Bedeutung von Sprache für Integration, Identität und Heimat. Eine Evaluierung des Sprachkurses „Mama lernt Deutsch“


Wissenschaftliche Studie, 2010

19 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Demographische Situation in Oberösterreich

3. Die besondere Situation der Migrantinnen

4. Migration - Integration - Strukturelle Assimilation
4.1. Die Bedeutung des Spracherwerbs im Hinblick auf die Integration

5. Mama lernt Deutsch
5.1. Zielgruppe und der Begriff „Niederschwelligkeit“
5.1.1.Ziele des Projekts
5.2. Curriculum
Themen und Inhalte:
5.3. Ausgangsbedingungen Kursdesign

6. Fazit

Literaturliste

1. Einleitung

Migration bedeutet das Verlassen des vertrauten Kontextes und das Abschiednehmen von Gewohnheiten in allen Lebensbereichen. Diese Brüche in der Lebensbiographie beinhalten auch das Verschwinden der eigenen Muttersprache im Alltag sowie eine Neuorientierung der eigenen Identität. MigrantInnen werden aufgrund der Migration in eine Art Sprachlosigkeit zurückgeworfen. Die Sprache als Medium steht nicht mehr zu Verfügung. Oft fehlen die Worte um sich auszudrücken. Einfache, regressive Sprachmuster wie z.B. „du gehen“ werden aus der Umgebung aufgeschnappt und wiedergegeben.

Sprache, als ein essentieller Bestandteil einer Kultur, prägt Menschen und ihr persönliches Bild von Wirklichkeit. Die gemeinsame Sprache vermittelt kulturelle Symbole als Grundfeste des eigenen Weltbildes. In unterschiedlichen Kulturen wird Sprache auf unterschiedliche Art und Weise verwendet. Insofern kann nicht davon ausgegangen werden, dass zwei kommunizierende Menschen bei Verwendung des gleichen Begriffs auch das Gleiche meinen. Dies stellt bereits innerhalb des eigenen Sprachkreises eine oft unüberbrückbare Hürde dar.

Soziale Identität für das Individuum entwickelt sich aus der Verbindung von drei Komponenten: dem Individuum, der Gesellschaft und der daraus resultierenden Wechselwirkung, wobei die Sprache eine große Rolle spielt. Besonders in Bereichen der affektiv geladenen Erfahrungen ist das wechselseitige Sprachverstehen oft sehr reduziert, denn es stehen für die Lernenden noch sehr reduzierte Sprachmuster zur Verfügung. Das Ausmachen eines Termins oder das Bestellen diverser Lebensmittel ist wesentlich leichter zu erlernen als Emotionen und Befindlichkeiten auszudrücken.

Aus diesem Grund ist es daher unumgänglich die jeweiligen notwendigen Codes bzw. Sprachstrukturen in der Fremdsprache zu erlernen um in einer Fremdgesellschaft die ersten Schritte tun zu können.

Besonders Frauen verlieren durch die Migration sehr viel an Möglichkeiten zur Teilhabe an einem öffentlichen sozialen Leben.

"Mama lernt Deutsch" Kurse verfolgen das Ziel, bildungsfernen Müttern mit Migrationshintergrund eine Möglichkeit zur Erweiterung ihrer sprachlichen und sozialen Kompetenz in einem fremden Land zu bieten.

Im vorliegenden Bericht wird versucht eine Zusammenschau unterschiedlicher und unterstützender Faktoren, welche in den „Mama lernt Deutsch“ Kursen berücksichtigt und stets mitgedacht werden, durchzuführen. Diese Kurse fanden im Rahmen der VHS Oberösterreich, im Institut für Interkulturelle Pädagogik, erstmalig 2009/10 statt. Gleichzeitig wird auf den aktuellen wissenschaftlichen Stand der Forschung Bezug genommen.

Kursiv geschriebene Texte beziehen sich immer auf Aussagen der Kursteilnehmerinnen des „Mama lernt Deutsch“ Kurses. Die Aussagen werden – soweit verständlich – belassen. Manches Mal wird ein wenig am Wortbau korrigiert.

Gendergerechte Formulierungen werden - obwohl political correct - nicht stringent durchgeführt. Vorrangig sollte bei dieser Thematik die Lesbarkeit sein, obwohl im Sinne der Totalität immer beide Geschlechter gemeint sind.

Teil A:

Strukturelle Rahmenbedingungen der Migration

2. Demographische Situation in Oberösterreich

Auf Österreich bezogen hat Oberösterreich im Vergleich mit den anderen Bundesländern einen durchschnittlichen Anteil an Menschen mit Migrations-hintergrund.

„In Oberösterreich gibt es vier große AusländerInnengruppen: Deutsche, BosnierInnen, SerbInnen und TürkInnen“ (Statistik Austria, 2010). Vor allem die oberösterreichischen Ballungszentren weisen einen relativ hohen Migrantenanteil auf. Laut Statistik Austria leben die meisten Migranten in Linz-Stadt und Linz-Land, Wels-Stadt und Wels-Land, Steyr sowie im Salzkammergut (Gmunden und Vöcklabruck) und im Bezirk Braunau. Traun ist bereits Nr.1 (vor Wien!) der Top Ten Städte mit dem höchsten Anteil an Nicht EU- AusländerInnen.

Auffallend in diesem Ranking ist die Tatsache, dass sechs von zehn Städten in Oberösterreich sind!

Der Tatsache, dass immer mehr Österreicher mit Migrationshintergrund geboren werden, muss Rechnung getragen werden, indem Gruppen unterschiedlicher Ethnien auch unterschiedliche Integrationskonzepte und eine breite Möglichkeit an lebbarer Teilhabe in der Gesellschaft brauchen. Ausgrenzung oder Diskriminierung sollte Zuwanderergruppen künftig erspart bleiben bzw. das Maß der Erträglichkeit möglichst niedrig gehalten werden.

3. Die besondere Situation der Migrantinnen

Entwurzelt in einem fremden Kulturkreis, der Fremdsprache nicht mächtig, ist es für viele Migrantenfrauen nur schwer möglich, am öffentlichen sozialen Leben des Aufnahmelandes teilzuhaben. Es kommt zu einer Wechselwirkung zwischen geringen Sprachkenntnissen, sozialer Isolation sowie Nichterwerbstätigkeit.

Oft erleben Frauen in ihren ersten Jahren in Österreich eine für sie sehr traurige Zeit. Sie sprechen kein Deutsch, der Mann geht in die Arbeit, sie haben wenig Sozialkontakte, gewohnt wird in kleinen, überteuerten Mietwohnung (in denen Österreicher nicht leben möchten). Kurzum - sie sind auf das Leben im Aufnahmeland nicht vorbereitet. Noch dazu heißt einer der wichtigsten Grundsätze für türkische Mädchen und Frauen, keine Schande auf die Familie zu werfen, also die Ehre (türkisch "namus") zu bewahren. "Ehrenhaft ist ein Mädchen/eine Frau dann, wenn es/sie sich entsprechend der sozial-kulturellen, religiösen Normen ihrer Gemeinschaft verhält und keinen Anlass zum Gerede gibt" (Viehböck, Bratić 1994, S.125).

Es besteht nach wie vor eine soziale Kontrolle innerhalb der eigenen Ethnie. Dies bestätigen auch die Aussagen der Kursteilnehmerinnen, welche sehr vorsichtig darüber sprechen, dass sie schon (von anderen türkischen Frauen) wegen des Deutschkurses und seines Nutzens angesprochen wurden. „Warum ich das mache, wo ich alles bekomme, was ich brauche - im türkischen Geschäft.“ Jedoch unterliegen die Ziele von Müttern und ihren Töchtern über die Generationen einem Wandel. Bedingt durch die Horizonterweiterung aufgrund des Spracherwerbes könnte sich der Trend nach Freiraum und größerer Selbstständigkeit fortsetzen. Traditionelle, hierarchische Systeme stehen in einem Spannungsverhältnis zwischen den alten (mitgebrachten) und den neuen Werten, die von außen durch Medien und die eigenen Kinder in die Familien getragen werden. Speziell Frauen erleben diese Übergangszeit ambivalent. Einerseits sind sie Ehefrau und Mutter, andererseits nehmen sie immer mehr am öffentlichen Leben teil (vgl. Leeb-Brandstetter 2008, S. 42).

Bei einer Untersuchung (2008) über die soziale Situation Migrantenjugendlicher war auffallend, dass keiner der Migrantenjugendlichen österreichische Freunde zu sich nach Hause einlädt. Ursache könnte der Wunsch nach Intimität innerhalb der Familie sein, aber auch eine mögliche Unsicherheit gegenüber den Erwartungen des Fremden et vice versa. (vgl. ebd. 2008)

4. Migration - Integration - Strukturelle Assimilation

Die Begegnung der Kulturen durch Migration und Integration betrifft die meisten Gesellschaften. In welchem Ausmaß ein Zusammenleben unterschiedlicher Ethnien gelingt, ob Differenzen spannungsreich und konfliktreich ausgetragen werden, oder aber durch wechselseitige Wertschätzung geprägt wird, hängt vielfach von der Einstellung der Aufnahmegesellschaft ab.

Wurde in den Anfängen der Migration noch die funktionale Anpassung der MigrantInnen (das Erlernen der notwendigen Codes, wie z.B. die Sprache) sowie deren vollständige Identifikation als anzustrebendes Ergebnis einer (erfolgreichen) Eingliederung gesehen, wird heute in Fachkreisen dieses Thema kontrovers diskutiert. In den Anfängen wurde noch die totale Assimilation, resultierend aus der Distanzierung zur Herkunftskultur und der völligen Übernahme der Verhaltensmodi des Aufnahmelandes angestrebt.

Heute wird (größtenteils übereinstimmend) Integration begriffen als ein Prozess, in dem die Kulturen, der verschiedenen aufeinander treffenden ethnischen Gruppen ohne sozioökonomischen Nachteil, beibehalten werden können. MigrantInnen verfügen prinzipiell über die Möglichkeit der Wahl zwischen bzw. der Zugehörigkeit zu zwei Kulturen (vgl. Ornig 2006, S.47).

Für den Migrationssoziologen Esser z.B. ist die Grundlage jeder Integration die Interdependenz der Teile, also ihre wechselseitige Abhängigkeit (vgl.: http://library.fes.de/pdf-files/akademie/online/50366.pdf). Besondere Aufmerksamkeit widmete Esser dem Einfluss des sozialräumlichen Kontextes. Für die USA z.B. liegen Studien vor, die zeigen, dass eine starke ethnische Konzentration negative Wirkungen auf den Zweitspracherwerb und letztlich die strukturelle Integration hat.

Den Schlüssel für die Sozialintegration sieht Esser in der Sprache und in der daran anschließenden strukturellen Assimilation in das Bildungssystem und den Arbeitsmarkt im Aufnahmeland. "Ohne strukturelle Assimilation kann es weder eine soziale noch eine emotionale Hinwendung zur Aufnahmegesellschaft geben" (http://library.fes.de/pdf-files/akademie/online/50366.pdf). Strukturelle Assimilation (Einkommen, Berufsprestige): Die Dimension der Angleichung, auch Status-Dimension genannt, impliziert den Grad des Eindringens in das Status- und Institutionensystem der Aufnahmegesellschaft. Migranten sind auf den unteren Ebenen anzutreffen. Es gibt nur geringe Aufstiegschancen.

„Wenn Integration als Gleichgewichtszustand bzw. als Zutritt zu Statuslinien verstanden wird, könnte das für die (nicht nur) österreichische Politik, deren Integrationsverständis in erster Linie auf Anpassung an österreichische Werte, Normen und Traditionen ausgerichtet ist, bedeuten, Statuslinien zu öffnen und sie Migranten zugängig zu machen. Notwendigerweise müsste dann Einbürgerung zu Beginn und nicht am Ende des Niederlassungsprozesses stehen“ (Leeb-Brandstetter 2008, S.17).

"Der Bildungsgrad und die Kenntnisse der deutschen Sprache haben einen großen Einfluss darauf, welche Tätigkeiten Migranten in der Arbeitswelt aufnehmen (können)" (Simonitsch, Biffl 2007, S.25). Die mit einer geringen formalen Bildung verbundenen wirtschaftlichen und sozialen Probleme betreffen Muslime in herausgehobener Weise, denn niedrig Qualifizierte und Personen mit einem einfachen Ausbildungsgrad haben am Arbeitsmarkt nur beschränkte Chancen.

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Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Bedeutung von Sprache für Integration, Identität und Heimat. Eine Evaluierung des Sprachkurses „Mama lernt Deutsch“
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V274385
ISBN (eBook)
9783656670513
ISBN (Buch)
9783656670230
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bedeutung, sprache, integration, identität, heimat, eine, evaluierung, sprachkurses, mama, deutsch
Arbeit zitieren
Renate Leeb-Brandstetter (Autor), 2010, Bedeutung von Sprache für Integration, Identität und Heimat. Eine Evaluierung des Sprachkurses „Mama lernt Deutsch“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274385

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