Das „Ballonfieber“ 1783 und 1784 und seine aufgeklärten Kritiker


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die ersten Ballonaufstiege

3. Die Konkurrenz der Montgolfière und Charlière

4. Das Ballonfieber im Alltag

5. Der Weg des Ballonfiebers in die Nachbarländer

6. Nützliche Erfindung oder Jahrmarktattraktion

7. Kritische Stimmen

8. Schluss

9. Literaturverzeichnis
9.1 Quellen
9.2 Literatur

1. Einleitung

ÄAlles wurde in dieser Zeit [16.- 18. Jahrhundert] erzählerisch, satirisch und letztlich auch technisch vorgedacht. Diese Entwicklung vollzog sich allerdings unter einigen Geburtswehen, denn bis zum Vorabend der ersten Ballonaufstiege wurde die Möglichkeit der Luftfahrt nicht nur vehement befürwortet, sondern auch leidenschaftlich bestritten. Am Ende stand die Verwirklichung der Luftschiff-Vorstellung in Gestalt des Ballon-Aufstiegs der Brüder Montgolfier im Jahre 1783.“1

Im Jahr 1783 wurde eine Jahrhunderte alte Diskussion in Europa beendet2: Ist es für den Menschen möglich zu fliegen? Entsprechend große Beachtung fand dieses Ereignis unter den gelehrten Zeitgenossen. Es setze sofort eine Diskussion über den Nutzen und den Wert der neuen Erfindung ein. Es herrschten Begeisterung und überzogene Erwartungshaltungen vor, aber es gab auch Spott und Kritik gerade weil der erste Ballonflug eine solche Reaktion erfahren hat.

Die Brüder Montgolfier haben aber nicht nur die alte Frage beantwortet, ob Fliegen technisch möglich ist, und damit eine Diskussion unter Gelehrten ausgelöst. Sie haben mit ihren Ballonflügen eine breite ÄAéropetomanie“, auch fiévre aérostatique oder Ballonfieber genannt, ausgelöst. Menschen strömten in ganz Europa in Massen zu Ballonaufstiegen. Für diese Spektakel waren sie auch bereit Eintrittspreise zu zahlen. In der Kunst und in der Mode kam es ebenfalls zu einem kurzzeitigen Ballonfieber, das sich unter anderem durch eine Allgegenwart von Ballons und Ballonabbildungen im städtischen Raum ausdrückte. Dies alles war nicht zuletzt Ausdruck eines aufklärerischen Taumels, der sich ganz der Beherrschung der Naturkräfte verschrieben hatte und dessen Symbol der Ballon wurde. Während Geistige und antiaufklärerische Kräfte die Ballonflüge als menschliche Hybris kritisierten, wurden sie für Vertreter der Aufklärung zu einem Symbol ihres Erfolges. Aber es gab auch von Seiten aufgeklärter Zeitgenossen Kritik, nicht an den ÄFlugmaschinen“ selbst, sondern an der überschwänglichen Begeisterung für eine Erfindung, deren Nutzen eine offene Frage war.

In dieser Hausarbeit soll den Gründen für das Ballonfieber nachgegangen werden. Dazu wird zunächst der Konkurrenzkampf im Sommer und Herbst 1783 zwischen den Montgolfiers auf der einen und den Roberts und César Charles auf der anderen Seite dargestellt. Beide Seiten versuchten im Wettstreit um die beste Flugmaschine, die Öffentlichkeit für sich zu begeistern und fachten die Begeisterung gezielt an. Danach wird kurz darauf eingegangen wie sich das Ballonfieber durch Kunst und Mode in der Alltagskultur niederschlug. Schließlich soll an Hand des Beispiels Christoph Martin Wielands der Argumentationsgang aufgeklärter Kritiker am Ballonfieber verständlich werden. Im Schlussteil der Arbeit soll deutlich werden, wie und warum es nicht nur in Frankreich zu einer Aéropetomanie kam und warum sie so bald wieder versandete und der Ballonflug im 19. Jahrhundert weitgehend nur eine Jahrmarktattraktion blieb.

2. Die ersten Ballonaufstiege

Die Brüder Joseph und Etienne Montgolfier waren eigentlich Papierfabrikanten, wie auch ihr Vater. Joseph leitete in Montpellier eine eigene Papierfabrik, die allerdings Bankrott ging.3 Zufällig stieß er 1781 auf verschiedene Schriften, die sich mit leichter Luft und Flugobjekten beschäftigen. Er entschied sich zusammen mit seinem Bruder einige Experimente durchzuführen, um die Machbarkeit von Ballonflügen zu testen.4 Nachdem diese erfolgreich verliefen, entschieden sie sich in Verhandlungen mit der Stadt Annonay zu treten, um dort den ersten Ballonflug vor Publikum zu organisieren.5 Dieser fand am 4. Juni 1783 statt und wurde für die Brüder ein großer Erfolg.6 Barthelemy Faujas de Saint-Fonds berichtet, dass unter den Zuschauern große Zweifel über den Erfolg der Vorführung herrschten, doch dann endlich Älegten die Herren von Montgolfier Hand an das Werk: sie schritten zur Entwicklung der Dünste, welche diese Erscheinung hervorbringen sollte. Die Maschine, welche bisher nur eine Hülle von Leinwand mit Papier gefüttert, oder eine Art übergroßen Sackes von 35 Schuhe in der Höhe vorstellte, der zusammengedrückt, voller Falten und luftleer war, bläht sich auf, wird augenscheinlich größer, nimmt an Dichte an, bekommt eine schöne Gestalt, dehnt sich von allen Seiten aus und trachtet, in die Höhe zu steigen; allein starke Männer halten sie zurück. Da aber das Zeichen gegeben wird, erhebt und schwingt sie sich mit Geschwindigkeit in die Luft, wo die schnelle Bewegung sie in weniger als zehn Minuten 100 Klafter in die Höhe trieb.“7

Vom Erfolg des Ballonaufstieges begeistert endet der Bericht Saint-Fonds mit einem Loblied auf die Brüder Montgolfier:

ÄWenn man nur ein wenig über die unzählbaren Schwierigkeiten nachdenken will, welche sich bey einem so kühnen Versuche einfanden, über den bitteren Tadel, dem sich die Erfinder aussetzten, im Falle der Versuch nicht gut ausgefallen wäre, über die Ausgaben, welche dabey mußten gemacht werden: so muß man die größte Hochachtung und Bewunderung für die Urheber der Luftmaschine hegen.“8

Die beiden Unternehmer-Brüder konnten zufrieden sein. Sie hatten in ihrer Nachbarstadt sowohl die Bevölkerung als auch die Autoritäten von ihrer Erfindung begeistert. In Paris hat ihr Erfolg in Wissenschaftskreisen aber auch zu Unruhe geführt und ein Konkurrenzprojekt provoziert. So ließ der König im Sommer 1783 eine Kommission durch die Akademie einsetzen. Saint-Fond entschied sich, eine Sammlung unter Pariser Bürgern zu organisieren, um eine eigene Flugmaschine in Paris zu bauen.9 Er beauftragte den Physikprofessor César Charles, diese Maschine zu konstruieren, die später unter dem Namen Charlière bekannt wurde,10 und die Unternehmer-Brüder Jean und Noel Robert mit ihrem Bau. Während die Montgolfière ein Heißluftballon war, erfand Charles einen Wasserstoffgasballon, was technisch zwar ein grundlegender Unterschied war, aber für Zeugen der Ballonaufstiege keinen Unterschied machte. Beide Flugmaschinen erzeugten denselben spektakulären Effekt bei Zuschauern. Davon zeugt auch der erste Aufstieg der Charlière, der am 27. August 1783, also keine zwei Monate nach dem Erfolg der Montgolfiers in Annonay, stattfand.11 Es sollen sich über hunderttausend Menschen auf dem Pariser Marsfeld versammelt haben, um dem Ereignis beiwohnen zu können. Der Ballon soll bei diesem Aufstieg bereits nach zwei Minuten über die Wolkendecke verschwunden sein, trotz eines einsetzenden Regenschauers. Die Pariser Bevölkerung reagierte ähnlich begeistert wie die Einwohner Annonays auf die neue Erfindung.12 Der anwesende Dichter Antoine Comte de Rivarol fasste seinen Eindruck so zusammen:

ÄDie Stadt, die alles Neue vergötzt, hat bei helllichtem Tage gesehen, wie sich eine Kugel im Umfange von sechsunddreißig Fuß durch ihre eigene Kraft in die Luft erhob; sie hat es, sage ich, mit Millionen Augen gesehen […] Und sie sind glücklich, in der Epoche einer so großen Umwälzung zu leben!“13

Nur 20 Kilometer von Paris entfernt, im Dorf Gonesse, war die Begeisterung für die neue Erfindung allerdings weniger groß. Dort landete die Charlière nach ihrem 40-minütigen Flug. Die Bauern des Dorfes hielten sie für ein Ungeheuer und stachen mit Heugabeln und ähnlichen Geräten auf sie ein. Daraufhin wurde eine königliche Mitteilung herausgegeben, um die Bevölkerung Frankreichs über die neue Erfindung zu informieren und auf einen nicht weiter ausgeführten zukünftigen Nutzen der Flugmaschine hinzuweisen.14

3. Die Konkurrenz der Montgolfière und Charlière

Nach den beiden erfolgreichen Ballonaufstiegen kam es zu einer Konkurrenz zwischen den Brüdern Montgolfier und Robert, in dessen Zuge Saint-Fond sich mit den Roberts überwarf und begann öffentlich für die Montgolfiers zu werben. So wurde die Konkurrenz auch in Zeitschriften zum Gegenstand öffentlicher Debatten.15 Gleichzeitig wurden die Flugmaschinen zu einer beliebten privaten Attraktion für reiche Bürger und Adlige, die bereit waren höhere Summen zu zahlen. So verdienten noch weitere Personen an der Herstellung und Gestaltung von Montgolfieren oder Charlieren.16

Dem intensiv geführten Konkurrenzkampf entsprechend mussten die Vorführungen auch spektakulärer werden. Dem wurde auf zwei Weisen Rechnung getragen: Zum einen wurden die Ballons zunehmend aufwändiger gestaltet, zum anderen musste der Aufstieg selbst spektakulärer werden, zum Beispiel indem die Ballons bemannt wurden. In beide Richtungen gingen die Montgolfiers am 19. September 1783 als sie eine Vorführung in Versailles in Anwesenheit des Königs organisieren durften. Sie bauten einen 21 Meter hohen Ballon, der mit Kordeln und königlichen Symbolen reich verziert war. Außerdem wurde ein Korb an den Ballon gehangen, in dem ein Schaf, ein Hahn und eine Ente platziert wurden. So sollte getestet werden, ob auch in großer Höhe die Luft geatmet werden kann. Der Ballon stieg circa 120 Meter in die Luft. Die drei Tiere überlebten.17 Auch diese Vorführung war für die Montgolfiers also ein Erfolg.

Daher wagten sie auch kurze Zeit später einen bemannten Flug. Sie bauten dafür den bisher größten Ballon mit einer Höhe von 22 Metern und einer bis dahin nicht erreichten Verzierung:

ÄSein oberer Teil war mit einem Kranz französischer Lilien bemalt, darunter prangten in Gold die zwölf Tierkreiszeichen, die Mitte des Ballons nahmen abwechselnd das goldene Sonnensymbol und der Namenszug des Königs ein, darunter waren Löwenköpfe, Lorbeerkränze und Adler mit ausgebreiteten Schwingen zu sehen.“18

ÄLe Reveillon“, wie dieser Ballon getauft wurde, wurde mehrmals getestet bevor er bemannt aufsteigen sollte. Die ersten bemannten Flüge mit ihm fanden an Halteseilen statt. Erst am 21. November 1783 wurde ein freier und bemannter Flug in der Nähe von Paris riskiert.

[...]


1 Behringer, S. 17.

2 Zur wissenschaftsgeschichtlichen Vorgeschichte des Ballonfluges vgl. Wissmann, S. 67-77.

3 Zur Biographie der Brüder Montgolfier vgl. Anglade; Hunn, S. 66-69.

4 Hunn, S. 70f; Behringer, S. 311f.

5 Wissmann, S. 84.

6 Anglade, S. 94f. Günther, S. 1-4.

7 Saint-Fond, S. 25.

8 Saint-Fond, S. 26.

9 Hunn, S. 78.

10 Behringer, S. 314f.

11 Wissmann, S. 86. Günther, S. 4f.

12 Hunn, S. 81-88.

13 Zitiert nach Behringer, S. 316.

14 Behringer, S. 317ff; Wissmann, S. 86; Hunn, S. 88-90.

15 Der Streit um Saint-Fond wurde europaweit bekannt. Auch Wieland stellt ihn ausführlich in seinem Aufsatz zur Aeropetomanie dar. Vgl. Wieland 1783, S. 72-81.

16 Behringer, S. 319.

17 Wissmann, S. 88; Behringer, S. 320ff; Anglade S. 116-119. Günther, S. 8-10.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das „Ballonfieber“ 1783 und 1784 und seine aufgeklärten Kritiker
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Friedrich-Meinecke-Institut)
Veranstaltung
Französische Wissenschaftsgeschichte im 18. Jahrhundert
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V274246
ISBN (eBook)
9783656667995
ISBN (Buch)
9783656667988
Dateigröße
612 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ballonfieber, kritiker
Arbeit zitieren
Andreas Wiedermann (Autor), 2014, Das „Ballonfieber“ 1783 und 1784 und seine aufgeklärten Kritiker, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274246

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