Mikropolitisches Handeln in antisozialen Organisationen

Das Spiel um die Macht


Seminararbeit, 2014
26 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Vorüberlegungen und Grundsätzliches
2.1 . „Power is everywhere"
2.2. Spiel, Strategie und Taktik
2.3. Charakter oder Struktur?

3 Mikropolitik
3.1. Wer handelt, wie?
3.2. Folgen mikropolitischen Handelns

4 mal anders

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Zeitschriftenartikel

Internetquellen

Abbildungsverzeichnis

Graphik Nr. 1: Wer handelt, wie? Eigene Darstellung, 2014

Graphik Nr. 2: Charakter-Typen nach Neuberger, 1995, S. 95, Eigene Darstellung, 2014

Graphik Nr. 3: Die Handlungsräume Organ. Kriminalität nach Krauthausen, 1997, S. 35

Graphik Nr. 4: Spinnennetz der Machtdifferenzen, Eigene Darstellung, 2014

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Macht und die Ausübung selbiger gehört, in ihren unterschiedlichsten Facetten und Schattierungen, seit Urzeiten zum elementaren Bestandteil des menschlichen Daseins. Trotz dieser Tatsache hat der Begriff „Macht“, zumindest in seinem deutschen Sprachgebrauch, etwas anrüchiges, höchst Suspektes gar etwas Negatives. Eine Art von Ungerechtigkeit, die es zu beseitigen oder zu vermeiden gilt, und wenn dies als unmöglich erscheint dann doch bitte gekoppelt mit Bescheidenheit und sozialer Verantwortung gegenüber den schwächeren, machtlose(re)n Individuen einer Gesellschaft. Viele bedeutende Philosophen, Soziologien, Politiker und Denker aller Couleur beschäftig(t)en sich in Ihren Werken mit der Machtfrage und ihrer Legitimation. Eine der Bekanntesten, aus einem solchen Prozess hervorge-gangene Definitionen ist diejenige nach Max Weber, welche lautet: „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“ [Weber, 1972, S. 28] Nach dieser Beschreibung steht Macht in direkter Verbindung zur Durchsetzungskraft, welche sowohl durch (anerkannte) Herrschaft, durch Verhandlungsgeschick oder durch Gewalt legitimiert sein kann. Sie ist allerdings kein Phänomen welches in einem völlig leeren Raum entsteht und auf Individualbeziehungen beschränkt bleibt, sondern gilt neben diesen, für Beziehungen zwischen Personen und Organisationen sowie für Organisationen untereinander. Machtbeziehungen entstehen und zeigen sich gleichzeitig durch „Machtkämpfe“ / „Machtspiele“ und sind gleichermaßen Ursache und Quelle für neuerliche „Spiele“ mit, in und zwischen Organisationen. [vgl. Friedberg, 1992, S. 40f.] In dieser Arbeit interessieren, am Beispiel der Organisierten Kriminalität, speziell die „informellen Machtbeziehungen“ und deren Folgen die sich für Akteure und Organisation(steile) ergeben, wenn möglichst unkontrollierte (individuelle) Macht und Handlungsspielräume aufgebaut bzw. erweitert werden sollen.

Ziel dieser Seminararbeit ist die Beantwortung der Frage: „Was ist mikropolitisches Handeln, wie äußert sich dieses in (antisozialen) Organisationen und welche Schlussfolgerungen können hieraus gezogen werden?“ Die hierzu aufgestellte These lautet: „Wenn die Folgen mikropolitischen Handelns über alle Organisationsformen hinweg positiv oder negative Ausprägungen annehmen können, dann sollten sich auch in kriminellen oder antisozialen Organisationen entsprechende Beispiele für funktionale/dysfunktionale Folgeerscheinungen finden lassen.“ Vor Beginn der eigentlichen Auseinandersetzung mit dem Begriff und den Inhalten der „Mikropolitik“ in Kapitel 3. und den für diesen Zusammenhang herangezogenen Beispielen mikropolitischen Handelns in Kapitel 4. werden zunächst in Kapitel 2. einige elementare Annahmen und Begrifflichkeiten erläutert, bevor in Kapitel 5. ein Fazit gezogen wird, welches sowohl die Theorie als auch die, auf realen Tatsachen beruhenden, Beispiele berücksichtigt. Es soll fernerhin betont werden, dass diese Arbeit zu einem wesentlichen Teil auf theoretischen Überlegungen und Schlussfolgerungen anhand einschlägiger Literatur beruht, da aus sichtlich nachvollziehbaren Gründen nur schwerlich empirische Erhebungen über das mikropolitische Handeln von Mitgliedern krimineller oder radikaler Organisationen zu möglich sind.

2 Vorüberlegungen und Grundsätzliches

Zu Beginn, und vor Betrachtung des eigentlichen Theorieteils, erscheint es sinnig sich die wichtigsten Begriffe, Annahmen und Abgrenzungen zu vergegenwärtigen. Insbesondere die Begriffe Macht, Machtebenen, Spiel, Strategie und Taktik sind hier von essentieller Bedeutung zur Erklärung mikropolitischen Handelns.

2.1. „Power is everywhere"

…because it comes from everywhere.” [Foucault, 2001, S. 121 - 122] Mit diesem Zitat beschreibt Foucault ein Faktum, dass wir alle jederzeit in irgendeiner Art und Weise Macht ausüben oder Macht über uns ausgeübt wird. Foucault spricht von einer Omnipräsenz der Macht die, hieraus Schlussfolgernd, nicht vor Institutionen, Organisationen und Beschäftigungs-verhältnissen jeglicher Art halt macht. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Friedberg, das da lautet:

„Macht ist ein alltäglicher Mechanismus unserer sozialen Existenz. Sie ist, wenn auch selbstverständlich nicht die einzige, so doch eine nicht aus der Welt zu schaffende Dimension jeder zwischen-menschlichen Beziehung. […] Sondern einfach deshalb, weil ein jeder Mensch in seinen Beziehungen zu den anderen existieren will, d.h. ein relativ autonomer Akteur bleibt, anstatt einfaches Mittel zu werden. Und das kann er nur, wenn er seine Autonomie nutzt, d.h. sich das Recht nimmt, sich anders zu verhalten als von ihm erwartet wird.“ [Friedberg, 1992, S. 40]

Friedberg bezeichnet Macht als ein Bestandteil sozialer Beziehungen, welche sich nicht durch noch so gute und überlegte Organisationsstrukturen vollständig verhindern lässt. Unternehmen oder Behörden die, in unserer auf Rationalität und Leistung getrimmten Gesellschaft schlechthin, als das Sinnbild für effiziente Organisationsstrukturen und formalisierte Macht erscheinen, können beispielsweise die Sinnhaftigkeit ihrer Organisations-struktur verlieren, wenn diese durch informelle Machtspiele aufgeweicht oder sogar ins Gegenteil verkehrt werden. Entscheidend dafür wie viel Macht ein Akteur auszuüben vermag, ist zum einem die Organisationsstruktur / Hierarchie in der er sich befindet, und zum anderen die vorherrschenden „Ungewissheitszonen“ deren Beherrschung für alle beteiligten Akteure gleichermaßen wichtig erscheint. Nach Crozier und Friedberg gibt es vier Ungewissheitszonen, auch Machtebenen genannt [Crozier/Friedberg, 1993, S. 51 – 53]:

- Ebene des Fachwissens (Expertise): Besagt dass Akteure nach möglichst großem Fachwissen streben, was sie zu „unentbehrlichen“ Experten macht deren Handlungen von Außenstehenden nur schwer oder mit großem Aufwand zu durchschauen sind;
- Ebene der Beherrschung der Organisations-Umwelt: Ist gekennzeichnet durch wichtige Kontakte und Verknüpfungen einzelner Akteure mit anderen Akteuren außerhalb der Organisation. Zum Beispiel gute Beziehungen zu lokalen Amtsträgern oder zur Politik. Auch Freundschaften oder verwandtschaftliche Beziehungen bereits vor und während dem Eintritt in die Organisation zählen hierzu;
- Ebene des Informationsmanagements: Bedeutet, dass der Akteur in der Lage ist für Ihn wichtige Informationen zu erlangen und entsprechend nutzen zu können;
- Ebene der vorgegebenen organisatorischen Regeln: Zeichnet sich durch Kenntnis der offiziellen Regeln und Strukturen aus, und wie diese zum eigenen Vorteil gebeugt bzw. umgangen werden können.

Je mehr ein Akteur seinen Einfluss auf diesen vier Ebenen ausbauen, und damit gleichzeitig den Einfluss anderer Akteure einschränken kann, desto mehr ist er in der Lage (informelle) Macht innerhalb der Organisation auszuüben.

2.2. Spiel, Strategie und Taktik

Jeder Spieler benötigt in einem Spiel eine Strategie, und der Erfolg einer Strategie hängt zu einem nicht unwesentlichen Teil von der gewählten Taktik ab (Glück, Schicksal und andere Unvorhersehbarkeiten sollen hier keine Berücksichtigung finden). Das Wissen um die Bedeutung dieser drei zentralen Begriffe, in Verbindung mit der Kenntnis um die Frage der Auswirkungen von Macht und der zugrundeliegenden theoretischen Konzeption, ermöglicht es das jeweilige mikropolitische Handeln (besser) analysieren und deuten zu können:

- Das „Spiel“: Vorweg sei erwähnt, es gibt nicht den einen, umfassenden, allgemeingültigen Spielbegriff! So ist das „Spiel“ nach Oswald Neuberger als ein Spiel im Sinne eines „Kampfspieles“ zu verstehen, bei dem es im Vergleich zu andersartigen Kampfspielen keinen dauerhaften Gewinner und keinen echten Verlierer gibt, da die geltenden Spielregeln jederzeit zwischen den beteiligten Akteuren neu ausgehandelt werden können, und somit immer wieder neue Macht- oder Kampfspiele entstehen. [vgl. Neuberger, 2006, S. 79 f.] Im Gegensatz dazu verstehen Crozier und Friedberg das Spiel als eine Art (beschränktes) Kooperationsspiel bei dem die agierenden Akteure letztlich ihre Machtoptionen beschränken um etwa die Existenz der Organisation nicht zu gefährden. Der Akteur kann seine Macht ausbauen in dem er sich an die vorgegebenen Spielregeln hält; die Regeln verschaffen dem Akteur somit erst die Möglichkeiten seine Wünsche zu erfüllen und begrenzen sie im gleichen Atemzug. [vgl. Crozier/Friedberg, 1993, S. 68 f.] Beiden Ansätze gemein ist, dass sich die Spielregeln aus der jeweiligen Struktur einer Organisation ergeben und in beiden Fällen dem Spiel eine Art integrative Funktion zugesprochen werden kann. Die Organisationsstrukturen mit ihren Regeln und die Machtebenen / Ungewissheitszonen der Akteure werden mit den Individuellen Strategien verwoben, und erfahren damit eine Regulierung.
- Die „Strategie“: Unter einer Strategie versteht man weitläufig ein planvolles Handeln um in der Zukunft gesetzte Ziele zu erreichen. Der Duden beschreibt den Begriff „Strategie“ folgendermaßen:

Genauer Plan des eigenen Vorgehens, der dazu dient, ein militärisches, politisches, psychologisches, wirtschaftliches o. ä. Ziel zu erreichen, und in dem man diejenigen Faktoren, die in die eigene Aktion hineinspielen könnten, von vornherein einzukalkulieren versucht.“ [Duden-Online, 2014]

Diese und andere Erklärungen zum Strategiebegriff orientieren sich zu meist auf einen längeren Zeithorizont, und vermitteln weiterhin das Gefühl vollständig rationaler Entscheidungen. Ein Umstand welcher jedoch der gelebten Wirklichkeit der Akteure innerhalb von Organisationen nur bedingt entsprechen dürfte und daher einer Modifikation bedarf. Es ist einer gewissen Logik geschuldet, dass Personen zum überwiegenden Teil situativ auf sich verändernde Ereignisse reagieren und weit aus weniger rational (Stichwort: begrenzte Rationalität) und strategisch im eigentlichen Sinne handeln als dieses häufig in der Theorie unterstellt wird. Darüber hinaus sind, wie bereits erwähnt, Organisationsstrukturen niemals vollständig in der Lage das individuelle Entscheidungsverhalten ihrer Organisationsmitglieder zu steuern und zu begrenzen. Mit der Folge, dass die Mitglieder einer Organisation relativ autonom diejenige „Handlungsstrategie“ – innerhalb gewisser Grenzen - festlegen und verfolgen können, welche den für sie subjektiv betrachtet größten Nutzen verspricht. [vgl. Crozier/Friedberg, 1993, S. 26]

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Mikropolitisches Handeln in antisozialen Organisationen
Untertitel
Das Spiel um die Macht
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Veranstaltung
Theorien und Methoden der Arbeits- und Organisationsforschung
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
26
Katalognummer
V274767
ISBN (eBook)
9783656668305
ISBN (Buch)
9783656668299
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mikropolitik Teil 1
Schlagworte
Mikropolitik, Kriminalität, Kriminologie, Organisierte Kriminalität, Mafia, Mafiöse Strukturen, Latein Amerika, Italien, Netz der Machtdifferenzen, Macht, Machtdifferenzen
Arbeit zitieren
Stephan Ackerschott (Autor), 2014, Mikropolitisches Handeln in antisozialen Organisationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274767

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