Seezeichen und Leuchtfeuer im Nordeuropa des Mittelalters


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Segelanweisungen und „Seebuch“

3. Landmarken

4. Die nautischen Seezeichen
4.1 Feste Seezeichen und Baken
4.2 Leuchtfeuer und Leuchttürme
4.3 Schwimmende Seezeichen: Bojen und TonnenS

5. Vertonungen

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis
7.1 Sekundärliteratur
7.2 Quellen

1. Einleitung

Betrachtet man die modernen technischen Hilfsmittel, die den Seeleuten der heutigen Handels- und Kriegsflotten zur Verfügung stehen, stellt man sich die Frage, wie es die Schiffer des Mittelalters ohne all diese nautischen Hilfsmittel schafften, ihre Ziele überhaupt und dazu noch sicher zu erreichen. Heute lassen sich durch moderne Mittel wie GPS, Echolote und detaillierte Seekarten die Ziele sicher ansteuern, ohne fürchten zu müssen, das Ziel zu verfehlen oder auf Grund zu laufen. Zudem sind heute verschiedene Seezeichen, etwa Tonnen zur Fahrwassermarkierung, sowie Leuchttürme in sämtlichen Gewässern üblich, die auch oft ausgestattet mit moderner Elektronik die Seeleute durch die gefährlichen Küstengewässer führen.

Wie aus diversen Quellen bekannt ist, gab es auch im Mittelalter verschiedene, meist sehr einfache Seezeichen, die jedoch für den mittelalterlichen Schiffer von großer Bedeutung waren. So wurden bereits früh natürliche Gegebenheiten der Küstengewässer oder vom Meer aus sichtbare Bauten als Hilfsmittel zur Navigation und Orientierung genutzt. Später ging man dann auch dazu über, spezielle nautische Seezeichen und Leuchtfeuer bzw. -türme zu errichten, um es den Schiffern leichter zu machen, ein angestrebtes Ziel sicher zu erreichen. In dieser Arbeit sollen nun die verschiedenen Seezeichen vorgestellt werden, die in den mittelalterlichen Quellen, vor allem den Segelanweisungen, Erwähnung finden. Abschließend soll in dieser Arbeit die Frage beantwortet werden, welche Bedeutung die verschiedenen Seezeichen für den mittelalterlichen Schiffsverkehr hatten und welche Umstände dazu geführt haben könnten, dass im Verlauf des Mittelalters immer mehr solcher Zeichen errichtet wurden.

Zuerst sollen kurz die verschiedenen mittelalterlichen Segelanweisungen und besonders das „Seebuch“, die wohl umfangreichste Zusammenstellung derartiger Anweisungen vorgestellt werden. Viele der unten beschriebenen Seezeichen finden Erwähnung in den Segelanweisungen und machen deutlich, in welcher Weise diese von den Schiffern des Mittelalters genutzt wurden. Im Anschluss sollen dann die sogenannten Landmarken, die wohl frühesten genutzten Seezeichen, vorgestellt werden. Die Nutzung von natürlichen Gegebenheiten der Küste oder Bauwerken, die primär nicht für nautische Zwecke errichtet wurden, spielten für den damaligen Schiffer eine erhebliche Rolle. Dann sollen die eigentlichen nautischen Seezeichen vorgestellt werden. Hierunter fallen zum einen die festen Seezeichen oder Baken, die den Schiffern als Orientierungshilfe in Küstennähe dienten. Zum anderen gab es auch Leuchtfeuer und Leuchttürme, die die Schiffer selbst bei Nacht sicher durch die gefährlichen Küstengewässer leiteten. Hinzu kommen auch schwimmende Seezeichen, Tonnen und Bojen, die noch heute die Fahrwasser der Küstenregionen in Nord- und Ostsee markieren und die bereits von den Seeleuten des Mittelalters genutzt wurden. Im Anschluss soll dann noch kurz die Rolle sogenannter Vertonungen erörtert werden, die, anders als die Segelanweisungen, Zeichnungen von Küstenansichten boten, anhand derer die Schiffer ihre Position und ihren Kurs überprüfen konnten. Abschließend soll dann in einem Fazit der Versuch unternommen werden, die oben stehende Frage angemessen zu beantworten.

Trotz der Bedeutung von Seezeichen für den mittelalterlichen Schiffsverkehr hat sich die Forschung noch nicht in großem Umfang mit diesem Thema beschäftigt. Dies mag vor allem auch daran liegen, dass Seezeichen in den Quellen meist nur namentlich erwähnt werden. Das Aussehen der verschiedenen Seezeichen und die historischen Entwicklungen, die zu ihrer Errichtung führten, bleiben somit meist im Dunkeln. Wichtig ist vor allem die Arbeit von Sauer[1], der sich eingehend mit dem „Seebuch“ und seinen Inhalten beschäftigt hat. Hier finden sich einige weiterführende Informationen zu den Seezeichen und ihrer Verbreitung, was Sauer auch anhand verschiedener anderer Quellen darlegt. Interessant ist auch die Arbeit von Schnall[2], der sich eingehend mit der Navigation der Wikinger auseinandergesetzt hat. Schnall zeigt, dass schon sehr früh verschiedenen Seezeichen für nautische Zwecke genutzt wurden. Für die Verbreitung und die Funktionsweisen früher Leuchtfeuer und Leuchttürme ist vor allem die Arbeit von Zemke[3] von Bedeutung. Zemke beschäftigt sich unter anderem mit den Anfängen des deutschen Leuchtfeuerwesens und bietet zudem interessante Informationen über Aussehen, Verbreitung und Funktionsweisen der verschiedenen Leuchtfeuer und -türme.

Als Quelle für den Nachweis der verschiedenen Seezeichen und Leuchtfeuer dient in erster Linie das „Seebuch“. Hierin werden in vielen Segelanweisungen diverse Seezeichen zur Orientierung und Navigation genannt, was auf ihre Bedeutung für die mittelalterlichen Schiffer schließen lässt. Allerdings werden Leuchttürme und Tonnen bzw. Bojen im Seebuch nicht erwähnt. Somit muss man für ihren Nachweis andere Quellen heranziehen. Von Bedeutung hierfür sind vor allem verschiedene Urkundenbücher, etwa das Lübeckische Urkundenbuch[4], das Mecklenburgischen Urkundenbuch[5] und das Hansische Urkundenbuch[6] die zwar meist keine weitergehenden Informationen über die verschiedenen Seezeichen bieten, diese jedoch immerhin erwähnen und eine Datierung bezüglich ihrer Errichtung möglich machen.

2. Segelanweisungen und „Seebuch“

Neben diversen anderen Hilfsmitteln, die die Schiffer des Mittelalters zur Navigation verwendeten, etwa das Lot oder später den Kompass, waren vor allem die Segelanweisungen oder Seebücher von großer Bedeutung. Sie dienten den Schiffern des Mittelalters lange Zeit als nautische Hilfsmittel. Die älteste Segelanweisung aus dem Ostseeraum stammt aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. In dieser Anweisung wird der Seeweg vom Kalmarsund in Schweden über die Schären vor Stockholm und die finnische Küste nach Reval, dem heutigen Tallinn, beschrieben. Besonders aus dem 15. Jahrhundert sind genauere, vor allem niederländische Segelanweisungen erhalten. In den Niederlanden, genauer in Amsterdam, wurde 1532 auch die erste Segelanweisung in gedruckter Form, nämlich „ De kaert van der zee„ herausgegeben. In den verschiedenen Segelanweisungen des Mittelalters werden vor allem die Küstengewässer und ihre Eigenheiten beschrieben. So werden Angaben über Strömungsverhältnisse, Inseln, Riffe, Sandbänke, Seezeichen und Fahrwassertiefen gemacht, die den Schiffern das sichere Erreichen ihres Ziels ermöglichen sollten.[7]

Auch das „Seebuch“, das um 1470 entstand und in zwei vollständigen Handschriften und einem Fragment überliefert ist, enthält vielfältige Segelanweisungen mit Informationen über das Aussehen der Küste, vorhandene Riffe, die Beschaffenheit des Meeresgrunds, die Zeiten von Ebbe und Flut, die geschätzte Zeit, die benötigt wird, um von einem Ort zum anderen zu segeln und letztendlich auch die verschiedenen Seezeichen. Die Küsten und Seewege, die im Seebuch beschrieben werden, umfassen ein großes Gebiet, das von Norwegen bis Südspanien und von Irland bis Estland reicht. Von den Zeitgenossen wurde das Seebuch wohl als karte bezeichnet, wobei vom heutigen Standpunkt eher von einem Seehandbuch gesprochen werden muss, das sich von den verschiedenen kleineren Segelanweisungen aufgrund des geographischen und sachlichen Inhalts abhebt. Auf die Verfasser der beiden Manuskripte finden sich im „Seebuch“ selbst keinerlei Hinweise. Allerdings wurden die Texte wohl an einem Stück verfasst, was darauf hinweist, dass es sich um Abschriften handelt. Verfasst wurden die Texte in niederdeutscher, genauer in mittelniederdeutscher Sprache[8]

Sieht man sich das „Seebuch“ genauer an, so wird deutlich, dass es sich hierbei um ein rein nautisches Hilfsmittel handelt, das sich klar auf die alltägliche Praxis der Schiffer des Mittelalters bezieht. Es wurde allein zu diesem Zweck verfasst und wendet sich inhaltlich sowie sprachlich auch unmittelbar an die Adressaten, nämlich die Seemänner. Hierfür spricht auch, dass die verschiedenen und teilweise komplexen nautischen Details nur von einer Person richtig gedeutet werden konnten, die in der Seefahrt kundig war und selbst dementsprechendes Wissen besaß.[9]

Trotz der wichtigen Rolle, die die verschiedenen Segelanweisungen für die Schiffer des Mittelalters spielten, kann bezweifelt werden, dass diese auf sämtlichen Schiffen auf der Nord- und Ostsee Teil der standardmäßigen Ausrüstung waren. So kann man davon ausgehen, dass nicht alle Seeleute lesen und schreiben konnten und somit auch nicht die Möglichkeit hatten, das Beschriebene zu verstehen. Vielmehr war wohl in vielen Fällen das Wissen von großer Bedeutung, dass mündlich von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Auch die Tatsache, dass in den Segelanweisungen häufig wichtige Seezeichen gar nicht erwähnt werden, lässt den Schluss zu, dass ein Großteil der mittelalterlichen Schiffer ihre Seerouten durch Erfahrung und mündliche Tradition genau kannten.[10]

3. Landmarken

Heute versteht man unter einem Seezeichen ein künstliches Objekt, das primär für nautische Zwecke errichtet wurde. Blickt man in die Zeit des Seebuches zurück, fallen unter den Begriff „Seezeichen“ jedoch weitere, ganz unterschiedliche Objekte. So waren Seezeichen vielmehr sämtliche Objekte, ob natürlichen oder menschlichen Ursprungs, die sich von den Schiffern zur Navigation nutzen ließen.[11]

Als Seezeichen dienten somit auch natürliche Gegebenheiten, wie etwa auffällige Hügel und Berge, Dünen oder auch einzeln stehende Bäume. Auch Objekte, die unter der Wasseroberfläche lagen waren für die Navigation von Bedeutung. So konnte etwa eine Klippe durch die auftreffende Brandung sichtbar werden, anhand derer man sich orientieren konnte.[12] Auch das „Seebuch“ erwähnt häufig derartige natürliche Gegebenheiten an den Küsten und weist die Schiffer an, diese als Mittel der Navigation bzw. Landmarke zu nutzen. So etwa für das Seegebiet am südlichsten Punkt Großbritanniens: „Zwischen Land's End und Lizard Point, mitten in der Mount's Bay, liegt ein hochragender Berg, der ist eine gute Landmarke, wenn man quer von See kommt.“[13] Auch auffällige Bäume finden Erwähnung im Seebuch: „Und solange soll man Orford seewärts Bawdsey Kliff halten und dann West zu Süd laufen, bis man einen großen Eichenbaum sieht. [ … ] Den Baum soll man westlich von der Kiesbank bringen.“[14]

Neben den natürlichen Gegebenheiten gab es auch eine Reihe von Objekten, die von menschlicher Hand errichtet worden waren, primär jedoch keinen nautischen Zwecken dienten. So fanden sich an den Küsten Kapellen, allein stehende Häuser, Galgen und besonders hohe Türme bzw. Kirchtürme, die von den Schiffern bereits aus größerer Entfernung vom Meer aus zu sehen waren. Besonders die Kirchtürme finden in den verschiedenen Segelanweisungen häufige Erwähnung. So wird in der Forschung auch die Ansicht vertreten, dass viele an der Ostseeküste liegende Hansestädte ihre hohen Kirchtürme auch als Navigationshilfen für die anfahrenden Schiffer errichteten.[15] Auch das Seebuch erwähnt verschiedene Türme, etwa den Turm von Chillesford an der englischen Ostküste: „Wer aus westlicher Richtung kommt und in River Orwell will, der segele so lange, daß er den Turm von Chillesford westlich Bawdsey Kliff sehen kann.“[16] Neben solchen Türmen, werden auch häufig Kirchen erwähnt, anhand derer man sich orientieren konnte: „Wer nach Darmouth segeln will, der soll auf die St. Patroc-Kirche zu segeln, die steht auf der Westseite vom Hafen, und soll bei dem großen Felsen einsegeln, der da am Ostufer liegt,...“.[17] Für den Schiffer des frühen Mittelalters war die Küste mit ihren verschiedenen besonderen Merkmalen somit die wichtigste Orientierungshilfe. Zum einen dienten natürliche Gegebenheiten, besonders auffällig geformte Landzungen etwa, den Seefahrern als sogenannte Landmarken. Zum anderen wurden künstliche Zeichen errichtet, wo diese auffälligen Merkmale fehlten, die sich teilweise sogar archäologisch nachweisen lassen[18]

Schon aus der Bronzezeit ist bekannt, dass bestimmte künstliche Objekte, wie etwa Grabhügel, als Landmarken genutzt wurden. So heißt es in drei Versen des epischen Heldengedichts „Beowulf“: „Es errichteten dann die Leute der Wettern einen Hügel auf dem Kap, der war hoch und breit, den Wogenfahrenden weithin sichtbar...“[19] Diese Grabhügel waren primär nicht zu nautischen Zwecken an den Küsten angelegt worden, hatten aber besonders dort große Bedeutung, wo es kaum andere natürliche Gegebenheiten gab, die als Landmarken dienen konnten. Dies trifft besonders auch für die deutsche Nordseeküste zu, wo etwa die Grabhügel bei Cuxhaven-Sahlenburg den Seeleuten als Orientierungshilfe dienten.[20] Neben diesen Grabhügeln orientierten sich die Schiffer der Wikingerzeit auch an bestimmten Tierarten. So wurde etwa nach Wasservögeln oder bestimmten Robbenarten Ausschau gehalten, die darauf hinwiesen, dass man sich in Küstennähe befand.[21]

[...]


[1] Sauer: Das „Seebuch“, 1996

[2] Schnall: Navigation der Wikinger, 1975

[3] Zemke: Deutsche Leuchttürme einst und jetzt, 1991

[4] Lübeckisches Urkundenbuch, hg. vom Verein für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde

[5] Mecklenburgisches Urkundenbuch, hg. vom Verein für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde

[6] Hansisches Urkundenbuch, hg. vom Verein für Hansische Geschichte

[7] Vgl. Ewe, S. 203

[8] Vgl. Sauer, S. 16 ff.

[9] Vgl. ebd., S. 63

[10] Vgl. Ewe, S. 203

[11] Vgl. Sauer, S. 154

[12] Vgl. ebd.

[13] Seebuch, A 5, 18

[14] Ebd., B 14, 33

[15] Vgl. Sauer, S. 154

[16] Seebuch, B 14, 32

[17] Ebd., B 5, 23

[18] Vgl. Ellmers, S. 228

[19] Beowulf, Vers 3156-3158, Übersetzung zitiert nach: Schnall, S 58

[20] Vgl. Schnall, S. 57 f.

[21] Vgl. Ellmers, S. 230

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Seezeichen und Leuchtfeuer im Nordeuropa des Mittelalters
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: Navigation und Schifffahrt im Nordeuropa des Mittelalters
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
23
Katalognummer
V274167
ISBN (eBook)
9783656666035
ISBN (Buch)
9783656666028
Dateigröße
395 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schifffahrt, Mittelalter, Nordeuropa, Seezeichen, Leuchttürme, Seebuch, Segelanweisungen, Navigation, Leuchtfeuer
Arbeit zitieren
M.A. Philip Wagenführ (Autor), 2011, Seezeichen und Leuchtfeuer im Nordeuropa des Mittelalters, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274167

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