Die Schulzeit von Kindern und Jugendlichen im ländlichen Raum

Wachsende Chancenungleichheit zwischen Stadt und Land?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

12 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Probleme der ländlichen Schulen
2.1 Primarbereich
2.2 Die Sekundarschulen
2.3 Die Sekundarstufe II - Abitur

3. Fazit

1. Einleitung

„Wo ist denn hier die nächste Schule...?“ lautete der Titel einer Fachtagung der evangelischen Akademie Meißen im Jahr 2005 und thematisierte die Problematik der Schulschießungen, besonders in Ostdeutschland, alltagssprachlich und prägnant. In den Medien werden die Vorgänge um die Schließung, Zusammenlegung und Zentralisierung von Schulen in ländlichen Regionen meist als „Schulsterben“ (vgl. Lüpke-Narberhaus 2013) bezeichnet; Dabei wird im Rahmen der Berichterstattung als Ursache vor allem auf sinkende Geburtenraten verwiesen. Die Tatsache, dass die Schulen schließen und die Schüler somit automatisch einen längeren Schulweg haben findet im Regelfall ebenso wenig Erwähnung wie die Frage nach möglicher Benachteiligung der Kinder in ländlichen Regionen. So müssen bereits Grundschulkinder oftmals schon lange Busfahrten auf sich nehmen und Jugendliche, welche das Abitur machen und aus einkommensschwachen Haushalten stammen bringen ihre Familie allein durch die Fahrtkosten oftmals an die Grenzen des finanziell Machbaren (Winkler 2010, S. 47).

Da die bisherige Forschungsliteratur zum Problem der Chancen(un)gleichheit in Deutschland sich vorrangig auf die Unterschiede in der sozialen Herkunft bzw. des Geschlechts der Schüler bezogen hat (wobei sich im Laufe der Jahre zur Bezeichnung der besonders benachteiligten Schülergruppen eine „Metamorphose der Arbeitertochter zum Migrantensohn“ (Geißler 2005, S. 71ff.) abgezeichnet hat) soll diese Hausarbeit die Perspektive wechseln und untersuchen, ob Kinder und Jugendliche in ländlichen Gebieten größere Nachteile erfahren als Gleichaltrige in groß- und kleinstädtischen Räumen. Hierbei soll zum einen auf sozialisatorische Aspekte in der Adoleszenzphase eingegangen werden, da die SchülerInnen mit langen Schulwegen einen Verlust an Freizeit erleiden, welcher in Einzelfällen durchaus mehrere Stunden täglich betragen kann (vgl. von Nayhaus 2009).

Zum anderen sollen jedoch in dieser Arbeit auch die sozialen Aspekte betrachtet werden, wobei die aufzuzeigenden Disparitäten als räumlich bedingte Einkommensunterschiede begriffen werden, da der Lebensraum ländlich/strukturschwacher Regionen auch unmittelbare Auswirkungen auf die dort lebenden Menschen hat.

Abschließend soll einerseits ein Fazit gezogen werden, welche möglicherweise auftretenden Nachteile im Hinblick auf die Bildungschancen in ländlichen Räumen auftreten; Zum anderen soll versucht werden eine Prognose zu stellen, ob sich das „Schulsterben“ im Gefolge des demografischen Wandels fortsetzt oder ob sich Initiativen zum Erhalt von kleinen Schulen durchsetzen werden und somit die dargestellten direkten Nachteile für Kinder und Jugendliche in ländlichen Regionen vermieden werden können.

2. Probleme der ländlichen Schulen

Mit immer stärker sinkenden Geburtenzahlen in der Bundesrepublik fällt auch die Anzahl der zu erwartenden Schüler immer weiter (vgl. Poltrock 2013, S. 18f.), weshalb die Kultusministerien die Schließung von Schulen mit geringen und sinkenden Schülerzahlen stark vorantreiben. Allein in Sachsen schlossen seit der Wiedervereinigung 700 Schulen und die Schülerzahl von 770.000 im Jahr 1995 hat sich mittlerweile mehr als halbiert (vgl. Lüpke-Narberhaus 2013). Da der Staat mit abfallenden Schülerzahlen viele Schulen nicht mehrökonomisch effizient betreiben kann, plant er viele von ihnen zu schließen; Dabei bleibt aber meist unberücksichtigt, welche Probleme für die betroffenen Kinder und Jugendlichen entstehen können. Angesichts dieser wirtschaftlich motivierten Entscheidung fällt erneut auf, dass Deutschland seit der ersten PISA-Studie zwar stets den hohen Stellenwert der Bildung betont, jedoch die Ausgaben für diese ständig sinken (vgl. Thöne 2008, S.21f.). Verstärkend zu den sinkenden Geburtenraten wirkt der fortschreitende demografische Wandel in der Bundesrepublik, welcher auch andere Bereiche des deutschen Sozialsystems schwer zu belasten droht. Ist diese Kombination aus sinkenden Geburtenraten und einer älter werdenden Gesamtgesellschaft bereits ein Problem, dass die deutsche Schullandschaft stark beeinflusst, so stehen die “neuen Bundesländer“ vor einem weiteren Problem, welches Schulschießungen vermehrt im Osten der Bundesrepublik auftreten lässt: Die Abwanderung vor allem junger Menschen aus den ländlichen Regionen Ostdeutschlands verstärkt den demografischen Wandel dort besonders (Werz 2002). Durch diese Problematik kommt es in vielen Regionen vor, dass in den Klassen immer weniger SchülerInnen sind, was besonders in den Sekundarschulen verstärkt zu Beeinträchtigungen in der Qualität des Schulangebots führen kann. Es wird in den Erziehungswissenschaften zwar durchaus auf Vorteile von kleineren Klassen aufgrund eines besseren Betreuungsschlüssels hingewiesen, jedoch bedeuten geringe Schülerzahlen im Regelfall auch eine geringe Anzahl an Lehrkräften, was ab der Sekundarstufe I zugleich ein eingeschränktes Angebot im Rahmen der Wahlpflichtfächer bedeutet.

2.1 Primarbereich

Gerade im Grundschulalter erscheint eine wohnortnahe Schule als unerlässlich, da die Kinder im Regelfall im Alter fünf bis sieben Jahren eingeschult werden und längere Schulwege nicht nur viele Risiken1 bergen, sondern junge Menschen deutlich überlasten. Jedoch sind gerade die Grundschulen mit den fallenden Schülerzahlen konfrontiert, was in Einzelfällen zur Rückkehr zum jahrgangsübergreifenden Unterrichten geführt hat (vgl. Nitschmann 2014), welches aus pädagogischer Sicht durchaus Vorteile besitzt, hier jedoch verdeutlicht wie drastisch die Schülerzahlen in einigen Regionen sinken. Trotz dieser immer wieder auftretenden Meldungen rechnen Experten nicht mit einem fortlaufenden Trend bei der Schließung von Grundschulen, sondern erwarten im Gegensatz zu Sekundarschulen und Gymnasien, dass Schließungen in Zukunft nur in geringerem Maße auftreten werden (vgl. Leimkühler 2005, S. 26f.). Nichtsdestotrotz weist die Grundschule eine Besonderheit auf, welche sie nicht nur von den Sekundarschulen und Gymnasien massiv unterscheidet, sondern auch zeigt, dass schon wenige Schulschießungen in diesem Bereich weitreichende Folgen haben können: Keine Schule ist an der Herstellung und steten Erneuerung der dörflichen Identität und Gemeindeentwicklung so stark beteiligt wie die Grundschule, welche einen Ort darstellt, an dem die Kinder einer Gemeinde einen Großteil ihrer Kindheit verbringen und wichtige Schritte der Sozialisation bewältigen (vgl. Leimkühler 2005, S. 27.). Fällt nun diese kommunale Schule weg und die SchülerInnen werden in relativ weit entfernten Orten wie bspw. der nächsten Kleinstadt zur Grundschule geschickt, so entfernt sich der Nachwuchs nicht nur geographisch, aber auch “geistig“ von der Heimat und ihren identitätsstiftenden Traditionen (vgl. Bätzing 2007, S. 109f.). Sieht sich die Dorfgemeinschaft oftmals schon mit der Anonymisierung durch neue Bewohner, welche bspw. nur wegen einem Arbeitsplatz in der nächstgelegenen Stadt hinzugezogen sind, konfrontiert, wird somit unter Umständen der eigene Nachwuchs in dieses System der „Zwischenstadt“2 eingeführt (vgl. ebd.).

[...]


1 Hierbei sind nicht zwangsläufig Risiken im Sinne von einer Gefährdung des leiblichen Wohls von Grundschulkindern gemeint, sondern viel mehr potenzielle Stressfaktoren, welche in diesem Alter schnell zu einer Überlastung des Kindes führen und ggf. schädigend auf die schulischen Leistungen, aber auch auf die Gesundheit des Kindes, wirken können

2 Hans-Peter Ecker definierte diesen Begriff unter Berufung auf den Archtikten Thomas Sieverts als einen strukturlosen Raum ohne Identität, welcher sowohl Städte als auch Dörfer umfasst. Sicherlich mag diese neuzeitliche Entwicklung keineswegs rein auf den hier thematisierten Schulschießungen beruhen, jedoch tragen diese durchaus zur fortschreitenden Anonymisierung bei.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Schulzeit von Kindern und Jugendlichen im ländlichen Raum
Untertitel
Wachsende Chancenungleichheit zwischen Stadt und Land?
Hochschule
Universität Kassel
Veranstaltung
Tradition, Identität, Gemeinschaft. Soziologische Aspekte des ländlichen Raums
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
12
Katalognummer
V274176
ISBN (eBook)
9783656666356
ISBN (Buch)
9783656666370
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schulzeit, kindern, jugendlichen, raum, wachsende, chancenungleichheit, stadt, land
Arbeit zitieren
Christopher Hauck (Autor), 2014, Die Schulzeit von Kindern und Jugendlichen im ländlichen Raum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274176

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