Jean-Paul Sartres Theorie des Vorstellungsbewusstseins in „Das Imaginäre“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die vier Grundcharakteristika der Vorstellung
2.1 Abkehr von der Immanenz-Illusion - Vorstellung als Bewusstseinsform
2.2 Die Quasi-Beobachtung
2.3 Die Setzung des Objekts als Nichts
2.4 Spontanität

3. Das Bild und die Materie
3.1 Das Bild
3.2 Die Materie

4. Zusammenfassung

5. Literatur
5.1 Sekundärliteratur
5.2 Texte von Sartre

1. Einleitung

Jean-Paul Sartre gab 1969 ein Interview, in dem er unter anderem erklärte, warum er an einer Biographie über den Schriftsteller Flaubert arbeite. Diese Arbeit sei für ihn eine Fortsetzung seiner frühen Studie über „Das Imaginäre“ aus den 1930er Jahren.1 Damit gibt Sartre dieser Schrift den Status einer theoretischen Fundierung dessen, was er einige Jahrzehnte später in seiner umfangreichen Flaubertstudie „Der Idiot der Familie“ versucht hat anzuwenden. Er weist ihr damit zugleich eine zentrale Bedeutung in seinem Gesamtwerk zu. Das Projekt dieser frühen Schrift fasst er an gleicher Stelle folgendermaßen zusammen:

„In diesem Buch versuchte ich zu zeigen, daß Vorstellungen keine neuerweckten oder vom Verstand bearbeiteten Empfindungen und auch keine vom Wissen veränderten und verminderten früheren Wahrnehmungen sind, sondern etwas ganz anderes: eine abwesende Realität, die sich eben gerade in ihrer Abwesenheit in dem kundtut, was ich ein Analogon genannt habe, das heißt in einem Objekt, das als Analogieträger dient und von einer Intention durchdrungen wird.“2

Sartre verfolgt mit der Studie also vor allem das Ziel, eine neue Imaginationstheorie zu entwickeln, indem er versucht, über die aus seiner Sicht verbreiteten Irrtümer in Hinblick auf die Vorstellung des Imaginären aufzuklären. Er kritisiert die Psychologen seiner Zeit, die mittels wissenschaftlicher Hypothesen versuchen, die Natur der Vorstellung zu ergründen, ohne vorher durch Reflexion das Wesen der Vorstellung erfasst zu haben. Sartre stellt sich auf den Standpunkt Descartes, dass ein reflexives Bewusstsein „absolute gewisse Gegebenheiten liefert“3. Wer sich etwas vorstellt, weiß durch Reflexion, dass er sich etwas vorstellt. Diese „Gewissheit“ bedarf keiner weiteren wissenschaftlichen Explikation über die Natur der Vorstellung, die erst im Nachhinein erklären soll, warum wir eine Vorstellung als solche erkennen. Dies ist Sartres Ausgangspunkt sowohl einer Widerlegung bisheriger Imaginationstheorien als auch der Entwicklung einer neuen Theorie.

Die bevorzugte Methode in „Das Imaginäre“ ist daher auch folgerichtig die Reflexion. Anstatt einer weiteren wissenschaftlichen Spekulation über seinen Gegenstand will Sartre mittels der Reflexion4 das Wesen der Vorstellung herausarbeiten:

„Wir werden die Theorien außer acht lassen. Wir wollen nichts von der Vorstellung wissen, als was uns die Reflexion darüber lehrt. [...] Die Methode ist einfach: in uns selbst Vorstellungen hervorrufen, über diese Vorstellungen reflektieren, sie beschreiben, das heißt ihre unterschiedlichen Charakteristika zu determinieren und zu klassifizieren versuchen.“5

Die Studie über „Das Imaginäre“ speist sich aus zwei Quellen: der husserlschen Phänomenologie und der Psychologie. Mit dieser Hausarbeit soll versucht werden, die phänomenologischen Ergebnisse der Studie zu rekonstruieren.6 Dieser Fokus hat zur Folge, dass nur die ersten Kapitel des Buches „Das Imaginäre“ betrachtet werden sowie Sekundärliteratur, die sich mit diesen Textabschnitten auseinandersetzt. Außerdem werden einige wichtige Begriffe, die Sartre in „Das Imaginäre“ ohne weitere Erklärung verwendet, wie Akt oder Nichts, vorausgesetzt.

Die Gliederung der Arbeit folgt dabei weitgehend der Gliederung, die „Das Imaginäre“ vorgibt. Das heißt, es werden zunächst die vier Grundcharakteristika der Vorstellung dargestellt und im Anschluss daran das Verhältnis von physischem Bild (image physique) und Vorstellungsbild (image mentale) erläutert, um am Schluss zu einem möglichst klaren Verständnis der Konzeption von Sartre zu gelangen.

2. Die vier Grundcharakteristika der Vorstellung

2.1 Abkehr von der Immanenz-Illusion - Vorstellung als Bewusstseinsform

Das erste Charakteristikum der Vorstellung wird verständlich durch den Begriff der Immanenz-Illusion. Sartre bezeichnet mit diesem Begriff zwei aus seiner Sicht grundlegende Irrtümer von Psychologen und Philosophen, nämlich dass „die Vorstellung im Bewusstsein und der Gegenstand der Vorstellung in der Vorstellung zu finden sei“, wie ein Gegenstand in einem Behälter7: „Wir dachten uns das Bewusstsein als einen von kleinen Figuren bevölkerten Ort, und diese Figuren wären dann die Vorstellungen.“8

Dieser Anschauung zufolge werden Vorstellung und Bewusstsein in ein räumliches Verhältnis zueinander gesetzt. Das Bewusstsein tritt als eine Art leerer Raum auf, der durch Vorstellungen, Objekte oder Abbilder von Objekten gefüllt wird. Stelle ich mir einen Tisch vor, so ist dieser vorgestellte Tisch in meiner Vorstellung, die wiederum in meinem Bewusstsein einen Raum einnimmt. Es ist für Sartre aber unmöglich,

„diese materiellen Porträts in eine bewußte synthetische Struktur einzuschmuggeln, ohne diese zu zerstören, die Kontakte zu unterbrechen, den Strom abzuschalten, den Zusammenhang abzubrechen. Das Bewußtsein würde aufhören, für sich selbst transparent zu sein: überall wäre seine Einheit durchbrochen, durch die undurchsichtigen, nicht assimilierbaren Schranken.“9

Sartre setzt daher diesem Immanentismus eine intentionale Funktion des Bewusstseins entgegen.10 Das Bewusstsein, oder in diesem Fall konkret das Vorstellungsbewusstsein, bietet demnach keine Möglichkeit als „Raum“ für Objekte, ob reale oder irreale, zu fungieren. Vielmehr wird die Vorstellung als eine bestimmte Relation des Bewusstseins auf ein Objekt außerhalb des Bewusstseins verstanden. Nicht ein Inhalt im Bewusstsein ändert sich demnach, wenn ich von der Wahrnehmung zur Vorstellung eines Gegenstandes wechsle, sondern die Weise der Bezugnahme des Bewusstseins auf einen Gegenstand. So werden Wahrnehmung und Imagination zu Bewusstseinsformen. Nach Sartre muss daher immer von einem Vorstellungsbewusstsein, einem Wahrnehmungsbewusstsein oder etwa von einem Bedeutungsbewusstsein11 gesprochen werden. Oftmals unterteilt er die möglichen Bewusstseinsformen noch weiter, spricht beispielsweise von Porträtbewusstsein, Imitationsbewusstsein, Lesebewusstsein usw. und verdeutlicht damit, dass ein Bewusstsein, durch sein intentionales Wesen als Bewusstsein von etwas, immer eine bestimmte Form annehmen muss.

Wichtig ist, dass Sartre radikal jede Konzeption ablehnt, die zu einem Rückfall in die Immanenz-Illusion führen könnte. Dazu gehören etwa Theorien, die als Unterscheidungskriterium zwischen Wahrnehmung und Vorstellung die Intensität des Erlebnisses setzen wollen, wie beispielsweise Hume, der unter Vorstellungen „schwache Abbilder“ der Wahrnehmungen versteht, die nach Sartres Lesart einen wie auch immer gearteten Raum im Bewusstsein einnehmen müssten.12

[...]


1 „Sartre über Sartre“, S. 25. Jens Bonnemann weist daraufhin, dass die Forschung bisher noch nicht auf den Zusammenhang dieser beiden Arbeiten eingegangen ist trotz dieser Äußerung Sartres. Bonnemann, S. 28.

2 „Sartre über Sartre“, S. 25.

3 Sartre, S. 43.

4 Zur Methode der Reflexion vgl. Cabestan, S. 6.

5 Sartre, S. 44.

6 Zum Einfluss der Psychologie und der Phänomenologie auf das „Das Imaginäre“ vgl. den Aufsatz von Starwarska.

7 Sartre, S. 45; Bonnemann, S. 77.

8 Sartre, S. 45.

9 Sartre, S. 46.

10 Vgl. Starwarska, S. 134.

11 Von einem Bedeutungsbewusstsein ist die Rede, wenn es sich um ein „leeres Bewusstsein“ handelt, es sich ohne sinnliche Materie durch reines Wissen auf ein Objekt bezieht. Wenn ich Peter nicht wahrnehme und nicht vorstelle, aber an ihn in einer bestimmten Relation denke, beispielsweise an ihn, weil er ein Amt bekleidet, dann habe ich ein Bedeutungsbewusstsein von Peter. Vgl. dazu Sartre, S. 115ff.

12 Sartre, S. 45f. Vgl. auch Starwarska, S. 135.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Jean-Paul Sartres Theorie des Vorstellungsbewusstseins in „Das Imaginäre“
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Wahrnehmung und Imagination
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V274245
ISBN (eBook)
9783656667711
ISBN (Buch)
9783656667698
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
jean-paul, sartres, theorie, vorstellungsbewusstseins, imaginäre
Arbeit zitieren
Andreas Wiedermann (Autor), 2013, Jean-Paul Sartres Theorie des Vorstellungsbewusstseins in „Das Imaginäre“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274245

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