Mann und Schlange. Eine Fabel im Wandel der Zeit


Bachelorarbeit, 2014
55 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geografische Einordnung und literaturgeschichtlicher Hintergrund
2.1 Indien
2.2 Griechisch-römische Antike
2.3 Deutsches Mittelalter
2.4 Afrika
2.5 Deutsche Aufklärung

3. Textvorstellung und -analyse
3.1 Indien
3.1.1 „Pantschatantra“
3.1.2 „Kalila und Dimna“
3.2 Griechisch-römische Antike
3.2.1 Aesopus
3.2.2 Phaedrus
3.2.3 Babrios
3.2.4 Romulus
3.2.5 Ignatios Diakonos
3.3 Deutschsprachiges Mittelalter
3.3.1 Deutsche Rezeption des „Buches der Beispiele der alten Weisen“ – Johann von Capua
3.3.2 Geschichten von den Römern – „Gesta Romanorum“
3.3.3 Ulrich Boner – „Der Edelstein“
3.3.4 Heinrich Steinhöwels Äsop
3.3.5 Deutsche Rezeption des „Buches der Beispiele der alten Weisen“ - Anton von Pforr
3.3.6 Nürnberger Prosa Äsop: „Von dem mann der die nater mit im haim trúg“
3.4 Deutsche Aufklärung
3.5 Afrika

4. Resümee

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Die Literaturgattung Fabel hat eine lange Tradition, sie stammt aus einer vorschriftlichen Zeit, in welcher Geschichten und Mythen mündlich von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Eng verwandt mit dem Märchen, ist es ein Charakteristikum der Fabel nicht nur Menschen, sondern v. a. auch Tieren, Pflanzen und Gesteinen menschliche Fähigkeiten zuzusprechen, auch Götter finden in Fabeln immer wieder ihren Platz. Mit den Fähigkeiten zu sprechen, zu fühlen und zu denken ausgestattet, handeln Tiere wie Menschen. Sie sind die Protagonisten von Geschichten, die exemplarisch einen Sachverhalt darstellen sollen. Exemplarische Geschichten wurden seit jeher zur Belehrung der jüngeren Menschen herangezogen, ein Bezug zum Alltag der Menschen ist absolut notwendig. Eine Geschichte – ein Märchen oder eine Fabel – sollen einen Präzedenzfall veranschaulichen, um daraus eine Lehre ziehen zu können, was heute als Epimythion oder Promythion bezeichnet wird, die moralische oder religiöse Lehre, nach der die Menschen zu leben haben. Diese Definition trifft auf das Märchen wie auch auf die Fabel zu, der Unterschied zwischen beiden Literaturgattungen liegt v. a. in der Länge der Texte, Fabeln sind kurz und klar gehalten, legen den Fall dar und erklären die Moral, die nicht vom Leser/der Leserin erkannt werden muss. Die Herkunft des Wortes „Fabel“ selbst sowie eine detaillierte Definition, werden bei Johannes Irmscher klar herausgearbeitet:

Das deutsche Wort Fabel kommt vom lateinischen fabula (griechisch mythos ), womit das Erzählte, Erzählung schlechthin bezeichnet wird. In einem engeren, terminologischen Sinn dagegen versteht man unter fabula ebenso wie unter seinem deutschen Derivat eine kurzgefaßte [sic!] Erzählung in Prosa und mitunter auch in Versform, die eine allgemeingültige Wahrheit mit der ausgesprochenen Absicht der Belehrung sinnfällig zu machen sucht, eine Absicht, die oftmals durch eine hinzugefügte Moralsentenz (Epimythion, wenn nachgestellt; Promythion, wenn vorangestellt) noch unterstrichen wird. Es macht das Wesen solcher Fabeln aus, daß [sic!] in ihnen gelegentlich Götter, häufiger Menschen aus dem Alltag, selten Pflanzen und Steine, regelmäßig aber mit menschlichen Zügen ausgestattete Tiere handelnd auftreten: typische Tiercharaktere wie der mutige Löwe, der listige Fuchs, die fleißige Ameise gehören zum festen Formenschatz des Genus Fabel.[1]

Diese Definition ist in zweierlei Hinsicht die Basis für die Bearbeitung der Fabeln in der vorliegenden Arbeit. Einerseits wurden Fabeln nach dieser Definition ausgesucht, andererseits bietet dieses Zitat eine Struktur für die Analyse, d. h. in vorliegender Arbeit werden Fabeln aus unterschiedlichen kulturellen und zeitlichen Kontexten auf ihre Länge, ihr Epimythion, ihr Promythion, ihre literarische Form, ihre handelnden Figuren und die Moral, die möglicherweise politisch-ideologischer oder auch religiöser Couleur ist, untersucht. Ausgangspunkt für diese Bearbeitung ist eine Fabel, d. h. der Kern einer Geschichte, der sich in unterschiedlichen Kontexten in diversen Bearbeitungen wiederfindet. Diese unterschiedlichen Fassungen sollen in Relation zueinander gestellt werden. Das deutschsprachige Mittealter stellt den Kulminationspunkt dar. Außerdem soll ein Exkurs zu afrikanischen Fabeln und in die deutsche Aufklärung gemacht werden.

Die Gattung Fabel wurde aber nicht nur für den Unterricht herangezogen, sondern auch als Form der sozialkritischen und mitunter auch politischen oder religiösen Kritik des Autors an den zeitgenössischen gesellschaftlichen Gegebenheiten. Dieser Aspekt ist v. a. in mittelalterlichen Texten, aber auch in antiken Fabelproduktionen von zentraler Bedeutung. Die indische Literaturproduktion mit einem wichtigen Text – dem „Pantschatantra“ – hat einerseits eine lange Tradition der buddhistischen Lehre, aber auch einer weltlichen Literaturproduktion, die sich auf den pragmatischen Alltag des Herrschens konzentrierte. Das „Pantschatantra“ wurde genutzt, um die moralisch richtigen Hinweise und Ratschläge zu geben. Es hat sich nun gezeigt, dass Fabeln vielseitig sind, weshalb eine Unterteilung notwendig ist. Es soll hier die Kategorisierung von Johannes Irmscher angegeben werden:

- Märchenfabeln
- Tierfabeln
- Fabeln von Mensch und Tier
- Pflanzenfabeln
- Fabeln, in denen Gegenstände die Handlung tragen
- Mythologisch-theologische Fabeln
- Sagenfabeln
- Novellenfabeln
- Anekdotenfabeln
- Lebensweisheiten und Lebenserfahrungen (mit ihrer moralischen Konsequenz)
- Charakterfabeln
- Weltanschauungsfabeln
- Religiöse Fabeln
- Pädagogische Fabeln
- Trostfabeln
- Moralisierende Fabeln.[2]

Es ist hier kein einheitliches Muster zu erkennen, Irmschers Augenmerk lag wohl auf der Erzählform und den handelnden Charakteren, die lebendig oder unlebendig sein konnten. Irmscher bezieht sich mit dieser Kategorisierung auf jene eines um 300 v. u. Z. lebenden Aristotelesschüler namens Demetrios von Phaleros.

In der hier vorgestellten Fabel wird die Geschichte um einen Mann und eine Schlange erzählt, welche ungleiche Partner sind und deren Freundschaft bzw. Vertrauen gebrochen wird. Es geht um die Möglichkeiten der Wiederherstellung dieses Vertrauens.

2. Geografische Einordnung und literaturgeschichtlicher Hintergrund

Im folgenden Kapitel sollen die unterschiedlichen geografischen Räume, in welchen die jeweiligen Fabeln entstanden, und die literaturgeschichtliche Einordnung der jeweiligen Werke kurz vorgestellt werden.

2.1 Indien

Die Literaturwissenschaft ging lange Zeit fälschlicherweise davon aus, der Ursprung der Fabelproduktion liege entweder in Griechenland oder in Indien. Heute weiß man um die Möglichkeit der parallelen Entwicklung einer Literaturgattung. Eine alleinige Wiege der Fabel ist nicht auszumachen. Die moderne Literaturwissenschaft geht davon aus, dass einerseits das Gebiet um das Nildelta in Nordafrika und andererseits das Zweistromland um die Flüsse Euphrat und Tigris, d. h. Mesopotamien, möglicherweise als Ursprungsländer der Fabel als literarische Gattung in Frage kommen. Tatsächlich kann aber keine absolute Wahrheit angegeben werden.

Der indische Subkontinent hat eine große Anzahl an monumentalen Werken hervorgebracht, von welchen eines das „Pantschatantra“ ist, es gilt noch heute als eines der wichtigsten Werke der indischen Nationalliteratur. Verschriftlicht wurde der Text erstmals während des frühen Feudalismus in Nordindien (etwa um 300 n. u. Z.) und gelangte sehr schnell durch Handelsbeziehung mit Asien, den arabischen Ländern und Europa zu einer globalen Rezeption. Einzelne Geschichten des indischen Werkes wanderten aber auch nach Afrika, wie noch zu zeigen sein wird. Das „Pantschatantra“ basiert, wie so viele altertümliche Werke, auf mündlicher Überlieferung aus einer vorschriftlichen Zeit, weshalb zwar ein Verfasser mit dem Namen Pandit Wischnu Scharma angegeben werden kann, allerdings gibt es viele unterschiedliche Fassungen des Werkes von unterschiedlichen Autoren. Deshalb erscheint es nicht verwunderlich, dass einige Fabeln und Motive bereits aus der „ Sammlung der buddhistischen Dschâtakas[3] bekannt sind, welche etwa um 300 v. u. Z. entstand. Das „Pantschatantra“ enthält viele didaktische Verse, die dem Sanskrit-Epos „Mahâbhârata“ entstammen, dessen Entstehung von etwa 400 v. bis 400 n. u. Z. zu datieren ist. Allerdings ist die Entwicklung und der Weg des Werkes sehr viel komplizierter und komplexer, in unterschiedlichen wissenschaftlichen Werken werden viele andere Texte angeführt, die das „Pantschatantra“ beeinflussten. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass es schon sehr bald eine Bearbeitung des Werkes (alle in Sanskrit, der Sprache der priesterlich Gelehrten) unter dem Titel „Tantrakhyayika“ und darauffolgend „Kalîla wa Dîmna“ bzw. „Kalila und Dimna“, benannt nach den beiden auftretenden Schakalen, auf dem indischen Gebiet gab. Es sind mehr als 200 Fassungen in rund 60 Sprachen dokumentiert, wenn man aber bedenkt, dass dieses Werk bereits mehrere Jahrhunderte voller Kriege und Zerstörung überstanden hat, so muss es als gegeben angenommen werden, dass viele Bearbeitungen und Übersetzungen verloren gingen oder zerstört wurden, was die hier angegeben Zahlen erhöhen würde. Es gibt eine Übersetzung aus dem 6. Jahrhundert in Pehlewi, dem zeitgenössischen Mittelpersisch der Sasanidenzeit. Diese Übersetzung, die auf den Wunsch des Perserkönigs Chosrau Anôscharwân (auch Khosrou Anoschirwan) zurückgeht, ist nach den beiden darin vorkommenden Schakalen Kalîla und Dîmna benannt und ebenfalls nicht mehr erhalten. Burzôe, der persische Übersetzer, arbeitete in großer Eile und unter großem Druck ertappt zu werden an einer Abschrift, weshalb ihm mehrere Flüchtigkeitsfehler unterliefen. Außerdem stellte er die Anordnung der Geschichten um, veränderte Passagen und ließ andere komplett weg. Erhalten ist Burzôes Werk durch eine Übersetzung aus der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts u. Z. durch den Muslim Abdallâh b al Muqaffa[4] in arabischer Kunstprosa, von welcher mehrere Handschriften erhalten sind. Den Pehlewi-Text übersetzte außerdem um 570 ein syrischer Geistlicher, der Periodeut [höherer Geistlicher in den Ostkirchen] Bûd, der den Text „Kalîlag und Damnag“ nannte, jedoch keine breite Rezeption erfuhr. Demnach berufen sich alle jüngeren Fassungen und Übersetzungen aus dem Vorderen Orient auf den Text Abdallâh b al Muqaffas.[5] Diese Geschichte ist in Europa durch die erste Übersetzung ins Englische durch Sir Thomas North überliefert, der um 1570 den Text aus dem Italienischen übersetzte sowie durch lateinische Übersetzungen, welche wiederum die Quelle für mittelhochdeutsche Bearbeitungen darstellten. Es soll hier nicht näher auf die Geschichte des Werkes selbst eingegangen werden, die komplexe Rezeptions- und Rezensionsgeschichte des Textes kann bei Klaus Mylius nachgelesen werden, sondern es sei angeführt, dass v. a. die formelle Gestaltung des Werkes interessant ist, v. a. im Vergleich mit Texten aus der griechisch-römischen Antike und dem deutschsprachigen Mittelalter. Im Gegensatz zu antiken Fabeln und auch im Gegensatz zu afrikanischen Fabeln, weisen das „Pantschatantra“ und dessen Bearbeitung „Kalila und Dimna“ eine mehrschichtige, komplexe Struktur auf. Mehrere Erzählebenen dieser Prinzenspiegel ergeben eine verschachtelte Struktur aus Rahmenhandlung und Binnenerzählungen, die wiederum die Fabeln enthalten. Das „Pantschatantra“ wird als moralfreies Buch angesehen, „ es hat nicht die Erlösung von der Kette der Wiedergeburten zum Gegenstand und Ziel [wie in der buddhistische Lehre] , sondern ist durch und durch ein Nītiśastra, das heißt ein Lehrbuch der Politik und Weltklugheit“[6], ein Instrumentarium zur Erziehung junger Machthaber, tatsächlich enthält es moralisch durchaus vertretbare Weisheiten, welche zum Teil in buddhistische Schriften Einzug fanden. Dieser Prinzenspiegel wurde also herangezogen, um die Söhne der Machthaber in die Staatsgeschäfte einzuweisen. Das Werk ist in fünf Bücher mit den programmatischen Titeln: „ die Entzweiung von Freunden (mitrabheda), die Gewinnung von Freunden (mitraprāti), Krieg und Frieden (saṁdhivigraha), Verlust des Erworbenen (labdhanāśa) und die Folge unüberlegter Handlungen (aparīkṣitakāritva)[7] eingeteilt. Die Funktion des „Pantschatantra“ war also die Unterweisung in politische Angelegenheiten und versteht sich demnach als weltlicher Text, der sich stark von den indischen Religionen unterscheidet. Auch das „Kalila und Dimna“- Textcorpus, eine frühe indische Bearbeitung des „Pantschatantra“ weist diese Charakteristika auf, auch wenn die Anordnung der Geschichte und der Inhalt oft stark divergieren. Zu beachten ist der sozial-kulturelle und ideologische Kontext, in welchem Texte entstanden.

2.2 Griechisch-römische Antike

Während Asienwissenschaftler in Indien die Wiege der Gattung Fabel sehen, gingen und gehen viele europäische Wissenschaftler davon aus, Griechenland wäre Ausgangspunkt der Fabelproduktion; Beide Annahmen gelten mittlerweile als überholt. Als der Urheber der griechisch-römischen Fabelproduktion der Antike wird Aesopus (auch Äsop geschrieben) angenommen, ob er eine historische Persönlichkeit ist oder ob eine Autorenfigur geschaffen wurde, um sein Werk jemandem zuzuschreiben, ist bis heute ein Streitpunkt der Literaturgeschichte. Aus dem Volkswissen (d. h. dem mündlich überlieferten Geschichten und Wissen eines Volkes) und den aesopischen Fabeln entstand eine Eulenspiegelgeschichte, die um den Dichter Aesopus gesponnen wurde, um den geografischen Verlauf der Fabeln nachzuzeichnen. In dieser Geschichte wird ein hässlicher, aber durchaus kluger junger Mann gezeigt, der von einem Ort zum nächsten eilt, Abenteuer erlebt, Herrschern kluge Ratschläge erteilt (ein Motiv, das sich auch im „Pantschatantra“ findet), um schließlich hingerichtet zu werden. Die Stationen des Romans Delphi, Ägypten, Babylonien und Phrygien sind dabei gleichzeitig die Stationen der Figuren in den aesopischen Fabeln. Aesopus soll im 6. Jahrhundert v. u. Z. gelebt haben. Nicht zu belegen ist, welche Fabeln tatsächlich von Aesopus (oder durch einen seiner Schreiber) niedergeschrieben wurden und woher die Geschichten stammten, d. h. es kann auch nicht mit Sicherheit gesagt werden, dass Aesopus die Fabeln selbst erfunden hat bzw. ob er die Quelle für die indische Fabelproduktion ist. Gegenseitige Beeinflussung ist nicht auszuschließen, es wird in der vorliegenden Arbeit aber nicht näher darauf eingegangen wie, wann und wodurch sich diese beiden Kontexte beeinflussten. Es ist zu erkennen, dass die Fabelproduktion nicht genuin griechischer Natur ist, wie gerne angenommen wird, dennoch gab es auch in Europa, durch Vermittlung des griechischen Unterrichts nach Rom, Beeinflussungen in der Literaturproduktion. Viele Dichter und auch Politiker Roms verwiesen in Werken und auch in Reden auf aesopische Fabeln, am Wichtigsten ist ihre Verwendung als „ gelegentliche Exemplifikation[8], d. h. zur Belehrung, für den Unterricht der jungen Menschen in Form von Schreib- oder Rhethorikübungen.

Die erste bis heute bekannte Bearbeitung aesopischer Fabeln stammt aus der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. u. Z. durch den von Kaiser Augustus freigelassenen römischen Fabeldichter Phaedrus, dessen fünf Bücher „Fabulae Aesopiae“ die erste Sammlung lateinischer Fabeln darstellen, allerdings ist nur ein kleiner Teil derselben erhalten geblieben. „ Den aus dem Griechischen überkommenen Themen fügte er Schwänke, Anekdoten und satirische Anspielungen auf seine eigene Zeit hinzu.[9] und konnte in schlichter Sprache die Nähe zum rezipierenden Laienvolk beibehalten. Chronologisch nach Aesopus und Phaedrus diente ein in Kleinasien lebender hellenisierter Römer – Valerius Babrios – als Vorbild für spätere Fabeldichter. Er setzte den alten in Prosa verfassten aesopischen Texten „ eigene Anekdoten und Kurznovellen[10] hinzu und schrieb diese in Hinkjamben, die gepaart mit der wie von allen anderen Fabeldichtern verwendeten einfachen Sprache, seinen Erfolg und seine Bekanntheit bis in die Neuzeit erklären. Babrios (auch Babrius) war die Inspirationsquelle für einen weiteren Autor, der zur Mitte des 9. Jahrhunderts in Byzanz als vielseitiger Literat in Erscheinung trat: Ignatios, der Diakon in Konstantinopel war (in vorliegender Arbeit wird er als Ignatios Diakonos bezeichnet). Allerdings ist bis heute nicht einwandfrei geklärt, welche Werke nun tatsächlich Ignatios zuzuordnen sind, es gibt noch zwei weitere desselben Namens, die als Urheber in Frage kommen. Ein ähnliches Problem findet sich bei Romulus, dem Titel einer lateinischen Fabelsammlung, die um etwa 400 n. u. Z. entstanden ist und mitunter auch „Aesopus Latinus“ betitelt wird, denn nach einer Selbstnennung in der Einleitung scheint auch der Verfasser den Namen Romulus getragen zu haben. Dieser bearbeitete die aesopischen Fabeln des Phaedrus in einfacher Prosa.

2.3 Deutsches Mittelalter

Das deutschsprachige Mittelalter zeichnet sich durch seine Rezeptionsfreude fremdsprachiger Literaturproduktionen aus. Frankreich, England, Asien und die griechisch-römische Antike dienten mit Motiven, Geschichten und formeller Gestaltung als Vorlage für den sich entwickelnden Literaturmarkt im deutschsprachigen Mittelalter, der sich einerseits am adeligen Hof konzentrierte, aber auch zunehmend freischaffende Wanderdichter und –theatergruppen hervorbrachte. Es gab eine klare Trennung zwischen der geistlich-lateinischen Schrift- und Kunstproduktion und der niederen Unterhaltung für das arbeitende Volk. Die Fabel erweist sich als in beiden Kulturkreisen beliebt und v. a. manipulierbar in ihrer formalen Gestaltung, dem „ Rhetor Entfaltungsmöglichkeiten des Wortes und [dem] Philosoph[en die Möglichkeit geben] Grundsätze der Moral[11] zu formulieren. Auch die Fabel des Mittelalters diente dem moralischen und religiösen Unterricht, Fabeln auch als Teil von christlichen Predigten sind im Mittelalter keine Seltenheit. Schriften, die teilweise noch heute aus dem deutschsprachigen Mittelalter erhalten sind, sind v. a. Textsammlungen und Abschriften. Fabelbearbeitungen aus dieser Zeit stammen etwa von dem Autor, der heute als Der Stricker bekannt ist. Dieser hinterließ etwa zehn Fabeln, die als Fabeln oder Tierparabeln bezeichnet werden.

Die mittelalterliche Fabel entwickelte sich weiterhin in zwei Richtungen. Zum ersten wurde sie der Tierdichtung und hier wieder speziell dem Tierepos integriert. Das Tierepos nahm aus der Fabeltradition die Tierpersönlichkeiten auf […] und gab seinen Akteuren feststehende Namen. […] Das sozialkritische und das satirische Element spielen in dieser durch antifeudale und antiklerikale Akzente gekennzeichneten Dichtung, deren Verfasser wohl zumeist deklassierte Mönche, Kleriker und Vaganten waren, eine nicht geringe Rolle.[12]

Der christliche Aspekt der Fabelproduktion ist im Mittelalter von größter Bedeutung, ob der großen Macht der katholischen Kirche, die nicht nur politischer Natur war, sondern die absolute moralische Instanz der Menschen darstellte, welche nach den Prämissen der Kirche lebten (bzw. zu leben versuchten). In der Fabel fand sich neben der Predigt und dem Bibeltext selbst ein Mittel den Menschen eine Lebens- und Handlungsweise verständlich zu vermitteln.

2.4 Afrika

Der gesamten Literaturproduktion, ungeachtet der geografischen Region, hängt von einer wichtigen Zäsur ab: Der Verschriftlichung. In Erdteilen, die erst spät eine Verschriftlichung (gleichgültig ob handschriftlich oder gedruckt) erfuhr, entstanden dennoch Geschichten, Mythen, Märchen und eben auch Fabeln. Diese wurden wie bereits angesprochen mündlich von Generation zu Generation weitergegeben und formten das Volkswissen einer Bevölkerungsgruppe. Die afrikanische Literaturproduktion stellt hier keine Ausnahme dar, denn auch dieser Kontinent beeinflusste etwa Europa und Asien und umgekehrt. Es ist erstaunlich zu erkennen, dass auch in afrikanischen Fabelsammlungen (welche in schriftlicher Form und deutscher Übersetzung sehr schwierig zu finden sind) Äquivalente zum asiatischen Raum, dem griechisch-römischen antiken Kontext und dem europäischen Mittelalter zu finden sind. Die afrikanische Entsprechung der hier vorgestellten Fabel wird mit einbezogen, soll aber keine Vorrangstellung zugesprochen bekommen, da weder ein Autor noch ein zeitlicher Rahmen für die Entstehung der Fabelfassungen eruiert werden konnte.

2.5 Deutsche Aufklärung

Nicht nur das Mittelalter, sondern auch in der Frühen Neuzeit und darüber hinaus, gab es eine rege Fabelrezeption. Gotthold Ephraim Lessing beschäftige sich im 18. Jahrhundert intensiv mit der Literaturgattung Fabel, theoretisch und praktisch. Der Aufklärer versuchte mit seinem Werk „Abhandlungen über die Fabel“ seine persönliche Meinung und seinen persönlichen Zugang zu dieser Gattung auch einer breiteren Bevölkerungsschicht zugänglich zu machen. Ähnlich einer „ars poetica“ untersuchte er sehr detailliert die Charakteristika der Fabel und gab auch ein Kompendium an Bearbeitungen aesopischer Fabeln sowie einige Eigenschöpfungen heraus, die nach seinen Vorstellungen exemplarische Fabeln darstellten. „ Ein Besonderes, insofern wir das Allgemeine in ihm anschauend erkennen, heißt ein Exempel. Die allgemeinen symbolischen Schlüsse werden also durch Exempel erläutert.“[13] So erklärt Lessing den theoretischen Aspekt einer moralischen Lehre, für den Aufklärer ist das Allgemeine entscheidend, d. h. der Alltag der Menschen, der durch eine Lehre erleichtert werden soll. Diese wird durch ein Exempel dargestellt, woraus die moralische Lehre zu ziehen ist.

Es gibt zwei Arten von Exempeln: die eine Art des Exempels ist, daß [sic!] man wirklich Geschehenes anführt, die andere, daß [sic!] man selbst etwas erfindet. Von dem letzteren ist eine Unterart die Parabel, die andere die Fabeln, wie die aesopischen und die libyschen [afrikanischen]. […] Die Kraft, die ein Exempel haben soll, liegt also entweder in seiner Möglichkeit oder zugleich in seiner Wirklichkeit.[14]

Wie bereits eingangs erwähnt, sind also der exemplarische Status, die Möglichkeit der Realisierung und die Verbindung zur Realität der jeweils angesprochenen LeserInnenschaft charakteristisch für die Gattung Fabel. Lessing hat neben seinen „Abhandlungen“ auch eine Reihe von exemplarischen Fabeln gestellt, die dritte Fabel des zweiten Buches „Der Knabe und die Schlange“ verarbeitet die aesopische Geschichte vom Mann und der Schlange. Diese Fassung wird in dieser Arbeit zuletzt vorgestellt.

3. Textvorstellung und -analyse

Im folgenden Kapitel werden die Textstellen vorgestellt, die die Fabel vom Mann und der Schlange enthalten. Kernpunkt der Geschichte ist das Vertrauen zu einem Freund, der zu einem Feind wird. Dieses Motiv bzw. die handelnden Figuren Mann und Schlange finden sich in unterschiedlichen Ausformungen.

3.1 Indien

3.1.1 „Pantschatantra“

Begonnen wird mit dem aus dem Sanskrit übersetzten „Pantschatantra“ Theodor Benfeys, in welchem die Geschichte von einer dreibrüstigen Prinzessin, einem Buckligen und einem Blinden aus dem Nordland Indiens erzählt wird. Die Rahmenhandlung der Geschichte beginnt mit dem König Madhusena und seiner mit drei Brüsten geborenen Tochter, die namenlos bleibt. Der König befiehlt einem Diener, das Baby im Wald auszusetzen, dieser allerdings gibt ihm den Ratschlag „ 78. Wer immer fragt und hört und unaufhörlich überlegt, des Reinheit wächst, gleich einem Lotusfelde durch die Strahlen des Taggestirns.[15] Der König lässt darauf seine Berater zusammentreten und ihm ihre Entscheidung vortragen. Bevor die Geschichte von der Prinzessin beginnt, wird noch eine andere Fabel erzählt, die den Nutzen des Nachfragens darstellt. Die Diener kommen schließlich zu dem Schluss, „ 82. Doch ein Mädchen mit drei Brüsten, das ihrem Vater zu Gesicht kommt, bringt – daran ist kein Zweifel – diesem schleunigen Untergang.“[16] Der König lässt daraufhin ausrufen, wer seine Tochter heiraten wolle, bekäme 100.000 Goldstücke, müsse aber mit seiner Braut die Stadt verlassen. Einige Zeit vergeht ohne einen Antrag, bis sich schließlich ein Buckliger und ein Blinder, die sich gegenseitig durch die Welt führen, entscheiden ihr Schicksal an jenes des Mädchens zu knüpfen. Entweder sie bringt ihnen Glück und Freude oder sie bringt ihr Ende, was eine Befreiung aus der Armut bedeuten würde. Der Blinde heiratet das dreibrüstige Mädchen, erhält das Gold und die drei ziehen davon. In einer fremden Stadt wohnen die drei genügsam unter einem Dach, bis die dreibrüstige Prinzessin das Verlangen nach dem Buckligen überkommt, allerdings müsse zuerst der Blinde aus ihrem Leben verschwinden, d. h. sie weist den Buckligen an, er möge Gift finden, damit sie ihren Ehemann ermorden kann. Der Bucklige bringt der Prinzessin eine tote schwarze Schlange, welche sie als Fischfleisch ausgeben soll. Hier beginnt der Kernteil der Fabel:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die dreibrüstige Prinzessin versucht ihren blinden Ehemann mit einer toten schwarzen Schlange zu töten, tatsächlich aber ist es genau diese Schlange, die den Blinden wieder sehend macht und ihm dadurch ermöglicht, die Wahrheit über seine Ehefrau und seinen vermeintlichen Freund herauszufinden. Die Nähe zum Märchen ist hier unverkennbar, denn obwohl das Epimythion, die moralische Lehre, erst folgt, kann bereits durch diese Passage erkannt werden, dass der Betrug eines scheinbar geliebten Menschen, niemals zum Ziel führt, v. a. wenn seine größte Schwäche, in diesem Fall die Blindheit des Ehemannes, ausgenutzt wird. Die Fabel endet hier aber nicht mit der Rache an der dreibrüstigen Prinzessin und dem Buckligen, sondern im Gegenteil, die äußerlichen Makel, die die drei zu Aussätzigen gemacht haben, verschwinden. Der Blinde wird durch die Schlange, die ihn töten soll, wieder sehend, der Bucklige verliert seinen Höcker und die Prinzessin verliert ihre dritte Brust, welche zu ihrer Verstoßung aus dem Königshof geführt hat. Das Epimythion folgt gleich darauf und lautet:

Dieses Epimythion erklärt keine moralische Lehre, erteilt keinen weisen Ratschlag, sondern beschreibt lediglich die vorangegangene Geschichte, in welcher „gegen alle Vernunft“ die drei Protagonisten durch „des Schicksals Gunst“ geheilt werden. Dieser Schlusssatz unterstützt die Annahme, dass es sich beim „Pantschatantra“ um ein pragmatisches Werk handelt, das nicht vollkommen einwandfreie moralische Weisheiten wiedergibt. Wie die Geschichte weitergeht, ob einer der drei Personen oder nur einer davon das Haus verlassen oder ob doch noch jemand stirbt und damit Rache übt, bleibt unklar. Der märchenhafte Charakter dieser Fabel zeigt sich dadurch, dass die moralische Sentenz aus der Geschichte selbst gefiltert werden muss, obwohl es mehrere Promythien gibt, die vor der eigentlich Fabel angegeben werden. Im Unterschied zu vielen Fassungen des „Pantschatantra“ sind die Pro- und Epimythien in dieser Ausgabe nicht durch Verse graphisch von der prosaischen Fabel und durch Reim sprachlich vom restlichen Text abgehoben, sehr wohl aber werden die moralischen Lehrsätze nummeriert, womit zumindest eine geringe Form der Unterscheidung gegeben ist. Wie bereits eingangs erwähnt gibt es sehr viele Übersetzungen des „Pantschatantra“, allerdings sind sehr viele davon Bearbeitungen der Transkriptionen, weshalb eine klare Abgrenzung zwischen den Ausgaben gemacht werden muss. Leider war es nicht möglich eine qualitativ hochwertige neuhochdeutsche Übersetzung des „Pantschatantra“ zu finden, in welcher die Moral in Versen wiedergegeben wird. Auch unterscheidet sich diese Fassung der Fabel grundlegend von allen anderen auffindbaren Textstellen. Bereits das „Kalila und Dimna“ und alle weiteren Bearbeitungen des arabischen, europäischen und afrikanischen Raumes thematisieren das Motiv der missbrauchten Freundschaft mit einer völlig anderen Handlung und anderen Charakteren, wie sich in den folgenden Kapiteln zeigen wird.

[...]


[1] Irmscher, Johannes: Sämtliche Fabeln der Antike. Köln: Anaconda Verlag GmbH 2011, S. V.

[2] Irmscher, Johannes: Sämtliche Fabeln der Antike. Köln: Anaconda Verlag GmbH 2011, S. X-XI.

[3] Ruben, Walter: Über die Geschichte und Bedeutung des „Pantschatantra“. In: Benfey, Theodor: Pantschatantra. Berlin: Rütten & Loening 1963, S. 346.

[4] Die Schreibung dieses arabischen Namens divergiert in wissenschaftlichen Werken. In Primärzitaten wird die Schreibung des wissenschaftlichen Werkes beibehalten, ansonsten wird die erste hier angeführte Schreibung durchgeführt.

[5] Geißler, Friedmar: Die Wanderwege des Pantschatantra. In: Benfey, Theodor: Pantschatantra. Fünf Bücher indischer Fabeln, Märchen und Erzählungen. Aus dem Sanskrit übersetzt mit Einleitung und Anmerkungen. Hildesheim: Georg Olms Verlagsbuchhandlung 1966, S. 359, 360.

[6] Mylius, Klaus: Geschichte der altindischen Literatur. Die 3000jährige Entwicklung der religiös-philosophischen, belletristischen und wissenschaftlichen Literatur Indiens von den Veden bis zur Etablierung des Islam. Bern/München/Wien: Scherz Verlag 11988, S. 184.

[7] Ebda., S.184.

[8] Irmscher, Johannes: Sämtliche Fabeln der Antike. Köln: Anaconda Verlag GmbH 2011, S. XIII.

[9] Buchwald, Wolfgang / Hohlweg, Armin / Prinz, Otto: Tusculum-Lexikon griechischer und lateinischer Autoren des Altertums und des Mittelalters. München, Zürich: Artemis Verlag 31982, S. 627.

[10] Irmscher, Johannes: Sämtliche Fabeln der Antike. Köln: Anaconda Verlag GmbH 2011, S. XIV.

[11] Ebda., S. XV.

[12] Irmscher, Johannes: Sämtliche Fabeln der Antike. Köln: Anaconda Verlag GmbH 2011, S. XVII. (Einleitung)

[13] Rölleke, Heinz (Hg.): Lessing, G. E.: Fabeln. Abhandlungen über die Fabel. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1992, S. 100.

[14] Ebda., S. 102.

[15] Benfey, Theodor: Pantschatantra. Fünf Bücher indischer Fabeln, Märchen und Erzählungen. Aus dem Sanskrit übersetzt mit Einleitung und Anmerkungen. Band II.Hildesheim: Georg Olms Verlagsbuchhandlung 1966, S. 355.

[16] Ebda., S. 357.

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Mann und Schlange. Eine Fabel im Wandel der Zeit
Hochschule
Universität Wien  (Germanistik)
Veranstaltung
BA-SE Ältere deutsche Literatur. Die deutsche Fabel im Mittelalter
Note
2
Autor
Jahr
2014
Seiten
55
Katalognummer
V274722
ISBN (eBook)
9783656932772
ISBN (Buch)
9783656932789
Dateigröße
4497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mittelalter, Fabel
Arbeit zitieren
Christina Kreuzwirth (Autor), 2014, Mann und Schlange. Eine Fabel im Wandel der Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274722

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