Der Begriff der Öffentlichkeit in John Deweys "The Public and its Problems"


Hausarbeit, 2004

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 "The Public and its Problems"
2.1 Die Öffentlichkeit und die Entstehung des demokratischen Staates
2.2 Great Society und Great Community
2.2.1 Demokratie als Selbsterkenntnis der Öffentlichkeit
2.2.2 Deweys Wissensbegriff

3 „The Public and its Problems“ als eine hegelianische Theorie der Demokratie
3.1 Deweys Verhältnis zu Hegel
3.2 Parallelen zwischen Dewey und Hegel in ”The Public and its Problems”
3.2.1 Kritik an einem formalen Freiheitsbegriff
3.2.2 Staat und Great Community
3.2.3 Demokratie als Ausdruck der vorhandenen Verhältnisse

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

John Dewey(1859-1952) ist heute in Deutschland in erster Linie unter Erziehungswissenschaftlern, Soziologen und Philosophen bekannt. Das lässt sich leicht aus Deweys wissenschaftlichen Schwerpunkten erklären: Denn gerade pädagogische und philosophische Fragen waren es, mit denen sich Dewey am meisten beschäftigt hat, so zum Beispiel in einem seiner bekanntesten Bücher, ”Democracy and Education”[1].

Aber auch für die Politikwissenschaft gibt es bei Dewey durchaus Anknüpfungspunkte, und zwar insbesondere in seiner Theorie der Demokratie. In Deutschland hat besonders Hans Joas zu einer Verbreitung von Deweys Gedanken beigetragen.[2] In dieser Hausarbeit soll ein bisher noch wenig berücksichtigter Aspekt von Deweys Demokratietheorie, nämlich sein Öffentlichkeitsbegriff dargestellt und interpretiert werden.

Dewey hat seine Gedanken zum Thema Öffentlichkeit in einem Essay mit dem Titel ”The Public and its Problems”[3] verarbeitet. Der Essay entstand aus Deweys Auseinandersetzung[4] mit einem Buch von Walter Lippmann[5]. In Lippmanns Buch ”The Phantom Public”[6] wird ein zunehmendes Versagen der demokratischen Kontrolle der Regierung konstatiert. In einer immer komplexer organisierten Gesellschaft könne der Bürger viele Fragen überhaupt nicht mehr sachgerecht entscheiden.

Lippmanns Zweifel an der Funktionsfähigkeit der amerikanischen Demokratie ist keine Einzelerscheinung gewesen, sondern sie spiegelte grundsätzliche Veränderungen in der amerikanischen Politikwissenschaft nach dem Ersten Weltkrieg wider. Wie Robert Westbrook schreibt, glaubten viele Wissenschaftler immer weniger, dass sich die politischen Verhältnisse durch die klassische Demokratietheorie beschreiben ließen: ”The marriage of democratic values and objective science on which American political science had been founded came unraveled in the twenties.”[7]

Allerdings wollten die meisten Wissenschaftler die Demokratie nicht abschaffen, sondern nur die Kontrolle der Regierung durch die Öffentlichkeit einschränken und die wichtigsten Entscheidungen von einer wissenschaftlich legitimierten Expertengruppe treffen lassen. Die Sozialwissenschaften sollten dabei eine Führungsrolle übernehmen.[8]

Gerade gegen diese Position hat sich Dewey immer gewandt: Die Prinzipien der Wissenschaft sind für ihn, wie er in „The Public and its Problems“ deutlich macht, mit denen der Demokratie insofern identisch, als sie beide auf freier Kommunikation beruhen. Eine wissenschaftliche und rationale Steuerung der Gesellschaft und ihre Demokratisierung schließen sich nach Dewey keineswegs aus. Im Gegenteil: Dewey versteht die Entstehung der Demokratie gerade als Fortschritt im rationalen Selbsterkenntnisprozess der Gesellschaft.

In ”The Public and its Problems” versucht er zu zeigen, wie aus einer weitgehend entdemokratisierten Industriegesellschaft, einer ”Great Society”, wie Dewey sie in Anlehnung an einen Begriff des britischen Politikwissenschaftlers Graham Wallas[9] nennt, eine ”Great Community” entstehen könnte, in der Amerikas ursprüngliche, demokratische Ideale wieder Geltung haben.

In dieser Hausarbeit soll zunächst Deweys Gedankengang dargestellt werden. In der anschließenden Interpretation will ich zeigen, dass Deweys Öffentlichkeitsbegriff sich am besten vor dem Hintergrund von Hegels „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, als Bestandteil einer linkshegelianischen Theorie der Demokratie, verstehen lässt.

2 "The Public and its Problems"

2.1 Die Öffentlichkeit und die Entstehung des demokratischen Staates

Dewey beginnt seine Abhandlung mit einer Kritik an einigen philosophischen Staatsentstehungstheorien. Nach Deweys Ansicht kann die Existenz eines Staates nicht erklärt werden, indem man in der Tradition von Aristoteles auf das "politische Wesen" des Menschen verweist.[10] Auch ein Zurückführen der Existenz des Staates auf einen im Menschen angelegten Instinkt zu Vergemeinschaftung hilft laut Dewey nicht weiter: Dies könne höchstens die Bildung von Schwärmen oder Herden erklären, aber nicht die eines organisierten Staatswesens[11]. Insgesamt wendet sich Dewey gegen jeden Versuch, gesellschaftliche Strukturen auf verborgene Gründe zurückzuführen: "We must in any case start from acts which are performed, not from hypothetical causes for those acts".[12]

Zu den beobachtbaren Grundtatsachen gehört laut Dewey, dass menschliches Handeln sichtbare Folgen hat, und zwar in zweifacher Hinsicht: Manche Handlungen betreffen nur die Handelnden selber, andere haben auch Folgen für Unbeteiligte.[13] Auf diese Unterscheidung zwischen den ”direct” und ”indirect consequences” von Handlungen führt Dewey die Differenz von öffentlich und privat zurück.[14] Eine Öffentlichkeit entsteht nach Deweys Verständnis dann, wenn die von den ”indirect consequences” Betroffenen es für nötig halten, diese zu regulieren und zu steuern: ”The public consists of all those who are affected by the indirect consequences of transactions to such an extent that it is deemed necessary to have those consequences systematically cared for.”[15]

Für diese Selbstorganisation der Öffentlichkeit wird es recht schnell unvermeidlich, dass sich einzelne Personen darauf spezialisieren, die Interessen der Öffentlichkeit zu vertreten.[16] Nach und nach kommt es auf diese Weise zur Entstehung eines Staates:

”This public is organized and made effective by means of representatives who as guardians of custom, as legislators, as executives, judges, etc., care for its especial interests by methods intended to regulate the conjoint actions of individuals and groups.(...).The public is a political state.”[17]

Vor dem Hintergrund dieses Staatsverständnisses beschreibt Dewey im dritten Kapitel die Entwicklung verschiedener, konkreter Staatsformen. Sein Augenmerk liegt dabei auf der Art und Weise, wie die Öffentlichkeit ihre Vertreter auswählt, also die indirekten Handlungsfolgen zu erkennen und zu regulieren versuchte. In früheren Gesellschaften sei das nach Eigenschaften wie Alter oder einer herausgehobenen sakralen Stellung geschehen, also nach Kriterien, die mit politischen Fähigkeiten wenig zu tun haben.[18]

Das habe sich erst mit dem Aufkommen demokratischer Regierungsformen geändert, die nach Dewey einen Versuch darstellten, die Herrschenden nach rationaleren Kriterien auszuwählen und stärker auf ihre Funktion als Repräsentanten der Öffentlichkeit zu verpflichten.[19] Die dazu nötige Zerstörung alter Institutionen rechtfertigten die politischen Akteure durch die Berufung auf eine radikal individualistische Philosophie: ”The revolt against old and limiting associations was converted, intellectually, into the doctrine of independence of any and all associations.”[20] Oberstes Gebot der Regierung wurde es aus dieser Perspektive, die Selbstverwirklichung der Individuen möglichst wenig einzuschränken.[21] Als besonders wichtige Vertreter dieser Philosophie nennt Dewey die wirtschaftsliberalen Ökonomen, wie zum Beispiel Adam Smith.[22] Der Staat erschien aus dieser Perspektive nur noch als ein Hindernis bei der Verwirklichung möglichst großer individueller Freiheit.

[...]


[1] Dewey, John: Demokratie und Erziehung, Weinheim 31993.

[2] Joas, Hans (Hrsg): Philosophie der Demokratie. Beiträge zum Werk von John Dewey, Frankfurt/Main 2000. Joas, Hans: Pragmatismus und Gesellschaftstheorie, Frankfurt/Main 1992.

[3] Dewey, John: The Public and its Problems, in: John Dewey. The Later Works 1925 - 1953, edited by Jo Ann Boydston, Vol. 2, Carbondale/Edwardsville 1984, S. 235-373. In deutscher Übersetzung: Krüger, Hans-Peter (Hrsg.): John Dewey: Die Öffentlichkeit und ihre Probleme, Bodenheim 1996. Die Übersetzung ist nicht sehr flüssig und teilweise schwer verständlich, weswegen ich hier immer nach dem Original zitiere.

[4] Dewey hat eine Rezension zu dem Buch verfasst: Dewey, John: Practical Democracy, in: ders. The Later Works 1925 - 1953, a.a.O., S. 213-221.

[5] Walter Lippman hat später mit seinem Buch ”Public Opinion” eine große Rolle für die Entstehung der Meinungsforschung in Amerika gespielt.

[6] Lippmann, Walter: The Phantom Public, New York 1925.

[7] Westbrook, Robert: John Dewey and American Democracy, New York 1991, S. 281.

[8] Ebd., S. 285.

[9] Siehe dazu: Wallas, Graham: Great Society, New York 1914.

[10] Dewey, The Public, a.a.O., S. 239.

[11] Ebd., S. 243.

[12] Ebd.

[13] Ebd.

[14] Ebd., S. 244.

[15] Ebd., S. 246.

[16] Ebd.

[17] Ebd., S. 257.

[18] Ebd.

[19] Ebd., S. 287.

[20] Ebd., S. 289.

[21] Ebd.

[22] Ebd., S. 292.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Begriff der Öffentlichkeit in John Deweys "The Public and its Problems"
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Institut für wissenschaftliche Politik)
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V27481
ISBN (eBook)
9783638295222
ISBN (Buch)
9783640139170
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Begriff, John, Deweys, Public, Problems, Öffentlichkeit, Pragmatismus, politische Philosophie, Habermas, Hegel, Demokratie, Great Society, Community, Massengesellschaft, Zwischenkriegszeit, Rorty, Richard
Arbeit zitieren
Moritz Deutschmann (Autor), 2004, Der Begriff der Öffentlichkeit in John Deweys "The Public and its Problems", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27481

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