Das Phänomen der "ekklesiogenen Neurosen" - eine kritische Analyse religiös bedingter Lebenskonflikte und ihre Interventionsmöglichkeiten


Diplomarbeit, 2002

149 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Hinführung zum Thema
1.2 Fragestellung und Aufbau dieser Arbeit

2 Hintergründe und Zusammenhänge des Begriffes der „ekklesiogenen Neurose“
2.1 Prolog
2.2 Zur Korrelation von Religiosität und psychischer Gesundheit
2.2.1 Etymologische Bestimmung der Religiosität
2.2.1.1 Bipolare Erfassung der Religiosität
2.2.1.2 Extrinsische und intrinsische religiöse Orientierung
2.2.2 Charakteristische Merkmale psychischer Gesundheit
2.2.3 Ergebnisse empirischer Untersuchungen zur Korrelation von Religiosität und psychischer Gesundheit
2.3 Zur Neurosenlehre im Allgemeinen
2.3.1 Charakteristische Merkmale einer Neurose
2.3.2 Symptome
2.3.3 Syndrome
2.3.4 Ursachen der Neurosenentstehung
2.4 Zum Begriff der „ekklesiogenen Neurose“
2.4.1 Die Entstehung des Begriffes
2.4.2 Fallbeispiele
2.4.3 Exkurs: Sexual- und leibfeindliche Einstellung der Kirche
2.4.3.1 Geschichtliche Hintergründe
2.4.3.2 Ihre Bedeutung für die heutige Zeit
2.4.4 Zusammenfassung
2.5 Kritik am Begriff der „ekklesiogenen Neurose“
2.6 Fazit

3 Entstehungsursachen religiös bedingter Lebenskonflikte
3.1 Wesentliche Merkmale eines neurotischen Konfliktes
3.2 Konfliktbereiche im Spannungsfeld von Neurose und Religiosität
3.2.1 Familiäre Prägung versus Selbstverantwortung und freie Persönlichkeitsentfaltung
3.2.1.1 Zur Bedeutung der Familie
3.2.1.2 Defizitäre Erziehungsstrategien
3.2.1.2.1 Überakzentuierung einer vorbildlichen Moralentwicklung
3.2.1.2.2 Ein strafender Gott als Erziehungsmittel
3.2.1.2.3 Mangelnde Authentizität und Transparenz
3.2.1.2.4 Erlernte Hilflosigkeit
3.2.1.2.5 Ablösungsproblematik bei Jugendlichen aus christlichen Familien
3.2.1.3 Konsequenzen
3.2.2 Kirchliche Morallehre versus persönlicher christlicher Freiheit
3.2.2.1 Zur Bedeutung der kirchlichen Lehre
3.2.2.1.1 Gesetzlichkeit und Leistungsorientierung
3.2.2.1.2 Das Leugnen des freien Willens
3.2.2.1.3 Vergeistlichung ideologischer Denkansätze
3.2.2.2 Exkurs „geistlicher Missbrauch“
3.2.2.2.1 Erläuterung des Begriffes
3.2.2.2.2 Die Folgen geistlichen Missbrauchs
3.2.2.2.3 Die Gefahr einer vorschnellen Stigmatisierung
3.2.2.3 Zusammenfassung
3.2.3 Generelle neurotische Konflikthaftigkeit
3.2.3.1 Zur Bedeutung der individuellen Persönlichkeitsstruktur
3.2.3.2 Defizitäre Persönlichkeitsstrukturen
3.2.3.2.1 Die zwanghafte Persönlichkeitsstruktur
3.2.3.2.2 Die schizoide Persönlichkeitsstruktur
3.2.3.2.3 Die depressive Persönlichkeitsstruktur
3.2.3.2.4 Die hysterische Persönlichkeitsstruktur
3.2.3.3 Zusammenfassung
3.3 Fazit

4 Interventionsmöglichkeiten
4.1 Zur Situation der Betroffenen
4.2 Elementare Ziele für eine Wiederherstellung der psychischen Gesundheit
4.2.1 Beziehungsfähigkeit
4.2.2 Veränderungsfähigkeit
4.2.3 Konfliktfähigkeit
4.2.4 Persönlichkeitsentfaltung
4.3 Möglichkeiten der Zielerreichung
4.3.1 Zur Frage des Umgangs mit dem religiösen Themenkomplex in Beratung und Therapie
4.3.1.1 Ausgangssituation
4.3.1.2 Die Rolle der religiösen Passung von Therapeut und Klient
4.3.2 Integration von Religiosität in Beratung und Therapie
4.3.2.1 Allgemeines
4.3.2.2 Formen spiritueller Interventionen
4.3.2.2.1 Das Gebet
4.3.2.2.2 Meditation
4.3.2.2.3 Vergebung
4.3.2.2.4 Das Lesen der Bibel
4.3.2.3 Zur Anwendung spiritueller Interventionen
4.3.3 Das Konzept der De'Ignis – Fachklinik für christliche Psychiatrie und Psychosomatik als Modell für die Integration von Religiosität in die therapeutische Behandlung
4.3.3.1 Allgemeines
4.3.3.2 Indikationen
4.3.3.3 Klientel
4.3.3.4 Die Behandlung
4.3.3.5 Behandlungsverfahren
4.3.3.6 Qualitätssicherung
4.3.3.7 Schlussfolgerung
4.3.4 Fazit
4.4 Ressourcenerschließung
4.4.1 Die Kirchengemeinde als Ressource
4.4.1.1 Voraussetzungen
4.4.1.1.1 Multipolarität statt Unipolarität
4.4.1.1.2 Konstruktiver Umgang mit leidvollen Erfahrungen
4.4.1.1.3 Abkehr vom Perfektionismus
4.4.1.2 Präventionsmöglichkeiten
4.4.1.2.1 Primäre Prävention
4.4.1.2.2 Sekundäre Prävention
4.4.1.2.3 Tertiäre Prävention
4.4.2 Exkurs: Die Seelsorge
4.4.3 Grenzen kirchlicher Hilfe
4.5 Interdisziplinäre Zusammenarbeit von Kirchengemeinden und psychosozialen Einrichtungen zum Wohl psychisch Kranker
4.5.1 Ausgangssituation
4.5.2 Praktische Umsetzung einer Zusammenarbeit
4.5.3 Fazit

5 Zusammenfassung
5.1 Auswertung
5.2 Abschließendes Resümee

6 Anhang
6.1 Zum Entwicklungsverlauf einer religiösen Sozialisation
6.2 Jana-Herzberg-Grafiken – Zeichnungen zum Thema
6.3 Fragebogen zum Thema „ekklesiogene Neurosen“ – ihre Hintergründe, Ursachen und Interventionsmöglichkeiten

7 Literaturverzeichnis

Hinweis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Spannungsfelder des religiös-neurotischen Konfliktes

Abbildung 2: Spannungsfeld zwischen Familie und Individuum

Abbildung 3:Spannungsfeld zwischen Kirche und Individuum

Abbildung 4: Spannungsfeld zwischen Persönlichkeitsstruktur und religiösen Idealen

Abbildung 5: Faktorengefüge zur religiösen Passung

Abbildung 6: Therapiebausteine der De’Ignis-Klinik

Abbildung 7: Zufriedenheit mit dem Therapieerfolg

Abbildung 8: Veränderung des allgemeinen seelischen Wohlbefindens

Abbildung 9: Veränderung der psychischen Befindensstörung

Abbildung 10: Veränderung des religiösen Erlebens

Abbildung 11: Mutter-Kind-Symbiose

Abbildung 12: Das Gebot des „Eltern-Ehrens“

Abbildung 13: Vermeintliche Leistungsanforderungen an einen Christen

Abbildung 14: Heilung der Gottesbeziehung

Abbildung 15: Frei zur persönlichen Entfaltung

1 Einleitung

1.1 Hinführung zum Thema

Lieber Gott, ich möchte mit einem Fluch beginnen, oder mit einer Beschimpfung, die mir bald Erleichterung brächte. Eine Art innere Explosion müßte es werden, die dich zerfetzte. (...) Du warst einst so fürchterlich real, neben Vater und Mutter die wichtigste Figur in meinem Kinderleben. (...) Du bist in mich eingezogen wie eine schwer heilbare Krankheit, als mein Körper und meine Seele klein waren. (...) Ich habe unter niemandem so gelitten in meinem Leben wie unter deiner mir aufgezwungenen Existenz. Indem ich dir zeige, wie du als Krankheit in mich eingezogen bist (...) hoffe ich, mich ein Stück weit von dir heilen zu können.[1]

Diese Schilderung Mosers, entnommen aus dessen autobiographischer Aufzeichnung „Gottesvergiftung“[2] stimmt sehr nachdenklich. Was ist das für ein Gott, der Kinderherzen auf diese Weise erschreckt? Was ist das für eine Religion, die eine derartige Lebensverneinung fördert? Was für ein Gottesbild fördert eine solche Angst zutage? Orientiert man sich an dem Text Mosers, so liegt die Vermutung nahe, dass es sich um das weitverbreitete Bild eines Gottes handeln muss, der nach streng moralischen Prinzipien ahndet, was seinem Willen widerspricht. Ein derartiges Gottesbild scheint eine persönliche Entfaltung zu behindern und lebensverneinende Wirkung zu haben. Es wird sogar davon gesprochen, dass dieser Glaube krank machen kann. Eine vage Behauptung? Moser jedenfalls spricht von einer krankmachenden Religiosität, welche er verantwortlich macht für ein Leben voller Schuldgefühle und Ängste. Er klagt Gott an und bringt ohne Umschweife zur Sprache, welche Auswirkungen die Existenz eines Gottes haben kann, der als omnipotent, allwissend und allgegenwärtig dargestellt wird.

Das Buch „Gottesvergiftung“ ist eine Lektüre, die sowohl unter Christen als auch Nichtchristen sehr für Furore gesorgt hat. Dabei reichen die Reaktionen der Leser von Zustimmung bis zur erbitterten Ablehnung, ja sogar bis zur Überzeugung, Moser sei reiner Blasphemist.

Aus christlicher Sicht mag das Buch einerseits erschrecken, weil Moser auf unverblümte Art und Weise das Bild des christlichen Gottes stark kritisiert und aufgrund dessen gotteslästerlich wirkt. Dabei wird sehr schnell übersehen, dass es zu allen Zeiten religiöse Menschen gab, die ihren Gott anklagten. Bekanntestes Beispiel hierfür ist der israelitische König David, der in seinen Liedern und Dichtungen immer wieder Ängste, Enttäuschungen, Anklage und Kritik an Gott richtet. Diese Offenheit und Ehrlichkeit schafft eine Befreiung aus innerer Unruhe und löst die Bitterkeit über uneingestandene Enttäuschungen Gott gegenüber. Auf dieser Basis ist es möglich, Heilung und Veränderung zu schaffen. Alles „so tun als ob“ bindet dagegen das Misstrauen und lässt die Emotionen unbemerkt schwelen, psychische Krankheiten sind dadurch vorprogrammiert. Viele Christen haben diese Authentizität nie gelernt, um so mehr schreckt natürlich ein derartiges Buch ab.

Auf der anderen Seite schafft Mosers Darstellung aber auch Luft für diejenigen, die in ihrem Innersten tiefe Zweifel Gott gegenüber haben und diese nie äußern konnten, wollten oder vielleicht auch nicht durften. In diesem Fall bewirkt das Lesen ein zustimmendes Bejahen des Inhaltes, weil es Themen aufgreift, die unterschwellig vorhanden sind, der Mut aber nie ausgereicht hat, um Zweifel und Kritik ganz konkret zum Ausdruck zu bringen.

Was aber hat es mit dem Mythos der krankmachenden Religiosität auf sich? Kann es sein, dass das Evangelium - wörtlich „die gute Nachricht“ - negative Auswirkungen auf die Psyche eines Menschen hat? Kann der christliche Glaube tatsächlich krank machen? Sind Christen mehr als Nichtchristen psychischen Störungen ausgesetzt?

Die Frage des Einflusses von Religiosität – gemeint ist die christliche Religiosität - auf die psychische Gesundheit eines Menschen löst sehr unterschiedliche Reaktionen aus. Die einen sehen den christlichen Glauben als Hindernis für Eigenbestimmung und freie Entfaltung und erachten ihn somit als nachteilig für das persönliche Wohlbefinden. Andere dagegen sehen Zufriedenheit und Wohlergehen an Geist, Seele und Leib als unabdingbar verbunden mit dem Glauben an einen liebenden, fürsorgenden Gott. Auch in psychologischen Fachkreisen divergieren die Meinungen bezüglich dieses Themas sehr stark. So wertet der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud und viele seiner Anhänger die Religion als „universelle Zwangsneurose“, Jung, Fromm und Frankl sehen im christlichen Glauben dagegen einen stabilisierenden Faktor für die individuelle Lebensbewältigung. Während die eine Gruppe also Religion als Entstehungsursache von psychischen Krankheiten wie z.B. den Neurosen sieht, vertritt die andere Gruppe die Meinung, eine Neurose könne vielmehr durch Religiosität verhindert werden.[3]

Woher kommen diese unterschiedlichen Stellungnahmen? Welche Faktoren haben eine prägende Wirkung in Bezug auf die Meinungsbildung? Anzunehmen ist, dass Lebensumfeld, Lebensentwicklung und individuelle Erfahrungen mit Religiosität entscheidend für die Entwicklung einer persönlichen Einstellung zu diesem Thema sind. Sprich je nach Prägung nimmt die religiöse Entwicklung ihren Lauf in eine bestimmte Richtung. Aus diesem Blickwinkel heraus lassen sich die divergierenden Meinungen zu dieser Thematik besser verstehen.

Wird von den individuellen Meinungen abgesehen und nach einem objektiven Sachverhalt gesucht, so stellt sich die Frage: Erhöht Religiosität das Risiko einer Entstehung von psychischen Krankheiten? Viele Christen verschließen bei diesen Worten bereits ihre Ohren. Sie fühlen sich angegriffen, missverstanden und unsicher. Der Anlass für eine derartige Verunsicherung liegt nicht selten in der Angst begründet, bei solchen Fragen die Grundmauern des eigenen Glaubens erschüttert zu sehen. Was, wenn der persönliche Glaube solchen Anschuldigungen nicht Stand hält?

Eine starke Abwehr gegenüber kritischen, an die Substanz gehenden Fragen kann aber auch eine Reaktion sein auf heftige, teils undifferenzierte Kritik im Sinne der Ketzerei. Kritiker schlagen nicht selten einen sehr harten Ton an, wenn es um die Verhöhnung des Glaubens geht. Ihnen geht es nicht um eine objektive Untersuchung der Auswirkungen des Glaubens auf die psychische Gesundheit, sondern vielmehr darum, ihre negativen Erfahrungen in einen wissenschaftlichen Kontext einzubetten. Diese subjektiven Darstellungen haben ihren Ursprung oftmals in persönlichen Erfahrungen, Verletzungen und Missverständnissen mit der Kirche.

Inwieweit eine Kritik nun subjektiv ist oder nicht sei zunächst dahin gestellt. Unabhängig davon ist es wichtig, diesen Sachverhalt genauer zu untersuchen und sich mit der Thematik des Einflusses der Religiosität auf die psychische Gesundheit auseinander zu setzen. Nur so kann jenen Menschen geholfen werden, welche in psychische Schwierigkeiten stecken, die unmittelbar oder aber auch im weitesten Sinn mit ihrem Glauben in Verbindung stehen.

1.2 Fragestellung und Aufbau dieser Arbeit

Gibt es so etwas wie eine krankmachende Religiosität? Inwiefern beeinflusst Religiosität die psychische Gesundheit? Welche Funktionen und Konsequenzen hat der Glaube in Bezug auf die Entwicklung eines Individuums? Kann es sein, dass Christen einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, psychisch krank zu werden? Dies alles sind Fragen, die es Wert sind, näher untersucht zu werden.

Im ersten Teil dieser Arbeit werde ich eingehen auf die Hintergründe und Zusammenhänge der „ekklesiogenen Neurose“, also der durch die Kirche bzw. kirchlichen Gemeinschaften verursachten psychischen Störungen. Es werden die Begrifflichkeiten „Religiosität“ und „psychische Gesundheit“ geklärt, empirische Untersuchungen zum Verhältnis von Glauben und psychischem Wohlbefinden erörtert und die Entstehung des Terminus „ekklesiogene Neurose“ samt ihrer Bedeutung für unsere heutige Gesellschaft und ihrer Kritikpunkte dargelegt.

Im darauffolgenden Abschnitt soll es um die Frage gehen wodurch religiös bedingte Lebenskonflikte ausgelöst bzw. verursacht werden können. Es werden einzelne Konfliktbereiche und einflussnehmende Faktoren erörtert sowie ihre defizitäre Wirkung für die Entstehung neurotischer Störungen dargelegt. Eine gezielte Analyse möglicher Ursachen, die für ein mangelndes psychisches Wohlbefinden unter Christen verantwortlich sein könnten, ermöglichen es, daraufhin adäquate Interventionen und Wege zur Prävention entwickeln zu können.

Dieser Themenkomplex wird schließlich im dritten Teil behandelt. Es wird ausgeführt, auf welche Weise Menschen mit Konflikten im religiösen Bereich geholfen werden kann. Geklärt werden soll auch, welche Rolle der Religiosität in der Beratungstätigkeit zukommt und inwieweit ein christlich geprägtes Konzept für eine effektive Intervention hilfreich sein kann.

Im Vorfeld halte ich es für wichtig zu betonen, dass es mir nicht darum geht, die Kirche bzw. den Glauben zu entwerten oder generell als pathologisierend zu etikettieren, „sondern darum, transparent und offen über ein Thema zu sprechen, das bisher (...) nicht angemessen beachtet worden ist“[4].

Ebenso möchte ich erwähnen, dass ich in meiner Arbeit stärker die „ungesunden“ Aspekte des christlichen Glaubens betrachten werde (was nicht zu der Schlussfolgerung führen sollte, es seien keine positiven Seiten vorhanden). Dies nicht zuletzt mit dem Anliegen, eine aufrichtige Diskussion in Gang zu setzen und durch kritisches Hinterfragen der gegebenen Strukturen einen Anstoß für Veränderungen zu geben und dadurch „gesunde“ Strukturen begünstigt zu können.

Wenn im Folgenden von christlichen Kirchen, Kirchengemeinden, Gemeinden und Glaubensgemeinschaften die Rede ist, so sind damit diejenigen Kirchen damit gemeint, die dem Christentum zuzuordnen sind und in Deutschland als Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR) anerkannt sind. Eine genauere Differenzierung der einzelnen Denominationen im Hinblick auf ihre Konstruktivität oder Destruktivität wäre sicherlich sehr interessant, würde aber den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Aufgrund dessen werden die Kirchen hier im Gesamten genannt, wohl wissend, dass es unter Umständen enorme Diskrepanzen zwischen den einzelnen Lehren, Glaubenshaltungen und Glaubenspraktiken gibt.

Eine Bemerkung noch zur Verwendung geschlechtsspezifischer Schreibweise: In der gesamten Arbeit werde ich aus schreib- und lesetechnischen Gründen die männliche Form bei der Nennung von Personengruppen benutzen, dabei sind die Frauen selbstverständlich mit einbezogen.

2 Hintergründe und Zusammenhänge des Begriffes der „ekklesiogenen Neurose“

2.1 Prolog

Religiosität und ihre Auswirkung auf das psychische Wohlbefinden ist ein Thema, das im psychosozialen Bereich oftmals ausgespart wird und wenig Beachtung findet. Eine erstaunliche Tatsache, denkt man daran, dass viele Arbeitsplätze von kirchlichen Trägern gestellt werden, so z.B. Beratungsstellen der Diakonie oder Charitas etc.. Aufgrund dessen ist eigentlich davon auszugehen, dass Sozialpädagogen, Psychologen, und Therapeuten in ihrer beruflichen Praxis unweigerlich mit religiösen Themenbereichen konfrontiert sind. Sei es aufgrund dessen, weil Ratsuchende sich in schweren Lebenskonflikten befinden, welche in irgendeiner Art und Weise mit der Form ihres religiösen Lebens in Bezug stehen, oder aber weil sie sich erhoffen durch die Integration religiöser Möglichkeiten Hilfe zu bekommen. Wie auch immer die Sachlage stehen mag: Es wird ersichtlich, dass es für Fachkräfte im psychosozialen Bereich sehr wichtig ist, Kenntnisse über den Zusammenhang von Religiosität und psychischem Wohlbefinden zu haben um darauf in einer Beratung zurückgreifen zu können. Dabei kann sich eine Problembearbeitung, die in Verbindung mit religiösen Fragen steht sehr schwierig gestalten. Dies hängt damit zusammen, dass gute Grundsätze wie sie das Christentum aufweist unbemerkt ins Negative verkehrt werden können und eine Unterscheidung zwischen produktiver bzw. destruktiver Glaubenspraxis erst bei genauer Analyse möglich ist. So kann es vorkommen, dass sich zwanghaft ehrliche Personen für „wahrhaftig“ halten, sexuell Gehemmte glauben, sie seien „keusch“, und Ängstliche der Überzeugung sind, in der „Furcht des Herrn“ zu leben etc.. Der Glaube kann also - bewusst oder unbewusst - zum Aufbau neurotischer Symptome missbraucht werden. Glaubensvollzug kann ein Kaschieren von Infantilismus, Projektionen, Ängsten und Schuldkomplexen sein. Es gibt fast kein neurotisches Symptom, das sich nicht in irgendeiner Weise unter den vielfältigen Formen christlicher Glaubenspraxis tarnen und verbergen könnte. Die entstandenen Symptome lassen sich jedoch auf Dauer nicht kognitiv entschärfen, sondern haben die Tendenz zu eskalieren. Aus anfänglichen Nebensächlichkeiten entpuppen sich nach und nach schwere Störungen.

Um eine effektive Beratungsarbeit zu leisten ist es unerlässlich, die soziokulturellen Gegebenheiten des Klienten näher zu durchleuchten. Faktoren wie Umwelt, Tradition, Erziehung, subjektive Verfassung, Persönlichkeitsreife und vieles mehr gehört mit berücksichtigt, um eine verlässliche und treffende Beurteilung der Glaubenspraxis und ihrer Auswirkung auf die Lebensqualität treffen zu können.[5]

In dieser Arbeit sollen wesentliche Faktoren näher beleuchtet werden, um eine effizientere Einschätzung der Einflussgrößen religiös relevanter Bereiche zu erreichen und einen pathologischen Glauben besser ausfindig machen zu können.

2.2 Zur Korrelation von Religiosität und psychischer Gesundheit

Nun gilt es zunächst zu klären, ob unter empirischer Betrachtung der Ausgangssituation tatsächlich eine Berechtigung vorhanden ist, von einer Korrelation zwischen Religiosität und psychischer Gesundheit zu sprechen. Hierzu werden Untersuchungsergebnisse von namhaften Autoren präsentiert, die eine Aufklärung darüber geben, inwieweit ein Zusammenhang zwischen Religiosität und Gesundheit besteht. Zunächst soll aber eine genaue Klärung des Begriffes der Religiosität bzw. des damit zusammenhängenden Glaubens sowie der psychischen Gesundheit vorgenommen werden.

2.2.1 Etymologische Bestimmung der Religiosität

Wie kann Religiosität eingegrenzt und definiert werden bzw. welche Möglichkeiten gibt es, um das Glaubensleben eines Individuums erfassen zu können? Folgt man der ursprünglichen Bedeutung des Begriffes von „Religiosität“ so ergibt sich folgende Definition:

Die ursprüngliche Bedeutung der Wurzel des lateinischen Wortes „religio“ bedeutet tragen, halten, stützen. Religiosität bedeutet im weitesten Sinne den Ausdruck der Verbindung zwischen Gott und Mensch, zwischen dem überweltlichen, transzendenten Heiligen und dem unvollkommenen, sündigen und leidenden Menschen. Ja, man könnte noch einen Schritt weitergehen: Religiosität ist der Versuch des Menschen, in Kontakt mit Gott zu kommen, sich diesen Gott günstig zu stimmen, unter seinem Schutz zu leben und diesem Gott zu dienen.[6]

Der ursprüngliche Sinngehalt des Begriffes lässt sich also sehr leicht erfassen. Schwierig wird es allerdings, wenn man versucht, die unterschiedlichen Formen christlicher Glaubenspraxis einheitlich darzustellen. Hiermit haben Wissenschaftler große Mühe. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass der christliche Glaube sehr viele Facetten hat und auf sehr vielfältige Weise erlebt und gelebt werden kann. So charakterisieren die einen den Glauben als Rettungsanker in schwierigen Zeiten, andere sehen ihn als eine Art Ritual zur Stärkung gewisser Traditionen. Manche verstehen unter „gläubig sein“ den allgemeinen Glauben an eine übersinnliche Welt, andere wiederum interpretieren ein „gläubig sein“ als aktiven Lebensbereich, der sich z.B. in täglichem Bibel lesen und Gebet äußert. Erkennbar wird die unterschiedliche Art des Glaubenslebens auch an der Vielzahl der existierenden Denominationen innerhalb des Christentums und ihrer zum Teil sehr stark differierenden Glaubenspraxen. Allport äußert hierzu:

The subjective religious attitude of every individual is, in both its essential and non-essential features, unlike that of any other individual. The roots of religion are so numerous, the weight of their influence in individual lives so varied, and the forms of rational interpretation so endless, that uniformity of product is impossible.[7]

Und genau hier entsteht die Schwierigkeit für Wissenschaftler, welche für ihre Untersuchungen eine präzise Bestimmung der individuellen Glaubenspraxis benötigen. Religiosität umfasst, abgesehen von der ursprünglichen Bedeutung des Begriffes, eine weite Bandbreite an unterschiedlichen Einstellungen, die von einer tiefen Überzeugung bis hin zu der rein strukturgebenden, traditionsbewahrenden Nutzung der Religiosität reichen.[8] Hier wird bereits ersichtlich, dass es im Bezug auf das Ausleben der Religiosität zwei Gegenpole gibt, die im Folgenden näher erörtert werden.

2.2.1.1 Bipolare Erfassung der Religiosität

Bipolarität hat im Christentum eine lange Tradition. Religiosität wurde schon in ihrer frühen Geschichte unterteilt. Sowohl im Alten als auch im Neuen Testament lassen sich Personengruppen finden, die ihren Glauben einerseits aus Überzeugung vertraten und danach lebten oder aber solchen, die aufgrund unterschiedlicher Motive mit einer religiösen Lebensweise eine äußere Form zu wahren beabsichtigten. Diese zwei Gegenpole wurden zur damaligen Zeit und zum Teil bis heute einer Wertung unterzogen. So ermahnten Propheten zur Zeit des Alten Testamentes das Volk Israel immer wieder, den oberflächlichen, formellen Glauben abzulegen und statt dessen sein Leben ganz nach Gottes Willen auszurichten. Im Neuen Testament wird dieses Thema von Jesus aufgegriffen, der aufgesetzte, heuchlerische Frömmigkeit verurteilt.

Auch in der aktuellen christlichen Theologie etabliert sich eine bipolare Erfassung der Religiosität. So differenziert Kierkegaard zwischen „offiziellem Christentum“ und „radikalem Christentum“, Dietrich Bonhoeffer prägte den Begriff des „religionslosen Christentums“ und in vielen christlichen Kirchen wird heute eine Unterscheidung getroffen zwischen „Glauben haben bzw. gläubig sein“ und „religiös sein“ oder mit anderen Worten umschrieben „entschiedener/überzeugter Christ“ und „Sonntagschrist“ sein.[9]

Nun ist eine Einteilung religiöser Menschen in die bisher genannten Kategorien theoretisch sehr gut nachvollziehbar, für empirische Zwecke allerdings ungeeignet, weil unklar bleibt, welche Maßstäbe entscheiden, welcher Kategorie eine Person zugeordnet werden kann. Was ist z.B. mit einem Menschen, der sich nicht an eine Kirche binden möchte, sich aber dennoch sehr intensiv mit dem christlichen Glauben beschäftigt? Diese Person lässt sich schwerlich als Sonntagschrist oder entschiedener Christ einstufen. Eine eindeutige Kategorisierung ist also letztlich nicht unbedingt möglich.

2.2.1.2 Extrinsische und intrinsische religiöse Orientierung

Auch der amerikanische Psychologe G. W. Allport sah sich in seinen Forschungen vor die Schwierigkeit gestellt, wie die religiöse Orientierung einer Person für empirische Zwecke messbar gemacht werden kann. Um für seine Untersuchungen klar abgegrenzte Definitionen zur Hand zu haben, entwickelte er ein in der Religionspsychologie sehr populäres Konzept: „extrinsic and intrinsic religion“. Allport nimmt darin eine Differenzierung zwischen den facettenreichen Glaubensorientierungen vor, mit Hilfe derer er eine genauere Abgrenzung unterschiedlicher Glaubensformen wahrnehmen kann.

Bevor sich die Begriffe „extrinsic“ und „intrinsic“ in der Fachwelt etablierten, führte Allport die Bezeichnung „immature and mature religion“, also „reife versus unreife Religiosität“ ein. Unter „reifer Religiosität“ verstand Allport im Gegensatz zur „unreifen Religiosität“ einen kritisch reflektierten Glauben. Gemeint war, dass sich Christen mit dieser Glaubenshaltung mit allen wichtigen Lebensfragen auf eine offene und ehrliche Weise auseinandergesetzt und letztlich den Glauben für sich persönlich angenommen haben. Allport versuchte nun gemeinsam mit Studenten einen Fragebogen zur Erfassung der religiösen Einstellung zu entwickeln. Bei der Umsetzung der Konstrukte in eine Religiositätsskala (Religious Orientation Scale - ROS) entstanden die weitaus bekannteren Bezeichnungen „extrinsic“ und „intrinsic“. Diese Formulierung wurde seither beibehalten.[10]

Die intrinsische Orientierung meint dabei, dass der Glaube das zentrale Motiv im Leben einer Person ist, „dem alle anderen Bedürfnisse untergeordnet werden. Glaubensüberzeugungen werden verinnerlicht und wirken sich auf alle Lebensbezüge aus.“[11]. Der Glaube hat also höchste Priorität im Leben, er ist verinnerlicht und entspricht einer tiefen Überzeugung. Der extrinsische Glaube ist dagegen gekennzeichnet durch die Wahrung von Äußerlichkeiten bzw. Formen. Allport versteht darunter eine oberflächliche Religiosität, welche überwiegend genutzt wird zur Wahrung von Sozialprestige, gesellschaftlichen Beziehungen, Sicherheit und Trost. Religion ist also zweckbestimmt und wird „als Mittel zur Erreichung von Zielen gebraucht (z.B. Sicherheit, Trost, Gemeinschaft, gesellschaftlicher oder religiöser Status oder Selbstrechtfertigung). Der extrinsisch Gläubige wendet sich Gott zu, ohne sich dabei vom eigenen Selbst abzuwenden.“[12] Glaube hat also eine finale Funktion und wird für eigene Zwecke und zur Erfüllung egoistischer Ziele genutzt und entspricht einer äußerlichen Anpassung an den Glauben ohne innerer Überzeugung. Kurz zusammengefasst:

The extrinsically motivated individual uses his religion, whereas the intrinsic motivated lives his religion.[13]

Obwohl in der Zwischenzeit einige andere Konzepte entstanden sind, hat sich die Nutzung des Konzeptes „intrinsic and extrinsic religion“ durchgesetzt (zum Teil in modifizierter Form) und wurde bereits in einer Reihe von empirischen Untersuchungen innerhalb der religionspsychologischen Forschung eingesetzt.

Kritikpunkt bleibt allerdings nach wie vor, dass die Kategorisierung in intrinsisch und extrinsisch letztlich auch nur eine sehr globale Glaubenseinschätzung ermöglicht und Aspekte wie Werteverständnis, Art der religiösen Sozialisation (vgl. Anhang 6.1), etc. nicht die angemessene Beachtung finden.

Zieht man aus dem Bisherigen ein Resümee, so kann noch einmal erwähnt werden: Bei der Bestimmung und Erfassung von Religiosität lässt sich leicht erkennen, dass zwar die ursprüngliche Bedeutung des Begriffes geklärt werden kann, unterschiedliche Ausprägungen und Formen der christlichen Glaubenspraxis allerdings schwer einheitlich erfassbar sind. Verständlich, dass die psychologische Forschung in diesem Bereich Mühe mit der Erfassung und Operationalisierung der Religiosität eines Menschen als einheitlich messbares Persönlichkeitsmerkmal hat. Letztlich ist es jedem Wissenschaftler selbst überlassen, wie er den Begriff der Religiosität definiert. Allports Konzept bietet hier eine mögliche Lösung. Auch wenn eine Kategorisierung der religiösen Orientierung einer Person durch dieses Konzept nicht immer eindeutig zu treffen ist, so lassen sich trotz allem Tendenzen feststellen, die für ein weiteres Vorgehen in einer Beratungs- oder Therapiearbeit sehr nützlich sein können.

In dieser Arbeit wird der Begriff der „Religiosität“ letztlich als Überbegriff für den christlichen Glauben verwendet, unabhängig von der Art der Glaubenspraxis. Wenn im Abschnitt der Interventionsmöglichkeiten von „spirituellen Interventionen“ (und nicht „religiösen Interventionen“) die Rede ist, dann geschieht dies in Anlehnung an die übliche Bezeichnung christlicher Fachkräfte für Hilfsmaßnahmen, welche sich auf den geistlichen Bereich konzentrieren.

2.2.2 Charakteristische Merkmale psychischer Gesundheit

Nachdem im vorherigen Kapitel eine Begriffsbestimmung und nähere Erläuterung der Religiosität vorgenommen wurde, soll nun näher auf den Begriff der psychischen Gesundheit eingegangen werden. Gesundheit im Allgemeinen ist ein Ausdruck, der sehr viele verschiedene Facetten hat. In der Regel wird unterschieden zwischen psychischer und körperlicher Gesundheit. Im Folgenden soll der Fokus auf die Merkmale psychischer Gesundheit gelegt werden. Was genau wird unter diesem Begriff verstanden?

Dazu eine Definition der Weltgesundheitsorganisation (kurz: WHO):

Geistige Gesundheit setzt beim Individuum die Gewohnheit voraus, harmonische Beziehungen mit anderen zu knüpfen und teilzunehmen an oder beizutragen zu den Veränderungen des sozialen oder physischen Milieus. Sie schließt in gleicher Weise auch die harmonische und ausgeglichene Lösung der Konflikte in der Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen eigenen Triebtendenzen mit ein. Sie erwartet außerdem vom Individuum, den Charakter in der Art zu entwickeln, daß seine Persönlichkeit entfaltet, indem es sich seinen Trieben öffnet, die Konflikte auslösen können, und ihnen ein harmonisches Ausdrucksfeld in der vollständigen Realisierung seiner Möglichkeiten schafft.[14]

Wie hier bereits ersichtlich wird, ist das ursprüngliche Meinungsbild, Gesundheit sei erkenntlich durch die Abwesenheit von Krankheit überholt. Statt dessen ist psychische Gesundheit viel mehr als die Abwesenheit von Symptomen und Störungen im Sinne der DSM III R (Diagnostic and Statistical Manual of the American Psychiatric Association) bzw. der ICD 10 (International Classification of disseases). Orientiert man sich an der Definition der WHO bedeutet psychische bzw. seelische Gesundheit vielmehr, dass es einem Menschen gelingt seine Möglichkeiten und Fähigkeiten voll entfalten und zu entwickeln, sowie seine Interessen zu verwirklichen. Psychische Gesundheit beinhaltet ebenso die Fähigkeit Krisen, Probleme und Konflikte als Herausforderung annehmen zu können, aktiv nach Lösungen zu suchen und sich mit gleichgesinnten und vertrauten Menschen auszutauschen und eine Beziehung mit ihnen einzugehen.

Psychische Gesundheit ist wie bereits erwähnt ein wesentlicher Teilaspekt der Gesundheit als Ganzes. So schreibt die WHO: Gesundheit ist ein „Zustand vollkommenen, körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens, nicht nur definiert durch die Abwesenheit von Krankheit und Behinderung“[15]. Sieht man von der Kritik, dass diese Definition zu unrealistisch ist, ab beinhaltet sie einen sehr konstruktiven Ansatz. So weist sie deutlich darauf hin, dass Gesundheit sowohl biologische als auch psychosoziale Aspekte umfasst und die Bereiche Körper, Psyche und Soziales letztlich nicht zu trennen sind. Am Beispiel psychosomatischer Erkrankungen lässt sich sehr gut nachvollziehen, dass Psyche und Körper untrennbar zusammengehören und Erkrankungen multifaktoriell bedingt sind.

Um die Trennung von Körper und Psyche zu umgehen, gebraucht Dieterich in seinen Ausführungen den Begriff des „ganzheitlich gesunden Menschen“. Ganzheitlich aus dem Grund, weil bei dem Versuch einer Definition von Gesundheit alle menschlichen Teilbereiche elementar sind. Während die WHO von den körperlichen, seelischen und sozialen Bereichen spricht, sieht Dieterich Körper, Psyche und Geist als die drei elementaren Bereiche des Menschen an. Er nimmt also die geistliche/religiöse Komponente mit auf. Sprich für den Menschen ist ein positiv entfalteter Glaube ebenso wichtig wie das Wohlbefinden und Funktionieren des Körpers und der Psyche. Auch den sozialen Aspekt lässt Dieterich nicht außer acht, wenn er beschreibt, dass kennzeichnend für einen ganzheitlich gesunden Menschen das Vorhandensein geordneter Beziehungen ist, bezogen auf sich selbst, seine Umwelt und Gott.[16]

Anhand der bisherigen Eingrenzungen bzw. Definitionen des Begriffes Gesundheit lassen sich Eigenschaften herausarbeiten, welche für einen ganzheitlich gesunden Menschen kennzeichnend sind.[17]

- Die Fähigkeit physisch, intellektuell und emotional mit voller Leistungsfähigkeit zu handeln, ohne durch Ängste in seiner Handlungskompetenz eingeschränkt zu sein
- Die Fähigkeit sich wechselnden Situationen mit Selbstkontrolle und Disziplin anpassen zu können bzw. adäquat auf Veränderungen reagieren zu können
- Das Vorhandensein einer vertrauensvollen Lebenseinstellung, welche Sicherheit und Halt in Krisenzeiten bietet
- Das Vorhandensein eines klaren Lebenszieles zur Orientierung und Stabilität in weitreichenden Entscheidungen
- Das Vorhandensein ausgewogener Beziehungen zu unterschiedlichsten Menschen, (Balance von Nähe und Distanz) sowie die Fähigkeit zur Intimität
- Die Akzeptanz der eigenen Geschlechterrolle und Zufriedenheit im Bereich der Sexualität

Sicherlich lassen sich noch etliche Komponenten eines gesunden Menschen eruieren, diese Punkte sollen an dieser Stelle genügen.

2.2.3 Ergebnisse empirischer Untersuchungen zur Korrelation von Religiosität und psychischer Gesundheit

Nachdem geklärt wurde, was unter Religiosität und psychischer Gesundheit zu verstehen ist, nun zu den Untersuchungen, welche bisher zu diesem Themenkomplex durchgeführt wurden. In der Vergangenheit versuchten eine Reihe von Forschern den Zusammenhang zwischen Religiosität und psychischer Gesundheit empirisch zu ermitteln. Dabei führten die Untersuchungen zu divergierenden Ergebnissen. Eine bedeutende Ursache hierfür liegt in der bereits erwähnten Definitionsproblematik: Die Autoren definieren Religiosität und auch psychische Gesundheit in ihren Nachforschungen sehr unterschiedlich und messen mit differierenden Kriterien.[18] Aus diesem Grund lassen sich sehr schwer einheitliche Ergebnisse präsentieren.

Einer der deutschsprachigen Forscher im Bereich dieser Thematik ist Theologe und Psychotherapeut Helmut Hark. Durch langjährige praktische Erfahrungen im Umgang mit seinen Klienten kam er zu der Vermutung, dass die Bereiche Religiosität und Gesundheit eng miteinander verwoben sein müssen. Um dies wissenschaftlich zu belegen führte er mit 139 Patienten eine Untersuchung durch.[19] Die Ergebnisse führten dabei zu folgendem Resultat:

Es ließ sich statistisch belegen: Je ausgeprägter die psychische Problematik ist, desto geringer ist das Ausmaß der religiösen Orientierung und Frömmigkeit. Im umgekehrten Fall ließ sich ermitteln, daß eine ausgewogene religiöse Orientierung die psychischen Schwierigkeiten vermindert. Unsere Untersuchung bestätigt damit die im Einzelfall gemachte Erfahrung, daß die Neurose das Glaubensleben beeinträchtigt und stört, während eine positive Frömmigkeit zur Heilung der Störung beiträgt.[20]

Harks Untersuchungsergebnisse weisen also auf einen positiven Zusammenhang zwischen Religiosität und psychischer Gesundheit sowie einen negativen Zusammenhang zwischen der individuellen Intensität religiöser Orientierung und dem Grad individueller psychischer Problematik hin.

Sprich, je stärker die religiöse Orientierung eines Individuums ist, desto geringer die Neigung zu neurotischem Verhalten und umgekehrt: Mit einer ablehnenden religiösen Orientierung erhöht sich zunehmend die Möglichkeit einer psychischen Problematik. Mit anderen Worten:

Es konnte ermittelt werden, daß das Glaubensleben durch die psychoneurotischen Schwierigkeiten stark beeinträchtigt wird. Umgekehrt verhindern oder vermindern ein ganzheitlicher Glaube und eine ausgewogene religiöse Orientierung die Neurose.[21]

Damit bestätigte sich Harks Eingangshypothese: Bereits vorhandene Neurosen beeinträchtigen das Glaubensleben wesentlich, umgekehrt trägt ein gesundes Glaubensleben zur Heilung von Störungen bei.[22]

Auch der Arzt Samuel Pfeifer führte Untersuchungen durch, um den Zusammenhang zwischen psychischer Gesundheit und Religiosität zu klären. Dabei wollte er ermitteln, ob Religiosität psychische Störungen verursachen kann. In einer Untersuchung von 44 Patienten einer psychiatrischen Klinik kommt er zu dem Ergebnis, dass keine Korrelation zwischen Religiosität und einer neurotischen Symptomatik vorhanden ist.[23] Die tendenzielle Meinung mancher Fachkräfte, Glaube habe einen negativen Einfluss auf die Gesundheit, kann er damit nicht bestätigen. Dies soll seiner Meinung nach aber nicht ausschließen, dass Einzelne tatsächlich auf Probleme stoßen, da sie Religiosität in einem negativen Zusammenhang kennengelernt haben.

Ein weiterer, sehr bekannter Forscher ist der bereits erwähnte Amerikaner Allport. Er beschäftigte sich in seinen Untersuchungen hauptsächlich damit, welche Form der Religiosität destruktive Auswirkungen haben kann. Dabei verwendete er die in Kapitel 2.2.1.2 bereits erläuterte bipolare Unterscheidung einer extrinsischen und intrinsischen religiösen Orientierung. Allports Ausgangshypothese besagte, dass die Art der Religiosität eines Individuums massgeblich beteiligt ist an der Entwicklung hin zu psychischer Gesundheit oder Krankheit. Seine Untersuchungsergebnisse erbrachten das Resultat, dass eine extrinsisch orientierte Religiosität negative Wirkung auf die psychische Gesundheit hat, da sie – bedingt durch ihre Oberflächlichkeit - Krisenzeiten nicht stand hält.

Ebenso sind die Vorstellungen von Gott weniger von Liebe und Gnade, sondern von unbiblischen oder falsch verstandenen Forderungen geprägt, die letztlich kein Mensch erfüllen kann. Einengendes Christsein ist die Folge, bei der Freiheit und Lebensfreude vernachlässigt und statt dessen Ängste und Depressionen hervorgerufen werden. Die intrinsische Orientierung dagegen hat seinen Untersuchungen nach schützenden und persönlichkeitsfördernden Charakter. Hier gibt der Glaube Sinn und Ziel, Motivation und inneren Frieden. Religiosität wird in alle Lebensbereiche integriert, sie gibt der Person Stabilität und hat somit eine dienliche Funktion für das psychische Wohlbefinden. Religiosität kann also je nach Art der religiösen Orientierung ein wichtiger Faktor für den Erhalt psychischer Gesundheit sein oder aber pathologisches Verhalten verstärken.[24]

Batson et al. greifen in ihren Untersuchungen auf Allports Unterscheidung zwischen intrinsischer und extrinsischer religiöser Orientierung zurück. Sie gehen davon aus, dass eine intrinsische Orientierung „ein positives Sozialverhalten (aufgrund der moralischen Verpflichtung), weniger Angst und Schuldgefühle durch den festen Glauben, Erhöhung der eigenen Kompetenz durch das Gefühl des göttlichen Beistands sowie ein festes Selbstbild“[25] mit sich bringt. In einer Metaanalyse vergleichen sie Untersuchungen unterschiedlichster Autoren miteinander. In der Summe stellen sie fest, dass ein negativer Zusammenhang zwischen Religiosität und psychischer Gesundheit gegeben ist.

Wie aus diesen exemplarisch dargestellten Untersuchungsergebnissen festzustellen ist, lassen sich letztlich keine eindeutigen Schlüsse darüber ziehen, ob Religiosität nun generell destruktive oder produktive Elemente im Hinblick auf psychisches Wohlbefinden enthält. Dafür differieren die praktischen Ausdrucksweisen und Formen der Religiosität viel zu stark und sind zudem auch abhängig von Merkmalen wie z.B. der Persönlichkeit des Einzelnen. Dies macht eine eindeutige Kategorisierung der Religiosität in „gut“ und „schlecht“ unmöglich. Sowohl eine pauschale Pathologisierung als auch eine pauschale therapeutische Wirkung von Religiosität würde der Komplexität dieser Thematik letztlich nicht gerecht. Dagegen ist eine auf den einzelnen Menschen abgestimmte, differenzierte Betrachtungsweise nötig, um letztlich individuelle Befunde erstellen zu können.

Auch wenn also genügend Autoren den in der Gesellschaft gängigen Standpunkt vertreten, Religiosität sei verantwortlich für eine Vielzahl an psychischen Erkrankungen, können empirische Untersuchungen diese These letztlich nicht stützen. Statt dessen sind leichte Tendenzen in der Richtung ersichtlich, dass Religiosität eine positive, gesundheitsfördernde Wirkung hat.[26]

2.3 Zur Neurosenlehre im Allgemeinen

Um in der Annäherung zum Thema „ekklesiogene Neurosen“ fortzuschreiten sollen nun in diesem Kapitel die wichtigsten Grundlagen der Neurosenlehre dargelegt werden.

2.3.1 Charakteristische Merkmale einer Neurose

Die Bezeichnung „Neurose“ ist ein viel verwendeter Begriff für eine psychische Störung, von der ca. 10% unserer Bevölkerung betroffen ist. Der Frauenanteil ist dabei doppelt so hoch wie der Männeranteil. Sie beruht auf einer gestörten Persönlichkeitsentwicklung, die in Ursache und Erkennungsmerkmal so vielseitig sein kann, dass eine Kategorisierung vergleichbar den somatischen Erkrankungen kaum möglich ist. Aus diesem Grund gibt es auch keine universale Definition für eine Neurose. Eine Begriffsbestimmung aus der neueren Literatur lautet:

Als Neurose bezeichnet man eine Gruppe von seelisch bedingten Krankheiten chronischen Verlaufs, die sich in bestimmten Symptomen – Angst, Zwang, traurige Verstimmung, hysterische Zeichen – oder in bestimmten Eigenschaften – Hemmung, Selbstunsicherheit, emotionale Labilität, innere Konflikthaftigkeit – äußern.[27]

Eine Neurose kann demnach als psychische Störung im Sinne einer und Verhaltensstörung verstanden werden, welche aufgrund von krankmachenden, innerpsychischen Konflikten, sowie einer unangemessenen Verarbeitung von anhaltenden Konflikt- und Frustrationssituationen auftritt. Demnach sind Neurosen psychische Störungen, die nichts mit der organischen Struktur und Verfassung der Nerven des Menschen im anatomischen und physiologischen Sinne zu tun haben, was durch den Namen oftmals assoziiert wird.

Auch spielen hirnorganische Faktoren bei der Entstehung einer Neurose keine entscheidende Rolle, obwohl sie wiederum mittelbaren Einfluss ausüben können: Ein Mensch, der bei der Geburt eine leichte Schädigung seines Großhirns davongetragen hat, wird seine Lebenskonflikte möglicherweise schlechter bewältigen als ein gesunder Mensch und dadurch auch neuroseanfälliger sein.[28]

Der Neurotiker wird gequält von Wünschen, die er weder aufgeben noch erfüllen kann und die er aufgrund dessen verleugnen muss. Nicht selten liegt die Wurzel für die Entstehung einer Neurose in der frühen Kindheit. Konflikte mit den Eltern oder anderen Bezugspersonen werden in das Unterbewusstsein verlagert und bleiben dort unverarbeitet. Erst nach Jahren können diese Konflikte wieder ins Bewusstsein treten bei Anlässen, die vordergründig nichts mit der ursprünglichen Thematik zu tun haben. Ersichtlich wird die Störung dann durch die von Bräutigam geäußerten Symptome.[29]

Wie eben bereits erwähnt wird vielfach angenommen, dass eine Neurose im Laufe der Kindheitsentwicklung entsteht. Doch auch hier ist kein allgemein gültiger Konsens unter Fachleuten vorhanden. So geht Dührssen davon aus, dass neurotisch prägende Einflüsse auch noch in der Schul- und Jugendzeit, sowie dem Erwachsenenalter wirksam werden können.[30] Diese Ansicht weicht allerdings von dem klassischen Neuroseverständnis ab, nach dem vor allem die Erfahrungen und Bedingungen der ersten sechs Lebensjahre für die Entwicklung einer Neurose ausschlaggebend sind.

2.3.2 Symptome

Wie bereits eingangs beschrieben, zeigt sich eine Neurose in den unterschiedlichsten Varianten und reicht von schweren bis hin zu leichten Störungen, welche von normalen Reaktionen in Belastungssituationen kaum zu unterscheiden sind. Obwohl jeder Schweregrad seine spezielle Ausprägung hat, sind dennoch Gemeinsamkeiten ersichtlich, zu denen folgende Merkmale gehören[31]:

- Unsicherheit, innere Konflikthaftigkeit

Personen mit einer neurotischen Störung fühlen sich in vielen Situationen unsicher und sind geplagt von innerpsychischen Konflikten. Selbst alltägliche Aufgaben, banale Situationen und einfache Wünsche und Bedürfnisse werden endlos hinterfragt und können diese Personen in ein Spannungsfeld manövrieren, das unter anderem Unschlüssigkeit, Ängstlichkeit zur Folge haben kann.

- Hemmungen

Die eben beschriebene Unsicherheit kann auch zu Hemmungen führen im Umgang mit sich selbst und anderen Menschen. Die Hemmungen neurotisch erkrankter Personen übersteigen dabei weit das natürliche Maß an Scham und gesellschaftlichem Anstand. Banalste Situationen werden zu einem unüberwindbaren Hindernis.

- Kontaktstörung

Ein weiteres Merkmal neurotisch belasteter Personen ist eine auffallende Kontaktstörung. Neurotiker haben große Mühe damit, auf andere zuzugehen und tiefere Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Oftmals finden sie nicht das richtige Maß, den richtigen Ton, die richtige Einfühlung.

- Gefühlsverstimmungen, Kränkbarkeit

Neurotische Personen sind oftmals beeinträchtigt durch häufige Gefühlsschwankungen und leichte Kränkbarkeit. Kleinste Hinweise, die auf Kritik deuten oder ein nicht wohlgesonnener Tonfall kann sie aus dem emotionalen Gleichgewicht bringen.

- Verminderte Leistungsfähigkeit

Aufgrund der starken Ängste und der Unsicherheit lässt die Leistungsfähigkeit und das Konzentrationsvermögen sehr nach. Die ständige innere Anspannung wird zu unterdrücken versucht durch emotionale Kontrolle, dem ständigen Absichern gegen Versagen und Ablehnung, dem kontinuierlichen Aufarbeiten innerer Konflikte und der angestrengten Abgleichung zwischen den eigenen Wünschen und den Forderungen anderer. All dies nimmt neurotischen Menschen die Kraft zum Leben. Die Arbeit wird zur permanenter Überforderung.

- Vegetative Beschwerden

Als letztes Symptom zählt eine Fülle von vegetativen Beschwerden, die auch als psychosomatische Symptome bezeichnet werden.

2.3.3 Syndrome

Wie bereits erwähnt kann die Stärke der Neurosen und damit der Beeinträchtigung im Lebenswandel sehr unterschiedlich sein und reicht von leichten bis hin zu schweren Störungen. Neurosen zeigen sich in einer Vielzahl von verschiedenen Syndromen. Einen Überblick über die unterschiedlichsten neurotischen Syndrome gibt Pfeifer in seinem Buch „Wenn der Glaube zum Problem wird“[32]:

a) Neurotische Depression (Dysthymie)

Ein Syndrom mit unverhältnismäßig starker Verstimmung, die meist auf eine traumatische Erfahrung folgt. Der Betroffene beschäftigt sich viel mit Fragen um Verlust, Ablehnung, Versagen und ist gegenüber neuerlichen Belastungen sehr sensibel. Dauer: Langwierig, mindestens zwei Jahre. Übergang zu endogenen Depressionen fließend. Meist spielen endogene und reaktive Faktoren mit.

b) Angstsyndrome

Verschiedene Kombinationen psychischer und körperlicher Angsstymptome, die keiner realen Gefahr zugeordnet werden können. Auftreten als plötzlicher Angstzustand (Panikattacken) oder als dauernde Angst (generalisiertes Angstsyndrom). Phobien sind Störungen mit Furcht vor bestimmten Objekten oder Situationen, die normalerweise solche Gefühle nicht hervorrufen würden.

c) Neurasthenie

Ein Syndrom mit allgemeiner Schwäche, Reizbarkeit, Kopfweh, Depression, Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten und Mangel der Fähigkeit, Freude zu empfinden. Es kann einer Infektionskrankheit oder einer Erschöpfung folgen oder sie begleiten oder aus einer anhaltenden Belastungssituation hervorgehen.

d) Hypochondrisches Syndrom

Übermäßige Beschäftigung mit der eigenen Gesundheit im allgemeinen oder einzelnen Körperfunktionen, verbunden mit Angst und Depression.

e) Hysterische Syndrome (Somatisierungssyndrom)

Ausgeprägte körperliche Symptome (Lähmung, Zittern, Blindheit, Taubheit, Anfälle u.ä.) oder starke Einengung des Bewußtseins ohne organischen Befund, oft stark wechselhaft.

f) Zwangssyndrom

Denkinhalte oder Handlungsimpulse drängen sich dem Kranken auf, obwohl er sie als unsinnig erkennt. Gibt er den Impulsen nicht nach, so entwickelt sich eine unerträgliche Spannung und Angst.

g) Andere Neuroseformen

Dazu zählen verschiedene seltene Syndrome und v.a. unklare Mischbilder. Neben der speziellen Problematik (z.B. Sexualstörungen, Eßstörungen) zeigen diese Menschen die erwähnten gemeinsamen neurotischen Grundsymptome.

2.3.4 Ursachen der Neurosenentstehung

Psychologen sind sich einig darüber, dass Neurosen durch einen innerpsychischen Konflikt entstehen. Je nach psychologischer Schule werden allerdings differierende Ursachen für eine Neurosenentwicklung verantwortlich gemacht. So legt jede psychologische Schule den Schwerpunkt des Konfliktes auf einen anderen Bereich. Freud sieht den entscheidenden Konflikt zwischen Trieb und Triebabwehr und geht somit von einer kausalen Betrachtungsweise aus. Adler legt dagegen den Fokus auf den Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft und betont somit eine finale Betrachtungsweise. Jung wiederum beschreibt den Konflikt als eine Spannung zwischen dem Individuum und den das Individuum transzendierenden Kräften. Er weist also, wie auch Frankl, vor allem auf die geistige Dimension des innerpsychischen Konfliktes. Eine solche Betrachtungsweise bezeichnet Wolfslehner als axiologisch; eine Betrachtungsweise, die nicht nach dem „Warum?“ oder „Wohin?“, sondern nach dem „Wozu?“ fragt.[33]

Da im Kapitel 3 genauer auf die Entstehung von Neurosen eingegangen wird, hier nur ein kurzer Überblick über die unterschiedlichen Schulen samt ihren Anschauungsweisen zur Ursachenentstehung von Neurosen.[34]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieser kurze Überblick über Neurosemerkmale und ihre Ursachen sollen genügen, um den Gesamtzusammenhang zu erläutern, um welchen es bei der ekklesiogenen Neurose geht. Auf die Ursachenentstehung ekklesiogener – im Gegenzug zur allgemeinen - Neurose - wird im nächsten Abschnitt unter Kapitel 3 eingegangen.

2.4 Zum Begriff der „ekklesiogenen Neurose“

Nachdem geklärt wurde, dass zwischen Religiosität und psychischer Gesundheit eine Wechselwirkungen besteht und wie sich eine Neurose im Allgemeinen zeigt, nun zu dem Begriff der „ekklesiogenen Neurose“.

2.4.1 Die Entstehung des Begriffes

Im Jahre 1955 veröffentlichte der Berliner Gynäkologe Schaetzing in der Zeitschrift „Wege zum Menschen“ einen Aufsatz mit dem Titel „Die ekklesiogenen Neurosen“.[35] „Ekklesiogene Neurose“ im Sinne des Verfassers meint „durch kirchlichen (ekklesia = die Kirche) Dogmatismus verursachte Neurosen“[36]. Anlass für das Verfassen dieses Artikels war die Tatsache, dass Schaetzing sich in seiner gynäkologischen Praxis unerwartet häufig mit Frauen konfrontiert sah, die unter Sexualstörungen litten und zeitgleich eine strenge Religiosität erkennen ließen. Aufgrund dessen stellte er die Hypothese auf, dass es einen Zusammenhang geben muss zwischen kirchlichem Dogmatismus[37] und dem Auftreten von sexuellen Störungen. Davon betroffene Menschen sah er in ein Spannungsfeld manövriert. Einem Spannungsfeld bestehend aus dem kirchlichen Anspruch einer sittenstrengen Sexualität und den ihr widersprechenden Bedürfnissen nach körperlicher Liebe. Wird der Zwiespalt nicht gelöst, so kann dies laut Schaetzing zu schweren Konflikten führen, die unter anderem in neurotischen Störungen ersichtlich werden.

Als klassisches Beispiel „dogmatischer Engstirnigkeit“ sieht Schaetzing die kirchliche Überzeugung Geschlechtsverkehr vor der Ehe sei verwerflich. So schreibt er:

Am Tage der Hochzeit wird dann die gesamte negative Suggestion in das Gegenteil ver-kehrt. Was gestern verwerfliche Sünde war, gilt heute als heilige Pflicht. ... Die vorher als unanständig verfemten Geschlechtsteile sollen auf einmal als die Organe der Liebe empfunden werden.[38]

Die Folgen sind für Schaetzing eindeutig: Empfindsame Frauen bezahlen diesen „Vorstellungsknick“ meistens mit einem bleibenden Vorurteil gegenüber der körperlichen Liebe und füllen als sogenannte „Frigide“ die Sprechzimmer der Gynäkologen. Infolgedessen kommt Schaetzing zu der Schlussfolgerung, dass das völlige Versagen im Liebesleben, bei der Frau „Frigidität“ und beim Mann „Impotenz“ genannt, als ekklesiogenes Krankheitsbild jedem Psychotherapeuten in erschreckender Anzahl geläufig ist und in Einzelfällen von Selbstmordversuchen bis hin zum erfolgten Suizid geführt hat.[39] Ebenso scheitern seiner Meinung nach Ehen nicht zuletzt daran, dass gerade Menschen, welche die Bedingung der vorehelichen Abstinenz erfüllen, mit überspannten Erwartungen an die Ehe herantreten und sich dann enttäuscht fühlen. So schreibt er hierzu:

Unabhängig von den entsprechenden Statistiken haben die heutige medizinische Psychologie und die ärztliche Psychotherapie unterdessen wissenschaftlich verbriefte Erkenntnisse gesammelt, die, insgesamt betrachtet, eine zwar bedauerliche, aber nicht mehr wegzuleugnende Bankrotterklärung der dogmatistischen Erziehungsübung bedeuten. Der so viel geschmähte Naturtrieb tut eben keiner Generation den angeforderten Gefallen, bis zur Eheschließung schmuck zu schlafen, um dann kommandohaft und scheinbar urplötzlich zu voller Pracht und Menschenwürde zu erblühen. Erfahrungsgemäß lieben sich die Menschen nicht deswegen, weil sie geheiratet haben, sondern umgekehrt oder bestenfalls trotzdem - sie heiraten, weil sie sich lieben und innig begehren.[40]

Diese Erfahrungen prägten Schaetzing soweit, dass er mit der Bezeichnung der „ekklesiogenen Neurosen“ das Phänomen eines pathologischen Glaubens begrifflich auf den Punkt brachte.

Auch der Arzt und Psychotherapeut K. Thomas beschäftigte sich mit Begriff und Inhalt der „ekklesiogenen Neurosen“. Als Leiter der „Ärztlichen Lebensmüdenbetreuung Berlin“ sah er sich zu einem großen Teil religiösen Patienten gegenübergestellt, die eine neurotische Krankheitsentwicklung aufzuweisen hatten. Auch er stellte daraufhin die Hypothese eines Zusammenhangs zwischen Religiosität und Krankheit her und stufte in einer neueren Studie 43% seiner Patienten als ekklesiogen erkrankt ein. Etwa ¾ dieser ekklesiogen neurotischen Menschen sind dabei suizidgefährdet.[41] In Anlehnung an Schaetzing bewertet Thomas die „ekklesiogene Neurose“ als eine Störung der Erlebnisverarbeitung, welche durch strenge, pseudochristliche Erziehung entsteht. Das Tabuisieren bestimmter Themen wie das der Sexualität in Kombination mit Verboten und Androhungen von Strafen führen seiner Meinung nach zu einer leibfeindlichen Haltung. Während nach Thomas echte Frömmigkeit die Entstehung von Neurosen verhindern und vor Selbstmord schützen kann, führen „ekklesiogene Neurosen“ durch den unerträglichen Widerspruch zwischen Es und Über-Ich verstärkt zum Selbstmord.[42]

2.4.2 Fallbeispiele

Nachdem im vorherigen Kapitel die Hintergründe zur Begriffsentstehung der „ekklesiogenen Neurose“ erläutert wurde, stellt sich nun die Frage, wie sich diese Form der neurotischen Störungen äußern. Wie bereits angeklungen ist, stehen die Symptome laut Schaetzing und Thomas meist eng in Zusammenhang mit Sexualstörungen. Im Folgenden sollen ausschnittsweise einige Erfahrungsberichte geschildert werden, welche von den Autoren dokumentiert und in ihren Büchern veröffentlicht wurden.

Eine 54jährige, durchaus intelligente und sonst vernünftige Witwe konsultierte mich wegen eines unstillbaren pruritus genitalis (Scheidenjuckreizes). Das Leiden trat 1 Jahr nach dem Tode des Ehemannes auf und bestand volle 15 Jahre in so qualvoller Form, daß bereits zweimal ein Selbstmordversuch erfolgt war. Natürlich waren alle Organmaßnahmen erschöpft. Die Patientin kannte sämtliche Salben, Hormone, Röntgenbestrahlungen und so fort, ohne den geringsten Erfolg erlebt zu haben. Nach sehr vorsichtiger psychologischer Befragung stellte sich heraus, daß die Arme niemals im Leben onaniert hatte. Wohl aber war ihr nach dem Tode des Gatten infolge ganz natürlicher sexueller Spannungen einmal der Gedanke der Selbstbefriedigung gekommen. Sie hatte von einer Freundin über jene Möglichkeit der „Selbsthilfe“, wie J. H. Schultz diese Form der „Notonanie“ bezeichnet, gehört. Ohne jedes Tun litt die Patientin unter dem sie verfolgenden verführerischen Gedanken, den sie auf Grund ihrer Erziehung als sündhaft verwarf. Inzwischen setzte das Symptom des Juckreizes ein und zwang die Frau in der Form des Kratzens und Reibens zu derjenigen Hand-lung, zu der sie sich bewußt niemals bekennen konnte. Eine entsprechende Aufklärung über das tatsächliche Wesen der Onanie ließ das Symptom, das bisher aber auch jeder Behandlung getrotzt hatte, binnen vier Wochen verschwinden, ohne daß deswegen nun eine Onanie eingesetzt hätte. Die Patientin mußte lediglich von der Vorstellung, gedanklich bereits gesündigt zu haben, befreit werden.[43]

Ein 21jähriger Theologiestudent war drei Jahre hindurch arbeitsunfähig, meist bettlägrig und viele Monate in klinischer Behandlung an unnerträglichen Rückenschmerzen erkrankt. Wie 97% seiner Altersgenossen ohne Freundin übte auch er Selbstbefriedigung. Seine Gewissensskrupel hatten unbewußt zu den Rückenschmerzen geführt. Eine 80stündige psychotherapeutische Behandlung deckte aus den Träumen diese Ursachen auf und führte zur völligen endgültigen Heilung.[44]

Eine 32jährige Pfarrfrau, Tochter eines Predigers, war streng erzogen worden. Sie war nicht nur in den neun Jahren ihrer Ehe frigide, sondern auch in einer neurotisch-kindhaften Abhängigkeit zu ihren Eltern geblieben, so daß sie nie aus der Eltern- in die Gattenbindung übergehen konnte und dadurch eheunfähig war. Der Pfarrer wurde erst in eine andere Gemeinde versetzt und schied dann aus dem geistlichen Amt aus. Die Ehe wurde geschieden, nachdem zahlreiche Versuche von Seelsorgern, sie zu retten, aus Unkenntnis der neurotischen Gründe scheitern mußten.[45]

Ein Theologiestudent im vierten Semester war als Pfarrerssohn besonders streng erzogen worden. Er hatte keinerlei geschlechtliche Aufklärung, wohl aber viele Verbote erhalten, die so weit gingen, daß ihm der Besuch von üblichen Filmen bis zu seinem 22. Lebensjahr als sündhaft untersagt war. Nun studierte er zum ersten Mal in einer fremden Stadt und war selbständig. Zunächst ging er allabendlich bevorzugt in solche Filmtheater, bei denen er mit der gleichen Eintrittskarte durch drei Vorstellungen hintereinander sitzenbleiben konnte. Alsbald geriet er in die Kreise leichtfertiger und nicht hochstehender Mädchen und war nach einem Jahr Vater eines unehelichen Kindes. Das Studium gab er auf, mit dem Elternhaus war er zerbrochen und suchte nun als Gelegenheitsarbeiter sein Brot zu verdienen. Die Eltern sind untröstlich über den mißratenen Sohn, sehen aber nicht die Verbindung zwischen den Erziehungseinflüssen des Elternhauses und der logischen, wenn auch übersteigerten Reaktion des Sohnes.[46]

Diese Beispiele sollen genügen, um einen Eindruck zu vermitteln, wie sich „ekklesiogene Neurosen" laut Schaetzing und Thomas äußern können. Ersichtlich wird hier, wie bereits erwähnt, dass die Begründer des Begriffes Neurosen, welche im Umfeld kirchlicher Gemeinschaften entstanden sind, sehr stark auf Sexualstörungen beziehen und dabei andere Symptome außer acht lassen. Als Ursache der Störung machen sie klar den kirchlichen Dogmatismus, sowie eine strenge Erziehung (vor allem im Bereich der Sexualität) verantwortlich. Damit nehmen sie eine lineare Ursache-Wirkungszuschreibung vor.

Was aber hat es auf sich mit der sexual- und leibfeindlichen Einstellung der Kirche und inwiefern kann sie heute noch verantwortlich gemacht werden für die Entstehung von Neurosen?

2.4.3 Exkurs: Sexual- und leibfeindliche Einstellung der Kirche

2.4.3.1 Geschichtliche Hintergründe

Betrachtet man die Kirchengeschichte genauer, so ist in der Tat festzustellen, dass die Kirche in den vergangenen zwei Jahrtausenden eine repressive Sexualmoral gelebt und beansprucht hat. Einen groben Abriß über die Entwicklung christlicher Sexualfeindlichkeit geben Haag und Elliger in ihrem Buch „Stört nicht die Liebe“.[47]

Während die Sexualität zu Zeiten des Alten Testamentes als zum Menschen gehörig angesehen wurde, veränderte sich diese Meinung Jahrhunderte später, als griechisches Gedankengut die christlichen Gemeinden durchdrang. Der Stoizismus, eine der bekannten griechischen Philosophien, predigte eine strenge und asketische Moral. Vernunft wurde gegen die Sinne ausgespielt und als wichtigste menschliche Instanz gesetzt. Die Folge war eine Überakzentuierung der Vernunft und des Geistes, der Leib dagegen wurde als unheilig und somit nebensächlich eingestuft. Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass Sexualität zunehmend als Gefahr verstanden wurde. Eine Gefahr deswegen, weil sie durch ihre Sinnlichkeit die Vernunft in den Hintergrund drängte und somit die Nähe zu Gott störte. Dieses Gedankengut wurde von den Christen zur damaligen Zeit übernommen. So ist anzunehmen, dass der Einfluss des Stoizismus unter anderem auch für die Haltung von Paulus verantwortlich gemacht werden kann, dem heute unter allen biblischen Autoren in erster Linie leib- und sexualfeindliche Tendenzen vorgeworfen werden und welcher in der Tat teils schockierende sexualfeindliche Briefe verfasste.[48]

Neben dem Einfluss antiker Philosophien spielte für eine derartige Meinungsbildung auch der zu dieser Zeit weitverbreitete Glaube der Naherwartung des Weltendes eine große Rolle. Von nun an ging es nur noch um das Seelenheil, Themen wie Fortpflanzung und geschlechtliche Beziehungen wurden bedeutungslos. Aus diesem Grund kam Paulus auch zu der Aussage, dass es besser sei, nicht zu heiraten und sich statt dessen ganz in den Dienst Gottes zu stellen.[49] Nun ging die Welt aber nicht unter und nach und nach musste die bisherige Haltung überdacht und verändert werden. Auf Kinder konnte nicht verzichtet werden und dementsprechend konnte auch nicht mehr von der Ehe abgeraten werden. So wurde von den sogenannten Kirchenvätern Zugeständnisse in dergestalt gemacht, dass Sexualität zum Zweck der Kinderzeugung erlaubt, insgesamt aber nach wie vor als Sünde eingestuft wurde. In diesem Zusammenhang muss vor allem der bekannte Augustinus erwähnt werden, dessen Einfluss auf die kirchliche Sexualmoral bis heute anhält.[50]

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Ausbreitung einer leibfeindlichen Einstellung ursprünglich nicht im Christentum, sondern in dem Einfluss antiker Philosophien begründet liegt. Philosophisches Gedankengut aus dem Stoizismus wurde von den Kirchenvätern verwendet, um damit die Stigmatisierung der Sexualität zu besiegeln. Sexual- und leibfeindlicher Dogmatismus kann letztlich als pseudochristlich verstanden werden. Dennoch hat die kirchliche Lehre über Jahrhunderte hinweg derartige Inhalte als fundamental christlich verteidigt.[51]

2.4.3.2 Ihre Bedeutung für die heutige Zeit

Die Frage ist nun allerdings, ob der Vorwurf einer engen, leibfeindlichen Erziehung und fehlenden Aufklärung, heute noch zu halten ist und die Einwände in unserer heutigen Zeit nicht zu relativieren sind. D.h. es gilt zu klären, ob die sexualfeindliche Form der Erziehung zu Zeiten von Schaetzing und Thomas heute noch in der Häufigkeit vorzufinden ist.

In unserer heutigen Gesellschaft und auch in den Kirchen ist im Hinblick auf den Umgang mit Sexualität ein Wandel ersichtlich. Junge Menschen haben im Vergleich zu früheren Generationen ein viel entspannteres Verhältnis zur Sexualität. So ist Sexualität heute ein wichtiges Thema in Gesprächen und Diskussionen, in Informationsheften und Aufklärungsschriften, in Zeitungen und Büchern, in Bildern und Filmen und fordert auf diese Weise zu einer kritischen Auseinandersetzung heraus. Doch bedeutet dies auf der anderen Seite nicht, dass es heute keine Formen einer engen und leibfeindlichen Erziehung mehr gibt und in jeder Familie eine notwendige Aufklärung zu sexuellen Fragen erfolgt. Leider finden sexuelle Themen zumindest innerhalb vieler Familien - und dies gilt sowohl für christlich geprägte, wie für die übrigen - weiterhin wenig Raum. Von einer Aufklärung über die menschliche Sexualität kann im familiären Lebensbereich also nicht in jedem Fall ausgegangen werden. Vielmehr lassen sich teilweise auch heute noch weitgehende Unsicherheit und Beklommenheit diesem Thema gegenüber finden. Dieser Sachverhalt kann unter Umständen daran liegen, dass viele Eltern in einer Zeit aufgewachsen sind, in der die Sexualität im Gesellschaftlichen wie Kirchlichen völlig Tabu und negativ besetzt war. Wo diese Zurückhaltung heute noch zu finden ist, gilt es, der gottgewollten Sexualität einen legitimen Raum zu geben, den Umgang damit neu zu lernen und alte Denkmuster über Bord zu werfen. Eine große Herausforderung zumindest für die Generation, welche den adäquaten Umgang mit Sexualität selbst nicht gelernt hat. Treten trotz des gesellschaftlichen Wandels auch heute noch Sexualstörungen auf, so kann, muss dies aber nicht mit Religiosität in Verbindung stehen. Hier gilt es, den Klienten als Ganzes zu sehen, mit all seinen innerpsychischen Problemen, Hintergründen und Persönlichkeitsstrukturen. Eine lineare Ursachenzuschreibung, wie sie Schaetzing und Thomas vornahm, wird der Komplexität der Entstehungsursachen von Sexualstörungen nicht gerecht. So lässt sich bei genauer Analyse der Erfahrungsberichte, welche Thomas und Schaetzing dokumentierten, feststellen, dass die Sexualstörungen in ein komplexes Zusammenspiel mehrerer ursächlicher Faktoren, unter anderem dabei auch der Religiosität, eingebettet sind.[52]

2.4.4 Zusammenfassung

Wie aus den bisherigen Ausführungen ersichtlich wird, sehen Schaetzing und Thomas „ekklesiogene Neurosen“ hauptsächlich im Zusammenhang mit Sexualstörungen und Selbstmordanfälligkeit. Zu den typischen Symptomen zählen ihrer Einschätzung nach Impotenz, Frigidität, Homosexualität und sogenannte Perversionen wie Sadismus und Masochismus. Dabei machen sie die Kirche bzw. den kirchlichen Dogmatismus verantwortlich für die Entstehung neurotischer Störungen. Ein Vorwurf, der sicherlich heute in der Form aufgrund gesellschaftlicher und kirchlicher Veränderungen nicht mehr zu halten ist. Auch die Fokussierung auf den sexuellen Bereich ist letztlich viel zu eingeengt. Inzwischen fassen eine Reihe von Autoren den Begriff der „ekklesiogenen Neurose“ viel weiter. Ihrer Erfahrung nach gehört die ganze Bandbreite der unter Kapitel 2.3.3 genannten Syndrome einer Neurose unter den Ausdruck subsumiert. So können unter dem Terminus der „ekklesiogenen Neurose“ auch Ängste, Zwänge, Depressionen, Eßstörungen und andere psychosomatische Störungen verstanden werden.

2.5 Kritik am Begriff der „ekklesiogenen Neurose“

Obwohl der Begriff der „ekklesiogenen Neurose“ in der Fachwelt sehr schnell aufgenommen wurde, inzwischen einen festen Stellenwert in der diagnostischen Arbeit hat und zum psychotherapeutischen Allgemeingut gehört, ist der Ausdruck trotzdem einer starken Kritik unterworfen. Etliche Autoren warnen davor, den Begriff vorschnell und unkritisch zu verwenden. Vergleicht man die bisherigen Daten zur „ekklesiogenen Neurose“ und der Neurose im Allgemeinen, so wird ersichtlich, dass eine Kritik hinsichtlich des Gebrauchs eines Fachausdrucks wie der „ekklesiogenen Neurose“ seine Berechtigung hat.

Wolfslehner stellt den Begriff bereits im Ansatz in Frage. Er vertritt die Meinung, dass besser von einer neurotischen Reaktion gesprochen werden sollte, anstatt von einer Neurose. Die Begründung hängt damit zusammen, dass Neurosen nach Auffassung Wolfslehners und anderer Autoren in den ersten sechs Lebensjahren entstehen. Dagegen ist bei der Entstehung einer „ekklesiogenen Neurose“ anzunehmen, dass sich die Erkrankung nicht ausschließlich auf seelische Konflikte in der frühen Kindheit bezieht, sondern hauptsächlich die Zeit umfasst, in der ein Individuum unmittelbar in den kirchlichen Kontext einbezogen ist. In aller Regel bekommen Kinder mit der Kirche erst direkten Kontakt, wenn sie schon etwas älter sind (abgesehen von Kindergottesdienstbesuchen). Es kann demnach zwar in dem Altersabschnitt der ersten sechs Lebensjahre ein Grundlage für eine ekklesiogen verursachte Neurotisierung gelegt werden, entfalten wird sie sich allerdings erst in späteren Jahren mit Einfluss anderer neurosefördernder Prozesse.[53]

Weiter weist der Terminus der „ekklesiogenen Neurose“ auch an anderen Punkten schwere Mängel auf. Neben der bereits erwähnten Kritik Wolfslehners verweist Dieterich auf die Schwierigkeit, aus einem bestehenden Neurosekonzept eine einzige (gemeint ist die ekklesiogene) Entstehungsursache abzuleiten. So schreibt er:

Es könnte ja durchaus denkbar sein, dass ein ganzes Beziehungsgeflecht, ein „System“, mit der gegenwärtigen Störung zusammenhängt, dass es eine Vielzahl von Parametern (beispielsweise Eltern, Gemeinde, Schule, Peer-group usw.) sind, die das Hier und Jetzt bestimmen – und eben nicht nur eine einzige Ursache im Sinne der Monokausalität.[54]

Richtet man sich streng nach der Etymologie, so ist die Kirche per se als neurotisierender Faktor zu sehen. Welche Kirche ist aber damit gemeint und welche Art der Glaubenspraxis? Es kann schließlich nicht darum gehen, im Sinne eines Pauschalurteils die Kirche als Gesamtheit für psychische Krankheiten verantwortlich zu machen. Hier gilt es eine klare Differenzierung vorzunehmen.[55]

[...]


[1] Moser (1980), S. 9 ff.

[2] Moser (1980)

[3] vgl. Dörr (1987), S.1

[4] Dieterich (1991), S. 9

[5] vgl. Scholl (1980), S. 8

[6] Pfeifer (1999), S. 85

[7] Allport (1950), S. 26

[8] vgl. Pfeifer (1999), S. 86

[9] vgl. Batson et al. (1993), S. 156

[10] Allport (1950), S. 72

[11] Uhder (1996), S. 88

[12] Uhder (1996), S. 88

[13] Allport & Ross (1967), S. 434

[14] Who. In: Scholl (1980), S. 173

[15] Who. In: Meyers großes Taschenlexikon (1990), S. 171

[16] vgl. Dieterich (1994), S. 122 f.

[17] vgl. Dieterich (1994), S. 124 ff.

[18] vgl. Pfeifer & Waelty (1999), S. 37

[19] vgl. Hark (1984), S. 119

[20] Hark (1984), S. 12

[21] Hark (1984), S. 9

[22] vgl. Hark (1984), S. 13

[23] vgl. Pfeifer & Waelty (1999), S. 35

[24] vgl. Dörr (1987), S. 5

[25] Dörr (1987), S. 6

[26] vgl. Pfeifer & Waelty (1999), S. 36

[27] Bräutigam. In: Mester & Tölle (1981), S. 2

[28] vgl. Wolfslehner (1990), S. 66

[29] vgl. Pfeifer (1999), S. 60

[30] vgl. Dührssen (1992), S. 79

[31] vgl. Pfeifer (1999), S. 61 ff.

[32] Pfeifer (1998), S. 79 f.

[33] vgl. Wolfslehner (1990), S. 65

[34] vgl. Wolfslehner (1990), S. 65

[35] Schaetzing (1955)

[36] Schaetzing (1955), S. 97

[37] unter Dogmatismus wird ein an der Realität des Lebens vorbeigehendes, zum „Selbstzweck aufgeblähtes und entstelltes“ kirchliches Verhalten bezeichnet (Wolfslehner (1990), S. 77)

[38] Schaetzing (1955), S. 101

[39] vgl. Schaetzing (1955), S. 101

[40] Schaetzing (1955), S. 103

[41] vgl. Thomas (1989a), S. 382

[42] vgl. Thomas (1989b), S. 21 ff.

[43] vgl. Schaetzing (1955), S. 103 f.

[44] Thomas (1964), S. 305

[45] Thomas (1964), S. 305

[46] Thomas (1964), S. 315

[47] Haag & Elliger (1989)

[48] vgl. Haag & Elliger (1989), S. 25

[49] vgl. Gute Nachricht, 1. Kor. 7,10.29-31

[50] vgl. Haag & Elliger (1989), S. 35

[51] vgl. Haag & Elliger (1989), S. 40

[52] vgl. Pfeifer (1999), S. 125 ff.

[53] vgl. Wolfslehner (1990), S. 269

[54] Dieterich, (1991), S 59

[55] vgl. Wolfslehner (1990), S. 78

Ende der Leseprobe aus 149 Seiten

Details

Titel
Das Phänomen der "ekklesiogenen Neurosen" - eine kritische Analyse religiös bedingter Lebenskonflikte und ihre Interventionsmöglichkeiten
Hochschule
Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
149
Katalognummer
V27406
ISBN (eBook)
9783638784542
Dateigröße
1166 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Phänomen, Neurosen, Analyse, Lebenskonflikte, Interventionsmöglichkeiten
Arbeit zitieren
Melanie Vita (Autor), 2002, Das Phänomen der "ekklesiogenen Neurosen" - eine kritische Analyse religiös bedingter Lebenskonflikte und ihre Interventionsmöglichkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27406

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