Amoklauf an Schulen. Theoretische Erkläransätze und Überlegungen zu Prä- und Intervention


Hausarbeit, 2014
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gewalt und Aggression

3. Theoretische Erklärungsansätze
3.1 Psychologische Theorien
3.2 Soziologische Theorien

4. Amoklauf an Schulen
4.1 Ausmaß
4.2 Die Täter
4.3 Medialer Einfluss
4.4 Bezug zu theoretischen Erklärungsansätzen
4.5 Prävention in der Schule

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Kaum einer versteht aggressives Verhalten als Signal, das Kinder geben, wenn sie dringend Hilfe brauchen.“[1]

Möglicherweise zeigt dies bereits die Lösung des Problems von Gewalt an Schulen und den Schlüssel zur erfolgreichen Prävention. Dennoch spiegeln die Erfahrungen mit Aggressionsverhalten an deutschen Schulen, verdeutlicht durch Berichterstattungen in den Medien und durch Ergebnisse der schulbezogenen Gewalt- und Mobbingforschung, seit Beginn der 1990er Jahre einen Entwicklungsverlauf wider, der beinahe schon auf „amerikanische Verhältnisse“ hindeutet. Spätestens der Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt im Jahre 2002 demonstriert völlig neue Dimensionen von schulischen Gewalthandlungen. In der vorliegenden Arbeit soll auf eben diese Gewaltform der Schwerpunkt gelegt werden: auf den Amoklauf – die zwar seltene, aber schwerste und hierzulande bis jetzt kaum vorstellbare Form von schulischer Gewalt.

In einem ersten Schritt erfolgt eine allgemeine Definition des Gewalt- und Aggressionsbegriffes. Im Anschluss daran werden fünf theoretische Erklärungsansätze für Gewalt vorgestellt. Zwei dieser Theorien stellen eine Annäherung aus psychologischer Sicht dar, während die anderen drei auf soziologischen Ansätzen beruhen. Im zweiten Schritt wird der Begriff des Amoklaufs näher erläutert. Es soll daraufhin auf die Frage eingegangen werden, ob diese extreme Form der Gewalt mit Hilfe der theoretischen Ansätze erklärbar gemacht werden kann. Zum Schluss sollen daran anknüpfend Möglichkeiten der Prä- und Intervention an Schulen betrachtet werden.

2. Gewalt und Aggression

Der Begriff „Gewalt“ ist weder aus wissenschaftlicher Perspektive noch in unserer Alltagswelt einheitlich definierbar. Er konkurriert mit anderen inhaltlich vergleichbaren Termini wie Aggression, Aggressivität, Mobbing, Bullying, Vandalismus, Amoklauf, Devianz, Delinquenz oder Persönlichkeitsstörung.[2] Der Begriff der Aggression meint aus psychologischer Sicht weitestgehend „spezifische zielgerichtete Verhaltensweisen zur Schädigung anderer Personen, wobei neben der Beschädigung von Personen auch die Sachbeschädigung (Vandalismus) […] mit einbezogen [wird].“[3] Aggressivität beinhaltet dagegen mehr die Absicht bzw. die Bereitschaft, verletzendes oder zerstörendes Verhalten zu zeigen.[4] In bestimmten Situationen kann dies auch legitim oder sogar notwendig sein, beispielsweise bei Sportarten wie Fußball[5], beim Erlangen von Führungspositionen oder als Reaktion auf drohende Gefahr[6]. Dies soll aber in der vorliegenden Arbeit nicht mit in das Gewalt- bzw. Aggressionsverständnis einbezogen werden

Der Gewaltbegriff (von althochdeutsch waltan: stark sein, beherrschen) beinhaltet, ähnlich wie der Aggressionsbegriff, die willentliche Veränderung, Beeinflussung oder Schädigung von Menschen, Tieren oder Gegenständen. Hierbei bezieht sich eine eng gefasste Definition auf gezielte physische Übergriffe, während eine weite Definition auch die psychische Gewalt einschließt. Schubarth bezeichnet Gewalt zwar als eine Teilmenge von Aggression, führt aber weiterhin an, dass die beiden Begriffe wegen des Beinhaltens gleicher Vorgänge trotzdem häufig synonym verwendet werden. „Mehr noch: In der öffentlichen Debatte um Schule verdrängt der Gewaltbegriff wegen seiner Anschaulichkeit und scheinbaren Eindeutigkeit den Begriff der Aggression.“[7]

Zwei übergeordnete Formen von Gewalt lassen sich grundsätzlich voneinander unterscheiden: die individuelle oder personale Gewalt und die institutionelle Gewalt. Bei der individuellen Gewalt handelt es sich um das Agieren von einzelnen Akteuren, das sich gegen einzelne oder mehrere Personen oder Gegenstände richtet. Oft findet diese Form der Gewalt in privater Umgebung statt und kann wie folgt differenziert werden: Die physische Gewalt meint „[...] die Schädigung oder Verletzung […] [von] Menschen durch körperliche Kraft und/oder andere Zwangsmittel.“[8] Die psychische Gewalt wird entweder durch Worte oder Gesten und Gebärden verübt. Ihr Ergebnis ist „[...] Abwendung, Ablehnung, Entzug von Vertrauen, Entmutigung und Erpressung.“Sexuelle Gewalt heißt, dass durch eine Mischung von physischer und psychischer Gewalt ein Zwang zu intimem Körperkontakt oder anderen sexuellen Handlungen entsteht. Die geschlechterfeindliche Gewalt „ist die spezifische […] Gewalt gegen Frauen oder Männer, die in diskriminierender und erniedrigender Absicht vorgenommen wird, um die körperliche und seelische Integrität als Angehöriger eines Geschlechtes […] zu schädigen und zu verletzen.“ Auch die fremdenfeindliche Gewalt ist eine Form, die unter den Oberbegriff der individuellen Gewalt fällt. Sie äußert sich in „[...] Aggressionsimpulsen, [die sich] auf die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion, Herkunftsgruppe oder Ethnie beziehen.“ All diese Gewaltformen könne auch im Kontext Schule gesehen werden. Hierbei können allerdings noch neuere Gewaltformen wie Cyberbullying (Bullying auf elektronischem Weg durch Handy und Internet) und „Happy Slapping“ („Fröhliches Zuschlagen“), bei dem das gegenseitige Ärgern über Kamerahandys und das Internet veröffentlicht wird, mit erwähnt werden.

Die institutionelle Gewalt nennen Hurrelmann und Bründel eine Form der Gewalt, bei der der Staat oder Organisationen wie die Schule mit öffentlicher Macht Ordnungsvorstellungen durchsetzen und dazu „[...] physische und psychische Zwangseingriffe [durchführen] oder [androhen].“[9] Sobald dabei aber nicht mehr die Förderung von Organisationsmitgliedern, sondern deren Unterdrückung im Vordergrund steht, wird die institutionelle Gewalt zur illegitimen strukturellen Gewalt, deren Begriff maßgeblich von dem Friedensforscher Johan Galtung geprägt worden ist.[10]

3. Theoretische Erklärungsansätze

Im folgenden soll eine Auswahl von theoretischen Modellen vorgestellt werden, mit deren Hilfe versucht wird, die Entstehung der genannten Gewalt- und Aggressionsformen zu erklären, um dann gezielt und effizient insbesondere in Schulen Präventionsmaßnahmen ergreifen zu können. Hierbei handelt es sich zum einen um psychologische Theorien, die bei der Psyche und der Persönlichkeit – also bei inneren Abläufen – ansetzen. Zum anderen werden soziologische Theorien erläutert, die mehr das gesamte soziale Umfeld – also Familie, Schule und andere Sozialisationsinstanzen – ins Blickfeld nehmen. Die Darlegungen stützen sich sowohl auf Hurrelmann und Bründel 2007 als auch auf Schubarth 2010.

3.1 Psychologische Theorien

Emotionstheorien: Diese Theorien besagen, dass gewalttätigem Verhalten immer ein subjektives Empfinden zugrunde liegt. Eine der bekanntesten Theorien in diesem Bereich ist die Frustrations-Aggressionstheorie, begründet von John S. Dollard, Neal E. Miller, Orval Hobart Mowrer, Doob und Sears.[11] Für sie ist Frustration „ […] ein Ereignis oder Erlebnis, das dem Erreichen eines bestimmten Ziels im Wege steht, das von einem Menschen als außerordentlich bedeutsam […] angesehen wird.“[12] Wenn also eine hohe Motivation vorhanden ist, ein gewisses Ziel anzustreben, dieses dann aber nicht in gewünschter Form erreicht wird, ist die Enttäuschung bzw. Frustration umso größer, je höher im Vorfeld Erwartung und innerer Antrieb waren. Das möglicherweise darauf folgende aggressive Verhalten ist umso stärker, je unüberwindlicher die Hindernisse scheinen, die zum Scheitern geführt haben. In der Schule ist dies für sämtliche gewalthaltigen Situationen ein logischer Erklärungsansatz, da sich Schülerinnen und Schüler[13] in ihrem Bemühen um gute Schulnoten und ihrem Streben nach allgemeiner Anerkennung schnell von Lehrern, aber auch Mitschülern vernachlässigt fühlen. Auch Emotionen wie Scham oder Herabwürdigung, die durch das Verhalten der Mitschüler wie beispielsweise Mobbing ausgelöst werden können, mindern das Selbstwertgefühl und lösen aggressive Energieschübe aus.[14]

Lerntheorien: Dieser Theorie zufolge ist das aggressive Verhalten eines Kindes ein angeborener Impuls, sondern die Nachahmung von beobachteten Verhaltensweisen. Wenn ein Kind bereits schon früh physische oder psychische Aggressivität bei den Eltern oder Geschwistern beobachtet, prägt es sich dies derart ein, dass es dieses Verhalten insbesondere, wenn es erfolgreich ist, in gleicher Art und Weise anwendet. Im schulische Kontext ist diese Theorie von hoher Wichtigkeit, da im Schulalltag unzählige Interaktionen zwischen Lehrkräften und Schülern stattfinden, die automatisch Modellcharakter annehmen. Hurrelmann und Bründel gehen beispielsweise auf folgende Situation ein: „Wenn […] Schüler […] erleben, dass störende Mitschüler häufiger von der Lehrerin beachtet werden […] als die stillen und zurückhaltenden Schüler, dann kann das zu einer Nachahmung der aggressiven Verhaltensformen führen.“[15] Auch wenn Lehrpersonen mit aggressivem Verhalten reagieren, kann es zu höherer Gewaltbereitschaft unter den Schülern kommen. Demnach ist das Agieren der Lehrkräfte mitsamt ihres individuellen Stils und Umgangstons von sehr hoher modellhafter Bedeutung.[16]

3.2 Soziologische Theorien

Anomietheorie: Der Begriff „Anomie“ (griech.: Nomos = Gesetz, Regel) bedeutet in der Soziologie die fehlende Bindung von Menschen an Normen, Ordnungen und Regeln. Der Zustand der Anomie, definiert um 1900 von Emile Durkheim (1858-1917), tritt dann ein, wenn in einer Gesellschaft keine Sicherheit der Gültigkeit von Normen, Regeln und Ordnungen mehr vorhanden ist. Der Begriff weist also auf die Integrationsproblematik in modernen Gesellschaften hin und versucht, daraus resultierendes abweichendes Verhalten gesellschaftstheoretisch zu beleuchten und zu erklären. Schubarth verdeutlicht die Theorie der Anomie folgendermaßen:

Das Fehlen gemeinsamer Verbindlichkeiten und normativer Regulierungen, die starke Individualisierung der Gesellschaftsmitglieder sowie die Diskrepanz zwischen dem Anspruchsniveau der Menschen und den nur begrenzt zur Verfügung stehenden Gütern führt zu abweichendem Verhalten.[17]

[...]


[1] Preuschoff, G./Preuschoff, A. (2000), S. 20.

[2] Vgl. Schubarth (2010), S. 16.

[3] Ebd.

[4] Weißmann (2007), S. 17.

[5] Vgl. Schubarth, S. 16.

[6] Vgl. Weißmann, S. 17.

[7] Schubarth, S. 17.

[8] Hurrelmann, Bründel (2007), S. 18. Sämtliche Zitate dieses Abschnittes beziehen sich auf eben diese Quelle.

[9] Hurrelmann,Bründel, S. 20.

[10] Vgl. ebd.

[11] Vgl. Hurrelmann,Bründel, S. 37.

[12] Ebd.

[13] Wird im Folgenden durch SuS abgekürzt.

[14] Vgl. Hurrelmann, Bründel, S. 38.

[15] Ebd., S. 41.

[16] Vgl. Hurrelmann, Bründel, S. 41.

[17] Schubarth, S. 35.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Amoklauf an Schulen. Theoretische Erkläransätze und Überlegungen zu Prä- und Intervention
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
18
Katalognummer
V274912
ISBN (eBook)
9783656673279
ISBN (Buch)
9783656673262
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
amoklauf, schulen, theoretische, erkläransätze, überlegungen, prä-, intervention
Arbeit zitieren
Ulrike Meier (Autor), 2014, Amoklauf an Schulen. Theoretische Erkläransätze und Überlegungen zu Prä- und Intervention, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274912

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