Der absolute Raum bei Newton und Kant

Zwischen Postulat und Paradoxon


Hausarbeit, 2014
28 Seiten, Note: 1.0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der absolute Raum in Newtons Principia
2.1 Die Unterscheidung des absoluten Raumes von relativen Räumen
2.2 Die physikalische Funktion des absoluten Raumes bei gleichförmig-geradlinigen Bewegungen von Körpern
2.3 Die physikalische Funktion des absoluten Raumes zur Bestimmung der „wahren Bewegungen“ von Körpern
2.3.1 Eigentümlichkeiten, Ursachen und Wirkungen wahrer Bewegungen
2.3.2 Lässt sich die Existenz des absoluten Raumes experimentell bestätigen?
2.3.3 „Hypotheses non fingo“ oder das Postulat des absoluten Raumes

3. Der absolute Raum in Kants Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft (MAN)
3.1 Der absolute Raum in der Phoronomie als „ an sich nichts und gar kein Objekt“
3.2 Das Paradoxon der Erfahrbarkeit absoluter Bewegung gegen den absoluten Raum innerhalb der Phänomenologie
3.2.1 Kants Herleitung des Paradoxons
3.2.2 Die Auflösung des Paradoxons

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die neuzeitliche Naturphilosophie zum ontologischen Status des Raumes ist geprägt durch die Debatte, ob dem Raum eine selbständige Existenz neben körperlichen Objekten zukommt – so die absolute oder substanzialistische Position – oder ob es sich beim Raum allein um den Inbegriff von Beziehungen der Körper zueinander handelt, ohne selbst eigenständige Größe zu sein – wie es die relationale Position vertritt.[1] Im ersten Fall stellt der Raum gleichsam den „Behälter“ dar, in dem alle körperlichen Objekte enthalten sind, im zweiten Fall handelt es sich um die Ordnung oder Lagerungs-Qualität der Körperwelt.[2] Je nach Position ergibt sich somit auch das Verhältnis zwischen Raum und Körpern zueinander: Der absolute Raum ist auch ohne in ihm befindliche Körper und damit als leerer Raum, d.h. als Vakuum, denkbar, da er als von Körpern unabhängig definiert wird; dagegen konstituiert sich der Raum im relationalen Fall erst mit den Körpern, so dass ein Raum ohne körperliche Objekte undenkbar ist.[3] Erstmalig führt Newton den Begriff des absoluten Raumes in seinem 1687 in erster Auflage veröffentlichten Opus Magnus Philosophiae Naturalis Principia Mathematica ein.[4] Newton gründet seine als „klassisch“ bezeichnete Mechanik darauf, dass der absolute Raum von in ihm befindlichen Körpern zu unterscheiden ist und wir in unserem Alltag die als Messwerte dienenden relativen Räume verwenden.[5]

Dass sich auch Kant mit dem absoluten Raum in mehreren seiner Werke auseinandersetzt, scheint in der Heftigkeit der Diskussion zwischen Newton bzw. Clarke einerseits und Descartes, Huygens und Leibniz andererseits unterzugehen.[6] Dies dürfte daran liegen, dass Kant neben der einleitend erwähnten Alternative – absolute versus relationale Raumposition – mit dem Raum als „reiner Anschauungsform“ eine dritte Position in der Raumdebatte präsentiert.[7] Für unsere an Newtons Principia angelehnte Diskussion bedeutsam ist jedoch Kants Auseinandersetzung mit dem absoluten Raum in den Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft (MAN), und zwar hinsichtlich der Bedeutung des absoluten Raumes für die Naturwissenschaft, deren Gegenstand die Materie und deren Bewegungen ist.[8] Kant thematisiert den absoluten Raum in diesem einhundert Jahre nach Newtons Principia im Jahre 1786 veröffentlichten Werk zweifach: Einerseits im ersten Hauptstück, der Phoronomie, in der Kant die Bestimmung des Begriffs der Materie als des „Bewegliche[n] im Raume“ als reinem Quantum unternimmt, andererseits im vierten Hauptstück, der Phänomenologie, welche die Modalität, die Erscheinungsweise der Materie bezüglich ihrer Bewegung und Ruhe bestimmt.[9]

Die folgende Arbeit stellt somit die Auffassungen Newtons und Kants zum absoluten Raum gegenüber und beschäftigt sich in einem ersten Hauptteil mit der Physik Newtons[10] (Kapitel 2): Wie beschreibt Newton näherhin den absoluten Raum und welche physikalischen Funktionen hat er? Lässt sich seine Existenz gar experimentell bestätigen? Und handelt es sich bei Newtons absolutem Raum um ein Postulat? Sodann soll im zweiten Hauptteil (Kapitel 3) untersucht werden, was Kant phoronomisch unter dem absoluten Raum versteht und inwiefern er die Erfahrbarkeit absoluter Bewegung gegen den absoluten Raum phänomenologisch als Paradoxon zu entlarven glaubt. Die Arbeit endet mit einem Fazit (Kapitel 4) und der Einbeziehung aktueller kritischer Stellungnahmen zum absoluten Raum.

2. Der absolute Raum in Newtons Principia

Die Principia gilt als eines der wichtigsten Werke der Physik und Naturphilosophie, deren Begriffsapparat („Raum“, „Zeit“, „Kraft“, „Masse“) die Grundlage der klassischen Mechanik bildet.[11] Im Scholium vermerkt Newton, dass Zeit, Raum, Ort und Bewegung „allen wohlbekannt“ seien, so dass er sie nicht eigens erklärt.[12] Da man diese Quantitäten jedoch gewöhnlich allein aus ihrer Beziehung mit sinnlich wahrnehmbaren Gegenständen begreife, entstehen gewisse „Vorurteile“, zu deren Aufhebung man sie zweckmäßig in absolute und relative, wirkliche und scheinbare, mathematische und landläufige Qualitäten unterscheide.[13] Aus diesen Begriffspaaren ist zu entnehmen, dass sich diese vier Größen – und somit auch der Raum – jeweils einerseits in eine absolute, wirkliche und mathematische Größe und andererseits in eine relative, scheinbare und gewöhnliche Größe differenzieren lassen.

2.1 Die Unterscheidung des absoluten Raumes von relativen Räumen

In Bezug auf Raum, Ort und Bewegung lässt sich diese Unterscheidung durch Newton wie folgt zusammenfassen[14]: Der absolute Raum bleibt aufgrund seiner Natur ohne Beziehung zu einem äußeren Gegenstand stets gleich und unbeweglich; relative Räume sind dagegen Maße oder bewegliche Teile des absoluten Raumes, die von uns sinnlich wahrnehmbar sind und durch ihre Lage relativ zu Körpern bestimmt werden; Ort ist derjenige Teil des Raumes, den ein Körper einnimmt und je nach Verhältnis des Raumes entweder absolut oder relativ; absolute Bewegung ist die Übertragung eines Körpers von einem absoluten Ort nach einem anderen absoluten Ort; die relative Bewegung ist die Übertragung von einem relativen Ort nach einem anderen relativen Ort. Dass Newton bereits grundsätzlich zwischen absolutem Raum und relativen Räumen unterscheidet, hebt ihn von relationalen Raumpositionen ab.[15] Der absolute Raum „ohne Beziehung zu irgendetwas außer ihm“ wird Newton zufolge daher nicht durch seine Relationen zu irgendwelchen Bezugskörpern definiert, sondern ist von letzteren unabhängig. Er ist homogen und unbeweglich.[16] Diese unveränderliche Struktur entspricht dem Euklidischen dreidimensionalen Raum E³.[17] Die Unbeweglichkeit des absoluten Raumes hebt Newton zudem in einem weiteren Absatz des Scholiums hervor: Wie die Reihenfolge der Zeitteile seien auch die der Raumteile unveränderlich. Newton begründet dies damit, dass die Raumteile (und Zeitteile) gleichsam die Örter ihrer selbst und aller Dinge seien: Alle haben ihren Platz in der Zeit in Bezug auf ihre Abfolge und im Raum in Bezug auf die Anordnung ihrer Lage. Das Wesen der Räume liege darin, dass sie Orte sind; dass ein ursprünglicher Ort bewegt werde, sei ein Widerspruch in sich: „Sie sind daher absolute Örter, und nur Ortsveränderungen von diesen Örtern weg sind absolute Bewegungen.“[18] Weil der Raum homogen und undifferenziert ist, sind seine Teile für unsere Sinne nicht wahrnehmbar und nicht voneinander zu unterscheiden, so dass wir uns stattdessen wahrnehmbarer Messwerte bedienen, die – heute als Koordinatensysteme bezeichnet – Newtons relativen Räumen entsprechen.[19] . Welcher „Natur“ der absolute Raum ist, bleibt an dieser Stelle offen; Newton geht darauf innerhalb der Principia nicht ein.[20] Anders als der von unseren Sinnen bestimmbare relative Raum besitzt der absolute Raum also eine von Messverfahren unabhängige Bedeutung.[21] Doch die Frage drängt sich auf, was die „Wahrheit“ des absoluten Raumes garantiert.[22] Denn bereits in seiner Konzeption scheint der absolute Raum Newtons eigenem Leitsatz I des Philosophierens zu widersprechen: „Nicht mehr Ursachen der natürlichen Dinge dürfen in den Beweisgang eingeführt werden als die, die wahr sind und zur Erklärung ihrer Erscheinungen zureichen.“[23] Anderseits betont Newton, dass in der Naturlehre von den Sinnen zu abstrahieren sei; es könne nämlich der Fall sein, dass es kein wirklich ruhenden Körper gebe, auf welchen man die Orte und Bewegungen beziehen könne.[24] Betrachten wir daher, welche physikalischen Funktionen der absolute Raum in Newtons klassischer Mechanik einnimmt.

2.2 Die physikalische Funktion des absoluten Raumes bei gleichförmig- geradlinigen Bewegungen von Körpern

Die klassische Mechanik Newtons in Bezug auf die Bewegung von Körpern in Raum (und Zeit) kennt zunächst die Kinematik.[25] Wenn sich Körper bewegen, lassen sich diese Bewegungen gegen andere Körper beobachten, denn die Bezugsräume stellen jeweils sinnlich wahrnehmbare Gegenstände dar.[26] In Newtons Schiffsbeispiel sind dies die Fahrtstrecke oder der Schiffsraum – beide sind relative Räume per definitionem und damit „Messwerte“. Erfolgt die Bewegung des Schiffes oder des im Schiffsraum befindlichen Körpers ohne Ablenkung durch Kräfte, so verläuft sie als gleichförmig-geradlinige Bewegung nach Newtons erstem Bewegungsgesetz: „Jeder Körper verharrt in seinem Zustand der Ruhe oder der gleichförmig-geradlinigen Bewegung, sofern er nicht durch eingedrückte Kräfte zur Änderung seines Zustands gezwungen wird.“[27] Dies setzt aber voraus, dass wir in der Lage sind, zu beurteilen, was es heißt sich mit konstanter Geschwindigkeit und geradlinig zu bewegen. Sollten wir jedwedes Maß eines Zeitintervalls, jedweden Raumabschnitt willkürlich wählen, könnte jede Geschwindigkeit je nach Wunsch als gleichförmig oder variabel angesehen werden.[28] Konstante Geschwindigkeit bedeutet aber das Zurücklegen der gleichen Wegstrecke in gleicher Zeit und geradlinige Bewegung bedarf ebenso eines standardisierten Referenzrahmens, so dass jede Bewegung eines Körpers innerhalb dieses Rahmens berechnet werden kann. Offensichtlich genügt es für die Beurteilung, ob sich ein Körper relativ zu anderen Körpern bewegt, nicht, dass lediglich wahrnehmbare, relative Messwerte als Bezugspunkte gewählt werden. Ohne die Auszeichnung wahrhaft ruhender Bezugspunkte könnte das beabsichtigte Zeigen auf einen festen Punkt eine Linie beschreiben.[29] Newton verlangt also nach einem absoluten Bezugspunkt – dem absoluten Raum, als dem ausgezeichneten, wahrhaft in Ruhe befindlichen Bezugssystem, das weder in toto noch in seinen Teilen für unsere Sinne wahrnehmbar ist.[30] Newton ist sich allerdings bewusst, dass sein erstes Bewegungsgesetz, das gemeinhin als „Trägheitsgesetz“ bezeichnet wird, innerhalb eines „Trägheitssystems“ angenommen wird, das selbst nicht eindeutig determiniert ist.[31] Die Gesetze der Mechanik gelten daher unverändert in allen gleichförmig-geradlinig bewegten Bezugssystemen und kein Inertialsystem ist als ruhend ausgezeichnet.[32] Im Corrolarium V weist Newton selbst darauf hin, dass bei Körpern, die in einem gegebenen Raum eingeschlossen sind, die Bewegungen in Beziehung aufeinander die gleichen seien – ob dieser Raum ruht oder sich gleichförmig in gerader Richtung, nicht aber im Kreise fortbewegt.[33] Die jeweiligen Räume spezifiziert Newton dabei durch ihre Bewegungszustände (gleichförmig-geradlinig) mit Bezug auf den absoluten Raum.[34] Diesen Umstand verdeutlichend, beendet Newton das Corrolarium V mit einem eingängigen Beispiel: „Alle Bewegungen auf einem Schiff verhalten sich auf die gleiche Weise, ob dieses nun stillsteht oder ob es sich gleichförmig geradeaus bewegt.“[35]

2.3 Die physikalische Funktion des absoluten Raumes zur Bestimmung der „wahren Bewegungen“ von Körpern

Kann man die Bewegung eines Körpers gegen den absoluten Raum erkennen? Aus Newtons Sicht ist das problematisch: „Die wahren Bewegungen der einzelnen Körper zu erkennen und von den scheinbaren durch den wirklichen Vollzug zu unterscheiden, ist freilich sehr schwer, weil die Teile jenes unbeweglichen Raumes, in dem die Körper sich wirklich bewegen, nicht sinnlich erfahren werden können.“[36] Wahre, absolute Bewegung ist damit gleichbedeutend mit Bewegung gegen den unbeweglichen, absoluten Raum.[37] Bedeutsam an dieser Stelle ist die erkenntnistheoretische Frage nach dem Erkennen der wahren Bewegungen gegen den absoluten Raum. Und Newton fährt fort: „Die Sache ist dennoch nicht gänzlich hoffnungslos, denn man kann Beweise dafür teils aus den scheinbaren Bewegungen finden, die die Differenzen zwischen wirklichen Bewegungen sind, teils aus Kräften, die die Ursachen und die Wirkungen der wirklichen Bewegungen sind.“[38] So lässt sich aus dem Scholium auch ein physico-ontologischer Aspekt des absoluten Raumes herauslesen: Sollte der Nachweis von absoluten Bewegungen erfolgreich verlaufen, wäre damit zugleich die Existenz des absoluten Raumes, der selbst nicht wahrgenommen werden kann, empirisch bestätigt.[39] In diesem Fall wäre der absolute Raum als fester und unbeweglicher Behälter „wirklich“ existent, der – unabhängig von den Körpern und nicht auf Beziehungen zwischen Körpern zurückführbar – das Bezugssystem der „ wahren“ Bewegung darstellen würde.[40] An dieser Stelle gelangen wir somit zum „Herzstück“ der Principia, denn Newton hebt hervor: „Wie man aber die wahren Bewegungen aus ihren Ursachen, ihren Wirkungen und ihren scheinbaren Unterschieden und umgekehrt, wie man aus den wahren oder scheinbaren Bewegungen deren Ursachen und Wirkungen ermitteln kann, wird im Folgenden ausführlicher gezeigt werden. Denn zu diesem Zweck habe ich die folgende Abhandlung verfasst.“[41]

2.3.1 Eigentümlichkeiten, Ursachen und Wirkungen wahrer Bewegungen

Wie lassen sich absolute Bewegungen gegen den absoluten Raum charakterisieren? Newton hebt zu jener Unterscheidung insgesamt fünf Argumente hervor, wovon drei von den „eigentümlichen Beschaffenheiten“ der Bewegung bzw. Ruhe handeln.[42] Im Ergebnis lassen sich wahre, also absolute Bewegung bzw. Ruhe weder bloß aus der relativen Position von Körpern der unmittelbaren Umgebung, noch aus der Ortsveränderung weg von der Nachbarschaft von Körpern, die als ruhend betrachtet werden, definieren.[43] Das Argument aus den „Ursachen“ absoluter und relativer Bewegung bzw. Ruhe sieht Newton in den auf die Körper von außen einwirkenden Kräften, die eine Bewegung erzeugen können, begründet.[44] Damit verlassen wir den Bereich der Kinematik und gelangen zur Dynamik, die Kräfte bei Bewegungszuständen von Körpern mitberücksichtigt.[45] Eine wahre Bewegung wird nur durch Kräfte erzeugt oder verändert, die auf den bewegten Körper selbst von außen eindrückten, dennoch ändere sich dann auch die Beziehung zwischen diesem Körper und weiteren Körpern, ohne dass auf letztere Kräfte wirken müssen. Umgekehrt können dieselben Kräfte zum einen auf den in Frage stehenden Körper, zum anderen auf dazu in Beziehung stehende Körper einwirken, ohne dass sich deren relative Lage zum Bezugskörper ändern müsse.[46] Schließlich thematisiert Newton die Wirkungen, durch die man absolute und relative Bewegungen voneinander unterscheiden kann: Die Wirkungen absoluter Bewegung sind danach die „Fliehkräfte von der Achse der Kreisbewegung“, da in einer ausschließlich relativen Kreisbewegung diese Kräfte nicht existieren.[47]

[...]


[1] Carrier, Raum-Zeit, 168; zur Entwicklung des Raumbegriffs bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts vgl. Breidert, in HWPh, Bd. 8, 82 ff. Als Anhänger der relationalen Position sind besonders zu nennen: Berkeley, Descartes, Huygens und Leibniz, s. Rynasiwiecz, 279 ff., 284.

[2] Einstein, in: Jammer, XIII.

[3] Einstein, ebd.

[4] Böhme, LdR, 14. Im Folgenden beziehe ich mich auf den Text der dritten Auflage von 1726 und bezeichne sie, wie in der Literatur üblich, verkürzt als Principia.

[5] Newton, Principia, 88.

[6] Kant greift den Begriff des absoluten Raumes bereits in seinem 1768 erschienenen Aufsatz Von dem ersten Grunde des Unterschiedes der Gegenden im Raume auf, s. Kant, UG, II, 378. Kants Hauptthese besteht in dieser vorkritischen Schrift darin, dass der absolute Raum unabhängig von der Existenz aller Materie sei und als der erste Grund der Möglichkeit ihrer Zusammensetzung eine eigene Realität habe. Berühmt ist darin Kants Diskussion der „inkongruenten Gegenstücke“, vgl. Falkenburg, 114 ff. Entgegen einer in der Literatur verbreiteten Deutung handelt es sich hier jedoch nicht um die argumentative Stützung von Newtons absolutem Raum. Zum einen bezieht sich Kant ausdrücklich auf Euler, zum anderen hebt Kant am Ende dieser Schrift hervor, dass der absolute Raum kein Gegenstand äußerer Empfindung sei, sondern ein Grundbegriff, der alle dieselbe erst möglich mache, s. hierzu Falkenburg, 123 (m. w. N.) und Friedman, Kant, 207 (dort Fn. 63).

[7] Kant, KrV A 41/ B 59. Kant spitzt die Raumpositionen inklusive seiner eigenen in seiner ersten Kritik folgendermaßen zu: „Was sind nun Raum und Zeit? Sind es wirkliche Wesen? Sind es zwar nur Bestimmungen, oder auch Verhältnisse der Dinge, […], oder sind sie solche, die nur an der Form der Anschauung allein haften, und mithin an der subjektiven Beschaffenheit unseres Gemüts, […]?“, Kant, KrV, A 23 / B 38.

[8] Strohmeyer, 103.

[9] Pollok in: Kant, MAN, XLII.

[10] Außerhalb der in dieser Arbeit thematisierten physikalischen Bedeutung hat der absolute Raum bei Newton auch metaphysische und theologische Implikationen, vgl. bspw. Newton, ebd., 222. Diese vornehmlich theologische Diskussion wird besonders im berühmten Schriftwechsel zwischen Leibniz und Newtons „Sprachrohr“ Clarke thematisiert, s. Carrier, ebd., 179. Ausführlich zur Leibniz-Clarke-Debatte s. Linhard, 156 ff. Da sich die Fragestellung dieser Arbeit auf die Physik begrenzt, wird auf den theologischen Aspekt nicht weiter eingegangen. Zu Newtons Metaphysik s. Stein, Newton’s Metaphysics, 256 ff.

[11] Jammer, 105. Die Principia gilt neben dem von Newton unveröffentlichten Manuskript De Graviatione als Gegenentwurf zu Descartes‘ Prinzipien, s. hierzu Böhme in: Newton, Über die Gravitation, 8. Der eigentümliche Reiz dieses erst 1962 publizierten und noch vor der Principia von Newton geschaffenen Textfragments liegt darin, dass sie als Mittelglied zwischen Descartes‘ Prinzipien und Newtons Principia fungiert, s. Böhme, ebd.

[12] Newton, Principia, 87.

[13] Newton, ebd. Die „Vorurteile“ auf die sich Newton bezieht sind jene aus der Feder Descartes‘ und seiner Nachfolger als Vertreter der relationalen Raumposition, vgl. DiSalle, Understanding Space-Time, 34. Zum besseren Verständnis von Newtons‘ Physik über Raum, Bewegung und Materie wird in dieser Arbeit an entscheidenden Stellen auf Descartes Bezug genommen.

[14] Newton, ebd., 88-89. Diese Zusammenfassung bezieht sich auf die von Newton selbst mit den römischen Ziffern angegebenen Absätze II-IV des Scholiums. Absatz I beschreibt die Unterscheidung absolut/relativ in Bezug auf die Zeit, vgl. ebd.

[15] Vgl. z.B. Descartes, Prinzipien, II, 13: „Die Worte ‚Ort‘ oder ‚Raum‘ bezeichnen nämlich nicht etwas von dem darin befindlichen Körper Verschiedenes, sondern nur seine Größe, Gestalt und Lage zwischen anderen Körpern.“, sowie Descartes, ebd., 14: „Die Worte ‚Ort‘ und ‚Raum‘ unterscheiden sich, insofern der Ort mehr die bestimmte Lage bezeichnet als die Größe und Gestalt; dagegen denken wir bei dem Raume mehr an letztere.“

[16] Auch dies zeigt Newton in Kontrast zu Descartes‘ Raumauffassung. Descartes setzt zum einen den Raum über das Konzept der Ausdehnung mit Materie gleich („[…], dass es dieselbe Ausdehnung ist, welche die Natur des Körpers und die Natur des Raumes ausmacht, […]“), so dass ein Vakuum unmöglich ist, zum anderen ist der Raum gleichmäßig mit Materie gefüllt mit unterschiedlich großen und geformten Körpern, vgl. Descartes, ebd., II, 11 und 16 ff.

[17] Earman, World Enough, 9, s. auch Sklar, Spacetime, 162.

[18] Newton ebd., 89. In De Gravitatione wird die Unbeweglichkeit des Raumes nach Newtons‘ eigenem Dafürhalten „am besten durch die Dauer illustriert“. Wie ein Teil der Dauer, z.B. der gestrige Tag, seine Individualität verlieren würde, wenn er seine Reihenfolge mit dem heutigen Tag vertauschen und zum späteren Tag werden könnte, so seien auch die einzelnen Raumteile durch ihre jeweilige Lage individuiert. Könnten Teile des Raumes ihre jeweiligen Lagen vertauschen, würden sie jene Individualität verlieren. Die Teile der Dauer und des Raumes haben Newton zufolge kein anderes Prinzip der Individuierung außer der Reihenfolge und jenen Lagen, die sie folglich nicht ändern können, s. Newton, De Gravitatione, 47.

[19] Jammer, 107 in Bezug auf Newton, Principia, 90.

[20] Dagegen äußert sich Newton in De Gravitatione über den Raum in metaphysischer Hinsicht, vgl. Newton, Über die Gravitation, 47 ff. (49).

[21] Carrier, Raum-Zeit, 171.

[22] Jammer, 108.

[23] Newton, Principia, 180.

[24] Ebd., 90.

[25] Unter Kinematik (griech. kίνημα, Bewegung) versteht man in der Physik die Lehre von den Bewegungen der Körper oder physikalischer Systeme ohne Bezugnahme auf bewegende Kräfte, vgl. Janich, in: HWPh Bd. 4, 834.

[26] S.o. Fußnoten 15 und 18. Newton verdeutlicht dies anhand eines Beispiels, nachdem bei einem segelnden Schiff der relative Ort des Körpers jener Bereich der Fahrtstrecke sei, in dem sich der Körper befindet, oder jener Teil des gesamten Schiffraumes, den der Körper gerade ausfüllt und der sich zugleich mit dem Schiff bewegt; die relative Ruhe sei dagegen das Verbleiben des Körpers in der gleichen Position des Schiffes oder in dem gleichen Teil des Schiffsraumes. Doch die wahre Ruhe sei das Verbleiben des Körpers in demselben Teil jenes unbewegten Raumes, in dem sich das Schiff selbst zugleich mit seinem Schiffsraum und mit allem, was darin ist, bewegt, s. Newton, ebd., 88-89.

[27] Ebd.

[28] Sklar, ebd.

[29] Carrier, Raum-Zeit, 171.

[30] Zum Erfordernis eines absoluten Bezugssystems s. auch Sklar, Dynamics, 62: „To make the First Law of Motion meaningful requires an absolute standard of lapse of time and an absolute reference frame relative to which uniform straight-line motion is to be counted as genuine uniform straight-line motion.“

[31] Jammer, 110 mit dem Hinweis, dass insofern Newtons Mechanik invariant gegenüber einer translatorischen Transformation mit konstanter Geschwindigkeit ist („Galilei-Transformation“).

[32] Dies wird als Galileos Relativitätsprinzip mit der sog. Gleichberechtigung aller Inertial-systeme ausgedrückt, s. Carrier, Raum-Zeit, 17. Beispielsweise gibt es bei ruhigem Flug keine im Flugzeug selbst zugänglichen Hinweise darauf, ob sich dieses mit hoher Geschwindigkeit bewegt, s. Carrier, ebd., 171.

[33] Newton, ebd., 102. Newton bemüht sich sodann um die Auffindung des Mittelpunktes des Weltsystems, der allein sich in Ruhe befinde, ebd., 200 ff.

[34] DiSalle, Understanding Space-Time, 46.

[35] Ebd., 102.

[36] Ebd., 93.

[37] Vgl. Newtons Beschreibung „wahrer Ruhe“ eines Körpers im unbewegten Raum, s.o. Fn. 28.

[38] Ebd.

[39] So die herrschende Interpretation, vgl. statt vieler Mach, 246 ff. (252). Inwiefern diese Interpretation berechtigt ist, wird innerhalb Kapitel 4 (Fazit) zu besprechen sein.

[40] Linhard, 166.

[41] Newton, ebd., 94.

[42] Zusammengefasst lauten die Argumente: Körper, die wirklich ruhen, ruhen im Verhältnis zueinander; Teile von Körpern, die ihre Position im Verhältnis zum ganzen Körper beibehalten, nehmen an einer Bewegung des ganzen Körpers teil; wenn sich der Ort bewegt, an dem sich ein Körper befindet, bewegt sich auch der Körper mit dem Ort, s. ebd., 90, 91. Bei fortlaufender Zählung der Absätze verteilen sich die Argumente Newtons im Scholium auf die Absätze VIII bis XII.

[43] Ebd., 90: „Die wahre Ruhe kann aus ihrer Lage zueinander nicht erschlossen werden“ und „[…] deswegen kann man aufgrund einer Ortsveränderung weg von der Nachbarschaft von Körpern, die als ruhend betrachtet werden, nicht zu der Definition kommen, es handele sich dabei um eine wirkliche und absolute Bewegung.“Descartes behauptet dagegen, die wahre und philosophische Bewegung sei „die Überführung eines Teiles und Stoffes oder eines Körpers aus der Nachbarschaft der Körper, welche ihn unmittelbar berühren, und die als ruhend gelten, in die Nachbarschaft anderer.“, s. Descartes, Prinzipien, II, 25.

[44] Newton, ebd., 91.

[45] Unter klassischer Dynamik (griech. δύναμις, Kraft) versteht man die Lehre von den Kräften der Bewegung bzw. der Bewegungsänderung, s. Nobis, in HWPh, Bd. 2, 302.

[46] Die wahre Bewegung beruhe gerade nicht auf solchen Relationen, Newton, ebd. Vgl. auch hier die Position Descartes‘, der einen Wirbel um die Sonne annimmt mit Auswirkungen auf die Erde, ohne dabei ihre „wahre“ Bewegung zu verändern, so dass die Erde als „ruhend“ betrachtet werden könne, vgl. Descartes, Prinzipien, III, 29 ff. (30). S. dazu Newtons Kritik der Wirbeltheorie im Scholium Generale in Newton, Principia, 221 ff.

[47] Newton, ebd., 91.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Der absolute Raum bei Newton und Kant
Untertitel
Zwischen Postulat und Paradoxon
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1.0
Autor
Jahr
2014
Seiten
28
Katalognummer
V274632
ISBN (eBook)
9783656715382
ISBN (Buch)
9783656696865
Dateigröße
1879 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophie, Raumphilosophie, Raum, absoluter Raum, Kant, Newton, Naturphilosophie, Paradoxon, Postulat, Principia, MAN, Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft, Physik, Philosophiae Naturalis Principia Mathematica
Arbeit zitieren
Michael Fetik (Autor), 2014, Der absolute Raum bei Newton und Kant, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274632

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der absolute Raum bei Newton und Kant


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden