„Wenn ich hier langgehe, und es kommen die Gedanken an die grausame Zeit, dann habe ich das Gefühl, meine Eltern, sämtliche Freundinnen und alle Verwandten, die ich in der Schoa verloren habe, sind hier begraben, und ich bin ihnen ganz nah.“ (Inge Borck in Kühn, 2010).
Diese Aussage einer Überlebenden des Holocausts beim Besuch des „Denkmals für die ermordeten Juden Europas“ beschreibt, welche individuellen Emotionen beim Durchschreiten eines Raumes ausgelöst werden können, wenn er mit Erinnerungen in Beziehung gesetzt werden kann. Aber können solche individuellen Wahrnehmungen auch Auswirkungen auf die Gesellschaft haben? Kann man mit dem Raumkonzept eines öffentlichen Raumes die Erinnerungen an geschichtliche Ereignisse der Vergangenheit lebendig halten und somit auch künftige Generationen daran teilhaben lassen? Diese Fragen sind vor allem dann von großer Bedeutung, wenn es sich um die Erinnerung an die Opfer von grausamen Verbrechen durch die Allgemeinheit handelt, deren Andenken vor einer Wiederholung solcher Taten warnen soll. Relevant ist das Thema auch, da im speziellen für die Zeit des Nationalsozialismus die Generation der Zeitzeugen auszusterben beginnt und somit ein unwiederbringlicher Verlust an persönlichen Erinnerungen bevorsteht.
Zentrale Frage der vorliegenden Bachelorarbeit ist, welche Arten der Wahrnehmung bei der Begehung öffentlicher Erinnerungsräume Auswirkungen auf das Individuum und auf die Gesellschaft haben können. Zur Beantwortung dieser Frage muss zuerst geklärt werden, welche Voraussetzungen auf die Wahrnehmung eines Erinnerungsraums Einfluss nehmen und analysiert werden, welche unterschiedlichen Arten der Wahrnehmung möglich sind.
Im ersten Teil der Bachelorarbeit wird auf den theoretischen Hintergrund für die Beantwortung der Fragestellungen eingegangen. Hier wird von drei soziologischen Basistheorien ausgegangen und diese im Zusammenhang zueinander gestellt. Es handelt sich erstens um die Theorien des kollektiven Bewusstseins (Durkheim, 1988) und des kollektiven Gedächtnisses (Halbwachs, 1967), zweitens um die Theorien zur „Soziologie der Emotionen“ (Flam, 2002) und drittens um eine Theorie der Raumsoziologie (Löw, 2000).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Basistheorien
2.1 Kollektives Bewusstsein und kollektives Gedächtnis
2.2 Soziologie der Emotionen
2.3 Raumsoziologie
3. Zusammenspiel der Theorien
3.1 Gedächtnistheorie – Raumsoziologie
3.2 Gedächtnistheorie – Soziologie der Emotionen
3.3 Raumsoziologie – Soziologie der Emotionen
3.4 Zusammenfassung und Hypothese
4. Forschungsmethode „Qualitative Inhaltsanalyse“
4.1 Qualitative Inhaltsanalyse als Forschungsmethode
4.2 Vorgehensweise am Beispiel des Denkmals für die ermordeten Juden Europas
5. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas
5.1 Chronik, Architektur und Eröffnung des Denkmals
5.1.1 Chronik
5.1.2 Architektur
5.1.3 Der New Yorker Architekt Peter Eisenman
5.1.4 Die Eröffnung des Denkmals
5.2 Debatten um das Denkmal
5.2.1 Die Debatte um die Baustofffirma Degussa
5.2.2 Die Debatte um einen Zahn
5.3 Metaphern als Ausdruck der Wahrnehmung
5.4 Emotionen und Verhalten der Besucher
5.4.1 Wahrnehmung, über die in Form von Emotionen berichtet wurde
5.4.2 Wahrnehmung, über die in Form von Verhalten berichtet wurde
6. Ergebnisse aus Theorie und Forschung
6.1 Faktoren, die die Wahrnehmung beeinflussen
6.1.1 Wahrnehmungen, die durch die Zugehörigkeit des Besuchers zu einer gesellschaftlichen Gruppe beeinflusst werden
6.1.2 Wahrnehmungen, die durch die Architektur und die Atmosphäre des Raums beeinflusst werden
6.1.3 Wahrnehmungen, die durch andere Faktoren beeinflusst werden
6.2 Veränderungen in der Wahrnehmung
7. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Bachelorarbeit untersucht, welche Arten der Wahrnehmung bei der Begehung öffentlicher Erinnerungsräume Auswirkungen auf das Individuum und die Gesellschaft haben können, wobei das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ in Berlin als zentrales Fallbeispiel dient.
- Theoretische Grundlagen des kollektiven Gedächtnisses und der Emotionen
- Soziologische Konzepte zur Raumwahrnehmung (Raumsoziologie)
- Qualitative Inhaltsanalyse nationaler und internationaler Medienberichterstattung
- Diskursanalyse zu Debatten rund um das Denkmal (z.B. Baustofffirma Degussa, Beisetzung eines Zahns)
- Analyse von Besucheremotionen und Verhaltensweisen am Denkmal
- Identifikation von Faktoren, die die Wahrnehmung des Erinnerungsraums beeinflussen
Auszug aus dem Buch
5.1.2 Architektur
Das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ wurde in Berlin auf einem ungefähr 19000 Quadratmeter großen Platz, den ehemaligen „Ministergärten“, in der Nähe des Brandenburger Tors, des Reichstags und des Tiergartens errichtet (Standort siehe Karte im Anhang, Abbildung 3). Es wurde über dem ehemaligen Bunker des Propagandaministers Goebbels gebaut, in dessen Nähe auch Hitlers Leiche verbrannt wurde. Das Denkmal ist dem Gedenken an die ca. sechs Millionen Juden gewidmet, die im Holocaust durch das NS-Regime auf grausame Weise getötet wurden. Die zentral gelegene, nicht zu übersehende Gedenkstätte in der Hauptstadt Deutschlands zeugt vom Bekenntnis des offiziellen Deutschlands zur historischen Verantwortung und dem Willen zur Aufarbeitung und Wiedergutmachung (Broomby, 2001).
Das Denkmal besteht aus dem Stelenfeld und dem unterirdischen „Ort der Information“ und wurde von dem New Yorker Architekten Peter Eisenman entworfen (Stiftung 2000).
Das Stelenfeld besteht aus 2711 eng beieinander stehenden Stelen (graue Betonsäulen) unterschiedlicher Höhen. Am Rand des Platzes sind die Stelen niedrig, oft weniger als einen Meter hoch, in der Mitte erreichen sie eine Höhe von bis zu fünf Metern. Der Straßenlärm ist in der Mitte nur noch gedämpft zu hören. Die geraden, gepflasterten Wege zwischen den Stelen sind uneben, zur Mitte hin leicht abschüssig und geben jeweils Platz zum Begehen für nur eine Person. Das Feld ist von allen Seiten her jederzeit frei zugänglich. An der westlichen Seite wurden einige Bäume gepflanzt, die einen Übergang zum angrenzenden Tiergarten bilden.
Kürzlich wurden 23 QR-Steine rund um das Stelenfeld im Boden eingelassen, sodass während des Begehens ein eigens für das Denkmal komponierte Konzert über eine App am Smartphone gehört werden kann (Neuberg 2014).
Bereits zwei Jahre nach der Eröffnung des Denkmals bildeten sich erste Risse in den Betonsäulen, die witterungsbedingt entstanden sind und weiterhin wegen des Baustoffes Beton, der sich durch Kälte oder Hitze ständig verändert, entstehen. Tägliche Kontrollgänge und sukzessive Ausbesserungen der Risse sind nun erforderlich. (Meyer 2012).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema der emotionalen Wahrnehmung öffentlicher Erinnerungsräume ein und formuliert die zentrale Forschungsfrage nach deren strukturellen Auswirkungen.
2. Basistheorien: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Fundamente aus den Bereichen kollektives Bewusstsein/Gedächtnis, Soziologie der Emotionen und Raumsoziologie.
3. Zusammenspiel der Theorien: Die verschiedenen theoretischen Ansätze werden hier verknüpft, um eine Hypothese über die Wirkungsweise von Erinnerungsräumen auf die Gesellschaft abzuleiten.
4. Forschungsmethode „Qualitative Inhaltsanalyse“: Es werden die methodischen Vorgehensweisen dargelegt, insbesondere die Anwendung der qualitativen Inhaltsanalyse auf Zeitungsartikel und Internetberichte.
5. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas: Dieser Hauptteil beschreibt die baulichen Fakten, die architektonische Gestaltung, die Rolle des Architekten sowie die zahlreichen öffentlichen Debatten um das Denkmal.
6. Ergebnisse aus Theorie und Forschung: Hier werden die Ergebnisse der Analyse zusammengeführt, insbesondere hinsichtlich der Faktoren, die die individuelle Wahrnehmung beeinflussen.
7. Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und betont die fortwährende Bedeutung der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit durch öffentliche Erinnerungsräume.
Schlüsselwörter
Holocaust-Mahnmal, Erinnerungsraum, Wahrnehmung, Kollektives Gedächtnis, Soziologie der Emotionen, Raumsoziologie, Peter Eisenman, qualitative Inhaltsanalyse, Stelenfeld, Gedenkkultur, emotionale Wirkung, soziale Strukturen, Berlin, Holocaust, Erinnerungskultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Menschen öffentliche Erinnerungsräume wahrnehmen und welche Emotionen sowie Verhaltensweisen dadurch ausgelöst werden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Themen umfassen die Soziologie der Erinnerung, die Wirkung von Architektur auf Emotionen, sowie die gesellschaftliche Bedeutung von Gedenkstätten am Beispiel des Berliner Holocaust-Mahnmals.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, welche Arten der Wahrnehmung bei der Begehung öffentlicher Erinnerungsräume Auswirkungen auf das Individuum und die Gesellschaft haben können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es kommt die qualitative Inhaltsanalyse zur Anwendung, bei der nationale und internationale Zeitungsartikel sowie Online-Berichte ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehungsgeschichte, Architektur, öffentliche Debatten (wie die Degussa-Kontroverse) und das tatsächliche Besucherverhalten am Denkmal für die ermordeten Juden Europas.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Erinnerungsraum, Holocaust-Mahnmal, kollektives Gedächtnis, emotionale Wahrnehmung, Architektur, gesellschaftliche Wirkung und qualitative Forschung.
Warum wurde das Denkmal für die ermordeten Juden Europas als Fallbeispiel gewählt?
Es stellt einen prominenten, künstlich errichteten und öffentlich begehbaren Raum dar, der intensiv debattiert wurde und bei Besuchern vielfältige emotionale Reaktionen hervorruft.
Welche Rolle spielen die Debatten in dieser Arbeit?
Die Debatten zeigen, wie die Wahrnehmung eines Ortes durch gesellschaftliche Diskurse und die Bekanntheit von Hintergrundinformationen (z.B. Firmenhintergründe) maßgeblich beeinflusst werden kann.
- Quote paper
- Andrea Dellitsch (Author), 2014, Wahrnehmung und Wirkung von öffentlichen Erinnerungsräumen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275171