Generation Gleichgültigkeit!? Wie (un-) politisch ist die aktuelle Generation Heranwachsender wirklich?


Diplomarbeit, 2011
164 Seiten, Note: 2,1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

I. Generation Gleichgültigkeit? - Vorwort
1.1 Die Deutschen von Morgen: globale Unsicherheit ohne Einheit
1.2 „Generation Golf“- bequem, dröge und unpolitisch
1.3 Kritik an der „unpolitischen Jugend“
1.3.1 Das Label „Generation Gleichgültigkeit“
1.3.2 Bewertung durch die Generation der 68er

II. Allgemeine Zusammenhänge von Bewegungen und Protesten
2.1 Einfluss der 68er Revolution auf die Protestkultur der jungen Generation heute
2.1.1 Die 68erRevolution
2.1.2 Auswirkungen der 68er auf die nachfolgende Protestkultur
2.1.3 Neue „Soziale Bewegungen“ (nach Roth/Rucht)
2.1.4 Aktuelle Themenfelder
2.2 Soziale Bewegungen und kollektive Aktionen
2.2.1 Definition „Soziale Bewegung“
2.2.2 Definition „Proteste“
2.2.3 Aktuelle Organisationsformen
2.3 Voraussetzung für die Entstehung von sozialen Bewegungen
2.3.1 Theorieansätze zu den Protestbewegungen
2.3.2 Beteiligungsformen und Proteste als Ausdruck von Kritik
2.3.3 Strategien bei sozialen Bewegungen
2.3.4 Protest und Interaktion mit der Gesellschaft
2.3.5 Handlungsfähigkeit von Bewegungen
2.3.6 Institutionalisierung und Peripherie von Bewegungen
2.4 Einflussfaktoren zu politischer Beteiligung
2.4.1 Institutionalisierter Protest
2.4.2 Sozialer Hintergrund und Bildungsniveau – eine Typisierung von Jugendlichen
2.4.3 Gruppenmerkmale
2.4.4 Unterschiede bei den Geschlechtern
2.5 Der Einfluss der Massenmedien
2.5.1 Rolle der Massenmedien für Proteste
2.5.2 Mediennutzung und Massenmedien als Strategie für Proteste
2.5.3 Proteste und mediale Wirkung
2.5.4 Inhalt und Bedeutung der Massenmedien für Proteste (am Beispiel Heiligendamm)
2.6 Der Einfluss von Netzwerken und Social Media
2.6.1 Soziale Netzwerke im Internet
2.6.2 Netzwerke und politische Beteiligung
2.7 Zusammenfassung und Fazit

III. Junge Menschen der Nullerjahre und ihr gesellschaftlicher Kontext
3.1 Sozialisation Jugendlicher in einer sich wandelnden Gesellschaft
3.2 Jugendliche als „Seismographen“
3.3 Neue gesellschaftliche Rahmenbedingungen: Modernisierung und Individualisierung (Ulrich Beck)
3.4 Identitätsfindung in der Moderne
3.5 Gelebte Unsicherheiten und soziale Ausgeschlossenheit
3.6 Gesellschaftliche Herausforderungen und ihre Folgen - Aktueller Zeitgeist und Zukunftsängste der jungen Generation
3.7 Wertewandel
3.7.1 Theorien zum Wertewandel
3.7.2 Wertsynthese, der Zusammenhang mit dem Bildungsniveau und veränderte politische Zielvorstellungen
3.8 Zusammenfassung: Krise und Protestlosigkeit?

IV. Studienergebnisse und Hintergründe zur politischen Beteiligung und zum sozialen Engagement Jugendlicher
4.1 Politik und Subpolitik
4.1.1 Subpolitik nach Ulrich Beck
4.1.2 Subpolitik und reflexive Modernisierung
4.2 Shell Jugendstudie
4.2.1 Werteinstellungen
4.2.2 Blick auf die Zukunft und Krisenangst
4.2.3 (Soziales) Engagement
4.2.4 Politische Orientierung und Interesse Jugendlicher
4.2.5 Politische Positionierung der aktuellen Generation
4.2.6 Zufriedenheit mit der Demokratie
4.3 Wahlbeteiligung (Bundestagswahlen)
4.4 Zusammenfassung und Fazit
4.5 Die DJI-Jugendstudien
4.5.1 Politische Partizipation, Werte und Engagement
4.5.2 Politisches Interesse und Demokratiezufriedenheit
4.5.3 Längsschnittstudie Demokratiezufriedenheit
4.5.4 Mitgliedschaft in traditionellen Organisationen
4.5.5 Informelle Gruppierungen und „Neue Soziale Bewegungen“
4.6 Ausblick: Angleichung der jungen Generation an Erwachsene
4.7 Fazit
4.8 Zusammenfassung: Der Rahmen gegenwärtigen Protests
4.8.1 Moderner Protest und neue soziale Bewegungen
4.8.2 Flexiblere oder institutionalisierte Beteiligungsformen für Jugendliche
4.9 Gegenwärtige Formen des Protests/ Protest mit Web
4.9.1 Beispiel Flash Mobs
4.9.2 Zusammenfassung: Der digitalisierte Protest junger Erwachsener

V. Experteninterwiews „unpolitische Jugend!?“
5.1 Methode, Auswertung und Ergebnisse
5.1.1 Sind junge Erwachsene wirklich unpolitisch?
5.1.2 Zusammenhang mit gesellschaftlichen Umständen
5.1.3 Vergleich zu den 68ern
5.1.4 Parteienverdrossenheit und Gegenmaßnahmen
5.1.5 Wie und auf welche Weise beteiligen sich Jugendliche (noch)?
5.1.6 Internet und Social Media
5.1.7 Eventcharakter politischer Aktivitäten
5.1.8 Politik und Kritik an der Subpolitik
5.1.9 Beteiligung und die Notwendigkeit von institutioneller Unterstützung
5.1.10 Zusammenfassung (Politikverdrossenheit oder Angleichung?)
5.2 Resümee
5.3 Ausblick

VI. Literaturverzeichnis

VII. Anhang

VIII. Erklärung

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Politisches Interesse junger Erwachsener

Abbildung 2: Was an politischen Aktivitäten in Frage käme

Abbildung 3: Einordnung links/rechts Positionierung

Abbildung 4: Bundestagswahl 2009: Wahlbeteiligung nach Geschlecht und Altersgruppen

Abbildung 5: Bundestagswahl 2009: Gewählte Parteien nach Alter

Abbildung 6: Sehr starkes/starkes politisches Interesse nach RegionS

I. Generation Gleichgültigkeit? - Vorwort

Vielfach und von verschiedenen Seiten hört man von der Angepasstheit junger Erwachsener heute, von der Mutlosigkeit, sich gegen politische Obrigkeit oder ein ungerechtes System zu wehren. Geht die gegenwärtige Generation von Heranwachsenden nicht mehr wie früher auf die Straße, um für ihre Rechte kämpfen und sich mittels Protesten gegen Missstände zu wehren? Erduldet sie alles, angepasst und ergeben? Ist die Jugend von heute unkritisch und ängstlich, zufrieden, wenn das eigene Leben finanziell abgesichert, reibungslos und ohne Konflikte funktioniert? Ist es letztendlich wirklich die entwicklungsbedingte „Krisenstimmung“, die das Verhalten von Heranwachsenden dominiert?

Hier eröffnen sich viele Fragen, die man nicht ohne wissenschaftlichen Zugang beantworten kann. Jede Generation hat ihre spezifischen Gegebenheiten und gesellschaftlichen Hintergründe und sie wird stets von ihrem Umfeld, den Medien und älteren Jahrgängen kritisch betrachtet. Und jede Generation ihre eigenen politischen Ereignisse und Notlagen. Es lohnt sich in jedem Fall, die genauen Hintergründe der aktuellen, jungen Generation genauer zu hinterfragen, um herauszufinden, inwiefern sie noch politisch interessiert und aktiv sind.

Im folgenden Kapitel I sollen zunächst verschiedene Sichtweisen dargestellt werden, die das Bild einer „gleichgültigen Generation“ der Erwachsenen der 2000er, d.h. der „Nullerjahre“, zum Thema haben. Neben der medialen Abbildung junger Erwachsener sollen u.a. auch die „Alt- 68er prägender Faktor angesprochen werden.

Kapitel II befasst sich mit allgemeinen Erläuterungen und Zusammenhängen von sozialen Bewegungen und Protesten. Zunächst werden einige historische Aspekte zur Sprache kommen, Protestverhalten und soziale Bewegungen werden definiert und in ihrer Entstehung, ihren Wechselwirkungen und ihren Hintergründen dargestellt. Theorien zu Bewegungen werden kurz angesprochen, deren Strategien oder auch wie diese durch verschiedene (individuelle) Faktoren beeinflusst werden. Eine neue Rolle spielen dabei sowohl die Massenmedien als auch die sozialen Netzwerke im Internet.

Der Zusammenhang von Sozialisation in einer veränderten Gesellschaft und das scheinbar verlorene politische Interesse wird das zentrale Thema von Kapitel III sein. Heranwachsende werden erst im Laufe des Erwachsenwerdens zu einem mündigen Bürger sozialisiert, weswegen sie besonders sensibel auf gesellschaftliche Einflüsse reagieren. Von sich wandelnden Bedingungen und erschwerter Identitätsfindung zu Zeiten der Modernisierung sind sie ebenso betroffen, wie von gesellschaftlichen Krisen und Wertewandel. Diese Herausforderungen sollen von daher genauer auf die Thematik „unpolitischer junger Erwachsenen“ bezogen werden.

Im nächsten Kapitel IV soll anhand verschiedener Studienergebnisse zu Heranwachsenden deren politisches Interesse genauer beleuchtet werden. Sie liefern repräsentative Ergebnisse darüber, wie sich Aktivitäten und Einstellungen Jugendlicher genau äußern. Fokus liegt dabei auf den Shell-Jugendstudien und den Studien des deutschen Jugendinstituts. Ergänzend folgt eine kurze Analyse der Wahlbeteiligung bei den aktuellen Bundestagswahlen, in welcher sich die politischen Tendenzen junger Menschen zeigen. Am Ende sollen noch einige Beispiele modernen Protests, wie flexiblere, netzwerkartige Formen im Internet, Erwähnung finden.

Im letzten Kapitel V soll der Eindruck der „politikverdrossenen“ Jugend aus Sicht von Experten kritisch hinterfragt werden. Die interviewten Personen stammen aus direktem politisch-wissenschaftlichen Kontext und konnten sich aus diesem Grund sehr professionell mit dem Thema Jugend und Politik auseinandersetzen. Sie liefern letztendlich ein rundes Ergebnis zu der Fragestellung, inwieweit Heranwachsende unpolitisch sind, inwiefern und in welcher Form sie sich noch engagieren und wie die Wissenschaft zukünftig mit politischer Beteiligung, sie sich in vielerlei Hinsicht gewandelt hat, umgehen soll.

1.1 Die Deutschen von Morgen: globale Unsicherheit ohne Einheit

Ein Artikel aus dem Heft „Spiegel Special“ 2009 befasst sich explizit mit den Deutschen von morgen. Eine ernüchternde Erkenntnis daraus lautet, dass vielen jungen Erwachsenen vor allem Unsicherheit gemeinsam ist: Ungünstige Jobaussichten, immer häufiger Arbeit unter Wert, immer mehr, überwiegend unbezahlte Praktika, ohne Gewähr, von der Firma übernommen zu werden u.v.m. Junge Erwachsene heute haben mit vielen ähnlichen Konflikten zu kämpfen und dennoch scheint diese Generation sich nicht wirklich miteinander zu verbünden. „Wir, die Deutschen zwischen 20 und 35, kennen kein Protestgefühl, das uns eint. Wir haben keinen Wortführer. Einen Rudi Dutschke sowieso nicht“.[1]

In dem Artikel wird kritisiert, dass die heutige Generation junger Erwachsener „unsichtbar“ zu sein scheint und wenig Einheit untereinander aufweist, was umso verwunderlicher ist als alle die gleichen einschneidenden Erlebnisse hatten: Umweltkatastrophen, die Terroranschläge des 11. September, hohe Arbeitslosenrate und die Finanzkrise usw. Tatsächlich dominiert die Furcht vor Jobverlust und Wirtschaftskrise das Verhalten von mehr als einem Drittel der jungen Leute. Warum geht die junge Generation dann nicht mehr auf die Barrikaden? Wo ist der Protest geblieben, der aktive Widerstand gegen politische Fehlentscheidungen?

Es scheint fast so, als wünsche sich die heutige Generation junger Erwachsener nichts als ein harmonisches Leben ohne viele Konflikte, frei nach dem Motto: „Ich bin zufrieden, wenn in meinem Leben alles rund läuft“. Nicht laut werden, nur nicht auffallen, an das individuelle Fortkommen denken. In einer zweiten Spiegel-Studie zeigt sich tatsächlich, dass drei Viertel aller Befragten noch nie bzw. in den letzten fünf Jahren nicht auf einer Demonstration waren. Viele Teile der jungen Generation ziehen es offenbar vor, brav in Arbeit und Universität, anstatt auf die Straße zu gehen und gegen Missstände einzutreten. Der Heranwachsende „ist so individualisiert, dass der Blick aufs eigene Schicksal gerichtet bleibt: Die Welt wird wohl untergehen, ich selbst komme irgendwie durch und wenn nicht, dann war man eben selbst dran schuld und nicht das System.“[2] Die heutige Generation ist also eher unpolitisch? „Wir sind zwar für Kyoto, fliegen aber trotzdem nach Kyoto. Emissionsausgleich mit der Maustaste, Haltung durch korrekten Konsum, Fairtrade, Bio, die ganzen Ablasspraktiken, das muss reichen.“[3]

Glücklichsein funktioniert vor allem im Privatbereich, jeder für sich, nach seiner Fasson. Ist es dann nicht ein Widerspruch, dass junge Erwachsene im Internet präsent sind und dort sehr wohl solidarische, gemeinsame Spuren hinterlassen?

„Mittlerweile bestimmt weniger der langhaarige Demonstrant als vielmehr der angepasste Golffahrer das Bild des typischen Jugendlichen. (…) Gleichzeitig ist die Existenz einer Jugend als politischer Avantgarde derzeit nicht erkennbar.“[4] Abkehr und zunehmende Skepsis der Jugendlichen gegenüber der Politik?

1.2 „Generation Golf“- bequem, dröge und unpolitisch

Das Buch „Generation Golf“[5] bildet das Lebensgefühl der zwischen 1965 und 1975 geborenen aus Sicht eines „Betroffenen“ ab. Bereits hier wird davon gesprochen, wie unpolitisch diese Generation, im Gegensatz zur Vorgängergeneration, ist und mit dieser Haltung auch ihre Nachfolger prägt. Bewusstsein für Mode und Marken, sowie eine hedonistische Einstellung prägen diese, nach Sicht des Autors, mehr als politische Einstellungen. Der Autor versucht, das Lebensgefühl der Generation Ende des 20., Anfang des 21. Jahrhunderts wiederzugeben. Rechtschreibreform und Änderung der Postleitzahlen haben nach seiner Auffassung mehr Revolution hervorgebracht als Rentenreform und soziale Ungerechtigkeit, Umweltschutz und Politik, Zeiten des Mauerfalls nicht mit eingerechnet. Er bezeichnet die jungen Menschen heute als Generation, die sich selbst nicht mehr authentisch findet. Viele Dinge dieser Zeit sind selbstverständlich geworden. Die Elterngeneration zwingt ihre Nachkommen nicht mehr, einen vorbestimmten, „richtigen“ Weg einzuschlagen, sondern die Kinder entscheiden sich selbst, lieber eben für ein gesichertes Leben, ein zukunftsträchtiges Studium, barrierefreien Karriereweg. Die aktuelle Generation fühlt sich wohler, wenn ihr Weg überschaubar und möglichst einfach zu gehen ist.

Das Thema Arbeitslosigkeit, welches sich früher als abstraktes Problem zeigte, das sich weit weg von einem selbst befand, ist näher gerückt und betrifft zunehmend die junge Generation. Trotz fundierter Ausbildung, Praktika, Studium und Auslandsjahr sind Verluste und Ängste näher gerückt und beeinflussen das Denken und Handeln.

Gleichzeitig fällt das Interesse an Politik stetig. Es geht offenbar mehr um Konsum, Unterhaltung, Spaß als um Veränderung durch Politik, nach dem Prinzip: „Was mich nicht betrifft, geht mich auch nichts an“. Selbst Joschka Fischer sagte: „Eure Generation deprimiert mich, ihr seid eine Heiapopeia- Jugend, ihr seid langweilig und dröge.“[6] Viele glauben, auch ohne Einsatz das zu bekommen, was man will. Der Soziologie Heinrich Bude formuliert es so: „Systemtheoretisch ausgedrückt ist der Befund ernst: Gesellschaftliche Innovation fällt aus, Jugend ist nur noch die leicht modernisierte Variante des Alten“,denn„was früher Protestkultur war, ist längst Mainstream geworden“ (ebd), sagt Florian llies.

In einem Artikel über Proteste in Genua[7] spricht auch ein Aktivist selbst davon, dass der Jugend schlichtweg das Schockerlebnis fehlt. Die 80er hatten ihre Friedensbewegung, dann kam der Mauerfall. Ein einschneidendes Erlebnis dieser Art scheint nun zu fehlen. Das Attac- Mitglied Pedram Shayar sagt in diesem Artikel, dass es für ihn keine Subkulturen mehr gibt. Für Studenten gilt mittlerweile, schnell ihr Studium zu beenden, schließlich zahlt man ja Studiengebühren. Ziel ist die Karriere, nicht der Protest.

Gemutmaßt wird aber auch, dass möglicherweise einfach ein echtes Demonstrationsziel fehlt. Schließlich hielt man die 68er Generation anfangs auch für träge, bis sie gemeinsam gegen autoritäre Wertvorstellungen der Eltern und deren Aufarbeitung der NS-Zeit eintrat und für eine „bessere“ Welt kämpfte, was für später geborene Kohorten kein Thema mehr ist. Grundsätzlich gibt es, nach Meinung verschiedenster Wissenschaftler und Journalisten, Grund zur Annahme, dass auch eine Entpolitisierung und –ideologisierung späterer Generationen stattgefunden hat.[8]

1.3 Kritik an der „unpolitischen Jugend“

Dass die Jugend unpolitisch sei, wird von vielen Seiten behauptet. Diese Kritik wird vor allem seitens älterer Generationen, aber auch seitens vieler Medien laut. Um abwägen zu können, ob diese Behauptungen berechtigt sind, wird es notwendig sein, sich genauer über die aktuelle Kritik zu informieren.

1.3.1 Das Label „Generation Gleichgültigkeit“

In mancherlei Hinsicht scheint das Urteil über die jungen Erwachsenen der Nullerjahre bereits gefällt zu sein:

„Im Hinblick auf die nun schon länger andauernde Diskussion um „Politikverdrossenheit“ insbesondere der jungen Generationen –, die sich nach Meinung vieler Politiker und Journalisten in einer verstärkten Ablehnung von Politik und politischem Handeln zeigt, scheint schnell eine Antwort parat: Desinteresse statt politischer Mobilisierung.“[9]

Das Bild, das von der jüngsten „Generation Nullerjahre“, vor allem in den Medien, gezeichnet wird, fällt geringschätzig aus in Bezug auf den Willen, sich gegen das politische System zu wehren. Die Heranwachsenden gelten als gleichgültig, hedonistisch, ich-bezogen und konsumorientiert. Von einer rebellischen Generation in den 60er Jahren zogen sich junge Menschen im Laufe der Jahre verstärkt zurück. Die Einstellung veränderte sich seit den 90er Jahren: „ Die politischen Interessen der Studierenden schwächen sich weiter ab, Fragen des Berufs und des Konsums treten in den Vordergrund.[10] Es heißt, es sei eine Generation , die eher egoistisch an sich selbst statt an die Solidarität und die Verbesserung der Welt denkt; aber auch die Zunahme von Resignation und Sarkasmus werden ihnen bescheinigt“(ebd).

Politikverdrossenheit und Demokratiedistanz taucht als Argument immer wieder in verschiedensten Debatten auf, beispielsweise bei den „Wahlverweigerern“. In diesem Zusammenhang sollte man sich fragen, auf welche Politikvorstellungen sich bezogen wird, ob es um Erwartungen an konkrete politische Handlungen geht oder ein Mangel an Beteiligung nur bei einer spezifischen Form von Partizipation, so wie sie traditionell staatsbürgerlich verstanden wird, kritisiert wird.[11]

Es bleibt ebenso anzumerken, dass diese Bewertung in erster Linie auch aus journalistischer Sicht oder seitens der Parteien stattfindet. Die wissenschaftlichen Praktiken und Sichtweisen richten sich möglicherweise nach subjektiven oder veralteten, wissenschaftlichen Methoden: Der Begriff „Partizipation“ hat sich im Laufe der Zeit verändert, was vielen der Kritiker nicht genügen Beachtung schenken. Dieses Themenfeld zu „sortieren“ stellt dabei schon eine Herausforderung dar, da sich die Begrifflichkeit seit der Gründung der Neuen Sozialen Bewegungen in den 60er und 70er Jahren verändert und erweitert hat. Die Partizipation ist mittlerweile normativ aufgeladen und ist für viele Debatten verantwortlich. Diskurse zu diesem Thema werden auf unterschiedlichsten Ebenen geführt und sind oft nicht miteinander vereinbar. Ursprüngliche Beschreibung des Begriffs wären Handlungen, durch welche BürgerInnen Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen können. Partizipatorische Demokratietheorien, sehen diese nicht nur als Mittel an, sondern als Wert.[12]

Politische Beteiligung wird „weniger Voraussetzung rationaler und legitimer Herrschaft, sondern hebt Partizipation als Modus politischer und sozialer Integration hervor“[13]. Dies soll bedeuten, dass diese sich aus dem bisherigen engen Kontext politischer Entscheidungen, den Bereich seiner Bedeutung erweitert. Die Auseinandersetzung mit dem politischen Feld ist in jedem Fall, auch im Zuge der Modernisierung, breiter geworden.

Es besteht also die Möglichkeit, dass diese Ansicht der aktuellen Zeit angeglichen werden muss. Es ist nach wie vor nicht gesichert, ob die aktuelle Jugend tatsächlich „protestlos“ ist oder sich gegebenenfalls nur ihren strukturellen und gesellschaftlichen Gegebenheiten angepasst hat bzw. ob Protest an sich aufgehört hat oder sich nur unter ebenfalls neuen Umständen verändert hat. Daraus eröffnet sich die Frage, ob diese Sichtweise noch immer mit der aktuellen Lage übereinstimmt. Die gesellschaftlichen Umstände haben sich im 21. Jahrhundert drastisch verändert. Dies könnte bedeuten, dass sich auch die Hintergründe für die Demonstrationskultur Jugendlicher und junger Erwachsener verändert haben könnten. Ziel dieser Arbeit soll unter Anderem sein, diesen Sachverhalt zu prüfen. Nach Hadjar und Becker ist beispielsweise zwar „die Bereitschaft zum politischen Engagement grundsätzlich vorhanden“ doch „wächst zugleich die Skepsis gegenüber der „traditionellen parlamentarischen Politik“ (…). Daher geht auch der Anteil Jugendlicher, die sich als politisch interessiert bezeichnen, seit 1991 kontinuierlich zurück.“[14]

Sicherlich sind die meisten Behauptungen zur unpolitischen Jugend nicht aus der Luft gegriffen und beruhen auf einer empirischen Basis. Doch gerade dann ist es wichtig, diese zu hinterfragen und die gesellschaftlichen, strukturellen Hintergründe dieser jungen Generation zu erläutern, die deren angebliche Politikverdrossenheit erklären könnten.

Alltagsweltliche Zweifel am Fortbestehen sozialer Bewegungen gehen in erster Linie auf die Wahrnehmung zurück, dass Proteste, das wichtigste Ausdrucksmittel sozialer Bewegungen, in Zahl und Umfang rückläufig seien. Diese Annahme mag darauf zurückzuführen sein, dass Massenmobilisierungen seltener zustande kommen und dass die deutsche Protestkultur im Vergleich zu anderen Ländern wie Frankreich oder Italien weniger spektakulär erscheint. Dennoch hat sich die Zahl der Proteste in Deutschland seit Mitte der 1970er Jahre auf hohem Niveau stabilisiert, und die Zahl der Protestteilnehmer pro Jahr ist im Mittel gestiegen (…). Nach wie vor nehmen in der Bundesrepublik Deutschland viele Bürger an Protesten teil.“[15]

Aus wissenschaftlicher Sicht sind also Proteste nach wie vor existent. Deren Wahrnehmung gestaltet sich jedoch unterschiedlich und scheint manches Mal nicht „spektakulär“ genug zu sein, um genug Aufmerksamkeit zu erregen. Viele Formen des Protests werden auch von der Öffentlichkeit weniger wahrgenommen. Es kommt hinzu, dass das Interesse am Thema seit den 90en generell abgenommen hat. Wie Proteste in und durch die (mediale) Öffentlichkeit wahrgenommen werden, spielt ebenfalls eine wichtige Rolle für soziale Bewegungen. Durch deren Resonanz werden erst entsprechende Urteile gefällt. Die durch die Massenmedien gezeigten Beurteilungen über Jugendliche der Nullerjahre, tragen viel zur Meinungsbildung über diese bei.

1.3.2 Bewertung durch die Generation der 68er

Ein weiterer interessanter Aspekt ist, dass diese Kritik an der angeblichen „Protestlosigkeit“ der heutigen Jugend von eben denjenigen ausgesprochen werden, die der „Generation 68“ angehörten, welche für ihr ausgeprägtes Demonstrationsverhalten bekannt waren oder auch denjenigen, die sich diese Generation als Vorbild aller Demonstrationsformen genommen haben. Aus dieser Richtung kommt auch die Meinung, dass das gemeinsame Erlebnis der 68er, die Nachkriegszeit, der heutigen Generation fehlt. Nach der Autorin Tanja Dückers (1999) hat sich in der heutigen Generation, im Gegensatz zu den 68ern „eine allgemeine Entspanntheit ausgebreitet: das persönliche Wohlbefinden im Augenblick (…) steht über beruflichen Ehrgeiz oder dem Engagement für kollektive Ziele.“[16] Von der 68er Generation wird sie heutige gerne mal als oberflächlich, spaßorientiert, zynisch, narzisstisch und als hedonistisch bezeichnet. Genau hier, im Rahmen dieser Arbeit, ergibt sich die Problematik, die hier „Bewertungs-Problem“ genannt werden soll: Die heutige Elterngeneration vergleicht die jetzigen jungen Erwachsenen mit den früheren Protestkulturen[17]. Dazu einige Beispiele: In den 60ern und 70ern hatte man Gleichheit, Arbeit und Emanzipation zum Ziel. Diese Ziele existieren in der Form heute nicht mehr. Das soll aber nicht bedeuten, dass es in den Nullerjahren keinerlei Proteste mehr gibt.

Auch kann sich die junge Generation selbst immer weniger mit den 68ern identifizieren. Ergibt sich hier nicht zwingend die Frage, ob es vielleicht die Erwartungen anderer (älterer Generationen) und der Vergleich mit früheren Protestkulturen sind, die das „unpolitisch Sein“ Heranwachsender heute bewerten? Es sollte zudem erwähnt sein, dass die Ideale der 68er durch die sukzessive Veränderung der ökonomischen Bedingungen nicht mehr aufrecht zu halten sind und sich so immer weniger in den nachfolgenden Generationen verwurzeln konnten. Dazu zählt z.B. die veränderte Altersstruktur der deutschen Gesellschaft und die damit ungelöste Rentenversorgung. Diese Faktoren könnten einen Verlust von Ideologien und politischem Bewusstsein geprägt haben.

All dies legt die Vermutung nahe, dass die junge Generation in vielen Fällen von ganz bestimmten Personen und Medien aus einer ganz bestimmten Sichtweise heraus bewertet werden. Andererseits bestimmen die eigenen Lebensumstände das Protestverhalten der jungen Leute heute. Es eröffnet sich die Frage, in welcher Form junge Erwachsene gegenwärtig bereit sind, sich mit Konflikten auseinanderzusetzen. Viele engagieren sich noch immer, politisch, sozial oder in anderen Bereichen.

Ohnehin werden die Angehörigen der jungen Generation selbst zu wenig gefragt. Viel Pessimismus scheint ihr Leben zu bestimmen. In einem Artikel des politischen online-Magazins Fluter von 2008 wird von einer Tagung berichtet, in welcher sich über 1000 Jugendliche mit Abgeordneten über aktuelle Themen austauschen konnten. Dabei wurden auch einige der Teilnehmer persönlich befragt, wobei sich die meisten negativ über ihre eigenen Chancen in der Gesellschaft äußerten. Hümmet (19) aus Berlin meint beispielsweise, dass es sich nicht positiv auf die eigene Motivation auswirke, "wenn wir zu hören bekommen, dass die Jugend von heute perspektivlos und unengagiert sei. Wie soll man sich denn da ernst genommen fühlen? Es macht mich einfach nur total wütend und fassungslos, so etwas zu hören!"[18]. Das Mädchen Gisem aus Berlin spricht ihre Zukunftsängste direkt aus: "Ich weiß ja, dass ich für meine Zukunft selbst verantwortlich bin, doch manchmal hab' ich einfach das Gefühl, meinen Freunden, meiner Familie, der Schule und vor allem mir selbst nicht mehr gerecht werden zu können" (ebd). Das Leistungsprinzip hat sich durchgesetzt und zu wenige scheinen sich zu fragen, warum eine Generation desillusionierter junger Menschen heranwächst, die sich möglicherweise nur ihren Umständen anpasst, weil ihr nichts anderes übrig bleibt. Schließlich sind sie in die Zeit hineingeboren und in ihr aufgewachsen. Ziele sind klar: „Ich muss um ein sicheres Leben in einer unsicheren Zeit kämpfen.“ Wo bleibt in diesem strengen Umfeld noch Platz für Proteste? Diese Umstände aufzudecken und Hintergründe offen zu legen soll Ziel dieser Arbeit sein. Sie werden in zu einem späteren Zeitpunkt zur Sprache kommen. Zudem soll die Frage beantwortet werden, wie politische Beteiligung heutzutage aussieht und von welchen Faktoren sie beeinflusst wird.

II. Allgemeine Zusammenhänge von Bewegungen und Protesten

Zu Protestbewegungen gibt es zahlreiche Ausführungen, die deren Entstehen, die Motive dafür oder auch einwirkende persönliche Faktoren erläutern. Im Folgenden sollen einige Aspekte hierzu beleuchtet werden, vor allem die prägende Rolle der Revolution der 68er, da diese „moderne“ Protestformen mitgeprägt haben. Weiß man über deren Hintergründe Bescheid, lassen sich dies auch mit aktuellen Ereignissen in Verbindung bringen. Dieses Kapitel soll also einen kurzen Überblick darüber liefern, wie und durch welche Einflüsse Bewegungen entstehen, wie sie sich auswirken oder zerfallen können, welche theoretischen Ansätze es gibt und welche Rolle Massenmedien und Netzwerke für die Verbreitung von Protestinhalten spielen.

2.1 Einfluss der 68er Revolution auf die Protestkultur der jungen Generation heute

Geschichtlich gesehen sind Proteste keineswegs Neuerscheinungen. Aufstände und Massenprotestbewegungen gegen empfundene soziale Ungerechtigkeiten sind schon seit Menschengedenken bekannt, Sklavenrebellion in der Antike, Bauernaufstände im Mittelalter, die Französischen Revolution, die Bostoner Teaparty, die Arbeiterbewegung, der Kampf der Kolonien um Unabhängigkeit usw. Soziale Ungerechtigkeiten und politische Widersprüche traten zu allen Zeiten auf und konnten Massenbewegungen zur Folge haben.[19] In der (deutschen) Vergangenheit zeigte sich dies besonders an den Themenfeldern Arbeit, Frauen und Umwelt. Diese sozialen Bewegungen haben weitreichende gesellschaftspolitische Veränderungen nach sich gezogen, die bis heute nachwirken. Denke man nur an die Gewerkschaften[20], brisante, hochaktuelle Umweltthemen oder nach wie vor bestehende Geschlechterunterschiede, beispielsweise bei der Besetzung von Führungspositionen.

Soziale Bewegungen und ihre spezielle Ausprägungen haben das politische Demonstrations- und Protestverhalten zu jeder Zeit beeinflusst. Besonders hervorzuheben im Hinblick auf das Protestverhalten heute sind die Aktionen der 68er, die aus diesem Grund gesondert behandelt werden.

In keinem anderen Land Europas hat das Kriegsende einen solch bedeutenden Bruch der politischen Kultur mit sich gebracht wie in Deutschland, „hatte doch der an die Macht gelangte Nationalsozialismus einerseits viele aus der Wilhelminischen oder Weimarer Ära stammenden Bewegungsstränge gewaltsam gekappt oder sich einverleibt“.[21] Viele Strömungen, mussten sich erst wieder formieren.

Es musste sich nach dem 2. Weltkrieg eine neue, moderne Bewegungskultur herausbilden,[22] zumal viele Strukturen nach dem Krieg zerstört, viele Vorstellungen aber noch vorkriegshaft konservativ und obrigkeitsstaatlich geprägt waren. Radikalere Parteien, wie die nationalsozialistisch angehauchte „sozialistische Reichspartei“ (SRP) oder die „kommunistische Partei Deutschlands“ (KPD) wurden im Jahre 1956 verboten, liberalere gegründet. Die Idee einer Demokratie setzte sich in Westdeutschland schnell durch, die Wirtschaftskraft war erstarkt, der Umgang mit den Geschehnissen des Krieges und die unzureichende Aufarbeitung der Ereignisse aber dominierten die Zeit und provozierten den Protest der 68er Generation und das war vor allem eine Bewegung junger Leute.

Die folgenden Ausführungen dazu greifen Aussagen von Wehler, Gilcher Holtey (2008) und ergänzend Demirivic (2008) auf.

2.1.1 Die 68erRevolution
Hauptakteure der Revolution zwischen 1960-1970 waren Schüler und Studenten, die u.a. ihrer Elterngeneration die Verdrängung der Verbrechen des Nationalsozialismus vorwarfen. Ein Bezugspunkt für die 68er Revolution war also die nicht aufgearbeitete nationalsozialistische Vergangenheit.

„Alle diese Proteste durchzog seit Ende der 1950er Jahre die Erfahrung, in einer Gesellschaft zu leben, die die unter dem Nationalsozialismus begangenen Verbrechen zu verantworten hatte und sich dieser Verantwortung nicht oder nur zögernd stellte. Die Kontinuität der neu gegründeten Bundesrepublik mit jener Phase der deutschen Gesellschaft war ebenso erfahrbar wie deren Leugnung: der Antisemitismus und Rassismus, die autoritärstaatliche Politik, die mit der Notstandsgesetzgebung verfolgt wurde, der Antikommunismus, der bemüht wurde, der deutschen Eroberungspolitik einen seriösen Anstrich zu verleihen, und dessen Folge intellektuell als Verlust zu spüren war - die Traditionen der Gesellschaftskritik, der Arbeiterbewegung waren abgeschnitten und nur in mühsamer Erinnerungsarbeit konnten sie wieder angeeignet werden“.[23]

Das immer geringer werdende Vertrauen in die Politik, vor allem bezüglich der Einstellung zum Krieg, schaffte Nährboden für die Proteste.[24] Parallel dazu wuchs der Widerstand gegen jegliche Art von imperialistischen Bestrebungen, was sich im Kampf gegen den Vietnamkrieg und den damit verbundenen „US-Imperialismus“ niederschlug. Die Bewegung, in der der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) und viele „der kritischen Theorie nahestehenden Studenten eine zentrale Rolle spielten, entwickelte sich seit Mitte der 1960er Jahre. Gerichtet waren die Proteste gegen die Hochschulreform, den Vietnam-Krieg, die Diktatur in Persien, in Griechenland oder den Einmarsch der Sowjets in der Tschechoslowakei.“[25]

Das führte viele junge Leute der 68er dazu, sich mit Befreiungskämpfen, wie etwa in Kuba zu identifizieren und stark mit kommunistischen Ideologien zu sympathisieren. Der kubanische Befreiungskampf prägte das Bewusstsein für Revolution auch in Deutschland.[26] Die Befreiungskämpfe in der Dritten Welt und Protestbewegungen in den Industrienationen wurden so miteinander verbunden.

„Getragen von Studierenden, SchülerInnen und Lehrlingen war die Protestbewegung vor allem eine Jugendbewegung mit subkulturellen Merkmalen[27] Die 68er war eine neue linke Bewegung, meist gesteuert von Intellektuellen. Proteste waren gegen „den Zeitgeist, gegen die Erstarrung in der Politik, Gesellschaft und Kultur[28] gerichtet. Schon in den frühen 60er Jahren gab es erste Lesezirkel Intellektueller (Paris 1960), Clubs (Berliner Argument-Club) und andere Formen von kleineren, heterogenen Netzwerken, die sich in die Richtung einer „neuen Linken“ formierten.

Verschiedene Sozialphilosophen prägten das Denken zu dieser Zeit: Herbert Marcuse, Th. W. Adorno, Max Horkheimer, J. Habermas (Frankfurter Schule/ Kritische Theorie), J.P. Sartre (Existenzialismus), aber auch Revolutionäre wie Che Guevara (kubanische Revolution) und Frantz Fanon (Antikolonialbewegung). Sie alle übten Kritik an der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, wandten sich vehement gegen staatliche Unterdrückungsmechanismen und nährten den Boden für soziale Kämpfe, um revolutionäre Umwälzungen herbeizuführen. Sie bestärkten auch die neue Linke auch in ihrem Handeln. Dadurch konnte ein neuer Mensch entstehen, der einer Revolution vorangeht.[29].

In der Verbindung von Marxismus, Psychoanalyse und Existenzialismus wurde so die ursprüngliche marxistische Theorie neu interpretiert. Adornos Sichtweise basierte auf einem „Übergewicht sozioökonomischer Antriebskräfte im historischen Prozess (…) Überall witterte er die Wiederkehr des <<Faschismus >>“.[30] Jürgen Habermas ergänzte dies durch seine Theorie des kommunikativen Handelns, einer Theorie, die sprachwissenschaftlich fundiert ist. Auch seine Sichtweise war tendenziell linksliberal einzuordnen. Die Bewegung der 68er wurde von den Ideen der Frankfurter Schule stark beeinflusst, da sie linke Gesellschaftstheorie in Diskussionszusammenhänge zurückholten.[31]

Widerstandaktionen der 68er in Deutschland lehnten sich an die Proteste in den USA an. Bündnisse mit anderen (Studenten-) Bewegungen wurden angestrebt. Die Mitglieder dieser neuen Studentengruppen gehörten einer neuen Generation an, die einigermaßen geschlossen gegen die scheinbar festgefahrene, alternativlose Gesellschaft protestierte.[32]

Bei der Tagung des SDS (gegründet 1946) in Frankfurt wurden bereits im Jahre 1962 neue Diskurse besprochen: Inhalte waren die Widerstände gegen die kapitalistische Klassenherrschaft, die Umsetzung des Sozialismus, die Gleichstellung von Minderheiten, der Kampf gegen die autoritären Strukturen an den Universitäten, die sexuelle Befreiung (Sexualtheorie Wilhelm Reichs) u.v.m.[33]

In Berlin gab es 1965 Plakataktionen für freie Meinungsäußerung. An der FU Berlin traten über 80% der Politikstudenten in Vorlesungsstreik. Die erste größere Demonstration kam 1966 an der Universität in Berlin auf.[34] Auch die Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg (mit Vorbild USA) halfen, weitere Sympathisanten und Mitglieder für die Bewegung zu gewinnen. Mit den parallel sich entwickelnden Jugendbewegungen, die sich eher für eine Art Ausstieg aus der Gesellschaft im Flower-Power-Stil, mit freier Liebe, Drogenexperimenten und Bob Dylan- Songs einsetzten, die weit weniger intellektuell waren, überschnitten sich die Neuen Linken nur teilweise. Auch Meditation und Spiritualität begannen eine Rolle zu spielen („ Ablösung von der herrschenden Gesellschaft und Kultur[35]), eine Gegenkultur wurde geschaffen.

Die 68er- Revolution erreicht ihren Höhepunkt, als der Student Benno Ohnesorg 1967 bei einer Demonstration von einem Polizisten erschossen und ein Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke verübt wird. Von da ab wird der Widerstand gewaltsamer, richtet sich der Protest vor allem gegen die Springer-Presse, gegen die gezielte Aktionen gestartet werden., um deren Manipulationen durch Berichterstattungen anzuprangern.[36]

1968 wird in den USA Martin Luther King erschossen, John F. Kennedy wird Präsident (und beeinflusst durch eine neue Vietnampolitik).[37] Gleichzeitig kommt es zum „Deutschen Mai“ mit den so genannten Ostermärschen, denen Zehntausende in einem friedlichen Sternmarsch folgen, um gegen die eingeführte Notstandsgesetzgebung des Bundestages zu demonstrieren.

Welche Vorstellungen standen hinter der 68er- Revolution? Es sollte eine neue sozialistische Gesellschaftsordnung geschaffen werden, eine gerechtere Form. Von Aspekten wie der Verstaatlichung von Eigentum und Machtergreifung wollte man sich abwenden.[38] Und der Träger des sozialen Wandels sollte nach Sicht der Neuen Linken nun nicht mehr das Proletariat, sondern neue gesellschaftliche Trägergruppen sein: junge Intellektuelle, die fachgeschulte Arbeiterklasse und gesellschaftliche Randgruppen. Was entstand, war der Übergang von der „alten“ zu einer „neuen“ sozialen Bewegung.

„Das Ineinandergreifen von individueller und kollektiver Emanzipation, Gesellschafts- und Kulturkritik, kulturelle und sozialer Revolution, das im Denken der Neuen Linken angelegt ist, macht die innere Spannung der 68er Bewegung aus und erklärt die kategoriale Vielfalt, mit der die Forschung sie etikettiert, als Ausdruck von Generationskonflikten, als neomarxistische, antibürokratische, kulturrevolutionäre oder sexualemanzipatorische Bewegung[39].

Studentenproteste setzen sich im Wintersemester 1968/69 fort, hatten jedoch nicht mehr den gleichen Mobilisierungserfolg. Letztendlich fiel die Bewegung nach einer spannungsvollen Phase langsam auseinander.

2.1.2 Auswirkungen der 68er auf die nachfolgende Protestkultur

Die 68er Bewegung, die eine in dieser Art nie vorher da gewesene Form des Protestes darstellte, war ein entscheidender historischer Bruch. Sie brachte den neuen, sozialen Bewegungen „insbesondere durch die Übernahme und Entwicklung ´unkonventioneller Aktionsformen´“[40] eine völlig neue Demonstrationskultur. Die 1968er signalisierten „die Abkehr vom Glauben an den Staat und die Wende zu einer neuen Auffassung von gesellschaftlicher Kreativität und Selbstverwaltungskompetenz “.[41] Ähnliche Elemente finden sich auch in neueren Protestbewegungen wieder, die zunehmend anti-staatlichen Charakter haben. Dabei wirken sie nicht destabilisierend, sondern legen lediglich tief greifende Probleme offen und stoßen mögliche Lösungen an. Störungen der öffentlichen Ordnung müssen sich als Mittel zum Zweck wohl oder übel als „gerechtfertigt“ angesehen werden.

Seit der 68er Revolution scheint der Mut zu Protestbewegungen weltweit gestiegen zu sein. Nachdem die Bewegung vor allem durch Schüler und Studenten, also Mitglieder der jüngeren Generation,[42] vorangetrieben wurde, könnte es ein Grund dafür sein, weshalb sie auch heute im Fokus von Protestverhalten stehen.

Die Bewegung der 68er sucht bis heute Ihresgleichen. Sie war emanzipatorisch, antikapitalistisch, konstruktiv, kreativ und zum Teil von individueller Erfahrungsneugier geleitet, sie wurde für Politik instrumentalisiert und hatte als erste Bewegung nach der sozialistischen Internationale den Fokus auf internationale Solidarität gerichtet, ein Wert, der erst recht heute besteht.

Sie nahm Einfluss auf die politische Kultur von Nachfolgeorganisationen. Sie schaffte mehr Bewusstsein für das Politische, mehr Freiheit, mehr Anti-Autorität, mehr Rechte für Frauen, mehr Gleichberechtigung von Minderheiten, eine Gegenöffentlichkeit und die Schaffung von Netzwerken als unabdingbare Voraussetzungen für die kollektive Selbstbehauptung gegen staatliche Strukturen (gewissermaßen vermehrter Kommunikationsraum)[43]. Diese Jahre veränderten die Lebenskultur in Deutschland[44] nachhaltig, brachte in gewissem Sinne sogar eine Revolution von Lebensstilen mit sich[45].

Die damit verbundene Bildungsexpansion und moderner Protest stehen in engem Zusammenhang. Verbesserte Ausbildung, der Ausbau des Bildungssystems und damit der leichtere Zugang zu Bildung für alle Bevölkerungsschichten, führten auch in der Folge zu vermehrt kritisch-intellektuellem Protest. Ein wesentliches Merkmal des Wandels der politischen Beteiligung im Zuge der Bildungsexpansion der letzten Jahrzehnte ist das Aufkommen bislang unbekannter, unkonventioneller Formen politischer Partizipation“.[46] Demzufolge „hat sich in den 1960er Jahren das politische Beteiligungsverhalten der Bevölkerung dahingehend gewandelt, dass zusätzlich zu den konventionellen Partizipationsformen (Wählen, Parteimitarbeit etc.) neue Formen politischen Protests hinzugekommen sind.“[47]

Ziel der 68er war gesellschaftliche Veränderung, individuelle Emanzipation, Abwendung von starren autoritären Strukturen, damit verbunden das Hinterfragen von Institutionen, die Suche nach gesellschaftlichen Alternativen, individuelle Selbstbestimmung, Solidarität, insgesamt also die Schaffung einer Gegenkultur. Das implizierte Aktionsformen, die das gezielte Verletzen von Regeln als Grundidee verkörperten. Nicht selten vollzog sich das einfallsreich und kreativ, um ritualisierte, starre Verhaltensformen mit Witz und Ironie anzuprangern. Diese Elemente finden sich auch in neueren Bewegungen wieder. Die Beteiligten der 68er haben viel kreatives Potential freigesetzt und einige, die vielleicht nichts gesagt hätten, angesteckt durch den neuen Geist, standen auf und nutzten die Macht des Widerstandes.

Die aktuelle Wirtschaftskrise 2009 ist, wie in der 70er Jahren auch eine Krise innerhalb des Kapitalismus. Die aktuellen Reaktionen der jungen Erwachsenen darauf heute sind jedoch eher verhalten, wenn nicht verdrängend, was von der Generation der 68er mit einer gewissen Altersweisheit nicht kommentiert wird. Es gibt übrigens keine Institution, die die „68er“ vertritt. Anders würde dies dem Charakter dieser Bewegung frontal widersprechen.

Ist es, angesichts des politischen Engagements der 68er verwunderlich, dass in aktuellen Diskussionen im Vergleich mit den 60er und 70er Jahren die Protestlosigkeit der Jugend heute angeprangert wird?

2.1.3 Neue „Soziale Bewegungen“ (nach Roth/Rucht)

Die Nachkriegsgeschichte birgt unterschiedliche Etappen im Gebrauch des Begriffes „soziale Bewegungen“. Nach Dieter Rucht und Roland Roth kann man sie als begriffsgeschichtliche Annäherung wie folgt zusammenfassen[48]: Die Nachkriegsjahre 1945 – 1960 waren geprägt von dem Erbe bisheriger großer Sozialbewegungen, die das Verständnis von Bewegungen zu dieser Zeit prägten. Verbände und Parteien, aber auch gesellschaftliche Spaltungslinien, wurden als Produkt von Prozessen der mit den historischen Bewegungen einhergehenden Oligarchisierung, Bürokratisierung und Institutionalisierung gesehen. Handlungsformen und Politikverständnis wurden dem historischen Erbe zugeschrieben. Von 1960 – 1970 waren es unterschiedliche Strömungen der außerparlamentarischen Opposition und der neuen Linken, die sich gerade von diesem historischen Einfluss abzutrennen versuchten (aber dennoch von diesem geprägt blieben, zum Beispiel durch ihren revitalisierenden Klassendiskurs). Für diese Zeit einen eigenständigen Bewegungsbegriff zu entwickeln, war schwer möglich. Beschreibungen wie Rebellion, Revolte oder antiautoritärer Protest, aber auch die von Herbert Marcuse eingeführte Definition „Syndrom“ standen im Angebot. Das gleichzeitige Zusammentreffen verschiedenster Aktionsformen prägte diesen Zeitabschnitt stark (von kulturell inspirierten, subversiven Aktionen bis hin zu Straßenschlachten und RAF). In den Jahren 1970 – 1990 war die Zeit der neuen sozialen Bewegungen. Während man in den 80ern versuchte, die Bewegungswellen im Lichte der früheren Arbeiterbewegungen zu deuten, wurden schließlich Mitte der 80er gerade das „Neue“ an diesen Bewegungen, wie die Anerkennung von Pluralität, rebellische Subjektivität oder die Rehabilitierung des Bürgerbegriffs, positiv bewertet. In den 90ern bekamen die neuen sozialen Bewegungen ein Überthema, nämlich die „Demokratisierung >>liberaler << Demokratien als gemeinsamer übergreifender Botschaft“[49] ,: Durch die Vergrößerung des Handlungsrepertoires und einer breiteren Unterstützung aus der Öffentlichkeit wurde Protest normalisiert. Ab den 90ern bis in die 2000er wird ein Rückgang neuer sozialer Bewegungen im Vergleich zu anderen Mobilisierungen, wie Sozialproteste und ausländerfeindliche Aktionen, verzeichnet. So verliert „der Bewegungsbegriff seine politische Eindeutigkeit im Sinne progressiver Politik“ (ebd).

2.1.4 Aktuelle Themenfelder

Viele Bewegungen sind von vorherigen geprägt: „In der gegenwärtigen Bewegungslandschaft koexistieren Organisationen und kulturelle Traditionen, die auf mehrere Generationen von sozialen Bewegungen zurückgehen“.[50] Neuere soziale Bewegungen gibt es vor allem seit den 60er Jahren. Sie sind tendenziell mehr Netzwerkbewegungen als institutionalisiert. Ihre Themeninhalte sind nunmehr weniger die der Klassengesellschaft, als zunehmend die der negativen Folgen des industriellen Wachstums.[51] Bewegungen richten sich nun nach der „ Frontstellung von Ökologie und Ökonomie, von gegenkulturell-emanzipativen Lebensentwürfen und technokratisch-instrumentellen Machtstrukturen“.[52]

Die autoritären Werte des Dritten Reiches, wie Disziplin, Ordnung, Fleiß, Bildung und Berufsehre wurden ab den 70er Jahren zunehmend durch Mitbestimmung, antiautoritäre Einstellungen und postmaterielle Werte abgelöst, eine Reaktion auf Anforderungen der Modernisierung, sowie westlicher Konsumgesellschaften. Damit einher ging auch der verschärfte Sinn für die Umweltproblematik, die sich in der Politik (zum Beispiel durch die Umweltpartei der Grünen), in öffentlichen Diskussionen und ökologisch-pazifistischen Ökologiebewegungen äußerte.[53]

Seinen Höhepunkt fand dies mit dem Supergau im Kernkraftwerk Tschernobyl 1986. Seit den 70er Jahren sind Ökologiebewegungen, wie die schon erwähnte der Atomkraftgegner, eine feste Größe geworden. Sehr aktuell zu verfolgen ist dies auch im Jahre 2010, mit Massenprotesten und Blockaden gegen die Castor-Transporte mit radioaktivem Abfall nach Gorleben. Organisationen wie Greenpeace sind verantwortlich für Proteste im Zusammenhang mit Gentechnik, Tierversuchen, Waldsterben, Artenschutz, ect.[54] Wo früher Radikalität herrschte, sind Umweltaktionen durch einzelne, medienwirksame Radikale seltener geworden, sind sie zunehmend von diplomatischen Verhandlungsformen geprägt. Dies hat sich bis heute zunehmend professionalisiert und damit auch tendenziell wieder institutionalisiert. Der Protest an sich aber ist nachdrücklicher geworden und setzt Institutionen vermehrt unter Druck.

In den 70ern und 80ern kamen zu den Bürgerprotesten verstärkt autonome Züge hinzu[55], die die Bewegungen in einer neuen Richtung beeinflussten. Diese subkulturelle, militante Seite von Protesten erhielt oft überzogene mediale Aufmerksamkeit. Betroffen waren vor allem junge Leute. Zu erwähnen sind in dem Zusammenhang einige Jugendrevolten, die zum Beispiel von der Punk-Subkultur geprägt waren.[56]

Ab Mitte der Neunziger kommen neue Themenfelder hinzu. Die zum Thema der Arbeit befragten Experten, deren Aussagen in Kapitel V genauer besprochen werden (und welche an dieser Stelle auch genauer vorgestellt werden)[57], waren der Meinung, dass sich zukünftige Bewegungsfelder mit Fragen der globalen Gerechtigkeit, Klimaschutz, Umwelt, Gerechtigkeit, Demokratie und Bürgerrechte beschäftigen werden. Viele Fragen, wie Nachhaltigkeit und Ökologie sind ja bereits seit mehreren Jahren präsent und werden es auch zukünftig sein. Neu ist, dass es vermehrt auch lokale, kommunale Themen sind, die in den Fokus rücken, im Sinne von „Defense of place“ oder „ global denken, lokal handeln“, wie der Wissenschaftler Dr. Wolfgang Gaiser sagt.

Dieser Bereich wird zu einem späteren Zeitpunkt im Zusammenhang mit dem Engagement der aktuellen Generation noch genauer beleuchtet, denn im Vergleich mit einer so intensiven Protestgeschichte, wie Deutschland sie in den 68ern hervorgebracht hat, wirkt die heutige, junge Generation tatsächlich auf den ersten Blick blass. Dennoch darf nicht übersehen werden, dass die Zeit sehr viele Veränderungen mit sich gebracht hat. Es erscheint ratsam, die Probleme nicht nur bei der Einstellung der Jugendlichen selbst, sondern in ihrem gesellschaftlichen Umfeld zu suchen.

Zunächst aber ist es notwendig, sich noch differenzierter mit dem Begriff „Soziale Bewegung“ auseinanderzusetzen.

2.2 Soziale Bewegungen und kollektive Aktionen

Soziale Bewegungen sind eine eigene Form einer „Organisation“: Im Vergleich zu Verbänden, Behörden, usw. sind ihre Mitglieder nicht klar eingrenzbar (Aktivisten, Teilnehmer, Unterstützer, Personen, die sympathisieren). Mitglieder genau zu bestimmen, gestaltet sich schwierig, die Rollenverteilung innerhalb der Gruppe ist unklar und es gibt kaum Hierarchien, außer durch charismatische Führung. Auch kann eine Dezentralisierung stattfinden, wenn es kein Zentrum der Bewegung gibt. Laut Luhmann ist es bei Arbeitern die „bezahlte Indifferenz“[58], also Bezahlung, die zum Handeln bewegt, bei Bewegungen ist dies nicht der Fall. Soziale Bewegungen sind zum Teil sehr komplex. Ihre Hintergründe und ihr Aufbau werden in diesem Kapitel geklärt.

2.2.1 Definition „Soziale Bewegung“

Soziale Bewegung ist nach Neidhardt/Rucht definiert als „ein auf gewisse Dauer gestelltes und durch eine kollektive Identität abgestütztes Netzwerk von Gruppen und Organisationen, die sozialen Wandel mittels öffentlicher Proteste herbeiführen, verhindern oder rückgängig machen wollen“.[59] Diese wiederum bestehen aus sozialem Handeln, welches aus Konflikten und Spannungssituationen innerhalb der Gesellschaft resultiert (wobei nicht jede Spannung eine Protestbewegung zur Folge hat). Werden bestimmte Zielvorstellungen darauf fokussiert, können Handlungen mobilisiert werden. Zumindest eine Trägergruppe sollte eine kognitive Identität und symbolisches System von Selbstverständigung und -gewissheit inne haben. Experten können zur Organisation herangezogen werden, die Ursachen offen legen, Ziele setzen können, um Unzufriedenheit zu lenken.[60]

Bewegungen haben nach Kriesi keine festgelegte Organisationsform[61], externe und interne Faktoren spielen in ihrem Aufbau eine Rolle.[62] Er teilt in vier Gruppen auf: mobilisierende Bewegungsorganisationen (stehen normalerweise im Mittelpunkt), mit zunehmender Radikalisierung, Organisationen politischer Repräsentation, die institutionalisiert sind, unterstützende Organisationen mit Dienstleistungsfunktion (Kommerzialisierung) und Organisation der Selbsthilfe, wie Clubs, Freiwillige, Bewegungsassoziationen (Rückzug ins „Privatere“). Eine Bewegung

„soll den Willen bzw. die Kraft zur Veränderung ausdrücken; er assoziiert einen Zustand der Dynamik, des Vorwärtsstrebens. Insofern ist soziale Bewegung ex definitione die Antithese zu den Kräften der Beharrung und Immobilität. Freilich wurde schon sehr früh beobachtet, dass soziale Bewegungen nicht immer in Bewegung bleiben. Ihre Dynamik kann erlahmen; Bewegungen können in neue, stabile oder gar starre Formen übergehen und damit ihren Bewegungscharakter verlieren“[63].

Soll die Bewegung längerfristig bestehen, muss für eine dauerhafte Infrastruktur und Organisation gesorgt werden, um Ressourcen und Unterstützung von anderen zu mobilisieren. Eine gemeinsame Zielvorstellung und -setzung bildet hierbei das Motiv zum Handeln. Bewegungen und Proteste können sich nicht grenzenlos entfalten, da sie durch den kulturellen oder politischen Rahmen eingeschränkt werden.

2.2.2 Definition „Proteste“

Die soziale Bewegung selbst ist gewissermaßen das übergreifende Netzwerk politischer Beteiligung, der Protest ihr zentrales Mittel, um Ziele durchzusetzen. Protest ist definiert als „öffentliche, kollektive Handlungen nicht-staatlicher Träger, die Widerspruch oder Kritik zum Ausdruck bringen und mit der Formulierung eines gesellschaftlichen bzw. politischen Anliegens verbunden sind“[64]. Im Gegensatz zu konventionellem Verhalten, wie der Teilnahme an Wahlen, gelten Protestakte als unkonventionelle Formen politischen Auftretens (obwohl natürlich auch beides miteinander verbunden sein kann). Wichtig ist dabei anzumerken, dass bereits vieles, was früher als unkonventionell galt, heute durch die verstärkte (mediale) Wahrnehmung, „normal“ geworden ist.

Protestformen werden generell historisch, politisch und kulturell beeinflusst. Typisch für neuere Protestformen ist die planende Organisation im Vorfeld und die dadurch abnehmende Spontaneität. Zu bewältigen ist dies durch die modernen Kommunikationsmittel wie das Internet. Je nach Gruppierung wird auf spezielle Formen des Protests zurückgegriffen: Man vergleiche Aktionen des Bunds Naturschutz und die der Aktivisten von Greenpeace. Wie sich diese genau äußern, wird in den folgenden Kapiteln noch zur Sprache kommen.

2.2.3 Aktuelle Organisationsformen

Die Begründungslinien für Partizipation werden mittlerweile aus verschiedensten Bereichen hergeleitet, beispielsweise aus Menschenrechten, aus Demokratie- und Bildungstheorie, aus Ethik, Moral oder auch dem Dienstleistungsbereich.[65] Die Debatte ist in jedem Fall eine Frage der (wissenschaftlichen) Perspektive, die mit einer großen Vielfalt an Empirie und Konzepten rechnen muss. So gibt es auch vermehrte Möglichkeiten, sich punktuell zu engagieren, in Vereinen tätig zu sein, u.v.m.

Unterscheiden kann man zur Zeit freiwilliges, ehrenamtliches, bürgerschaftliches und zivilgesellschaftliches Engagement[66], wobei zu einer Systematisierung Organisationsformen, sowie Inhalte und Ziele herangezogen werden können. Erstere lassen sich in traditionelle Vereine, Verbände und Organisationen, informelle Gruppierungen und temporäre Aktionsformen aufteilen (geringe Verbindlichkeit). Inhalte lassen sich als Ziele im engeren Sinn, sowie nicht- politische Interessenslagen unterscheiden. Eine abnehmbare Verallgemeinerbarkeit und zunehmende Individualisierung von Zielen ist an dieser Stelle anzunehmen. An erster Stelle stehen traditionelle Beteiligungen im institutionalisierten Bereich (Mitgliederorganisationen, die auf langfristiges Engagement aufgebaut sind). Davon zu unterscheiden sind informelle Gruppierungen, Initiativen und NGOs, die eine weniger feste, kurzfristig ausgelegte Organisationsform darstellen. Als drittes kann man schließlich situative, punktuelle Aktionen von Beteiligung, die die Umsetzung politischer Ziele unterstützen, hinzufügen.[67] Besonders die letztgenannten müssen zu heutiger Zeit stärker in die Analyse von politischer Beteiligung mit einbezogen werden.

2.3 Voraussetzung für die Entstehung von sozialen Bewegungen

Für die Bewegungsforschung existiert nicht nur ein einziger Erklärungsansatz, sondern viele einzelne, die sich untereinander auch ergänzen können: auf Makroebene (zum Beispiel gesamtgesellschaftliche Bedingungen für Protest) oder auf Mikroebene (etwa Motivation und Zielsetzung von Individuen), kulturelle, gruppeninterne, situative u.a. Faktoren.

Immer ist in der westlichen Zivilisation die Demokratie eine wichtige Voraussetzung für Protestpotential:

„Demokratische politische Systeme unterscheiden sich von anderen auch gerade darin, daß sie ein bestimmtes Maß an Dissens und Protest tolerieren können.(…) Es besteht die Möglichkeit, dass staatliche Institutionen auf Probleme aufmerksam gemacht werden, über gegenwärtige Konflikte informiert werden und so angemessener auf Probleme und sozialen Wandel einzugehen.“[68]

Im Folgenden sollen nun einige Ansätze vorgestellt werden, die neben strukturellen oder situativen Faktoren auch individualistische Herangehensweisen beinhalten.

2.3.1 Theorieansätze zu den Protestbewegungen

Smelser hat verschiedene Bedingungen aufgestellt und handlungstheoretische, sowie strukturelle Bedingungen aufgeführt, wie Protestaktionen überhaupt zustande kommen[69]. Dazu zählt die strukturelle Anfälligkeit, also inwieweit überhaupt kollektive Aktionen in einer Gesellschaft zugelassen sind, beispielsweise die Staatsform, gesellschaftliche Strukturen, Institutionen, Kommunikationsnetzwerke, usw. Dazu zählen auch soziale Spannungen und Desintegration in einer Gesellschaft oder auch die Verbreitung und Entstehung von Ideen und generalisierten Vorstellungen, Integrationsmustern, die die Möglichkeit zu Protesten eröffnen, nicht zu vergessen Individuen und Gruppen, die von den Spannungen betroffen sind, die gemeinsames Verhalten als Protestgruppe entwickeln.

Der Ressourcenmobilisierungsansatz besagt unter anderem, dass es nicht genügt, einfache strukturelle Spannungen zu haben, damit eine Bewegung entsteht. Es benötigt schon gegebene Bedingungen, über die die Bewegung selbst verfügt oder die schon vorhanden sind (wie Massenmedien, demokratische Verhältnisse, Rechte an Partizipation) und genutzt werden können. In erster Linie sind es solche Ressourcen, die es für Mobilisierung braucht.[70] Aber auch externe Einflüsse, wie die Offenheit oder Geschlossenheit von politischen Institutionen, (z.B. mehr Beteiligungsrechte), Konsens der Eliten, Existenz (oder nicht) von Verbündeten (Gewerkschaften, Kirchen), und die Bereitschaft und Fähigkeit des Staates zur Repression[71].

Damit sich Proteste zu einer dauerhaften Bewegung entwickeln, “wird neben dem Aufbau von Kommunikationsnetzwerken auch die Entwicklung und Stabilisierung einer kollektiven Identität notwendig, der zufolge sich Menschen einer sozialen Bewegung zurechnen und Grenzziehungen gegenüber Gegnern vornehmen“.[72]

Wenn allgemeine Unzufriedenheit vorherrscht, steht dies im Sinne der Deprivationstheorien. Der Ressourcen-Mobilisierungs-Ansatz ist eher zweckrational und sagt aus, dass nicht jeder Konflikt zu einem Protest führen muss. Darin unterscheidet er sich vom Deprivations-Ansatz. Er wurde hauptsächlich verbreitet durch Davies (1969) und Gurr (1972)[73]: Proteste und revolutionäre Handlungen finden oft statt, wenn sich die wirtschaftliche Situation einer Gruppe verbessert hat und diese plötzlich anhält. So entsteht in Zeiten einer Rezession auch eher eine Revolution. Sind die Entbehrungen nicht komplett, sondern nur relativ, wird die Einstellung eher zu einem Protest. Die Theorie der relativen Deprivation wurde von Gurr nochmals bearbeitet und empirisch belegt. Soziale Gruppierungen vergleichen sich, nach Gurr, stets miteinander (mit den eigenen Gruppen, mit anderen, Erfahrungen und Wertvorstellungen). Werden die als selbstverständlich erachteten Ansprüche nicht erfüllt bzw. eine Differenz zwischen diesen und der Erreichbarkeit dieser festgestellt, kommt es zu Protesthandlungen, also wenn Erwartungen und die tatsächlichen Verhältnisse auseinanderdriften. Beim Strukturfunktionalismus[74], vor allem von Parsons entwickelt, knüpft kollektives Verhalten an gesellschaftliche Strukturen an. Spannungen struktureller Art werden hier als erforderliche Erklärungsfaktoren gesehen.

Der so genannte Framing-Ansatz, dem symbolisch-ideologische Konstruktionsleistungen von Bewegungen als Grundlage dienen, betont die zentrale Bedeutung von sozialen Netzwerken für Bewegungen, welche auch im Zusammenhang mit den immer stärker vernetzten Jugendlichen steht. Dabei spielt die Motivation der Beteiligten für das Entstehen von Protestaktionen eine wichtige Rolle.[75] Soziale Bewegung benötigt darüber hinaus immer Unterstützer aus der Politik (Bündnispartner, Organisatoren, Interessensverbände).

Die Theorie des New Social Movement bei Hellmann (1998) ist in dieser Beziehung ebenfalls interessant. Neben gesamtgesellschaftlichen Größen, spielt auch die Generation selbst und deren Rahmenbedingungen eine Rolle.

„Zum einen werden soziale Bewegungen in Zusammenhang mit gesamtgesellschaftlichen Problemen wie beispielsweise der Modernisierung gesetzt; zum zweiten wird unterstellt, dass eine Generation zentral für diese Bewegung ist, die Selbsterfahrungswerte einfordert, wie politische Mitbestimmung, Selbstverwirklichung oder Umweltschutz.“[76]

Dass gesellschaftliche Probleme in Verbindung mit der jeweiligen Generation eine große Rolle bei Protestbewegungen spielen, ist im Rahmen dieser Arbeit eine wichtige Feststellung, da die gesellschaftlichen, sozialen und wirtschaftlichen Umstände der „Generation Nullerjahre“ diese vermutlich in ihrer politischen Beteiligung stark geprägt haben.

Die Basis der Mobilisierung ist sozialstrukturell, was bedeutet, dass auch kulturelle Aspekte, neben politisch-strategischen, berücksichtigt werden müssen. So kann die Einstellung zu Werten und die Lebensweise Einfluss auf das Protestverhalten haben. An dieser Stelle wird auch von „sozialmoralischen Milieus (…) als eine vorpolitische Gemeinschaftsform“[77] gesprochen. Diese Sozialstruktur wurde nach Hellmann deutlich von den Debatten der 60er und 70er Jahre geprägt, zugehörige Personen haben einen hohen Grad an Bildung und sind tendenziell postmaterialistisch eingestellt oder konkret betroffen bzw. marginalisiert.

Ein-Faktor Ansätze[78] berufen sich nur auf eine Einzelerklärung für Proteste, was in der Regel nicht ausreicht. Makrosoziologisch gesehen, wird Protestverhalten durch gesellschaftliche Problemlagen erklärt.[79] Es gelten

„Widersprüche und Spannungen in der Gesellschaft als entscheidende Determinanten für das Entstehen von Protest und sozialen Konflikten. Dazu gehören vor allem Aspekte der ökonomischen und sozialen Ungleichheit, der fehlenden soziokulturellen Integration bzw. der zunehmenden Desintegration oder der ungleichen politischen Partizipationschancen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen.“[80]

Ein anderer Ansatz stammt von Charles Tilly (1978), der die Bedeutung der städtischen Konzentration für die Organisation von Bewegungen beschreibt: Das Zentrum für die Mobilisierung von Bewegungen und deren Infrastruktur liegt meist in Großstädten[81] (wie Westberlin). In ihnen entsteht eine zunehmende Selbstverantwortung bei der Mobilisierung von Protesten.[82] Bei Jugendprotesten können sich lokal startende Konflikte in andere Orte ausbreiten, wie bei den deutschlandweiten Studentenprotesten im Jahre 2009/2010, dem so genannten Bildungsstreik, bei dem zehntausende Studenten deutschlandweit partizipierten. Voraussetzung ist eine gemeinsame Diskriminierungserfahrung, die in diesem Fall die ungünstigen Studienbedingungen gewesen waren. Eine andere Idee hierzu ist, dass Protesthandlungen aufgrund der Entfremdung durch die Massengesellschaft entstehen (Kornhauser 1959) oder es wird die besondere Bedeutung der Expansion von Bildung betont.[83]

Unzufriedenheit, Krisenreaktionen oder Wertewandel sind aber keine ausreichende Erklärung für Proteste. Deshalb sollte man weitere Theorien, insbesondere individualistische und situative Ansätze anfügen. Eine Grundbedingung für Protest ist „ das Aktiv-Werden vieler Menschen “, welcher „gemeinsam, gleichzeitig und organisiert ablaufen[84] muss. Eine Bewegung wird erst handlungsfähig durch das persönliche Engagement der Mitglieder. Rammstedt (1978)[85] sagt dazu, dass diese nur motiviert werden, wenn die Aktionen auch mit der Umsetzung der eigenen Zielvorstellungen vereinbar sind (Verbindung von Motiv und kollektivem Zweck).

Neidhard und Rucht (1993) beschreiben das „Modell von Entstehungs- und Stabilisierungsbedingungen sozialer Bewegungen“.[86] Bedingungen und Genese von Bewegungen sind von individueller Erfahrung, Struktur und kollektiven Deutungsmustern abhängig. Einfluss nehmen auch Bewegungsunternehmer und deren strategisches Auftreten. Nicht nur deren Auftritt, sondern auch die Interaktion des relevanten Umfelds, wie Politik, Öffentlichkeit, Institutionen und Gegendemonstranten. Massenmedien sind für die Entstehung und Entwicklung von sozialen Bewegungen prägend. Deprivation und gemeinsames

Eingreifen in gesellschaftliche Prozesse erfordert Einsatz, was unter dem Umstand der kollektiven Güter widersprüchlich ist. Schließlich spielt man auch denjenigen in die Hände, die nichts dafür investiert haben. Die Wahrscheinlichkeit einer gemeinsamen Handlung ist für Olson abhängig von der jeweiligen Gruppengröße. In großen Gruppen muss man wesentlich weniger Einsatz zeigen als in kleineren, da es weniger ins Gewicht fällt, wenn jemand sich nicht mehr beteiligt. Ein kollektives Gut wird eher in kleineren Gruppierungen erzeugt, weil

„hier der individuelle Beitrag und die Erstellung des kollektiven Guts in erkennbarem Zusammenhang stehen. Olson geht sogar weiter und behauptet, daß daher in kleinen Gruppen einzelne Mitglieder durchaus bereit sein können, einen Großteil der Kosten zur Erstellung des kollektiven Gutes alleine zu übernehmen.“[87]

Die Anreize zum Handeln sind also sozialer und ökonomischer Art. Mit hinein spielen der Wunsch nach Anerkennung und Prestige, aber auch psychologische oder moralische Gründe, Loyalität und Identifikation mit Ideen und Zielen. Je größer die Selbstaufgabe und der persönliche Einsatz, desto zufriedener ist der kollektive Akteur. Dabei zeigt sich, wie wichtig Beziehungen, informelle Netzwerke und andere Gruppen für soziale Bewegungen sind. Andererseits kann auch die Aussicht auf beruflichen Erfolg, abseits von traditionellen, Karrierelaufbahnen einen Anreiz darstellen (dieser Theorie fehlen aber gruppensoziologische, gesellschaftstheoretische und konflikttheoretische Annahmen).

Bewegungen werden stark durch Kommunikation und Interaktion, sowie individuelle Einflüsse und Einstellungen geprägt. Die Konfliktinteraktion und –dynamik, also deren situative Faktoren, wie Interaktionseffekte oder Handeln in der Masse, haben großen Einfluss auf Protestverhalten. Der Beitritt zu einer Massenbewegung ist von den Einstellungen und Bedürfnissen des Einzelnen, aber auch vom Angebot der Gruppe abhängig. Massen sind heterogen, aber haben umso mehr gemeinsam, je stärker die Identifikation mit deren Zielvorstellungen ist. Massenbildung erfordert unter anderem ein auslösendes Ereignis, Zielsetzung oder Thema, direkte Kommunikation und räumliche Konzentration, Emotionalisierung der Masse durch eine gemeinsame Vorgeschichte, das Gefühl einer nicht-alltäglichen Situation und Einzelne, die in Aktionen vorpreschen.[88]

Soziale Bewegungen haben viel mit der „Identifikation von Individuen mit Lagen und Interessen einer größeren Gruppe“ zu tun, „aus der sich kollektive Identität mit Gruppensolidarität und Abgrenzung entwickelt“.[89]

2.3.2 Beteiligungsformen und Proteste als Ausdruck von Kritik

Neuere Formen von Protest, besonders seit den 60er Jahren, präsentieren sich in Sit-ins, Teach-ins, Happenings, sowie solchen, die Risikobereitschaft einfordern (Hungerstreik) oder aber nur geringen Einsatz, wie eine einfache Unterschrift auf eine Sammelliste. Einige sind institutionalisiert (Klagen vor dem Arbeitsgericht), andere spektakulär und einfallsreich (zum Beispiel eine viele Kilometer lange Menschenketten als Ausdruck des Protests). Allgemein gilt politische Beteiligung als ein Instrument zum Ausdruck von Kritik an einer gesellschaftlichen Problemlage. Es gibt wiederkehrende Proteste, wie die zum ersten Mai oder sehr spontane Reaktionen (zum Beispiel bei politischen Ereignissen). Aber „zum ganz überwiegenden Teil sind Proteste das Ergebnis organisierter Anstrengungen im Rahmen verschiedener sozialer Bewegungen“[90].

Geplante Aktionen haben das Erreichen eines bestimmten Zieles zum Zweck, sie sind „mehr oder weniger rational kalkuliert und folgen im Prinzip der Logik von Handlungsorientierungen“.[91] Ausgegangen sind diese von Studentenbewegungen, Atomkraftgegnern, Friedensdemonstranten oder Frauengruppen, welche alle nach dem Konzept sozialer Bewegungen funktionierten.[92]

Nach Uehlinger (1988) gibt es folgende Beteiligungsformen[93]: die Staatsbürgerrolle (Information, Diskussion, Wahl), problemspezifische Partizipation (Aktivitätsformen, die ein Problem beeinflussen, wie Unterschriften sammeln, Bürgerinitiativen, genehmigte Demos), parteiorientierte Partizipation (in einer Partei), ziviler Ungehorsam (wie illegale, aber gewaltfreie Demos) und politisch motivierte Gewalt. Die beiden letzteren werden als Verletzung gesellschaftlicher Normen gesehen. Seine theoretische Erklärung für das Protestverhalten nimmt wiederum die Deprivation als Anlass. Sie wird als „ subjektive Unzufriedenheit verstanden, die aus Wertdiskrepanzen, also dem Auseinanderklaffen von Werterwartungen und wahrgenommener Wertverwirklichung resultiert“[94]. Kommt geringes Vertrauen in Institutionen und in das politische System hinzu, kann dies zu politischem Protestverhalten werden, vor allem bei nicht erfüllten materiellen Ansprüchen (aber auch bei Immateriellen, wie bei Abweichung von Wertorientierungen).

Gemeinsame Loyalitätsvorstellungen stabilisieren die Protestbewegung und sind Voraussetzung für ein kollektives Handeln, als Ausdruck von Kritik. Fehlen intermediäre Strukturen wie Organisationen und Netzwerke, kann eine soziale Bewegung nicht langfristig stabilisiert werden. Die Reaktionen der anderen Konfliktbeteiligten darf man zugleich nicht außer Acht lassen, da diese Einfluss auf die Bewegung haben.

2.3.3 Strategien bei sozialen Bewegungen

Soziale Bewegungen zeichnen sich durch Faktoren wie gemeinsame Wert- und Zielorientierung, Gefühl von Mitgliedschaft, Zusammengehörigkeit oder Teilnahme, existierende Normen aus, die zeigen, wie gehandelt werden soll, aber auch durch vorhandene (Macht-) Strukturen aus.[95] Soziale Bewegungen verstärken angestrebte Werte, dienen auch der Erweiterung von Macht und Ressourcen, sowie der dauerhaften Motivation der Teilhabenden.

Kollektive Aktionen sind eine besondere Form des sozialen Handelns. Ihr Kontext ist sozial differenziert, sie beziehen sich also auf Regelungen von kulturellen, politischen und ökonomischen Systemen[96]. Diese Aktionen können auch unerwartete Folgen haben oder eine gewisse Eigendynamik aufweisen. Proteste benötigen Organisation und können sich anhand von bestimmten Strategien ausrichten. Externe, kommunikative Bewegungen haben das Ziel, die Öffentlichkeit zu beeinflussen. Die Expertisenstrategie zum Beispiel, setzt dabei auf Experten, die sich in den Massenmedien äußern (sie wirkt auf die Bewegungen auch stabilisierend, da sich die Teilnehmer in ihrer Meinung bestärkt fühlen). Die Aktivierungsstrategie bedeutet, sich an die (mediale) Öffentlichkeit zu wenden, um Aufmerksamkeit in eigener Sache zu erlangen und weitere Adressaten zu mobilisieren. Die so genannte Kommunikationsguerilla versucht möglichst vielen Personen die Möglichkeit der Einbindung zu geben und versucht durch Nicht-Linearität das Ende von Demonstrationen offen zu lassen, da altbekannte Formen des Protests oft wirkungslos sind (situationistische Theorie/ Veränderungspotential).[97]

Die Handlungen selbst beziehen sich immer auf bestimmte (gemeinsame) Ziele und Strategien („einem Zusammenhang von Personen, Gruppen und Organisationen, deren soziale Struktur erfasst werden muss.“[98]). Das Element der Kultur bestimmt soziale Bewegungen mit, wenn durch diese Konfliktsituationen, wie Krawalle in der Öffentlichkeit, ausgelöst werden. Zusätzlich, wie bereits erwähnt, verhält sich der Mensch in Massensituationen oft anders, was unter anderem auf das Wir-Gefühl, Konformitätsdruck, weniger individuellem Handlungsrisiko und Machterfahrung innerhalb der Gruppe zurückzuführen ist. Der soziale Faktor Mensch ist wichtig und muss mit eingeplant werden.

2.3.4 Protest und Interaktion mit der Gesellschaft

In den Ländern, in denen politisch-administrative Instanzen Entscheidungsfunktion haben, wenden sich Proteste oft gegen staatliche Instanzen oder deren Repräsentanten. Das heißt, dass die Reaktion von Staat und Öffentlichkeit mitunter ausschlaggebend ist für die Gestaltung einer Protestbewegung.

Soziale Bewegungen sind nie statisch, sondern prozessartig und benötigen gewissermaßen eine Gegenseite, gegen die sich der Protest richtet. Wie diese genau verlaufen, wird noch immer kontrovers diskutiert. Nach Rammstedt (1978)[99] werden erst Krisenfolgen propagiert, der Protest artikuliert und intensiviert, dann die Ideologie artikuliert. Danach breitet sich die Bewegung aus und wird organisiert und institutionalisiert. Betont wird auch hier die Interdependenz mit der Umwelt, die den Verlauf beeinflusst, wodurch Möglichkeiten, aber auch Grenzen offen gelegt werden, zum Beispiel wenn die Bewegung ihre Ziele nicht durchsetzen kann.[100]

„Soziale Bewegungen werden verstanden als „taktische und strategische Feldzüge von Gruppen,( ...) die sich mit ihrem Anliegen nicht oder nicht angemessen im aktuellen politischen Problemkatalog vertreten finden“ (…). Sie versuchen daher zur Erreichung ihrer Ziele möglichst viel Unterstützung und Loyalität anderer Gruppen zu mobilisieren.“[101]

Die Reaktion verschiedener gesellschaftlicher Gruppierungen auf einen Protest ist durchaus ein wichtiger Einflussfaktor für die (Weiter-) Entwicklung von Bewegungen. Die Reaktion bewirkt u. U. eine Veränderung innerhalb der Bewegung selbst.

In anderen Fällen steht bereits eine Organisation bereit, die die nötigen Ressourcen und Infrastruktur hat, um (medienwirksame) Proteste zu organisieren. Sozialer oder politischer Protest ist kollektiv und passiert in Interaktion mit der Gesellschaft. Die Reaktion dieser ist für die Bewegung selbst wichtig, da so am ehesten Veränderungen herbeigeführt werden können. Es scheint in dem Zusammenhang so, als würden junge Menschen von der Öffentlichkeit nicht als treibende Kraft für Proteste wahrgenommen werden oder zumindest wirkt es so, als könnte man als Heranwachsender diese Öffentlichkeit auch immer schwerer erreichen.

Gesellschaftliche Interaktionen sind beispielsweise Informationen und Hintergründe herauszufinden oder Ressourcen zu mobilisieren. Für Medieninteresse sollte ebenfalls gesorgt sein. Externe Gruppen sollen durchaus mit eingeschlossen werden: „neugierige Zuschauer, Teilnehmer eines Gegenprotests, Polizeikräfte, durch den Protest in ihrer Routine gestörte Personen und die direkten Adressaten des Protests.“[102] Dies kann verschiedenartige Auswirkungen haben (zum Beispiel Nachahmer, usw.). Mit Protesten wird versucht, eine Politik von „unten“ zu machen und Führungseliten aufmerksam zu machen und unter Druck zu setzen. Mit ihnen ist die Formulierung eines politischen Anliegens verbunden, dass in vielen Formen ausgedrückt werden kann. Man versucht durch eine massenhafte Mobilisierung Eindruck zu machen, durch Störungen Aufmerksamkeit in eigener Sache zu bekommen.

Soziale Bewegungen haben die Tendenz, sich aufzulösen. Letztendlich können sie nicht nur zerfallen, weil sie möglicherweise schlecht organisiert waren, sondern auch weil sie ihr Ziel erreicht haben oder unter massiven Druck gesetzt wurden. Ihr Zerfall wird also maßgeblich vom gesellschaftlichen Rahmen mitbestimmt.

2.3.5 Handlungsfähigkeit von Bewegungen

Wäre genug Geld und Macht vorhanden, müssten nicht andere Mittel aufgebracht werden, um die Menge zu mobilisieren. Kapital ist der freiwillige Einsatz. Ist dieses „commitment“ vorhanden, kann sich auch eine kollektive Identität bilden, die die Anhänger von den Angehörigen reiner Zweckverbände (ADAC Club, o.ä.) unterscheidet. Es besteht fast immer ein Netzwerk- als ein Organisationscharakter. Auf diese Weise können Bewegungen in manchen Fällen große Durchsetzungskraft erlangen. Vor allem Massenbewegungen können sozial schwer kontrollierbar werden. Allerdings sollte man erwähnen, dass diese Bewegungen aufgrund ihres geringen Organisationsgrades und einer spärlichen Kapazität von Selbstkontrolle oft nicht in der Lage sind, Veränderungen und Wandel durchzusetzen, sondern eher diesen anzustoßen oder zu boykottieren.

Es kommt oft vor, dass soziale Bewegungen es nicht schaffen, sozialen Wandel herbeizuführen oder zu verhindern. Es kann sein, dass sie schlichtweg nicht genug Aufmerksamkeit bekommen, durch Machthaber abgeblockt werden oder durch etablierte Gruppierungen ihren kritischen Impuls verlieren.[103] Andererseits gibt es Proteste mit durchschlagendem Erfolg, denke man nur an die Französische Revolution im Jahre 1789.

2.3.6 Institutionalisierung und Peripherie von Bewegungen

Soziale Bewegungen sind organisatorisch nicht oder nur in einigen Bereichen wie Parteien aufgebaut, beispielsweise in ihren Mitgliedschaftskriterien, Satzungen oder Entscheidungen. Sie können sich zwar organisieren, aber soziale Bewegungen sind keine Organisationen[104] (können aber durchaus zu ihnen werden). Sie unterscheiden sich sehr in ihrem jeweiligen Organisationsgrad.

Jede Bewegung braucht eine „Bewegungsinfrastruktur“, neben der Bewegung selbst sind hier auch unterstützende Einrichtungen gemeint. Sie können bei der Mobilisierung, Kommunikation und Netzwerken helfen. Aber schon „seit geraumer Zeit werden in den neuen sozialen Bewegungen der Rückgang von Aktivitäten, nachlassende Attraktivität, Mobilisierungsflaute und Mitgliederschwund beklagt“[105]. In diesem Zuge wird nun der Zusammenhang mit der Institutionalisierung von Bewegungen erläutert

Eine interessante Entwicklung in Verknüpfung dazu ist, die „relative Verschiebung der Protestträger von Parteien und Verbänden hin zu vergleichsweise kleinen, informeller verfassten Initiativen, Gruppen und Netzwerken, damit auch vom politischen Zentrum hin zur Peripherie der >>Civil Society <<“.[106] Diese kommen in den Zeitungen und anderen Medien nur weniger zur Geltung. Rekrutiert wird hier überwiegend im lokalen oder regionalen Rahmen. Der Konfliktgegner ist in den meisten Fällen nicht vor Ort, sondern das Anliegen muss sozusagen „symbolisch“ vermittelt werden. Die größeren Bewegungen scheinen sich hin zu kleiner gefassten Gruppierungen entwickelt zu haben, welche auch (medial) weniger wahrgenommen werden. Dies könnte eine der Gründe für die Annahme, Jugendliche seien „protestlos“ sein. In vielen Diskursen wird zudem behauptet, dass Bewegungen erst im Sinne von Antiinstitutionalisierung entstehen. Dies spricht wiederum für den Gedanken, dass Bewegungen eine relativ kurze Halbwertszeit haben.

„In weit größerem Ausmaß als fest gefügte Organisationen unterliegen soziale Bewegungen Veränderungen. Dies betrifft Schwankungen von Aktivitäts- und Mobilisierungsniveaus, den Wandel von Zielen, Strategien und Handlungsrepertoires, aber auch von außen kaum erkennbare Transformationen organisatorischer Struktur“[107].

An dieser Stelle wird auch von einer „ Partizipationskrise[108] der Bewegungen gesprochen. Es steht fest, dass sich Bewegungen in ihrer Struktur wandeln. Die Organisation selbst verändert sich: „Nach gängiger Einschätzung gibt es einen Wandel von fluiden, informellen zu formellen Organisationsformen, was sich z.B. in festen, formalisierten Mitgliedschaften, Beitragszahlungen, Büros etc. ausdrückt“.[109] Es ist nicht auszuschließen, dass Bewegungen in der Phase ihrer Entstehung schon Strukturen von Organisation aufweisen.

Wissenschaftliche Annahmen sind, dass die Stagnation von Mitgliedern nicht das Ende der Bewegung selbst bedeutet. Entpolitisierung ist ebenso nicht zwingend ein Resultat von Institutionalisierung.[110] In ihrer Form bleiben die Bewegungen nicht bestehen, sondern „lösen sich auf, werden zerschlagen oder institutionalisieren sich. Institutionalisierung wird beschrieben als ein Prozeß der Veralltäglichung, der Herausbildung von Herrschaft sowie von Mechanismen der Repräsentation“[111]. Eine Neubildung, die sich gegen Institutionen richtet ist möglich. Viele Theoretiker bestätigen, dass Bewegungen nach einiger Zeit ihre Form verlieren.

Denn Bewegungen brauchen eine zielorientierte Organisation und eine lebensweltliche Verankerung in lokalen Bewegungsmilieus. Gemeint sind damit bestimmte Einrichtungen, die Kommunikationsforen und Treffpunkte für Mitglieder sind (wie Szeneblätter, Jugendzentren, Kneipen). Diese sind nicht direkt Bewegungsorganisationen, können jedoch als infrastrukturelle Basis gewertet werden[112] (dies könnte man problemlos als Institution bewerten, was den wissenschaftlichen Zugang erleichtert). Bewegungen können zu Organisationen werden, wobei Werte und Ziele in ihrer Orientierung übernommen werden, aber auch autoritärer und verfestigter werden können (so kommt es auch zu einer Gründung von Alltagskulturen).

2.4 Einflussfaktoren zu politischer Beteiligung

Äußere, aber auch personale Merkmale können die Teilnahme und das Interesse an politischen Aktionen und Demonstrationen beeinflussen. Neben einer verstärkten Institutionalisierung von Organisationen soll nachfolgend auch auf persönliche Faktoren, die Protestdenken und –verhalten nach sich ziehen, eingegangen werden. Denn nicht nur gesellschaftliche, sondern auch andere Einflüsse bewirken ein verändertes Verhalten in Bezug auf Politik.

2.4.1 Institutionalisierter Protest

Die Tendenz von vielen sozialen Bewegungen geht in Richtung Institutionalisierung. Der gesellschaftliche Kontext ist nicht kausal erklärbar, hilft aber durch Plausibilität. Soziale Bewegungen haben durchaus Beziehungen zu Etablierten aus dem Bereich Politik. Außerdem gibt es gruppeninterne Faktoren, zum Beispiel Eigeninteresse, Führungspositionen zu stabilisieren. Zeit kann dabei Wirkgröße sein.

Studien zur Altersstruktur von Mitgliedern in Organisationen ergaben, dass immer weniger junge Leute Mitglied werden, sondern die Personen mit ihrer Organisation älter werden. Parteibindung stabilisiert sich erst mit dem Alter[113]. Die Einzelkategorie „Akademiker“ war am häufigsten vertreten. Die Gruppierungen mit hoher Bildungsqualifikation sind stets dominant.[114] Die meisten Gruppierungen haben netzwerkartige Kooperationsbeziehungen zu anderen, besonders ausgeprägt ist dies im alternativen Sektor[115].

2.4.2 Sozialer Hintergrund und Bildungsniveau – eine Typisierung von Jugendlichen

Unkonventionelle Protestformen sind mittlerweile Gang und Gäbe. Diese sind Ausdruck eines „zunehmenden Verlangens nach Partizipation als Folge der Bildungsexpansion“.[116] Der Bildungsgrad ist eines der bedeutendsten Einflussmerkmale zur politischen Beteiligung. „Dass Individuen mit höherer Bildung aktiver sind bzw. sich stärker politisch beteiligen als niedriger Gebildete, gehört zu den Standardbefunden der Partizipationsforschung.“[117] Hohe Bildung bedeutet gleichzeitig auch einen leichteren Zugang zu Politik und kritischem Denken. „Im Hinblick auf die Typisierung von Uehlinger (1988: 171) zeigt sich, dass sowohl der Anteil der in Parteien politisch Aktiven als auch der Anteil der gewaltlosen Aktivisten – insbesondere im Hinblick auf zivilen Ungehorsam - mit zunehmendem Bildungsniveau steigt.“[118] Die Bildungsqualifikation ist ausschlaggebend, ebenso wie der soziale Hintergrund, für politisches und auch soziales Engagement. In der 14. Shell Jugendstudie wurden die befragten Jugendliche in vier Typen eingeteilt, die ein herausragendes Beispiel für die unterschiedlichen Beteiligungsformen darstellen.

Zum einen ist der Typus der „selbstbewussten Macherinnen und Macher“ zu nennen. Diese Gruppe bringt meist eine gute bis sehr gute Bildung sowie einen soliden sozialen Hintergrund mit und zeichnet sich durch Ehrgeiz, Fleiß und Leistungsbereitschaft aus. Sie orientiert ihr Engagement überwiegend am eigenen, individuellen Nutzen – was durchaus mit sozialen Aktivitäten einhergehen kann. Die „Macherinnen und Macher“ stellen sich den Anforderungen, versuchen diese aktiv zu bewältigen und legen dabei einen starken Durchsetzungswillen an den Tag. Sie benutzen den Kopf statt der Ellenbogen und sind mit dieser Strategie gerade in klassischen Organisationsstrukturen oft erfolgreich. Die zweite Gruppe von Jugendlichen wurde in der Shell-Studie mit „pragmatische Idealistinnen und Idealisten“ überschrieben. Diese Jugendlichen sind vorwiegend weiblich und entstammen meist dem klassischen Bildungsbürgertum. Ihre Stärken liegen vor allem in kreativen Bereichen, auch sind postmaterialistische Werte und soziales Engagement für sie wichtig. Mit diesen ideellen Werten verknüpfen sich zugleich Zielstrebigkeit und Karriereorientierung. Die pragmatischen Idealisten engagieren sich eher in gemeinnützigen Zusammenhängen; dort können sie sich an der Lösung konkreter Probleme beteiligen, wobei auch die soziale Komponente nicht zu kurz kommt.“[119]

Der Typus der „Macher“ und die „Idealisten“, kommen mit den Anforderungen der Leistungsgesellschaft insgesamt gut zu Rande. Sie zeichnen sich durch positive gute Zukunftsaussichten aus und sind dementsprechend auch bereit und in der Lage, sich (politisch und sozial) zu engagieren“.

„Über die Hälfte der Jugendlichen in Deutschland kann einem dieser beiden Typen zugeordnet werden. Auf der anderen Seite gibt es eine große und nicht zu vernachlässigende Gruppe von Jugendlichen, die fast jeglicher Form von Engagement eine klare Absage erteilt und sich vor allem durch Desinteresse auszeichnet. „Diese Jugendlichen gehören eher zu den Verlierern der Leistungsgesellschaft, fühlen sich überfordert. Es lassen sich zwei – zahlenmäßig etwa gleich stark vertretene – Typen unterscheiden: die „zögerlichen Unauffälligen“ und die „robusten Materialisten“. Die „zögerlichen Unauffälligen“ fühlen sich nicht zuletzt aufgrund ihrer geringen Bildungsqualifikationen und des eher schwachen sozialen Hintergrundes den hohen Leistungsanforderungen in Schule und Beruf nicht gewachsen und reagieren mit Apathie und Resignation. Die Gruppe der „Unauffälligen“ zeigt kaum politisches oder soziales Engagement, ist sehr passiv und schicksalsergeben, glaubt, sowieso nichts ausrichten zu können. Die vierte Gruppe wurde als „robuste Materialistinnen und Materialisten“ bezeichnet. Diese Jugendlichen stammen vorwiegend aus den unteren sozialen Schichten und sind überdurchschnittlich häufig männlichen Geschlechts. Sie kommen mit den Anforderungen von außen kaum oder gar nicht zu Recht, verlassen beispielsweise die (Haupt-) Schule vielfach ohne Abschluss. Aufgrund ihrer Perspektivlosigkeit scheint ihnen gesellschaftliches Engagement zumeist sinnlos. Stattdessen versuchen sie sich durch aggressives, gewalttätiges Verhalten Macht und Respekt zu verschaffen. Von der Politik sind gerade diese Jugendlichen enttäuscht, fühlen sich im Stich gelassen.“[120]

Diese vier Wertetypen zeigen sehr deutlich, dass politische Orientierungen mit den Lebensperspektiven und alltäglichen Entwicklungsaufgaben von Jugendlichen zusammenhängen. Während die eine Hälfte engagiert ist, scheint die andere entmutigt, desinteressiert und durch ihren ungünstigen sozialen Hintergrund gewissermaßen zu „Protestlosigkeit“ gezwungen.

[...]


[1] Spiegel (2009), S. 17

[2] Spiegel (2009), S. 21

[3] Spiegel (2009), S. 21

[4] Abold, Juhász (2006), S. 78

[6] Illies (2006), S. 207

[7] Spiegel (2009), S. 37 ff.

[8] Vgl. Klein (2003), S. 105

[9] Vgl. Hadjar, Becker (2007), S. 411

[10] Bargel (2008), S. 4

[11] Vgl. Gaiser, Gille, Krüger, de Rijke (2011), S. 3

[12] Vgl. Betz, Gaiser, Pluto (2010), S. 11

[13] Schmid (2000), Schnurr (2001), zitiert aus Betz, Gaiser, Pluto (2010), S. 12

[14] Burdewick 2003, Shell 2002, zitiert aus Schulz (2008), S. 164

[15] Teune (2008), S. 530

[16] Illies (2006), S. 213

[17] An dieser Stelle sollen die bisherigen Proteste nicht detailliert besprochen, sondern nur beispielhaft angeschnitten werden

[18] Dobriczikowski, Dorow, Jahns, Stephan, Hubmann (2008)

[19] Allgemein gesprochen ist seit der Gewaltenteilung in der Antike (und zu Zeiten der Aufklärung präzisiert) zu Exekutive, Judikative und Legislative nun eine vierte Gewalt, die der Öffentlichkeit, hinzugekommen. Diese erscheint vor allem in Gestalt der Presse und zunehmend durch die elektronischen Medien. Sie ist dem (deutschen) politischen System zugehörig und hat sich fest etabliert, wobei sie sich deutlich vom öffentlich-rechtlichen Regelwerk unterscheidet. Sie ist ein wichtiger Bestandteil einer demokratischen Ordnung, da sie parlamentsunabhängige Kritik erlaubt. Eigenständige Zeitungen und andere Medien bildeten sich, besonders nach Zeiten des Nationalsozialismus und dessen starker Zäsur. (Vgl. Wehler (2008), S. 267 ff)

[20] Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden Formen „einer modernen Arbeiterbewegung in ihren drei Hauptsäulen: der politischen Organisation, der Gewerkschaften und der Konsumgenossenschaften“ (Bundeszentrale für politische Bildung (1998))

[21] Rucht, Roth (2008), S. 644

[22] Wobei es im 20. Jahrhundert natürlich bereits Bewegungen gab (zum Beispiel „Wilde Meute“ in den 20er Jahren oder „Edelweißpiraten“ in den 30er Jahren). Zu den ersten nennenswerten Krawallen kam es auch Mitte der 50er Jahre, die die Öffentlichkeit empörten. Die Jugendlichen taten sich dadurch hervor, ihre eigene Kultur entwickeln zu wollen. Angefangen bei Motorradkult und Rock´n Roll, die so genannten „Halbstarkenkrawalle“. Diese Proteste waren jedoch weitestgehend unpolitisch und dienten in erster Linie der Auflehnung gegen die zu dieser Zeit sehr konservativen, gesellschaftlichen Konventionen.

[23] Demirovic (2008)

[24] „Wolfgang Abendroth, Leo Kofler, Ernst Bloch oder die Vertreter der Kritischen Theorie, die Kontinuität herstellten. Sie prägten die intellektuellen Interessen und Debatten unter den Studierenden. Sie waren moralische Instanzen und Vorbilder.“ Demirovic (2008)

[25] Demirovic (2008)

[26] Vgl. Gilcher-Holtey (2008), S. 41

[27] Demirovic (2008)

[28] Gilcher-Holtey (2008), S. 12

[29] Vgl. Gilcher-Holtey (2008), S. 46

[30] Wehler (2008), S. 280

[31] Vgl. Wehler (2008), S. 280

[32] Bei einer Polizeiaktion in Berkeley (1964) sollen Tische, die von Studenten für Aktionen aufgestellt wurden, entfernt werden. Bei einer Festnahme setzen sich die Studenten vor den Polizeiwagen. Die Form von Protesten andere Bewegungen wurde hier für den Campus übernommen.

[33] Vgl. Gilcher-Holtey (2008), S. 51 ff

[34] Vgl. Wehler (2008), S. 312 ff

[35] Gilcher-Holtey (2008), S. 53

[36] Soziale Bewegungen „können eine Bekräftigung und Beschleunigung erfahren durch externe Faktoren: „kritische Ereignisse“(Bourdieu), die die Wahrnehmung heterogener Akteure synchronisieren, einen Bruch mit dem Alltag, dem Gewohnten, der „normalen“ Zeitwahrnehmung herbeiführen und dadurch Individuen als auch Gruppen einen Zwang zur Stellungnahme auferlegen“, Gilcher-Holtey (2008), S. 72

[37] Die USA hatte hier in mancherlei Hinsicht Vorbildfunktion, v.a. durch ihre Bewegung gegen den Vietnamkriege und dem Civil-Rights-Movement.

[38] Vgl. Gilcher-Holtey (2008), S.

[39] Gilcher-Holtey (2008), S. 16

[40] Schönberger, Sutter (2009), S. 18

[41] Birke/Hüttner/Oy (2009), S. 63

[42] Vgl. Abold, Juhász (2006), S. 77

[43] Vgl Gilcher-Holtey (2008), S. 121

[44] In der deutschen Nachkriegsgeschichte nimmt die Protestbewegung in der DDR im Herbst 1989, die letztendlich die friedliche Auflösung des zweiten Staates auf deutschem Boden, und damit die Erfüllung eines wesentlichen Elementes des Grundgesetzes der Bundesrepublik ermöglichte, eine herausgehobene Stellung ein. Die Geschichte der DDR ist jedoch ein eigenes Kapitel und soll hier nicht näher erläutert werden.

[45] Vgl. Wehler (2008), S. 321

[46] Hadjar, Becker (2008), S. 102

[47] Hadjar, Becker (2007), S. 414

[48] Vgl. Rucht/Roth (2008), S. 636 - 637

[49] Rucht/Roth (2008), S. 637

[50] Teune (2008), S. 535

[51] Vgl. Nover (2009), S. 33

[52] Nover (2009), S. 33

[53] Vgl. Wehler (2008), S. 292 ff

[54] Rucht, Roose (2001), S. 197

[55] Vgl. Neidhardt/ Rucht (2001), S. 58

[56] Vgl. Schönberger, Sutter (2009), S. 13

[57] Die kompletten Interviews sind im Anhang zu finden

[58] Joas (2003), S.541

[59] Gilcher-Holtey (2008), S. 10

[60] Vgl. Gilcher-Holtey (2008), S. 11

[61] Vgl. Rucht, Blattert, Rink, (1997), S.49

[62] Dies ist methodisch nicht ganz problemfrei, beispielsweise weil sich entgegen Kriesis Annahme sich auch Reformbewegungen an Machthabern orientieren können und nicht zu einer Radikalisierung derer führen.

[63] Rucht, Blattert, Rink, (1997), S.34

[64] Rucht, Neidhardt (2003), S.537

[65] Vgl. Betz, Gaiser, Pluto (2010), S. 14

[66] Die folgende Ausführung richtet sich vor allem nach der Kategorisierung von Gaiser/ de Rijke

[67] Gaiser, de Rijke (2010), S. 36 ff

[68] Willems (1997), S. 12

[69] Vgl. Willems (1997), S. 49

[70] An jeder dieser Theorien gibt es selbstverständlich auch Kritikpunkte, bei dieser beispielsweise dass diese auch spontan entstehen können.

[71] Vgl. Roth, Rucht (2008), S.655

[72] Rucht, Roth (2008), S. 645

[73] Vgl. Willems (1997), S. 23 ff

[74] Vgl. Willems (1997), S. 21

[75] Vgl. Nover (2009), S. 21ff

[76] Nover (2009), S. 24

[77] Nover (2009), S. 24

[78] Vgl. Willems (1997), S. 22

[79] In der marxistischen Theorie wird angenommen, dass Revolutionen entstehen, wenn durch Produktivkräften, dem Kapital und Arbeit Widersprüche entstehen. In Bezug auf soziale Bewegungen sind dies Interessenskonflikte zwischen Gruppen mit unterschiedlichen Besitztümern. Wirtschaftliche Bedingungen und Klassenbewusstsein nehmen Einfluss auf gesellschaftliche Verhältnisse. Diese Theorie spielt jedoch eine untergeordnete Rolle.

[80] Willems (1997), S. 20

[81] Wobei durch die Entwicklung der Kommunikationsmedien eine tendenzielle Dezentralisierung zu erwarten sein könnte

[82] Vgl. Klein, Koopmans, Geiling (2001), S. 17

[83] Die Frage, unter welchen genauen Bedingungen es zu Konflikthandlungen kommt, ist leider nicht ausreichend erklärt. Mit diesem Ansatz lässt sich beispielsweise nicht erklären, warum es nicht bei allen Spannungen gleich zu Protesten kommt. Aggressives Verhalten ist demnach nur eine Möglichkeit, um mit Frustration umzugehen. Letztere kann zur Verstärkung der Situation führen, andere Faktoren spielen jedoch auch eine Rolle in diesem Prozess.

[84] Nover, S. 21

[85] Vgl. Rucht, Neidhardt (2003), S 541

[86] Willems (1997), S. 69

[87] Willems (1997), S. 29

[88] Vgl. Willems (1997), S. 45

[89] Nover (2009), S. 26

[90] Rucht, Neidhardt (2003), S.539

[91] Rucht, Neidhardt (2003), S.539

[92] Spontane Geschehnisse, die ungeplant sind, sollten eher mit Massenpsychologie analysiert werden

[93] Vgl. Klein (2006), S. 293

[94] Klein (2006), S. 293

[95] Vgl. Willems (1997), S. 66

[96] Vgl. Rucht, Neidhardt (2003), S. 536 ff

[97] Vgl. Schönberger, Sutter (2009), S. 20 ff

[98] Rucht, Neidhardt (2003), S.536

[99] Vgl. Willems (1997), S. 71

[100] Mit Protest ist man immer gegen etwas, man zieht Kritik auf sich, aber gleichzeitig steht man auch für etwas ein. Es ist nicht immer leicht, sich dazu zu überwinden. In manchen Fällen muss man auch die Folgen des Handelns tragen. Deshalb wird, obwohl es sehr viel mehr Anlässe dazu gibt, nicht in allen Fällen auch gehandelt.

[101] Willems (1997), S. 51

[102] Rucht (2001), S. 10

[103] Vgl Rucht, Neidhardt (2003), S. 542

[104] Vgl. Rucht, Blattert, Rink, (1997), S.50

[105] Rucht, Blattert, Rink, (1997), S.19

[106] Neidhardt/ Rucht (2001), S. 63 – 64

[107] Rucht, Blattert, Rink, (1997), S.11

[108] Rucht, Blattert, Rink, (1997), S.26

[109] Rucht, Blattert, Rink, (1997), S.26

[110] In Ost- und Westdeutschland gab es einige Unterschiede, beispielsweise dass man im Osten wesentlich schlechter vernetzt war, keine Unterstützung der Medien hatte, dass es keine übergeordneten Organisationsorgane gab usw. Die DDR hatte vor dem Mauerfall selbstverständlich gänzlich andere Bedingungen als die BRD. Der Osten konnte nach dem Mauerfall aufholen. Auf diese Thema einzugehen würde aber den Rahmen dieser Arbeit leider sprengen.

[111] Rucht, Blattert, Rink, (1997), S.40

[112] Vgl. Rucht, Blattert, Rink, (1997), S.47

[113] Vgl. Vetter (2006), S. 18

[114] Vgl. Rucht, Blattert, Rink, (1997), S.103/104

[115] Vgl. Rucht, Blattert, Rink, (1997), S.138

[116] Hadjar, Becker (2008), S. 102

[117] Vgl. Uehlinger (1988), Leighley (1995) zitiert aus Hadjar, Becker (2008), S. 103

[118] Hadjar, Becker (2008), S. 103

[119] Albert, Linssen, Hurrelmann (2003), S. 3 ff

[120] Albert, Linssen, Hurrelmann (2003), S. 4

Ende der Leseprobe aus 164 Seiten

Details

Titel
Generation Gleichgültigkeit!? Wie (un-) politisch ist die aktuelle Generation Heranwachsender wirklich?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Politische Soziologie
Note
2,1
Autor
Jahr
2011
Seiten
164
Katalognummer
V274670
ISBN (eBook)
9783656668367
ISBN (Buch)
9783656668374
Dateigröße
1424 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Proteste, Soziale Bewegungen, politische Jugend, Generation Gleichgültigkeit, moderne Protestformen, Subpolitik, Protestkultur, Protestgeschichte, Reflexive Modernisierung, Politikverdrossenheit
Arbeit zitieren
Anja Uretschläger (Autor), 2011, Generation Gleichgültigkeit!? Wie (un-) politisch ist die aktuelle Generation Heranwachsender wirklich?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274670

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