Ludwig Wittgensteins "Philosophische Untersuchungen". Versuch einer realistischen Interpretation


Hausarbeit, 2013

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Das augustinische Bild

3. Das wittgensteinsche Bild

4. Wittgenstein als Realist

5. Sprachspiel und Sprachspielen

6. Lebensform und Praxis

7. Beispiele

8. Erklären vs. Definieren

1. Einführung

Ludwig Wittgenstein hat zweimal in der Geschichte die Philosophie revolutioniert. Sein Tractatus lieferte die Vorlage für den logischen Positivismus, eine der einflussreichsten philosophischen Strömungen der Philosophiegeschichte. Die „Philosophischen Untersuchungen“ beeindrucken bis heute die Philosophen und immer wieder kommen neue Interpretationen auf.

Oftmals wird wird der späte Wittgenstein als Antirealist und Antiphilosoph dargestellt, dem es nur darum ginge, uns von unseren metaphysischen Krankheiten zu heilen. Unsere Sprache funktioniere nach Regeln, die von unserer Sprachgemeinschaft abhängen und somit hängen auch unsere Wahrheiten von ihr ab. Alles worauf Wahrheit beruht ist Übereinkunft.

Doch es gibt auch bekannte Wittgenstein-Interpreten wie Hilary Putnam oder Stanley Cavell, die Wittgenstein als gemäßigten Realisten sehen. Wittgenstein wolle schließlich nur den Positivismus und den metaphysischen Realismus, den er selbst zum Teil zum Leben erweckt hat, kritisieren. Ja, wir müssen uns auf Konventionen stützen, wenn wir an einen Punkt angelangen, an denen Fragen keinen Sinn mehr ergeben, doch trotzdem legt eine von uns unabhängige Welt fest, welche Wahrheiten sich daraus ergeben. Diese Philosophen verbinden Wittgensteins Kritik mit einem starken Praxisbezug, so wie Wittgenstein es selbst auch getan hat.

Beim Lesen der Untersuchungen erschien mir das zweite Bild als richtiger. Das Orthodoxe Wittgenstein Bild scheint mir Wittgenstein selbst nicht ernst genug zu nehmen und verliert den Überblick über Wittgensteins Gesamtwerk und seine Absichten. Deswegen möchte ich im Folgenden, meine eigene Interpretation der Philosophischen Untersuchungen anbieten. Es wird gezeigt werden, welches philosophische Bild Wittgenstein kritisiert und wie eine realistische Interpretation, meiner Meinung nach, mit Themen wie Referenz, Praxisbezug, Lebensform, Konvention usw. umgehen soll. Ich werde mich dabei vorwiegend auf Wittgenstein selbst beziehen und nur selten andere Philosophen zitieren. Auch die orthodoxe Interpretation a la Baker und Hacker werde ich nur erwähnen, wenn es der Veranschaulichung dient. Eine ausführliche Diskussion würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Es wird eine Interpretation herauskommen, die sich gegen eine Realismus vs. Anti-Realismus Dichotomie verwehrt, da sie Aspekte beider Denkarten enthält. Nach dieser Interpretation steht Wittgenstein Modell für spätere Ansichten, wie den „internen Realismus“ Hilary Putnams oder den Überlegungen Stanley Cavells Modell.

2. Das augustinische Bild

Um klar zu machen, gegen welches Bild sich Wittgenstein richtet, scheint es hilfreich, eine Stelle im „Blue Book“ (Wittgenstein, 1984) zu betrachten. Dort gibt Wittgenstein genau an, welches metaphysische Bild er kritisieren möchte. Wittgenstein nennt vier Punkte: a) „die Bestrebung, nach etwas Ausschau zu halten, das all den Dingen gemeinsam ist, die wir gewöhnlich unter einer allgemeinen Bezeichnung zusammenfassen.“ (Ebd. S. 37) Man könnte sagen, dass Wittgenstein sich gegen einen Essentialismus verwehrt. Stattdessen sind Beispiele, die unter eine allgemeine Bezeichnung fallen, durch Familienähnlichkeit miteinander verbunden.

b) Eng mit diesem Essentialismus verbunden, ist die Vorstellung, dass die Bedeutung von Wörtern immer darin liegt, dass sie mit einem Gegenstand verbunden sind. Wenn dieser Gegenstand nicht ein materieller ist, dann wir behauptet, es sei ein Vorstellungsbild. Ich möchte diesen Punkt die Kritik am Primat der Referenz nennen. Jedoch werde ich später darzustellen versuchen, dass Wittgenstein nicht jegliche Referenz leugnet.

c) Wittgenstein kritisiert die Vorstellung, dass das verstehen oder aneignen einer Vorstellung eine bestimmte Art von „geistigen Zustand im Sinne eines Bewußtseinszustandes“ (Ebd. S. 38) ist.

d) Und zu guter Letzt kritisiert Wittgenstein, dass die Philosophie eine „Voreingenommenheit für die naturwissenschaftliche Methode“ (Ebd. S. 39) vorzeigt.

Wenn man diese Punkte betrachtet dann sieht man, dass Wittgenstein sowohl den Empirismus, als auch den Positivismus seiner Zeit im Auge hat. Doch würden diese Punkte sich auch auf den gegenwärtigen wissenschaftlichen Realismus übertragen lassen. In diesem Sinne sollte auch Wittgensteins Kritik in den Untersuchungen am „augustinischen Bild“ verstanden werde. Alle vier genannten Punkte können dort wiedergefunden werden. Immer wieder kommt Wittgenstein auf das Primat der Referenz (§§ 1ff., 46ff, 141 usw. )1 zu sprechen und verdeutlicht an seinen Beispielen, dass Sprache vielfältig ist und nicht nur aus

Referenz besteht. Sehr oft währt er sich gegen die Vorstellung, man müsse eine Idealsprache entwickeln, die die Beziehung zwischen Sprache und Welt darstellen kann (§§ 46ff, 99ff usw.) Zusammenfassend wendet sich Wittgenstein gegen ein metaphysisches Bild, das behauptet es gäbe genau eine Beziehung zwischen Sprache und Welt, oder eine Projektionsmethode oder eine wahre Beschreibung der Welt. Dieses Bild enthält das Primat der Referenz, eine Korrespondenztheorie der Wahrheit und oftmals eine Vorstellung von Reduktion (Umgangssprache auf Idealsprache o.ä.). Wittgenstein hat im Tractatus selbst so ein Bild vertreten und in der Form von Empirismus, Positivismus und metaphysischen bzw. wissenschaftlichen Realismus lebt es bis heute weiter.

3. Das wittgensteinsche Bild

Wittgenstein betont im Laufe der Untersuchungen immer wieder bestimmte Aspekte, die ihm wichtig erscheinen und im Widerspruch zum klassischen, „augustinischen“ Bild stehen.

1) Bedeutung als Gebrauch. Der wahrscheinlich umstrittenste Punkt Wittgensteins ist wohl seine Theorie der Bedeutung als Gebrauch. Wittgenstein kritisiert im ersten Teil der Untersuchungen vor allem die Auffassung, dass Sprache hauptsächlich über Referenz funktioniere und Bedeutungen entweder die Dinge selbst seien, oder aber eine Vorstellung der Dinge in unseren Köpfen. Dagegen stellt er seine Behauptung, dass Sprache ihre Bedeutung durch den Gebrauch erlangt. Er schreibt:

„Man kann für eine große Klasse von Fällen der Benützung des Wortes „Bedeutung“ - wenn auch nicht für alle Fälle seiner Benützung - dieses Wort so erklären: Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache. Und die Bedeutung eines Namens erklärt man manchmal dadurch, daß man auf seinen Träger zeigt.“ (§ 43)

Über diesen Paragraphen wurde viel diskutiert. Zuerst ist zu bemerken, dass Wittgenstein hier keine Definition geben möchte. Er schränkt seine Behauptung ein, auf eine „große Klasse von Fällen“. Außerdem zeigt der zweite Satz, dass Referenz in unseren Sprachspielen durchaus eine Rolle spielen kann. Allerdings sollte man Referenz nicht als das „Wesen“ der Sprache darstellen und Wittgenstein weist häufig darauf hin, dass die Referenzbeziehung oft nicht eindeutig bestimmt werden kann.2 Um zu verstehen, was ein Wort bedeutet, sollten wir uns den Gebrauch in der Sprache ansehen. Da unsere Begriffe unscharf sind, können wir Gemeinsamkeiten oft nur durch Familienähnlichkeiten beschreiben.

Schließt das Referenz aus? Ich denke nicht. Wittgenstein würde vielleicht einer Beschreibung, wie Namen funktionieren zustimmen, wie sie von Putnam (Putnam, 1975) oder Kripke (Kripke, 1993) vorgebracht wird. Warum soll der Gebrauch von bestimmten Wörtern (Namen) nicht darin bestehen, dass man mit ihnen starr auf einen Gegenstand referiert? Vor allem was Putnam macht, scheint nichts anderes zu sein, als zu beschreiben, wie wir Namen alltäglich verwenden. Jedoch würde Wittgenstein sagen, man darf die Idee der Referenz nicht so weit ausdehnen, dass jedes Wort eine Referenz vorweisen muss. Dann geraten wir nämlich in philosophische Schwierigkeiten.

2) Alltagssprache. Wittgenstein spricht der Alltagssprache eine große Bedeutung zu. Wenn wir verstehen wollen, was die Bedeutung eines Ausdrucks ist, dann müssen wir uns ansehen, wie dieser Ausdruck in der Sprache tatsächlich gebraucht wird. Wittgenstein kritisiert die Vorstellung einer Idealsprache (Vgl. §§ 46-93) und betont die Vielfältigkeit unserer Sprache, die sich nur erfassen lässt, wenn man Ähnlichkeiten als Familienähnlichkeiten auffasst. Für die Analyse der Alltagssprache führt Wittgenstein den Begriff des Sprachspiels ein. (siehe Unten)

3) Bedeutungsholismus. Für Wittgenstein hat ein Sprachspiel nur in einem bestimmten Kontext Sinn. Daraus ergibt sich eine Art Bedeutungsholismus. Betrachtet man bestimmte Sätze oder Sprachspiele isoliert von ihrem Kontext, dann erscheinen sie unverständlich oder sinnlos. So kann zum Beispiel die hinweisende Definition nur sinnvoll verwendet werden, wenn man schon viele andere Dinge über die Sprache weiß, wie Wittgenstein im ersten Teil der Untersuchungen ausführlich erläutert. (Vgl. §§ 1ff.)

4) Praxisbezug. Durch die drei genannten Punkte ergibt sich ein starker Praxisbezug der wittgensteinschen Philosophie. Ich möchte daher vom pragmatischen Kern von Wittgensteins Philosophie sprechen. Wittgenstein betont immer wieder zwei Punkte: Unsere Sprache hängt von unserer Lebensform ab und sie hat einen praktischen Nutzen für uns. (Vgl. z.B. §§197ff) Wenn wir unsere Sprachpraxis beschreiben, dann beschreiben wir immer auch unsere Lebensform. Die Lebensform ist das, was uns in den Sprachspielen verbindet und ein Fundament liefert, für eine geteilte Sprachpraxis.

Um meine realistische Interpretation Wittgensteins plausibel zu machen, werde ich im Folgenden genauer auf einige der oben genannten Punkte näher eingehen.

[...]


1 Alle Zitate die ausschließlich Paragraphen enthalten beziehen sich auf Wittgenstein, 2003 4

2 Eine ähnliche Kritik an Referenztheorien, die allerdings modelltheoretische Argumente verwendet, wird heute von Hilary Putnam vorgebracht. Siehe

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Details

Titel
Ludwig Wittgensteins "Philosophische Untersuchungen". Versuch einer realistischen Interpretation
Hochschule
Universität Erfurt
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
15
Katalognummer
V274713
ISBN (eBook)
9783656668138
ISBN (Buch)
9783656668114
Dateigröße
831 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ludwig, wittgensteins, philosophische, untersuchungen, versuch, interpretation
Arbeit zitieren
Danny Krämer (Autor), 2013, Ludwig Wittgensteins "Philosophische Untersuchungen". Versuch einer realistischen Interpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274713

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