Zusammen mit der Religion nimmt die Musik in Kuba einen enorm großen soziologischen und kulturellen Stellenwert für die armen, oft am Rande des Existenzminimums lebenden afrokubanischen Bevölkerungsschichten ein. Aber nicht nur für diese; die Musik unterstützt das gesamte kubanische Volk, diesem Schmelztiegel aus den Nachfahren afrikanischer Sklaven und der spanischen Eroberer sowie den Immigranten aus Europa und den USA bei seiner Identitätsfindung und -wahrung; sie stellt ein unabdingbares Element des kubanischen Lebensgefühls dar und formt aus den unterschiedlichen kulturellen Einflüssen, die Kuba im Laufe der letzten Jahrhunderte erfahren hat, DEN Kubaner bzw. DIE Kubanerin. Emilio Grenet charakterisiert die Bedeutung der Musik für das kubanische Volk als “[...] la elaboración espiritual de un pueblo que lucha desde hace cuatro siglos por encontrar su propia expresión” (Grenet, S. 45). Die Hintergründe dieser Bedeutung der Musik und des Tanzes für das kubanische Volk sollen in diesem vorliegenden kurzen Aufsatz unter Berücksichtigung der musikgeschichtlichen Entwicklung des Landes am Beispiel des son cubano näher beleuchtet werden. Dabei wird auch die politische und wirtschaftliche Historie Kubas im letzten Jahrhundert miteinbezogen, da diese Umstände zum Verständnis der Bedeutung bzw. der Entwicklung der Musik in Kuba entscheidenden Beitrag geleistet haben und daher nicht einfach ausgeklammert werden dürfen.
In diesem Zusammenhang wird zunächst auf die musikgeschichtliche Situation der Karibikinsel Ende des 19. und Anfang des 20.Jahrhundert eingehen, die Zeit, in welcher die Vorläufer des Son im bergigen Osten der Insel nach heutigem Wissenstand erstmals gespielt, getanzt und gesungen wurden. Im folgenden wird dann näher auf die Charakteristika des Son - Instrumentation, Struktur und Texte – im musikhistorischen Kontext Kubas eingegangen und seine chronologische und geographische Entwicklung auf Kuba erläutert. Es folgt ein kurzer Abriss über die politisch und wirtschaftlich bedeutsamen historischen Wegpunkte Kubas, um vor diesem Hintergund in der anschließenden Analyse näher auf die transkulturelle Rolle des Son beim Abbau der Rassentrennung einzugehen. Letztendlich soll dann in der Kombination aus Punkt 1 und 2 zu einem möglichst umfassenden Gesamtbild des son cubano samt seiner Bedeutung für die Identitätsfindung und -wahrung des kubanischen Volkes beigetragen werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Geschichte und Charakteristik des son cubano
Einleitung
1.1 Ursprung
1.2 Instrumentation
1.3 Struktur der Son-Kompositionen
1.4 Sprache und Texte
1.5 Popularität des Son in Havanna
1.5.1 Das conjunto sonero und die weitere Entwicklung des Son
2. Legalität und nationale Identität
2.1 Historischer Hintergrund
2.2 Der Son als transkulturelles Element kubanischer Identität
3. Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Son cubano als ein zentrales transkulturelles Element, das maßgeblich zur kubanischen Identitätsfindung und -wahrung beigetragen hat. Dabei wird die musikgeschichtliche Entwicklung vor dem Hintergrund der sozioökonomischen und politischen Umstände Kubas im 20. Jahrhundert beleuchtet, um aufzuzeigen, wie die Musik gesellschaftliche Gräben überbrücken konnte.
- Musikgeschichtliche Entwicklung und Charakteristika des Son cubano
- Der Son als transkulturelles Identitätsmerkmal des kubanischen Volkes
- Der Einfluss von soziopolitischen Strukturen und Rassentrennung auf die Musikkultur
- Die Rolle von Literatur und Sprache in der Verbreitung und Popularisierung des Son
- Internationale Renaissance und globale Wahrnehmung kubanischer Musik
Auszug aus dem Buch
1. Geschichte und Charakteristik des son cubano
Der son cubano bzw. son oriental, wie er zunächst seiner geographischen Herkunft im Osten der Insel wegen hieß, in dieser vorliegenden Arbeit als ein markantes und populäres Beispiel der verschiedenen Musik- und Tanzgattungen Kubas des letzten Jahrhunderts herausgegriffen, birgt in seiner Vermählung afrikanischer Trommeln und Gesangsstrukturen mit spanischen Gitarren und Liedertraditionen mehr als bloße Unterhaltung und Zeitvertreib: er vermochte die Brücke zwischen arm und reich bzw. zwischen Afro-Kubanern und Weißen zu spannen und half entscheidend bei der kulturellen Identitätsfindung der Kubaner.
Weder die rumba noch der danzón hatten einen derart großen Einfluss auf den Abbau der gesellschaftlichen Klassenunterschiede und der Rassentrennung. Im Gegenteil – letztere Musikgattungen zielten eher gerade daraufhin ab, jene Klassenunterschiede zu definieren und beizubehalten.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Der Abschnitt erläutert den hohen soziologischen Stellenwert der Musik für die kubanische Identitätsfindung und gibt einen Ausblick auf die musikgeschichtliche Untersuchung des Son cubano.
1. Geschichte und Charakteristik des son cubano: Dieses Kapitel analysiert den Ursprung, die Instrumentation, die musikalische Struktur sowie die Texte des Son und beschreibt dessen wachsende Popularität in Havanna.
1.5.1 Das conjunto sonero und die weitere Entwicklung des Son: Hier werden die Vergrößerung des Son-Ensembles, die Integration neuer Instrumente und die Entwicklung bis hin zur internationalen Popularität detailliert dargestellt.
2. Legalität und nationale Identität: Dieses Kapitel beleuchtet den historischen Hintergrund Kubas, insbesondere die Auswirkungen von Kolonialismus, Sklaverei und wirtschaftlicher Abhängigkeit auf das soziale Gefüge.
2.2 Der Son als transkulturelles Element kubanischer Identität: Der Fokus liegt hier auf der Rolle der Musik bei der Überbrückung gesellschaftlicher und rassenbasierter Unterschiede sowie der Bedeutung des Son für das nationale Selbstverständnis.
3. Zusammenfassung: Der Abschnitt fasst die Erkenntnisse über die Rolle des Son im Transkulturationsprozess und vor dem politischen Hintergrund der Zeit zusammen.
Schlüsselwörter
Son cubano, Kuba, Transkulturation, Afrokubanische Musik, Identitätsfindung, Musikgeschichte, Soziokulturelle Entwicklung, Rassentrennung, Instrumentierung, Rumba, Danzón, Gesellschaftlicher Wandel, Nationale Identität, Musikkultur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Son cubano als einem prägenden Element kubanischer Kultur und dessen Bedeutung für die Identitätsbildung in einem historisch instabilen Umfeld.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Musikgeschichte, die transkulturellen Prozesse, die sozialen Auswirkungen von Rassentrennung und der Abbau von Klassenunterschieden durch Musik.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, ein umfassendes Verständnis für den Son cubano zu schaffen und aufzuzeigen, wie diese Musikgattung als „Überbrücker“ zwischen verschiedenen sozialen Schichten und Ethnien fungierte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine musikgeschichtliche und kulturwissenschaftliche Analyse, die historische Kontexte und musiktheoretische sowie literarische Quellen kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Ursprünge und Charakteristika des Son sowie eine Analyse der politischen und wirtschaftlichen Hintergründe Kubas.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Son cubano, Transkulturation, kubanische Identität, soziale Integration und afrokubanische Rhythmen.
Welche Rolle spielten die sogenannten "social clubs" für den Erfolg des Son?
Diese Clubs boten Räume in den Stadtvierteln, in denen Menschen verschiedener Herkunft zusammenkamen, um gemeinsam zu musizieren und zu tanzen, was den sozialen Austausch förderte.
Warum war die Einführung der "Congas" in die Son-Orchester historisch so bedeutend?
Die Congas waren eng mit der afro-kubanischen Ex-Sklavenminderheit verbunden und wurden lange Zeit diskriminiert; ihre Integration symbolisierte einen wichtigen Schritt in Richtung gesellschaftlicher Anerkennung und Rassenintegration.
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- Claudio Priesnitz (Author), 2002, Der "son cubano". Seine Charakteristik und Rolle als transkulturelles Element im musikgeschichtlichen Kontext Kubas, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27441