Ich-Erzähler, der innerhalb einer Woche Deutschland von Norden nach Süden bereist, um schließlich nach Zürich zu gelangen. Das Buch ist in acht mit der jeweiligen Ziffer bezeichnete Kapitel unterteilt, wobei sieben von ihnen in Deutschland spielen, in denen der Protagonist jeweils meist alten Bekannten begegnet. Der erste Abschnitt spielt auf Sylt, wo das Ich Karin, eine alte Schulfreundin, sowie Sergio und Anne trifft. Anschließend reist es nach Hamburg zu Nigel und von dort aus mit dem Flugzeug nach Frankfurt, wo es seinen ehemals besten Freund Alexander sieht. In Heidelberg, der nächsten Station der Hauptfigur, lernt sie Eugen und Nadja kennen. In den letzten beiden in Deutschland spielenden Kapitel verbringt sie ihre Zeit mit Rollo, wobei sich die beiden im fünften in München und im sechsten am Bodensee aufhalten. Im achten und letzten Abschnitt des Buches trifft der Protagonist keine Bekannten, er ist allein. Das Ende der in Deutschland spielenden Kapitel besteht in fast allen Fällen aus einer Flucht des Erzählers, die gleichfalls auch die Bindungen zu den in den jeweiligen Romanabschnitten begegneten Freunden kappt. Am Ende des Buches befindet sich das Ich auf dem Zürichsee. Das Ende ist ein offenes. In der Literaturwissenschaft wird zum überwiegenden Teil davon ausgegangen, dass der Protagonist auf dem See den Freitod sucht,2 während einige wenige das Ende als positiven Neuanfang der Hauptfigur deuten3. In der vorliegenden Arbeit wird die letztere Lesart bevorzugt, wie in Teil 5.5 näher erläutert wird.

Der Titel des Buches lässt, wie bereits erwähnt, mehrere Interpretationsmöglichkeiten zu.4 Eine ist, das Wort Faserland in seine einzelnen Substantive „Faser“ und „Land“ zerlegen.5 Das in dem Roman geschilderte Deutschland kann so als „Land der Kleider“6 gelesen werden. Fasern sind der kleinste Teil eines Gewebes, der sich mit anderen verbindet oder sich von ihnen absondert.7 Ein textiler Stoff ist indes „zerfasert“, wenn seine einzelnen Bestandteile erkennbar werden.8

Der Titel Faserland lässt so erkennen, dass Kleidung und Textilien in dem Roman eine zentrale Rolle spielen, die weit über das bloße Nennen von Markennamen hinaus geht. In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff der „Faser“ weit gefasst. Hier wird nämlich nicht nur Kleidung betrachtet, sondern auch Mode im Allgemeinen, seien es Frisuren oder Luxusartikel wie kostspielige Autos.9 Im Folgenden werden die drei wichtigsten Funktionen der Kleidung in Faserland 10 herausgestellt.11

3 Funktion und Bedeutung von Mode in Faserland

Mode und die richtige Garderobe haben eine große Bedeutung für die Hauptfigur, weshalb diese Thematik im Roman häufig behandelt wird. Die Figur kann aus diesem Grund als Dandy angesehen werden. Ihre extravagante Kleidung, das Gefühl der Erhabenheit gegenüber ihren Mitmenschen, ihre genaue Beobachtungsgabe, das Absolutsetzen ihrer Ansichten und das scheinbar hohe finanzielle Budget zeichnen sie als einen solchen aus.12

3.1 Mode als Indiz der Gruppenzugehörigkeit

Die für den Erzähler wichtigste Funktion der Kleidung ist die der Distinktion und Assimilation. Er möchte sich von anderen Gruppen äußerlich unterscheiden, während er mit seiner Kleidung ebenfalls zeigen möchte, dass er zu einer bestimmten Szene gehört. Er selbst nimmt Typisierungen anhand eines bestimmten Kleidungsstils vor und steckt die ihm begegnenden Menschen in eigens angefertigte Schubladen: Geschäftsleute tragen „Swatch- Understatement-Uhren“ (S. 64) und Autonome Doc Martens (S. 119). Der Protagonist gehört zur gehobenen Gesellschaft, da er sich hochwertige Markenkleidung leisten kann, quer durch Deutschland reist, auch per Flugzeug, innerstädtisch Taxi fährt und in Hotels übernachtet, ohne sich jemals Gedanken über seine finanziellen Mittel machen zu müssen und offensichtlich eben sowenig einem Beruf nachgeht. Damit gehört er gleichwohl zu einer bestimmten Szene.13 Von einer zusammenhängenden Gruppe jedoch kann keine Rede sein, denn die Menschen aus seinem näheren Umfeld, die ihm im Laufe des Romans begegnen, ergeben kein homogenes Bild, dies allein schon deshalb, da sie in ganz Deutschland verteilt leben. Auf den ersten Blick lässt sich Gemeinsames erkennen, bei genauerer Betrachtung hingegen scheint das einzig Verbindende ein reiches Elternhaus und das ständige Reisen zu sein. Charakterliche Gemeinsamkeiten oder solche, die politische, soziale, gesellschaftliche oder sonstige tiefer gehende Einstellungen betreffen, gibt es nicht.14 Offenbar interessiert sich der Erzähler auch nicht sonderlich dafür, wie das Beispiel des von ihm so bezeichneten Freund Nigel belegt: Ich kenne Nigel schon sehr lange, weiß aber immer noch nicht, was er genau macht. […] Es interessiert mich auch nicht, aber eigentlich interessiert es mich doch (S. 29). Eigentlich interessiert es ihn nicht, denn wenn es das täte, würde er ihn fragen. Das Ich misstraut allerdings solchen Aussagen seiner Mitmenschen, was die Gedanken der Hauptfigur über Karin belegen: „Karin studiert BWL in München. Das erzählt sie wenigstens. Genau kann man sowas [sic!] ja nicht wissen.“ (S. 13). Mit Karin verbindet sie die gewählte Garderobe, besonders die in dem Werk häufiger genannte, bestimmte Funktionen ausübende und so zum Leitmotiv werdende Barbourjacke.15 Ihre ehemalige Klassenkameradin reist, Das absichtliche Tragen von verschlissener Kleidung geschieht nach Meinung des Ichs aufgrund der inneren Leere dieser reichen Personen, die „alles andere schon gesehen und erlebt haben und sich alles kaufen können“ (S. 121) und die diese Leere mit der „inneren Abkehr vom Geldausgeben“ (ebd.) kompensieren möchten. Dadurch werden diese Menschen für den Protagonisten zu „Hippies“ (ebd.). Da dieses Wort, wie unten stehend gezeigt wird,16 für ihn eine negative Bedeutung hat, kommt mit der Bezeichnung seine Verständnislosigkeit gegenüber dieser Haltung zum Ausdruck.

Karin ist wegen dieser Denkweise mit Nigel vergleichbar, der es nach der Ansicht der Hauptfigur „absichtlich [macht], daß [sic!] sein Klingelschild so angelaufen und ein bißchen [sic!] schäbig ist“ (S. 31). Auch Alexander, ihr zu Schulzeiten bester Freund, teilt vermeintlich diese Einstellung, denn er trägt „eine völlig verwarzte [sic!] grüne Barbourjacke“ (S. 80). Was sie mit Nigel außer der „ziemlich ähnliche[n] Frisur[en]“ (S. 31) und mit Alexander bis auf die gemeinsame Schulzeit ansonsten verbindet, bleibt ungeklärt.17

Eugen und Rollo sind dem Protagonisten äußerlich am ähnlichsten. Eugen „hat […] ein gutes Jackett an“ (S. 96) und er hat „weiße Zähne.“ (ebd.). Weiße Zähne werden vom ihm in dem Roman als positiv gewertet (S. 51, 80) und edle Jacketts trägt er selbst (S. 17 u. a.). Da Eugen eine Zufallsbekanntschaft ist, die genauso schnell wieder beendet wie aufgenommen wird, erfährt man nichts Genaueres über ihn. Demnach kann nicht abschließend beurteilt werden, ob sich die beiden tatsächlich ähnlich sind. Mit Rollo indes verbindet das Ich am meisten: Sie haben beide den gleichen Kleidungsstil und offenbar ein Suchtproblem, denn Rollo ist tabletten- und der Protagonist alkoholabhängig

Reise, lässt er schließlich die Jacke gänzlich zurück und ist somit komplett schutzlos. Vgl. Mehrfort, S. 92 ff.

Anke Bienderra deutet die Jacke als ein Instrument zur „Maskierung des Gefühls einer metaphysischen Leere“ (S. 170), mithilfe derer sich der Träger, besonders der Erzähler nach dem Diebstahl von Alexanders Jacke, eine neue Identität sichern könne (S. 171). In der vorliegenden Arbeit wird diese Funktion nicht nur für die Barbourjacke, sondern für die gesamte Garderobe des Ichs gesehen, wie nachstehend gezeigt wird.

(S. 131 f.). Die Bindung zwischen diesen beiden Figuren ist jedoch ebenfalls nicht von Dauer, weil Rollos Labilität dem Erzähler „einfach zuviel“ (S. 145) ist und er deshalb, wie bei den anderen Bekanntschaften auch, die Flucht ergreift. Wie gezeigt wurde, scheint das Ich nicht zu den von ihm so bezeichneten Freundeskreis trotz der annähernd gleichen Kleidung zu gehören, die Bindungen des Protagonisten wirken so „zerfasert“. Gleichwohl hat Kleidung für die Hauptfigur eine starke identitätsformierende Funktion, da sie Menschen mit ihrer Hilfe in bestimmte Gruppen einordnet, sich in solche integrieren, aber auch von anderen absondern kann.

3.2. Mode als politisches Statement

Wie soeben ausgeführt, nimmt die Hauptfigur mit Hilfe von Kleidung Typisierungen vor und ordnet die Träger bestimmten Szenen zu. Damit einher geht zumeist auch eine Beurteilung der politischen Einstellung des Kleidungsträgers.18

Als der Protagonist in einem Taxi auf dem Weg zu Nigel sitzt, bildet er sich ein, dass der Taxifahrer „sauer“ (S. 30) auf ihn ist, weil „wir beide gleich alt sind und ich [der Erzähler, J. H.] ein Jackett von Davies & sons trage und er [der Taxifahrer, J. H.] auf Demos geht“ (ebd.). Der Vergleich hinkt zunächst, denn hier wird ein Kleidungsstück mit einer Aktivität verglichen. In den Augen des Erzählers macht diese Gegenüberstellung jedoch Sinn, da er die Tätigkeit der politischen Teilhabe mit einer bestimmten Garderobe verbindet. Er nimmt eine Klassifizierung vor, denn anhand der von dem Taxifahrer getragenen Doc Martens, einer bestimmten Schuhmarke, die in politisch linksgerichteten Kreisen häufiger getragen wird, ordnet er ihn in die Gruppe der „Demonstranten“ ein. Das obige Zitat könnte demnach auch so umgeschrieben werden, dass der Taxifahrer angeblich sauer ist, weil er im Gegensatz zu der adretten Kleidung des Ichs eben jene Doc Martens trägt.

Indes, ganz unrecht scheint die Hauptfigur mit ihrer Einschätzung der Schweigsamkeit des Taxifahrers nicht zu haben: Der Chauffierte weist sich zunächst durch seine Kleidung als zu einer anderen Szene gehörig aus. Unter diesen Umständen könne es schwer sein, ein gemeinsames Gesprächsthema zu finden. Der Protagonist könnte ebenso richtig damit liegen, dass der

Taxifahrer aus Gründen einer Verärgerung nicht mit ihm sprechen möchte. Er und der Chauffeur sind laut Erzähler beide im gleichen Alter (ebd.). Der Erstgenannte zeichnet sich mit seiner exquisiten Kleidung und dem Akt der Fortbewegung per Taxi als ein Mitglied der gehobenen Gesellschaft aus, während der an zweiter Stelle genannte vermutlich auf das Taxifahren als Verdienstmöglichkeit angewiesen ist und somit zur Mittel-, wenn nicht Unterschicht Deutschlands gehört. Da der Protagonist noch relativ jung ist, ist für den Fahrer ersichtlich, dass der von ihm Chauffierte sein Geld nicht durch eigene Arbeit verdient haben kann, wohingegen er selbst für seinen Lebensunterhalt arbeiten muss. So gesehen läge eine Verstimmung des Taxifahrers nicht fern. Am Ende der Episode zahlt die Hauptfigur dem Fahrer „ein dickes Trinkgeld, damit er in Zukunft weiß, wer der Feind ist.“ (S. 30). Ihr Abgrenzung von anderen Gruppen geht so weit, dass sie sich mit Hilfe ihres Geldes als ein Kontrahent positionieren will.

Sie stellt sich in dieser Geschichte ferner als Kenner heraus, der vollkommen durchschaut haben will, dass der Einzelne mit Demonstrationen nichts erreichen kann, weil die geforderten politischen Veränderungen nicht umgesetzt werden (ebd.). Um ihr Wissen nach außen zu zeigen, grenzt sie sich optisch von „den Demonstranten“ mit ihrer ausgesuchten Kleidung ab (ebd.). Diese Einstellung des Protagonisten ist allerdings brüchig. In einer anderen Anekdote gibt er preis, von Alexander beschimpft worden zu sein, weil er „glaubt, [er] könne Sachen verändern durch Diskussionen“ (S. 62). In Alexanders Augen wurde sein bester Freund so zu einem „Hippie“ (ebd.). An dieser Episode sind zweierlei Sachen interessant: Erstens ist zunächst nicht ersichtlich, wie Alexander zu der Ansicht gelangt, der Erzähler wolle „Sachen verändern durch Diskussionen“ (ebd.). Bei dieser Begebenheit stellte die Hauptfigur dem Regisseur Wim Wenders lediglich die Frage, ob „er den Anfang seines Films [Der Himmel über Berlin] so meinte wie in Triumph des Willens“ (S. 61). Als Alexander und sein bester Freund alleine sind, streiten sie über die Legitimität des Stellens einer Frage an den Regisseur (S. 61 f.). Alexander vertritt die Ansicht, „Typen wie Wim Wenders überhaupt nichts [zu] fragen“ (S. 62), während das Ich auf sein Recht pocht, Fragen zu stellen, weil Filmemacher „die Möglichkeit hätten, viele Menschen mit ihren Filmen zu erreichen“ (ebd.). Daraufhin bezeichnet Alexander ihn als „Hippie“. Diese

Reaktion scheint überzogen, ist aber in den in Schubladen denkenden Kreisen, in denen sich der Erzähler aufhält, an der Tagesordnung und daher legitim. Die Bezeichnung „Hippie“ wird hier zudem als Oberbegriff für Menschen, die etwas verändern wollen, pejorativ verwandt.

Zweitens ist bemerkenswert, dass der Protagonist genau die Eigenschaft an anderen Menschen kritisiert, die ihn offenbar ebenfalls auszeichnet. Das kann als Schutzhandlung der Hauptfigur gewertet werden. Durch den Streit mit Alexander war „irgendetwas kaputtgegangen“ (ebd.). Dadurch behält sie die Charaktereigenschaft, etwas verändern zu wollen, in schlechter Erinnerung und bewertet sie bei dem Taxifahrer ebenso negativ. Sie wirkt hier durch ihre ambivalente Einstellung „zerfasert“.

Sie gibt in der Anekdote mit dem Taxifahrer zudem eine zynische und oberflächliche Einstellung zu erkennen, denn wenn ich es mir überlege, hätte ich gerne mit ihm [dem Taxifahrer, J. H.] geredet und ihm gesagt, daß [sic!] ich auch auf Demonstrationen gehe, nicht, weil ich glaube, damit würde man auch nur einen Furz erreichen, sondern weil ich die Atmosphäre liebe (S. 30).

Mit der „Atmosphäre“ meint sie

den Moment, in dem die Polizei sich überlegt, loszuschlagen, weil wieder ein paar Flaschen geflogen sind, und dann gibt es einen Adrenalinrausch bei der Polizei und auch einen bei den Demonstranten […] (ebd.), also pure Gewalt. Aus diesem Grund auf Demonstrationen zu gehen, konterkariert die eigentliche Intention der politischen Teilhabe und des damit gewünschten Versuchs einer politischen Veränderung auf zynische Art und Weise. Politische Teilhabe verkommt hier zur gewalttätigen Pose.

3.3 Mode als Provokation

Die Vorstellung, die Hauptfigur mit ihrer eleganten Kleidung inmitten einer Demonstration zu sehen, mutet seltsam an. Sie hebt sich, wie bereits erwähnt, mit Hilfe ihrer Garderobe von denen der Demonstranten ab, um zu zeigen, dass sie, anders als diese, weiß, dass mit Hilfe von politischer Teilhabe nichts erreicht werden kann. Ihr ist es so außerdem möglich, ihre Mitmenschen zu provozieren. Dies wird besonders auf dem mit Rollo besuchten Rave in der nähe von München deutlich:

[...]


1 Kracht, Christian: Faserland. München 2009, S. 92.

2 Vgl. Mehrfort, Sandra: Popliteratur. Zum literarischen Stellenwert eines Phänomens der 90er Jahre. Karlsruhe 2008, S. 113. / Borgstedt, Thomas: Pop-Männer. Provokation und Pose bei Christian Kracht und Michel Houellebecq. In: Männlichkeit als Maskerade: Kulturelle Inszenierungen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Hrsg. von Claudia Benthien u.a. Köln u.a. 2003, S. 245. / Alt, Constanze: Zeitdiagnosen im Roman der Gegenwart: Bret Easton Ellis' American Psycho, Michel Houellebecqs Elementarteilchen und die deutsche Gegenwartsliteratur. Berlin 2009, S. 316. / Clarke, David: Dandyism and Homosexuality in the Novels of Christian Kracht. In: Seminar. A Journal of Germanic Studies. Volume XLI, No. 1. Feb. 2005, S. 36 - 54, hier S. 50.

3 Borth, Marco: Christian Krachts Faserland an den Grenzen der Erlebnisgesellschaft. In: Überfluss und Überschreitung. Die kulturelle Praxis des Verausgabens. Hrsg. von Christine Bähr u.a., Bielefeld 2009, S. 101 ff.

4 Das in dem Titel vorkommende Wort „Faser“ kann beispielsweise etymologisch betrachtet werden. Es stammt von dem althochdeutschen „fasôn“ ab, was „suchen“ bedeutet. Der Roman kann so als Coming-of-Age-Erzählung gelesen werden. Andere Erklärungen gehen davon aus, dass das erste Nomen des Kompositums als „faseln“ gelesen und so auf die Alltagssprache, die den Roman kennzeichnet, rekurriert wird. Eine weitere Möglichkeit ist, die Geschichte aufgrund der phonetischen Ähnlichkeit des Titels zu „Fatherland“ als Chiffre für Deutschland zu lesen. Vgl. Mehrfort, S. 79.

5 Ebd., S. 78.

6 Stauffer, Isabelle: Faszination und Überdruss. Mode und Marken in der Pop-Literatur. In: Depressive Dandys: Spielformen der Dekadenz in der Pop-Moderne. Hrsg. von Alexandra Tacke und Björn Weyand. Köln u. a. 2009, S. 53.

7 Mehrfort, S. 79.

8 Ebd.

9 Es wird der von der Brockhaus-Enzyklopädie definierte Begriff der „Mode“ zugrunde gelegt, der „de[n] sich wandelnde[n] Geschmack in den Lebensbereichen“ umfasst. Vgl. Art. „Mode“, Brockhaus-Enzyklopädie, 19. Aufl., Bd. 14, Mannheim 1991, S. 705.

10 Für die Hausarbeit wird mit folgender dtv-Ausgabe des Buches gearbeitet: Kracht, Christian: Faserland. München 2009. Die Seitenzahlen zu Zitaten aus dem Text oder allgemeinen Belegen werden im Fließtext in Klammern angegeben.

11 Aus Platzgründen kann in der vorliegenden Arbeit lediglich auf die nachfolgend aufgeführten Funktionen der Kleidung eingegangen werden. Da diese, wie bereits erwähnt, einen zentralen Punkt im Verständnis des Protagonisten einnehmen, sind andere für die Hausarbeit nicht von Bedeutung, weil sie lediglich einen marginalen Platz einnehmen.

12 Mehrfort, S. 106 f.

13 „Szene“ wird in der vorliegenden Arbeit, der Brockhaus-Enzyklopädie folgend, als ein „charakteristisches Milieu für bestimmte Aktivitäten“ verstanden, also dasjenige, in dem sich der Erzähler aufhält. Vgl. Art. „Szene“, BrockhausEnzyklopädie, 19. Aufl., Bd. 21, Mannheim 1993, S. 556.

14 Die Brockhaus-Enzyklopädie definiert eine Gruppe im soziologischen Sinn als eine „Anzahl von Personen, die eine überschaubare, von anderen sozialen Gebilden abhebbare soziale Einheit ergeben“. Neben dieser Beschreibung, die im weitesten Sinne auf den Erzähler und die ihn umgebenden Menschen zutrifft, müssen für die Klassifikation einer „Gruppe“ jedoch noch eine Reihe anderer Merkmale einschlägig sein. Beispielsweise müssen die Mitglieder „gemeinsame Wertorientierungen, Ziele, Interessen“ teilen, dauerhaft und räumlich miteinander in Verbindung stehen und ein „Wir-Bewusstsein“ entwickeln. Alle dieser Eigenschaften treffen auf die Hauptfigur und ihre Bekannten nicht zu. Vgl.. Art. „Gruppe“, Brockhaus-Enzyklopädie, 19. Aufl., Bd. 9, Mannheim 1989, S. 242. Trotz der losen Verbindungen des Protagonisten zu seinen Freunden wird im Folgenden stets von einer „Gruppe“ gesprochen, da sich der Erzähler stark zu seinen Bekannten hingezogen fühlt, wie nachstehend näher gezeigt wird.

15 In erster Linie stellt die Jacke ein Statussymbol dar, dessen Träger sich zu einer bestimmten Szene gehörig fühlen. In Faserland tragen Karin, Alexander und die Hauptfigur eine solche Jacke. Für den Erzähler ist sie außerdem ein Schutzumhang, der im Laufe des Romans immer mehr abgebaut wird: Seine eigene Jacke hat Innenfutter. Nach der Beschmutzung mit Joghurts beschließt er spontan, die Jacke am Frankfurter Flughafen zu verbrennen. Anschließend klaut er Alexanders Jacke, die ihn trotz des Fehlens des Innenfutters warm hält. In Zürich, der letzten Station der genau wie der Erzähler, oft durch Deutschland, und sei es nur, um auf Partys zu gehen. Die beiden Personen haben jedoch unterschiedliche Auffassungen, was sich ebenfalls an der Jacke festmachen lässt: Eben, als wir über Babourjacken sprachen, hat sie gesagt, sie wolle sich keine grüne kaufen, weil die blauen schöner aussehen, wenn sie abgewetzt sind. Das glaube ich aber nicht. […] Abgewetzte Barbourjacken, das führt zu nichts (S. 13 f.).

16 s. S. 7 f.

17 Der Protagonist und Nigel haben außerdem gemein, dass sie „nicht kommunikationsfähig“ (S. 36) sind. Nigel scheint seinen Mitmenschen, wie die Hauptfigur, ebenfalls nicht zuzuhören.

18 Auffällig ist, dass der Erzähler öfter meint, andere Menschen aufgrund ihrer Kleiderwahl als „Nazis“ identifizieren zu können (S. 19, 93, 114).

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Mode und sexuelle Identität in Christian Krachts "Faserland"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Deutsche Literatur)
Veranstaltung
Literarische Sprache der Mode
Note
3,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
31
Katalognummer
V274010
ISBN (eBook)
9783656664277
ISBN (Buch)
9783656664505
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mode, identität, christian, krachts, faserland
Arbeit zitieren
B.A. Julia Hans (Autor), 2013, Mode und sexuelle Identität in Christian Krachts "Faserland", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274010

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