Ludwig Tiecks "Des Lebens Überfluss". Eine Novelle der Romantik oder des Realismus?


Seminararbeit, 2014
15 Seiten
Romina Hermes (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Charakteristika zweier Epochen
2.1. Merkmale der Romantik
2.2. Merkmale des Realismus

3. Epochale Einordnung derNovelle ..Des Lebens Uberfluss“ von Ludwig Tieck

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In den 1830er Jahren war ein deutlicher Wandel in der literarischen Welt zu verzeichnen. Wo zunachst die Motive der Romantik dominierten, entstanden in dieser Zeit Werke, die jener Epoche nicht mehr eindeutig zuzuordnen waren. Diesen Umbruch kann man nicht nur in den Stucken der jungeren Autoren des 19. Jahrhundert erkennen, sondern auch in Erzahlungen etablierter Schreiber.

Einer der bedeutendsten Vertreter der Romantik ist mit Sicherheit Ludwig Tieck, der durch seine zahlreichen Marchen wie Der Blonde Eckbert, Der Runenberg und vor allem seinem Werk Waldeinsamkeit das Lebensgefuhl der Epoche aktiv pragte, mitgestaltete und einfing. Dennoch ist selbst bei einem seiner Werke eine Einordnung in die sogenannte „Goethezeitu1 nicht mehr eindeutig.

In Des Lebens Uberfluss finden sich viele Charakteristika der Romantik wieder, jedoch sind einige Aspekte dieser Erzahlung nicht konform mit dem Bild, welches diese Epoche bis dato ausgemacht hat. An einigen Stellen erinnert das Werk eher an das Literaturverstandnis des Realismus. Diese Hausarbeit soll dazu dienen eine Einordnung des Werkes vorzunehmen und in Ansatzen die Notwendigkeit einer Beschaftigung der Literatur mit den aufieren Umstanden einer Zeit der Revolutionen zu verdeutlichen.

Dazu werden zunachst die Merkmale der Romantik und ihre Bedeutung naher beleuchtet, um daruber aufzuklaren auf welche Aspekte man beim Lesen achten muss. Im Anschluss daran erfolgt eine nahere Betrachtung der Merkmale des Realismus, um ihn somit bereits als eigenstandige Epoche auszuweisen. Danach werden die herausgearbeiteten epochenspezifischen Elemente beider literarischer Zeiten mit der Novelle Ludwig Tiecks Des Lebens Uberfluss in Zusammenhang gebracht, um letzten Endes zu einer Antwort auf die Frage zu gelangen, wie man das Werk einordnen kann.

2. Charakteristika zweier Epochen 2.1 Merkmale der Romantik

Die Epoche der Romantik erstreckte sich ungefahr uber die Jahre von 1798 bis 1835. Als literarische Form wurde sie vor allem durch Autoren wie Joseph von[1]

Eichendorff, E.T.A. Hoffmann, die Bruder Grimm und Schlegel, Clemens Brentano und Ludwig Tieck gepragt.

Stets wiederkehrende Motive dieser Litaraturstromung sind die der Nacht, des Traumes und des Unbewussten. Wie beispielsweise in das Theaterstuck Prinz Friedrich von Homburg von Heinrich von Kleist, in der der Prinz durch seine Traumereien verwundbar und realitatsfern wird.

Thematisch geht es hauptsachlich um die „Absolutsetzung der Liebe“[2], aber auch um das Finden einer Harmonie zwischen Realem und Idealem. Diese beiden Ideale sollen transzendiert werden, um durch Aufzeigen dieses Unterschieds eine klare Abgrenzung von der wirklichen Welt zu einer erdachten, phantasierten Welt zu bekommen. Jedoch scheint diese erwunschte Darstellung der Wahrheit und Einheit den Dichtern nicht zu gelingen, wodurch viele Werke dieser Zeit lediglich Fragmente bleiben. Durch den Wunsch nach Harmonie entstehen jedoch in dieser Epoche viele utopische Schriften, die sich ausschliefilich mit der Innenwelt, den Gefuhlen und Sehnsuchten des Individuums/des Protagonisten auseinandersetzen. Eine dieser Sehnsuchte ist wiederholt das Streben nach Natur als hochstem Schatz, womit auch der Akt des Wanderns und Ausstreifens in die Walder einhergeht. Hierzu treibt den Protagonisten oftmals eine ,,fremde[r] Gewalt“[3], die sie nicht selten von Zuhause wegfuhrt.

Damit erhoffen sich die- meist kunstlertypischen- Charaktere einen entwichenen und verlorenen Anfang zu finden, das heifit durch den Blick in die Vergangenheit, durch Regression, zu einer Einheit mit der Gegenwart zu gelangen[4]. Dabei werden das soziale Umfeld und die gesellschaftlichen Umstande, die das Individuum umgeben sollten, vollig aufier Acht gelassen. Zu begrunden ist diese Tatsache mit dem Ziel nicht das Alltagliche darzustellen, sondern das Aufiergewohnliche. Nicht das normale Familienleben und soziale Gefuge, sondern die , als wunderbar wahrgenommene Abgeschiedenheit, sollte verbildlicht werden. Dies zeichnet die Romantik als eine Zeit der Marchen aus, in denen das Wunderbare als Alltaglich empfunden wird. Oft spielen sprechende Tiere, Hexen, Gespenster und andere phantastische Wesen eine zentrale Rolle (siehe Der gestiefelter Kater von Ludwig Tieck).

In der Struktur eines romantischen Werkes fallt auf, dass durch den Gedanken des

Fragmentes auch hier keine Struktur und Regelhaftigkeit zu herrschen scheint. So wird der Erzahlstrom teilweise durch Gesange oder Gedichte unterbrochen. Letztendlich kann man festhalten, dass die Epoche der Romantik und ihre Dichter von einer allgemeinen Melancholie und Schwermutigkeit beherrscht waren, die von einem ruhelosen Umherstreifen auf der Suche nach der Wahrheit herruhrte.

2.2 Merkmale des Realismus

Obwohl es eher ein Prozess war, der sich uber mehrere Jahre erstreckte, wird das Jahr 1848 als Beginn des Realismus in der Literatur verstanden. Vertreter waren unter anderem beispielsweise Theodor Fontane und Gustav Freitag. Die Epoche lost damit die, bereits im Kapitel zuvor erlauterte, Zeit der Romantik ab. Im Gegensatz zu jener, wird in dieser Zeit ein Wunsch nach formellen und strukturellen Gesetzten in der Poesie laut[5]. Damit sollte die bruchstuckartige Struktur romantischer Werke der Romantik ausgeschlossen werden.

Des Weiteren ist festzustellen, dass nicht eine ,,Flucht in lyrisch bestimmte Innerlichkeit“[6] dargestellt werden soll, sondern viel mehr die Auseinandersetzung mit der Aufienwelt eine Rolle spielen sollte.

Es war nicht mehr die Aufgabe der Literatur eine marchenhafte oder fabelhafte Welt zu erschaffen, sondern eine ,,Produktion von glaubwurdigen und in sich stimmigen Fiktionen“[7] herzustellen.

Zum Gegenstand der Erzahlungen wird das ,,hochst individuelle und allerpersonlichste Recht im Kampf der Pflichten“[8] und Menschen, die in Krisen stecken, wodurch zudem die Frage beantwortet werden soll, was ein Menschenleben ausmacht und was injenem von Bedeutung ist oder sein sollte.

Oftmals spielen tragische Ereignisse die mafigebliche Rolle. Jene sind auf aufiere Einflusse zuruckzufuhren. Auf diese Weise werden die Werke zu Schriftstucken der indirekten Kritik am damaligen, herrschenden Spiefiburgertums und dem nackten Profitinteresse. Die Begebenheiten in einem Werk des Realismus spielen also auf verschiedenen Ebenen. Sie bilden eine Einheit, weil sie voneinander abhangig sind. Das Innere wird durch das Aufiere, das Private durch das Offentlich/Sozial beeinflusst.

Zudem ist festzustellen, dass haufig landlich-dorfliche Gegenden als Schauplatz fur die Bucher gewahlt werden und die Haltung des Erzahlers ist nur noch selten distanziert-kritisch[9]. Man bemerkt eine eher „harmlose Lebendigkeit des Tons“[10] [11].

3. Epochale Einordnung der Novelle „Des Lebens Uberfluss“ von Ludwig Tieck

In die Zeit des literarischen Wandels fallt auch die Erscheinung der Novelle ,,Des Lebens Uberfluss“ von Ludwig Tieck aus dem Jahre 1839. Dementsprechend enthalt das Werk einige Motive, die nicht zu der Epoche der Romantik zu gehoren scheinen, sondern viel mehr in die des nachfolgenden Realismus platziert werden konnen. Doch wohin gehort die Novelle nun? Eine nahere Betrachtung des Werkes soll diese Frage beantworten.

Was auf den ersten Blick auffallt, ist die starke und intensive Auseinandersetzung des Paares mit ihrer Liebe. Dies ist ein Merkmal der Romantik, denn Heinrich und Clara stellen jegliche aufiere Einflusse oder Uberflusse, wie sie sie bezeichnen, hinten an und erklaren, dass sie zum Leben nur einander brauchen. Jedoch werden diese epochentypischen Charakteristika ironisiert und verlieren somit die im Vordergrund der Romantik stehenden Werte ihre Bedeutung. Es klingt an einigen Stellen so, als mokiere sich der Autor uber die realitatsferne Einstellung seiner beiden Protagonisten: „»aber damals lebten wir von dem Erlos dieser uber-flussigen Sachen doch noch verschwenderisch. Oft sogar hatten wir zwei Schusseln.«u11 Nicht nur in diesem Motiv weist die Novelle auf die fruhere Epoche hin. Des Weiteren thematisiert deren ganze Handlung das Reisen und die Transition in das Erwachsenenleben und somit die Abgrenzung von den Eltern.

Schon in fruheren Marchen Tiecks wird dies zum Leitmotiv gemacht. Beispielsweise in Der Runenberg, in dem der Protagonist seine Familie aufgibt um nach Schatzen zu suchen. Oder in Der blonde Eckbert, in dem Bertha von ihrem sicheren Zuhause ausbricht um in der Ferne das zu finden, was sie in Buchern gelesen hat.

Auch in „Des Lebens Uberfluss“ reifien die beiden Liebenden von Zuhause aus und verlassen gegen jegliche Vernunft, vollkommen von ihren innersten Gefuhlen geleitet, ihre Elternhauser.

[...]


[1] Begriffspragung durch den Literaturhistoriker Hermann August Korff

[2] Lukas, Wolfgang: Abschied von der Romantik. Inszenierungen des Epochenwandels bei Tieck, EichendorffundBuchner. In: Recherches Germaniques, 2001, S. 6.

[3] Tieck, Ludwig: Marchen aus dem Phantasus. Der Runenberg. Stuttgart: Reclam 2003, S. 89.

[4] Vgl. Schmitt, Hans-Jurgen (Hrsg.): Die deutsche Literatur in Text und Darstellung. Romantik I. Band 8. Stuttgart: Reclam, S. 133.

[5] Vgl. Huyssen, Andreas. (Hrsg.): Die deutsche Literatur in Text und Darstellung. Burgerlicher Realismus. Band 11. Stuttgart: Reclam, S. 43.

[6] Eben da.

[7] Schurf, Bernd; Wagener, Andrea (Hrsg.). Texte, Themen und Strukturen. Berlin: Cornelsen 2009, S. 360.

[8] Eben da.

[9] Schurf, Wagener (Hrsg.): Texte, Themen und Strukturen, S. 369.

[10] Huyssen (Hrsg.): BurgerlicherRealismus, S. 65.

[11] Tieck, Ludwig: Des Lebens Uberfluss. Stuttgart: Reclam 2011, S. 8.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Ludwig Tiecks "Des Lebens Überfluss". Eine Novelle der Romantik oder des Realismus?
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Autor
Jahr
2014
Seiten
15
Katalognummer
V274424
ISBN (eBook)
9783656674177
ISBN (Buch)
9783656674115
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ludwig, tiecks, lebens, überfluss, eine, novelle, romantik, realismus
Arbeit zitieren
Romina Hermes (Autor), 2014, Ludwig Tiecks "Des Lebens Überfluss". Eine Novelle der Romantik oder des Realismus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274424

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