Erziehung und Ausbildung eines Ritters im Mittelalter

Ein Vergleich mit Wolfram von Eschenbachs "Parzival"


Hausarbeit, 2014
18 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Problemstellung, Zielsetzung und Forschungsfrage

2 Hauptteil
2.1 AUTORUND WERK
2.1.1 WolframvonEschenbach
2.1.2 Das Were„Parzival"
2.2 Ritterliche Welt
2.2.1 Ursprungedes Rittertums
2.2.2 Kindheit und Erziehung
2.2.3 Ritterliche Tugenden und hofisches Ideal
2.2.4 Rustung
2.2.5 Kampf
2.3 VorderBegegnungmitGurnemanz
2.3.1 Herzeloydes „Lehren"
2.3.2 Begegnung mit den vier Rittern
2.4 Ritterlehrendes Gurnemanz
2.4.1 Sittliche Lehren
2.4.2 Praktische Lehre

3. Fazit

1 Problemstellung, Zielsetzung und Forschungsfrage

Ob dich ein gra wise man zuht will leren als er wol kan, dem soltu gerne volgen, und wis im niht erbolgen.[1]

Die Ritterlehren aus dem Mittelalter sind ein breit gefachertes Themengebiet, das in der Wis- senschaft durch zahlreiche Autoren wie Fleckenstein[2] oder Ehrismann[3] diskutiert und bearbei- tet wird. Die meisten Veroffentlichungen beinhalten ein einheitliches Bild uber den Ritter, sein Umfeld, sein Leben in Liebe und Kampf und in besonderer Weise die Erziehung, die eine wichtige Rolle spielt. Durch sie erlernt der Knappe, wie sich ein Ritter zu verhalten hat - ein Thema, welchem viel Aufmerksamkeit gewidmet wird. Es gibt zahlreiche Arbeiten wie bei- spielsweise jene von Otfried Ehrismann, die sich ganzlich dieser Thematik verschreiben. Das einleitende Zitat deutet auf die Wichtigkeit hin, die den Ritterlehren im Mittelalter zukam: Denn nicht durch die Geburt, sondern durch Erziehung erlangte ein Knappe die Ritterehre.

Der vorliegenden, wissenschaftlichen Arbeit liegt der Parzival von Wolfram von Eschenbach zugrunde. Dieses Werk ist ein aufierordentliches Beispiel dafur, wie sich aus einem tumbe[n] man (Wolfram: Parzival 161/17) einer der besten Ritter seiner Zeit entwickelte. Indem Parzi­val vom Ritter Gurnemanz in die Ritterlehren eingefuhrt wird, erlernt er hofisches und ritter- lich korrektes Verhalten. Die Forschungsfrage, welcher ich nachfolgend nachgehen mochte, lautet, inwieweit sich sowohl die Erziehung, als auch die Ausbildung eines Ritters im Mittel­alter von jener unterscheidet, die im Parzival dargestellt wird. Welche Unterschiede und Ge- meinsamkeiten lassen sich ausmachen?

Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, stelle ich zunachst kurz den Autor Wolfram von Eschenbach und das Werk selbst dar. Weiterhin zeige ich das Leben der Ritter im Allgemei- nen auf. Dabei gehe ich jeweils auf die Rustung, den Kampf, die Erziehung und die Rittertu- genden ein, um ein Fundament zu schaffen, auf dem die Erziehung durch Gurnemanz aufbaut. Dies beinhaltet aufierdem eine Darstellung der Situationen, in denen Parzival vor der Begeg- nung mit Gurnemanz in Kontakt mit Ritterlehren kommt. Durch seine Mutter Herzeloyde und den Ritter Karnachkarnanz erfahrt er eine erste Annaherung an das Themengebiet Rittertum. Schlussendlich stelle ich dann die Gurnemanz-Episode in Wolframs Erzahlung dar und gehe gesondert auf die jeweiligen ErziehungsmaBnahmen ein, die Parzival auf den rechten Weg fuhren.

2 Hauptteil

2.1 Autor und Werk

2.1.1 Wolfram von Eschenbach

Als Wolfgang von Eschenbach in der ersten Halfte des 13. Jahrhunderts, zwischen 1200 und 12104, den Parzival schrieb, war ihm noch nicht klar, dass Jahrzehnte spater so viele Spekula- tionen, Forschungen und Analysen rund um seine Person und das Werk gemacht werden wur- den. Uber ihn selbst ist nicht viel bekannt, selbst sowohl das Geburts- als auch das Sterbejahr sind nicht belegt. Dementsprechend sind Angaben uber seine Person und die Entstehung des Parzival zum groBten Teil rein spekulativ. Lediglich gibt er einige Hinweise uber seine Exis- tenz in seinen Dichtungen5, jedoch kann darauf bis heute keine fundierte Analyse gestutzt werden. Anders als fruher sieht die Literaturanalyse namlich diese Selbstaussagen nicht mehr als biografische Angaben an, sondern als Ausschmuckungen durch den Autor. Das bisherige Wissen stammt dementsprechend aus literarischen Quellen, die auf den Aussagen Wolframs und wenigen Stellungnahmen einiger weiterer Autoren basieren. So sagt er von sich selbst, er sei Analphabet und konne weder lesen noch schreiben (ichne kan deheinen buochstap [Wolf­ram: Parzival 115/27]). Anders als die Minnesanger war er womoglich von geringerer Her- kunft, da er in den Chroniken unerwahnt bleibt. Einzig sowohl Wolframs Name, der von ihm und anderen Autoren bestatigt genannt wird, als auch dessen Geburtsort, der in Oberfranken gelegene Ort Ober-Eschenbach, sind belegbar6 (ich bin Wolfram von Eschenbach [Wolfram: Parzival 114/12]).[4] [5] [6]

2.1.2 Das Werk „Parzival“

Die fruhesten hofischen Romane und gleichzeitig Vorlaufer des Parzival entstanden Anfang des 12. Jahrhunderts in Frankreich. Mittelpunkt dieser Romane des franzosischen Autoren Chretien de Troyes waren Konig Artus und sein Artushof. Sie lassen sich in den Antikenro- man sowie den Roman keltischer Herkunft unterteilen. In Letzterem wird vor allem der Stoff „matiere de Bretagne“ verarbeitet, zu welchem der Gralroman, die Artusepik, der Tristanro- man und damit einhergehend auch der Parzival zahlen[7]. Belege fur die Existenz einer kelti- schen Sage rund um den Parzival gibt es bis heute allerdings nicht. Auch Chretiens habe sich in seinen Romanen auf mundliche Uberlieferungen berufen[8]. Sein Werk „Perceval“ war wohl die wichtigste Quelle fur Wolfram von Eschenbach. Jedoch gibt es einige Textstellen, die nicht mit dem Perceval belegbar sind und bei Chretien nicht vorkommen. Diese seien laut Wolfram aus einer Quelle namens „Kyot“ zu verzeichnen, von der bis heute jedoch nichts gefunden wurde. Annahmen zufolge handele es sich dabei wahrscheinlich um eine Fiktions- quelle[9].

Uber den Auftraggeber Wolframs werden bis heute Spekulationen und Forschungen ange- stellt, da es kaum Informationen uber ihn gibt. Einzige Anhaltspunkte sind Namen, die Wolf­ram in seinen Werken benutzt. Aufgrund dieser wurden Vermutungen angestellt, doch konnen diese nicht belegt werden. Oftmals waren die Auftraggeber solcher Werke furstliche Wohlta- ter und Gonner. Sie stellten ihren Schreibern die Arbeitsmittel zur Verfugung und nahmen meistens Einfluss auf den zu behandelnden Stoff, der dann nach ihren Wunschen ausgestaltet und verfugbar gemacht wurde[10].

Mit insgesamt neun Liedern und drei epischen Werken zahlte Wolfram von Eschenbach be- reits zu Lebzeiten zu den grofiten und bedeutendsten Dichtern des Mittelalters. Sein Parzival erschien mit 24.810 Versen 1477 im Druck; der Stoff wurde jedoch erst knapp drei Jahre spa- ter wieder aufgegriffen und verbreitet[11].

Im Parzival wird der Stoff der ritterlichen und hofischen Welt im Mittelalter bearbeitet. Das Leben eines jungen Mannes war gepragt durch die Erziehung und die Ausbildung, die ihn schlussendlich zum Ritter machten. Im Folgenden soll ein Uberblick uber das typische Leben und die Kennzeichen eines Ritters geboten werden.

2.2 Ritterliche Welt

Die Wirkung eines Ritters auf seine Umwelt wird im Parzival als beeindruckend und Gottes- gleich beschrieben. Als der Ritter Karnachkarnanz auf seinem Pferd vor Parzival steht, kann Letzterer garnicht anders, als Bewunderung und Respekt zu empfinden. Ahnlich waren die tatsachlichen Erscheinungen der Ritter im Mittelalter. Abgeleitet vom lateinischen Wort „ri- ter“ bedeutet Ritter nichts anderes als Reiter, was auf die besondere Bedeutung und den gro- fien Stellenwert des Pferdes fur den Ritter hinweist[12].

2.2.1 Ursprunge des Rittertums

Als Ausgangspunkt und Grundlage des Rittertums gilt das Kriegertum. Dieses bestand aus Kriegern, die nur dann welche waren, wenn sie in den Krieg ziehen mussten. Ansonsten wa­ren sie normale Bauern. Nach und nach bildeten sich bestimmte Merkmale heraus, die den Krieger zum Ritter machten und fur Letzteren kennzeichnend waren[13].

Das Rittertum fand seinen Ursprung im Grofifrankischen Reich[14]. Die Krieger waren zwar beritten (equites), jedoch nutzen sie ihre Pferde nur, um zum Kriegsplatz zu gelangen. Dort kampften sie zu Fufi. Aufgrund der Expansion des Frankenreichs und den damit verbundenen Fernzugen wurde der Fufikampf immer unpraktischer. Die schrittweise Umwandlung des Fufikampfers in einen Teil des Reiterheers wurde notwendig, was unter anderem durch die Erfindung des Steigbugels ermoglicht wurde[15]. Im 10. Jahrhundert verstand man in Sachsen sowie in West- und Ostfranken unter dem Begriff milites nur noch „berittene und schwer be- waffnete Krieger (loricati)“[16].

Im 11. Jahrhundert, dem Zeitalter der aufkommenden Kreuzzuge, nahm die Kirche besonde- ren Einfluss auf das weltliche Kriegertum. Mit dem Aufkommen des christlichen Rittertums (militia Christi) wurden etliche Tugenden und Forderungen laut, an die sich der Ritter zu hal- ten hatte. Diese waren fur das ritterliche und hofische Leben entscheidend und erzeugten ein Idealbild des miles Christianus. Darin enthalten waren der Schutz fur die Kirche und deren Diener. Der Ritter musste aufierdem fur Hilfebedurftige und Arme sorgen. Ungerechtfertigte Kriege galt es zu vermeiden, wohingegen es eine Tugend war, den Frieden auf Erden zu ver- breiten. Ganzlich dem christlichen Wort folgend war es des Weiteren notwendig, dieses aus- zusenden und Unglaubige zu bekampfen.

Die Tugenden und Forderungen mundeten im Kreuzzugsaufruf 1095 durch Papst Urban II.. Ein neues Ritterideal hatte sich etabliert, was als oberstes Ziel die Bekampfung der Feinde des Christentums ansah. Dadurch entstanden sowohl ein Gemeinschaftsgefuhl, als auch Nationali- tatsdenken, was die Voraussetzung fur die Entstehung des neuen, ritterlichen Kodex darstell- te. Die bereits im alteren Kriegertum vorherrschenden Vorstellungen von Ehre, Tapferkeit und Recht wurden zu Wegweisern fur die Anhanger des christlichen Glaubens. Vereint in einer kampferischen Gemeinschaft hatte sich das Kriegertum zum Rittertum (militia) entwi- ckelt[17] [18].

2.2.2 Kindheit und Erziehung

Im Mittelalter wurde die Ritterwurde (militia1) nicht durch die Geburt weitergegeben, son- dern man wurde durch einen Herrscher oder einen Adligen zum Ritter geschlagen. Die Kind- heit wurde dafur genutzt, sich auf das angehende Ritterleben vorzubereiten und bereits erste Kenntnisse uber den richtigen Umgang mit Waffen, hofische Lebensformen und Tugenden zu erlernen.

Der angehende Ritter, welchen man als Knappe bezeichnete, erhielt bereits sehr fruh von ei- nem Lehrmeister Unterricht und erlangte notwendige geistige und kognitive Fahigkeiten. Auch musste er sich korperlichem Training unterziehen. Dabei ging der Knappe auf die Jagd und erlernte Fahigkeiten im Erlegen von Wild, was fur das Ritterleben eine wichtige Rolle spielte. Des Weiteren wurde ihm der Umgang mit Pfeil und Bogen sowie mit weiteren fur den spateren Kampf notwendigen Waffen wie Schwert und Lanze beigebracht. Der Knappe muss- te reiten konnen und den Umgang mit Pferden erlernen.

Wahrend der adolescentia, einer Phase im Leben des heranwachsenden Knappen im Alter von ca. 12 - 14 Jahren, wurde er zu Verwandten oder an einen fremden Hof geschickt, um dort den Knappendienst zu verrichten. Aufierhalb des Elternhauses und des vertrauten Umfeldes bedeutete das, dass er sich einem fremden Herrn oder Adligen unterordnen musste und die- sem diente.

[...]


[1] Wolfram von Eschenbach: Parzival. Mittelhochdeutsch-neuhochdeutsch. Band 1. Ubersetzt und bearbeitet von Wolfgang Spiewok, Karl Lachmann. Stuttgart 1981, V. 127, Z. 21-24.

[2] Josef Fleckenstein: Rittertum und ritterliche Welt. 1. Aufl. Berlin 2002.

[3] Otfried Ehrismann: Ehre und Mut, Aventiure und Minne. Hofische Wortgeschichten aus dem Mittelalter. Unter Mitarb. von Albrecht Classen. Munchen 1995.

[4] Michael Dallapiazza: Wolfram von Eschenbach. Parzival. Berlin 2009, S.25.

[5] Vgl. Dallapiazza 2009, S. 11.

[6] Vgl. Joachim Bumke: Studien zum Ritterbegriff im 12. und 13. Jahrhundert. Heidelberg 1964, S.1.

[7] Vgl. Dallapiazza 2009, S. 15.

[8] Vgl. Ebd., S.22.

[9] Ebd., S.25f.

[10] Vgl. Bumke 1964, S.12.

[11] Ebd., S. 19.

[12] Vgl. Fleckenstein 2002, S. 175

[13] Vgl. Ebd., S. 25

[14] Vgl. Ebd., S. 29

[15] Vgl. Ebd., S. 33f.

[16] Ebd., S. 81

[17] Vgl. Fleckenstein 2002, S. 81.

[18] Ebd., S. 196.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Erziehung und Ausbildung eines Ritters im Mittelalter
Untertitel
Ein Vergleich mit Wolfram von Eschenbachs "Parzival"
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
18
Katalognummer
V274588
ISBN (eBook)
9783656675570
ISBN (Buch)
9783656675563
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erziehung, ausbildung, ritters, mittelalter, vergleich, wolfram, eschenbachs, parzival
Arbeit zitieren
Maja Büttner (Autor), 2014, Erziehung und Ausbildung eines Ritters im Mittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274588

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