Unbeherrschte Tobsuchtsanfälle, laute Weinkrämpfe, panische Ängste – das sind die Indikatoren für die "grande hystérie" im 19. Jahrhundert. "Grande Hystérie", was ist das eigentlich? Der Begriff wird von Jean-Martin Charcot während seiner Zeit als Arzt in der Salpêtrière-Nervenheilanstalt in Paris definiert und geht zurück auf ein jahrhundertealtes Phänomen. Der Begriff bezeichnet den hysterischen Anfall, einen Anfall der "grande mouvements" (der großen Bewegungen). Die folgende Ausarbeitung dient dem Zweck, das Prinzip der Hysterie darzustellen und einen Erklärungsversuch dafür zu wagen, warum es Ende des 19. Jahrhunderts zu einer "Hysterie-Welle" kam, während die Diagnose heute nicht mehr gestellt wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Hysterie bei Frau und Mann im gesellschaftlichen Kontext
2.1. Die Frau in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts
2.1.1. Hysterie als Schauspiel
2.1.2. Die Anpassungsbereitschaft der Hysterie am Fallbeispiel Anna O.
2.2. Männliche Hysterie
3. Ursachen, Erscheinung und Behandlung der Hysterie
3.1. Die Rolle des Traumas am Fallbeispiel Emmy v. N.
3.2. Die psychische Konstitution von Hysterikerinnen am Beispiel Emmy v. N.
3.3. Das Erscheinungsbild des hysterischen Anfalls
3.4. Die Behandlungsmethoden Sigmund Freuds
3.5. Die Rolle der psychosexuellen Entwicklungsphasen am Fallbeispiel Katharina C.
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Hysterie im 19. Jahrhundert, um zu klären, ob es sich dabei um ein medizinisches Krankheitsbild oder um eine theatralische Inszenierung handelte. Dabei wird hinterfragt, welche Rolle gesellschaftliche Erwartungen und Machtstrukturen für die Betroffenen spielten und wie die Diagnosen und Behandlungsmethoden, insbesondere von Charcot und Freud, zu bewerten sind.
- Gesellschaftlicher Kontext der Frau im 19. Jahrhundert
- Hysterie als schauspielerische Inszenierung versus echte Krankheit
- Männliche Hysterie als historisches und psychologisches Phänomen
- Psychodynamik von Trauma und Symptombildung am Beispiel von Fallstudien
- Die Entwicklung der Behandlungsmethoden bei Jean-Martin Charcot und Sigmund Freud
Auszug aus dem Buch
2.1.1. Hysterie als Schauspiel
Kritiker unterstellen der Frau boshafte und hinterlistige Absichten und sprechen von einem inszenierten Schauspiel. Ihnen kommt es entgegen, dass der Hysterie jede organische Ursache fehlt und somit von medizinischer Seite bislang kein Beweis für die Erkrankung erbracht werden kann. In den Augen dieser Kritiker ist das Schauspiel die einzige Kunst, welche die Frau im Gegensatz zum Mann beherrscht. Weibliche Schauspielerei setzen sie mit Lüge, fehlender Tatkraft, List, Verstellung und Intrige gleiche. Zum wirklichen Handeln seien Frauen ihrer Meinung nach nicht fähig, daher müssten sie sich mit Lügen behelfen. Darüber hinaus wird der Hysterie in nahezu jeder Beschreibung gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts ein orgiastisches, exzessives Element zugeordnet. Die Kranke würde laut der Auffassung vieler Ärzte das Bedürfnis verspüren, Aufmerksamkeit zu erregen. Hellpach beschreibt im Jahr 1906, der hysterische Anfall sei eine Art Theaterspiel, bei dem man jedoch nicht an eine beabsichtigte Komödie denken dürfe, da ihm ein zwanghaftes Verhalten zugrunde liege.
Er vergleicht die Hysterie mit dem Brüllen eines Kindes, welches einen unbedeutenden Unfall erlebt und weiß, dass es durch sein Schreien Aufmerksamkeit und Mitleid bei seinen Eltern erregt. Würden die Eltern den Unfall hingegen ignorieren, würde das Kind den Schmerz schnell vergessen. Doch auch bei dem Kind handle es sich nicht um eine beabsichtigte Zurschaustellung, vielmehr würde die Vorstellung ihm sei etwas Schlimmes widerfahren, durch das aufgeregte Herbeieilen seiner Bezugspersonen ins Unermessliche gesteigert und suche eine Ausdrucksmöglichkeit. Genau so sei es in der Hysterie der Wunsch nach Verwirklichung oder Ausdruck des seelischen Leidens, welcher die Kranke zu einem solchen Anfall zwinge.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Phänomen der "grande hystérie" im 19. Jahrhundert und formuliert die zentrale Forschungsfrage, ob es sich bei dem Leiden um eine bewusste Inszenierung oder eine echte psychische Krankheit handelt.
2. Die Hysterie bei Frau und Mann im gesellschaftlichen Kontext: Dieses Kapitel beleuchtet die Rolle der Frau in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts als Basis für die Entstehung hysterischer Symptome und diskutiert zudem das Vorkommen männlicher Hysterie.
3. Ursachen, Erscheinung und Behandlung der Hysterie: Der Hauptteil analysiert anhand spezifischer Fallbeispiele die psychologischen Ursachen, die vier Phasen des hysterischen Anfalls nach Charcot sowie die therapeutischen Ansätze von Sigmund Freud.
4. Fazit: Das Fazit kommt zu dem Schluss, dass die Hysterie weder als rein organische Krankheit noch als bloßes Theater zu verstehen ist, sondern als Ausdruck von Überforderung und Hilflosigkeit in gesellschaftlich restriktiven Umgebungen.
Schlüsselwörter
Hysterie, 19. Jahrhundert, Jean-Martin Charcot, Sigmund Freud, Hysterischer Anfall, Fallstudien, Psychoanalyse, Traumata, Geschlechterrollen, Psychische Konstitution, Suggestion, Kathartische Methode, Gesellschaftliche Akzeptanz, Symptombildung, Nervenzusammenbruch
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der historischen Einordnung der Hysterie im 19. Jahrhundert, insbesondere im Hinblick auf das Spannungsfeld zwischen medizinischem Krankheitsbild und sozial konstruiertem Rollenverhalten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die gesellschaftliche Situation der Frau im 19. Jahrhundert, die Machtdynamik zwischen Arzt und Patientin, die Ursachenforschung von Traumata sowie die Entwicklung therapeutischer Methoden.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, zu ergründen, warum es Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Häufung hysterischer Diagnosen kam und ob diese als echte Erkrankungen oder als theatralische, unbewusste Flucht vor gesellschaftlichen Zwängen zu interpretieren sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine deskriptive und analytische Methode, indem sie zeitgenössische Quellen sowie Fallbeispiele aus den Studien von Freud und Breuer (u.a. Anna O., Emmy v. N.) forschungsgeschichtlich auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Ursachen und Erscheinungsformen hysterischer Symptome, die vier Phasen des hysterischen Anfalls nach Charcot sowie die Behandlungserfolge und -grenzen der frühen psychoanalytischen Gesprächstherapie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Hysterie, 19. Jahrhundert, Psychoanalyse, Traumata, Geschlechterrollen, Suggestion und die Fallbeispiele berühmter Patientinnen.
Warum wurde ausgerechnet der Fall von Emmy v. N. als Beispiel gewählt?
Emmy v. N. dient als exemplarisches Beispiel für eine perfektionistische Persönlichkeit, bei der traumatische Erlebnisse und ein Mangel an sozialem Beistand zur Entwicklung und Aufrechterhaltung ihrer Symptomatik führten.
Inwiefern hat sich das Verständnis von Hysterie seit dem 19. Jahrhundert verändert?
Die Arbeit stellt fest, dass der Begriff Hysterie in der Medizin heute kaum noch als pathologische Diagnose genutzt wird, da sich die Lebenssituation und die Rechte der Frauen fundamental gewandelt haben.
- Arbeit zitieren
- Bachelor of Arts Sabrina Talbot (Autor:in), 2012, Das Prinzip der Hysterie an Beispielen aus den "Studien über Hysterie" von Sigmund Freud und Josef Breuer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274626