„Die Symbolik verwandelt die Erscheinung in Idee, die Idee in ein Bild, und so,
dass die Idee im Bild immer unendlich wirksam und erreichbar bleibt.“
(Johann Wolfgang von Goethe, Maximen und Reflexionen, Nr. 1112 und 1113)
Die Hauptfunktion einer Allegorie ist die memoria, das in Erinnerung-Rufen kollektiver Werte und Ordnungen. Abstrakte Eigenschaften und politisch-soziale Konzepte können nicht nur durch Sprache übermittelt, sondern auch durch ein visuelles Bild und einen Merksatz, der Begriff und Bild miteinander verbindet, begreifbar gemacht werden. Die Wirkung einer Allegorie zielt auf Synästhesie, die Zusammenführung unterschiedlicher Wahrnehmungsmechanismen, die die Einprägsamkeit der Konzepte fördern soll. Im Vordergrund stehen hierbei die Gefühle, die Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit unterstützen.
Die Visualisierung der Nationen ist in Europa seit dem Mittelalter verankert.2 Ob die ungarische Pannonia, die Moer Danmark, die Moder Svea der Schweden, die Helvetica, Britannia, Polonia oder Italia, die Symbolgestalten der Nationen verdanken ihre Bedeutung Projektionen wechselhafter nationaler Geschichte. In Bezug auf den Verlauf der Nationalbewegungen des 19. Jahrhunderts in Europa sind diese beiden Allegorien die wohl interessantesten: Marianne und Germania.
Wie die bereits genannten Allegorien sind sie die weiblichen Versinnbildlichungen ihrer Nationen, in diesem Fall für die französische und deutsche Nation. Der Vergleich der beiden verdeutlicht ihre Ähnlichkeiten und Unterschiede. Bereits vom Namen ausgehend, ergibt sich dem Rezipienten eine erste Ahnung der Spannung: Wenn die deutsche Nation Germania getauft wurde, warum wurde ihr Pendant nicht Francia oder Gallia genannt? Warum wurde für Frankreichs Allegorie ein gängiger Vorname gewählt?
Die Struktur und Funktionen allegorischer Sinnbilder legen es nahe, nicht nur die Entwicklungen einzelner zu beschreiben, sondern auch die Pragmatik ihrer Einsätze zu bestimmen. So wurden die Bilderwelten der Marianne und Germania in der Frühen Neuzeit durch politische Ereignisse wie Kriege, Friedensschlüsse, Königswahlen, Kaiserkrönung oder Reichstage geprägt. Die Botschaften, die sie vermitteln sollten, konnten auch dem nicht unwesentlichen illiteraten Teil der Bevölkerung zugänglich gemacht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kreation einer Nationalfigur
2.1 Geschichte der Entwicklung der Marianne
2.2 Geschichte der Entwicklung der Germania
3. Die Bilderwelten der Marianne und Germania
3.1 Von der Französischen Revolution bis 1848
3.1.1 Die frühe Germania
3.1.2 Die Marianne von der Revolution bis zum Bürgerkönig
3.2 Marianne und Germania im Zeichen der Revolution von 1848
3.2.1 Die Veitsche Germania
3.2.2 Die Marianne der Zweiten Republik
3.3 Marianne und Germania im Zeichen des Deutsch-Französischen Kriegs
3.3.1 Germanias Entwicklung zur Walküre
3.3.2 Der Pathos der Dritten Republik
4. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Herausbildung moderner Nationsvorstellungen in Deutschland und Frankreich anhand der visuellen Repräsentation durch die weiblichen Nationalallegorien Marianne und Germania. Ziel ist es, zu analysieren, wie sich politisches Programm in der Inszenierung dieser Figuren niederschlug und welche symbolpolitischen Strategien dabei in unterschiedlichen politischen Lagern zum Einsatz kamen.
- Vergleich der ikonographischen Entwicklung von Marianne und Germania
- Analyse der semantischen Gehalte und Funktionen der Allegorien
- Untersuchung der Bedeutung von Attributen im historischen Kontext
- Betrachtung des Einflusses von Wendepunkten wie 1848 und 1871 auf die Bildsprache
- Reflektion über die Rolle von Kunst als politisches Instrument der Nationsbildung
Auszug aus dem Buch
Die Marianne von der Revolution bis zum Bürgerkönig
Das Gesicht der Marianne zu dieser Zeit war ein ganz anderes. In den folgenden Ausführungen beziehe ich mich auf eine Darstellung von Louis-Simon Boizot aus dem Jahr 1795. Boizot war bereits unter dem Ancien Régime bekannt geworden, da er für Ludwig XVI. sowie für Marie-Antoinette Werke schuf. Anschließend stellte er seine Arbeiten in den Dienst der Revolution. 1794 schuf er die Vorlage für graphisch reproduzierbare Allegorien von denen eine ganze Serie herausgegeben wurde. Die weibliche Figur in der Darstellung France Républicaine dient als Symbol der republikanischen Freiheit und steht in der Tradition der Antikenrezeption als auch der christlichen Ikonographie. Indem sie die Tugenden und Ideale verkörpert löst sie gewissermaßen die Madonna ab. Plessen fügt in ihrem Ausstellungskatalog hinzu, dass die Marianne Boizots auf die Tatsache hinweist, dass Frauen in der Revolution von Anfang an politisch aktiv waren.
In dieser wie auch in anderen zeitgenössischen Darstellungen der Marianne entspricht das Bild der „Republik“ dem Schönheitsideal seiner Zeit. Folglich stellt die politische Allegorie in einer von Männern bestimmten Politik ein irreale Traumfrau dar.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Funktion der Allegorie als Mittel der memoria ein und formuliert die zentrale Fragestellung hinsichtlich der unterschiedlichen Nationsvorstellungen in Deutschland und Frankreich.
2. Kreation einer Nationalfigur: Dieses Kapitel zeichnet die historischen Ursprünge und die Genese der Nationalfiguren Marianne und Germania nach.
3. Die Bilderwelten der Marianne und Germania: Dieses Hauptkapitel analysiert chronologisch die Wandlung der bildlichen Darstellungen beider Allegorien in drei zentralen Epochen des 19. Jahrhunderts.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Analyse zusammen und konstatiert, dass Marianne als Ideenträgerin zwar variationsärmer, aber als Identifikationsfigur erfolgreicher war als die Germania, die sich stetig wechselnden politischen Narrativen anpassen musste.
Schlüsselwörter
Marianne, Germania, Nationalallegorie, Nationsbildung, politische Ikonographie, Französische Revolution, Symbolpolitik, Identität, Geschlechterrollen, Nationalismus, 1848, Deutsch-Französischer Krieg, Erinnerungskultur, Bildsprache, Memoria
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der vergleichenden Analyse der nationalen Sinnbilder Marianne (Frankreich) und Germania (Deutschland) als Ausdruck politischer und gesellschaftlicher Vorstellungen im 19. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die politische Ikonographie, die Kunstgeschichte im Kontext von Nationalbewegungen sowie die symbolische Repräsentation staatlicher Macht und Identität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, herauszuarbeiten, ob und wie die unterschiedlichen Nationsvorstellungen in Deutschland und Frankreich in der Bildsprache ihrer jeweiligen Allegorien ablesbar sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kunsthistorisch-historische Analyse, bei der ausgewählte Gemälde und Denkmalentwürfe chronologisch und ikonographisch untersucht werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die bildlichen Darstellungen von Marianne und Germania in drei Zeiträumen betrachtet: von der Französischen Revolution bis 1848, während der Revolution von 1848 und schließlich in der Zeit nach dem Deutsch-Französischen Krieg.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Nationalallegorie, politische Ikonographie, Nationswerdung, Symbolik und die spezifischen historischen Kontextfaktoren wie 1848 und 1871 charakterisiert.
Warum wird die Marianne im Vergleich zur Germania als erfolgreicher in ihrer Inszenierung bezeichnet?
Die Autorin argumentiert, dass die Marianne als Identifikationsfigur stärker im kollektiven Bewusstsein verankert ist, während die Germania stets neu in wechselnde, teils fremdgesteuerte politische Narrative eingebettet werden musste.
Welche Rolle spielt die phrygische Mütze bei der Darstellung der Marianne?
Sie fungiert als zentrales, aber auch umstrittenes Freiheitssymbol, dessen Verwendung oder Aussparung in der Ikonographie Rückschlüsse auf die politische Ausrichtung der jeweiligen Epoche zulässt.
- Arbeit zitieren
- Cindy Wellmann (Autor:in), 2013, Nationswerdung im Bild. Symbolpolitische Strategien im 19. Jahrhundert in Frankreich und Deutschland am Beispiel der Marianne und der Germania, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274377