In der vorliegenden Arbeit geht es um die Verbindung von Stereotypisierung und Stigma. Hierzu wird zunächst die Ambivalenz von Stereotypisierung erläutert, wobei deutlich wird, dass Stereotypisierung auf der einen Seite Vorteile mit sich bringen kann und auf der anderen Seite einschränkend und verletzend wirken kann.
Daran anschließend wird der Begriff Stigma näher betrachtet und ein Bezug zum Identi-tätsaspekt hergestellt, um danach anhand der drei Identitätsbegriffe von Goffman Stigma zu erklären. Goffman zufolge ist ein Stigma eine spezielle Verbindung von einem Attribut einer Person und den stereotypen Vorstellungen der Menschen, die kein Stigma tragen und als „normal“ gelten (vgl. Hellmann 1991, S. 6). Hier kommt es nach Goffman auch darauf an, ob es sich um angeborene Eigenschaften, von der Norm abweichende, um so-zial vererbte, oder um erst spät erworbene Eigenschaften handelt. Dies hat jeweils eine andere Auswirkung auf die Entwicklung, bzw. nach Goffman auf den moralischen Werde-gang (vgl. Goffman 1992, S. 45). Desweiteren geht es darum, wie die soziale Interaktion beeinflusst wird, wenn Stigmatisierte und Nicht-Stigmatisierte zusammentreffen und dar-um wie sich dies auf die Identität der Personen auswirken kann? Goffman gibt hierzu an, dass innerhalb einer Interaktion mit einer unbekannten Person Eigenschaften auffallen können, die von den eigentlich gebildeten stereotypen Vorstellungen abweichen und die Person in der Vorstellung herabgemindert wird (vgl. Hellmann 1991, S. 7). Es soll darges-tellt werden, welche Probleme im Zuge von Stigmatisierung auftreten können und es werden Möglichkeiten aufgezeigt, mit dem Stigma umzugehen.
Es gibt sichtbare stigmatisierte Eigenschaften und nicht sichtbare stigmatisierte Eigen-schaften. Zu ersteren kann z.B. eine Behinderung, oder ein auffälliges Verhalten entgegen der Norm gezählt werden. Nicht sichtbare stigmatisierte Eigenschaften lassen derweilen vermuten, dass bestimmte Personen als Stigmatisierte hervortreten, indem sie in Kontakt mit bestimmten Instanzen treten, oder sich an speziellen Orten aufhalten. Hier können z.B. Lernbehinderte als Beispiel für eine stigmatisierte Gruppe genannt werden. Treten die Kinder und Jugendlichen in Kontakt mit der Instanz Sonderschule, so wird es augenscheinlich bekannt, dass bestimmte Defizite vorliegen „(…) es ist in unerwünschter Weise anders, als wir es antizipiert hatten“ (Goffman 1992, S. 13). Durch diese Abgrenzung zum „normalen“ Schüler und den
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung
2.Ambivalenz von Stereotypisierung
2.1 Warum sind wir auf Stereotype angewiesen?
2.2 Warum kann Stereotypisierung verletzen?
3.Identität und Stigma
3.1 Persönliche Identität
3.2 Soziale Identität
3.3 Ich-Identität
3.4 Stigma – Erklärung anhand der Identitätsbegriffe
4. Stigma-Management
4.1 Möglichkeiten des Stigma-Managements
4.2 Hannah Arendt: „Wir Flüchtlinge“
5. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die komplexe Wechselwirkung zwischen Stereotypisierung und Stigmatisierung und analysiert, wie diese Prozesse die Identitätsbildung von Individuen beeinflussen. Basierend auf den theoretischen Ansätzen von Erving Goffman wird beleuchtet, wie betroffene Personen durch spezifische Stigma-Management-Strategien versuchen, ihre soziale Identität zu wahren und mit Ausgrenzung umzugehen.
- Die Ambivalenz von Stereotypisierung (Nutzen vs. Verletzungspotenzial)
- Erving Goffmans Identitätstheorie und die Definition von Stigmata
- Die drei Identitätsformen: persönliche, soziale und Ich-Identität
- Strategien des Stigma-Managements und psychische Belastungsfaktoren
- Fallanalyse des Essays „Wir Flüchtlinge“ von Hannah Arendt
Auszug aus dem Buch
4.1 Möglichkeiten des Stigma-Managements
Zunächst ist zu erwähnen, dass nach Goffman Stigma-Management in der Gesellschaft immer vorhanden ist und da vorkommt „wo immer es Identitätsnormen gibt“ (Goffman 1992, S. 161).
Häufig kommt es zu Spannungszuständen in einer sozialen Interaktion, wenn der Träger des Stigmas im Kontakt mit einer „normalen“, oder stigmafreien Person steht und sich dabei als nicht vollständig akzeptiert fühlt. Diese daraus resultierenden Spannungen müssen von den Stigmaträgern erfolgreich überwunden werden. Major und Eccleston beschreiben fünf Bewältigungsstrategien, die von Stigmaträgern angewendet werden, um ihr Selbstbild zu erhalten. Die erste mögliche Bewältigungsstrategie besteht darin, das Stigma zu kaschieren, zu verdecken, zu verheimlichen, oder sogar zu beseitigen, um im Kontakt mit Anderen besser da zu stehen. Die zweite Bewältigungsstrategie zeigt sich in der Meidung von bestimmten Situationen, in denen Stigmatisierung erwartet wird und in der Meidung bestimmter sozialer Kontakte und Bindungen. Die dritte genannte Strategie ergibt sich durch einen Rückzug aus verschiedenen Verpflichtungen, indem sich die Betroffenen von eigenen Zielen distanzieren, da hier Stigmatisierung erwartet wird. Die vierte Bewältigungsstrategie liegt in der Identifizierung mit Mitgliedern der eigenen Gruppe, in der Unterstützung und Wertschätzung erfahren wird. Die letzte genannte Strategie besteht darin, dass die Stigmaträger sich selbst nicht als Ursache für die Ausgrenzung in der Gesellschaft sehen, sondern dies auf die Vorurteile gegenüber ihrer Gruppe zurückführen (vgl. Major & Eccleston 2005; zit. n. Petersen 2008, S. 142f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1.Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der Stereotypisierung und Stigmatisierung ein und stellt die zentrale Fragestellung zur Identitätsbeeinflussung durch Stigma dar.
2.Ambivalenz von Stereotypisierung: Hier wird der Begriff des Stereotyps definiert und sowohl dessen kognitive Entlastungsfunktion als auch das Potenzial zur diskriminierenden Verletzung gegenüber Fremdgruppen analysiert.
3.Identität und Stigma: Auf Basis von Goffmans Theorien wird der Zusammenhang zwischen der persönlichen, sozialen und Ich-Identität und der Entstehung von Stigmatisierung dargelegt.
4. Stigma-Management: Dieses Kapitel erläutert konkrete Bewältigungsstrategien, mit denen Betroffene versuchen, ihr Selbstbild trotz gesellschaftlicher Ausgrenzung zu schützen, und diskutiert dies am Beispiel von Hannah Arendts Essay.
5. Resümee: Das Resümee fasst die Ergebnisse zusammen und unterstreicht die Notwendigkeit, gesellschaftliche Normen kritisch zu hinterfragen, um die Integration stigmatisierter Individuen zu fördern.
Schlüsselwörter
Stereotypisierung, Stigma, Identität, Stigma-Management, Soziale Interaktion, Erving Goffman, Diskriminierung, Hannah Arendt, Identitätsbildung, Ausgrenzung, Selbsterfüllende Prophezeiung, Soziale Identität, Persönliche Identität, Ich-Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den psychologischen und sozialen Folgen von Stigmatisierung und untersucht, wie Stereotype die Wahrnehmung und Interaktion zwischen Menschen beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen die Ambivalenz von Stereotypen, die soziologische Identitätstheorie nach Goffman sowie Strategien des Umgangs mit Stigmatisierung in der Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Stigmatisierung als „beschädigte soziale Identität“ entsteht und welche Bewältigungsmechanismen Betroffene nutzen, um ihr Selbstbild aufrechtzuerhalten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse soziologischer und sozialpsychologischer Konzepte, ergänzt durch eine diskursanalytische Betrachtung des Essays von Hannah Arendt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung der drei Identitätsbegriffe (persönlich, sozial, Ich) und die praktische Erörterung verschiedener Stigma-Management-Strategien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Die Arbeit ist primär durch Begriffe wie Stigma, Identität, Stereotypisierung und Stigma-Management sowie soziale Ausgrenzung charakterisiert.
Wie unterscheidet Goffman zwischen den verschiedenen Identitätsformen?
Goffman differenziert zwischen der persönlichen Identität (Einzigartigkeit), der sozialen Identität (Kategorisierung durch Dritte) und der Ich-Identität (subjektive Empfindung und Ausbalancierung).
Was sind die „Parias“ und „Parvenues“ nach Hannah Arendt?
Arendt beschreibt Parias als Personen, die offen zu ihrer Außenseiterrolle stehen, während Parvenues versuchen, sich durch Anpassung und Verbergen der Identität in die Mehrheitsgesellschaft einzufügen.
- Arbeit zitieren
- Sylvia Grieß (Autor:in), 2011, Stereotypisierung und Stigma in Bezug auf persönliche und soziale Identität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274531