Die Genese des österreichischen Konkordats von 1933/34.

Eine Studie zur Entwicklung der Staat-Kirche-Beziehungen in Österreich


Bachelorarbeit, 2014
43 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract (English)

Abstract (Deutsch)

1 Relevanz des Themas
1.1 Persönliche Relevanz
1.2 Allgemeine Relevanz

2 Forschungsfragen und Methodik
2.1 Forschungsinteresse und Problemstellung
2.2 Methode
2.3 Besprechung der gefundenen Literatur und Forschungslage

3 Zentrale Begriffe und Konzepte
3.1 Konkordat (in seiner allgemeinen Bedeutung)
3.2 Heiliger Stuhl
3.3 Staatskirchenrecht

4 Das Konkordat vom 18.August 1855 mit der österreichischen Monarchie
4.1 Die Ausgangslage
4.2 Krise und Lösung des Konkordats von 1855

5 Historische und rechtliche Grundlagen der Staat-Kirche-Beziehungen vor 1933/34
5.1 Die Erste Republik (1918-1933)
5.2 Staatskirchenrechtliche Entwicklungen von 1918 bis 1933/34

6 Das österreichische Konkordat von 1933/34
6.1 Die Phase der Genese (von 1929 bis Mai 1934)
6.1.1 Erste Initiative
6.1.2 Der Beginn der offiziellen Verhandlungen
6.1.3 Die mündlichen Verhandlungen in Rom im April 1933
6.1.4 Ratifizierung
6.2 Die NS-Zeit (1938-1945)
6.3 Das Konkordat in der Zweiten Republik (1945-heute)
6.3.1 Der Anerkennungsbeschluss von 1957
6.3.2 Die Zusatzprotokolle

7 Erörterung der Ergebnisse in Hinblick auf die Forschungsfragen

Literaturverzeichnis

Rechtsquellen, Konzilsdokumente, Lexika

Sekundärliteratur

Abstract (English)

The present bachelor thesis deals with an issue that is inextricably linked with the history of Austrian state-church law.

It has been argued that the Concordat concluded in 1933/34 between Austria and the Holy See was a product of the Christian Federal State (“Ständestaat”) and should thus be removed from the legal system of the current democratic republic.

Contrary to this position I believe that for a number of reasons, the demonisation of the agreement is unjustified.

My thesis shows that the Concordat evolved over several historical stages and was eventually concluded in response to a variety of dynamics and interests.

Abstract (Deutsch)

Die vorliegende Bachelor Arbeit hat eine Fallstudie aus dem Bereich des österreichischen Staatskirchenrechts zum Thema: die Entstehung des Konkordats zwischen Österreich und dem Heiligen Stuhl vom 5.Juni 1933.

Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Forschungsfrage, ob das Konkordat als Hervorbringung der semifaschistisch-autoritären Diktatur des „Ständestaates“ bezeichnet werden kann. Da das Konkordat gleichzeitig mit der Verfassung vom 1.Mai 1934 kundgemacht wurde, ist das ein häufig zu hörender Vorwurf.

Daher werden die historischen Voraussetzungen – unter Einbeziehung des Konkordats vom 18.August 1855 – entlang ihrer Zeitlinie analysiert und es wird der Versuch unternommen, diesen schwerwiegenden Vorwurf als haltlos zu entlarven.

1 Relevanz des Themas

1.1 Persönliche Relevanz

Vergangenheitspolitik ist ein faszinierendes und spannendes Fachgebiet. Bereits während meines früheren Studiums der Rechtswissenschaften und danach im postgradualen Universitätslehrgang Kanonisches Recht für Juristen an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien bin ich wiederholt dem Konkordat begegnet. Mediale Diskurse zu diesem Thema verfolge ich seither mit erhöhter Aufmerksamkeit. Dabei habe ich eine bemerkenswerte Beobachtung gemacht: wiewohl das österreichische Konkordat von 1933/34 eine zentrale Stellung im Gefüge staatskirchenrechtlicher Normen einnimmt, wird ihm – erstaunlicherweise just von Seiten seiner „Gegner“ – eine Wirkmächtigkeit zugeschrieben, die in der Realität keine Entsprechung findet.

1.2 Allgemeine Relevanz

Die Relevanz des Themas für die Allgemeinheit zeigt sich am vorzüglichsten in dem Umstand, dass das österreichische Konkordat von 1933/34 von seinen Kritikern immer wieder scharf angegriffen und ihm seine Existenzberechtigung schlechterdings abgesprochen wird. Dabei wird einerseits gerne die völkerrechtliche Geltung dieses Abkommens in Abrede gestellt, andererseits häufig der Vorwurf erhoben, das Konkordat sei ein Relikt ständestaatlicher, und somit faschistischer Kirchenpolitik. Insbesondere die von vielen an den Tag gelegte Erwartungshaltung hinsichtlich der unmittelbar eintretenden Rechtsfolgen einer allfälligen, ersatzlosen „Abschaffung“ des ungeliebten Vertrages mit dem Heiligen Stuhl ist von einer geradezu maßlosen Überschätzung geprägt. Eine profunde Sachkenntnis in staatskirchenrechtlichen Fragen, ja, in Angelegenheiten der Beziehungen zwischen Staat und römisch-katholischer Kirche überhaupt, scheint indessen von einer Mehrheit derjenigen, die zu Polemik neigen, als weitgehend entbehrlich betrachtet zu werden.

Unter Bezugnahme auf ein Erkenntnis des österreichischen Verfassungsgerichtshofes zur Frage von Kreuzen in Klassenzimmern erklärte vor kurzem der Mitinitiator des – im Ergebnis fehlgeschlagenen (nur 0,89% der Stimmberechtigten haben es unterzeichnet!)[1] – „Volksbegehrens gegen Kirchenprivilegien“ Niko Alm: „Unsere Verfassung gesteht der Kirche Privilegien zu, die aus dem Mittelalter stammen und zur Zeit des Austrofaschismus mit dem Konkordat festgeschrieben wurden.”[2]

2 Forschungsfragen und Methodik

2.1 Forschungsinteresse und Problemstellung

In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, ob der Vorwurf, das Konkordat sei ein Relikt ständestaatlicher Kirchenpolitik, zu Recht besteht. Meine Hypothese beruht auf der Annahme, dass dies nicht der Fall ist. Der genannte Vorwurf sei vielmehr wesentlich auf die schiefe Optik aufgrund der gemeinsamen Kundmachung des Vertragswerkes mit der Maiverfassung von 1934 zurückzuführen. Verhält es sich aber tatsächlich so?

Auf der Grundlage dieses Erkenntnisinteresses habe ich die folgenden Forschungsfragen formuliert und in der vorliegenden Arbeit zu beantworten unternommen:

Erstens: Wie ist der Umstand zu interpretieren, dass die Verfassung vom Mai 1934 und das Konkordat 1933/34 am selben Tag kundgemacht wurden?“ sowie

zweitens: „Welche Auswirkungen hat der Zeitpunkt der Kundmachung auf die Bewertung des Konkordats bis zum heutigen Tage?“

2.2 Methode

Als Vorgangsweise zur Bearbeitung der Forschungsfragen habe ich die Fallstudienmethode[3] gewählt. Diese – auch als „Königsweg der qualitativen Politikforschung“ bezeichnete – Methode dient der Beschreibung eines „Einzelfalles mit einer bestimmten Fragestellung, wobei man diesen Fall unter seinen natürlichen Umweltbedingungen studiert und ihn als zusammenhängendes Ganzes begreift. Je nach Fragestellung kann über die Beschreibung hinaus ein Erklärungsbeitrag beabsichtigt sein.“[4]

Die Identifizierung der Mechanismen, die zu einem bestimmten Ereignis geführt haben, kann über eine analytische Ereignisrekonstruktion erfolgen, wobei sich das Verfahren als Ereignisgeschichte historischer Methoden bedient, es ist aber „gleichzeitig analytisch, weil die Rekonstruktionsbausteine einem bewährten Modell entnommen werden.“[5]

Die Anwendung der historischen Methode ist zweifellos legitim, wobei aber – auch im Kontext der vorliegenden Arbeit – die von Werner J. Patzelt formulierte Einschränkung gilt: „Ein Politikwissenschaftler benutzt […] meist nur die Ergebnisse der geschichtswissenschaftlichen Forschung, indem er einschlägige Veröffentlichungen sekundäranalytisch auswertet.“[6] Die Verwendung der historischen Methode lässt sich in drei Arbeitsschritte gliedern: Quellenanalyse, Quellenkritik und Quelleninterpretation, mit der Maßgabe, dass sich letztere als Benutzung der hermeneutischen Methode vollzieht.[7]

Die im Folgenden untersuchten Ereignisse erstrecken sich über mehrere Zeitabschnitte der österreichischen Geschichte. Da Geschichte sich „primär in Fakten präsentiert, bildet die ‚Zeitlinie‘ oder ‚Zeitschiene‘ den Leitfaden für eine erste Ordnung des Geschehens.“[8] Die Ausrichtung der Arbeit am chronologischen Prinzip erschien daher als sachgerecht.

Die zeitliche Eingrenzung der Arbeit resultiert aus dem Umstand, dass Österreich bereits im Jahre 1855 ein Konkordat geschlossen hatte, welches 1870 gekündigt wurde. Die Betrachtung des Schicksals des Konkordats von 1855 ist wesentlich notwendig zum Verständnis der Entstehung des „Nachfolgekonkordats“ von 1933/34. Die eigentliche Phase der Genese des heute noch in Kraft stehenden Konkordats setzt 1929 ein und dauert bis 1.Mai 1934, dem Tag seiner Ratifikation. Die Kundmachung von Konkordat und neuer Verfassung erfolgt am selben Tag. In der Zweiten Republik endlich wird das Vertragswerk durch Zusatzprotokolle maßgeblich ergänzt: durch den Vermögensvertrag von 1960, den Schulvertrag von 1962 sowie drei Diözesanerrichtungsverträge.

Die räumliche Eingrenzung des Themas ergibt sich aus dem Geltungsbereich des Vertragswerkes, das durch Transformation zu innerstaatlichem Recht wird, während die völkerrechtlichen Verpflichtungen primär das Verhältnis zwischen dem Staat Österreich und dem Hl. Stuhl als Völkerrechtssubjekt gestalten, wenngleich mitunter ausgeprägte Interessen dritter Mächte berücksichtigt werden müssen.

Eine inhaltlich-systematische Darstellung der einzelnen Artikel des Konkordats von 1933/34 konnte hier nicht geleistet werden, war aber von der Fragestellung und Ausrichtung der Thematik auch nicht geboten. Desgleichen habe ich davon abgesehen, den Text des österreichischen Konkordats von 1933/34 dieser Arbeit in einem Anhang beizugeben, da es ein Leichtes ist, die gesamte Rechtsvorschrift im RIS (Rechtsinformationssystem des Bundeskanzleramts) abzurufen.[9] Die Fundstelle im Bundesgesetzblatt lautet: BGBl. II Nr. 2/1934. Im Übrigen ist der Text sowohl des Konkordats vom 18.August 1855 als auch der des Konkordats vom 5.Juni 1933 mit Zusatzprotokoll im Anhang des Buches von Erika Weinzierl abgedruckt.[10]

2.3 Besprechung der gefundenen Literatur und Forschungslage

Die Literatur zu den österreichischen Konkordaten ist umfangreich und deckt – insbesondere im Falle des Konkordats von 1933/34 – alle relevanten Blickpunkte ab. Besonders hervorzuheben ist die äußerst präzise ausgearbeitete Studie zur Krise und Lösung des Konkordats von 1855 aus der Feder Max von Hussareks. Das Standardwerk schlechthin ist die im Jahre 1960 erschienene Habilitationsschrift von Erika Weinzierl, worin die Entstehungsgeschichte beider österreichischer Konkordate in einem Band nachgezeichnet wird. Maßgeblich und unverzichtbar ist darüber hinaus die 1978 an der Universität Salzburg approbierte, 1979 mit dem Leopold-Kunschak-Preis ausgezeichnete und 1980 publizierte Dissertation von Josef Kremsmair, der für dieses opus magnum umfangreiches Archivmaterial aufgearbeitet hat. Eine unschätzbare Fundgrube ist der 1994 erschienene, von Hans Paarhammer, Franz Pototschnig und Alfred Rinnerthalter herausgegebene Sammelband „60Jahre österreichisches Konkordat“ mit Beiträgen von 23 als Experten ausgewiesenen Autoren zu unterschiedlichen Aspekten des österreichischen Konkordats von 1933/34.

Weinzierl erwähnt in ihrem Beitrag in dem zuletzt genannten Sammelband, dass ihr bei der Abfassung ihrer Habilitationsschrift einschlägige archivalische Quellen noch verschlossen waren, während Josef Kremsmair zwanzig Jahre später darauf bereits Zugriff nehmen konnte, und mittlerweile auch die Ministerratsprotokolle des Kabinetts Dollfuß gedruckt vorliegen.[11] Im Vorwort zur Dissertation von Kremsmair finden wir den Hinweis, dass dem Verfasser im Falle des Vatikanischen Archives ein Zugang zu den Konkordatsakten leider versperrt war.[12] Vermutlich wäre dies heute, näherhin nach dem 18. September 2006, nicht mehr der Fall, da der Vatikan an diesem Tage alle Akten des Pontifikats Pius' XI. (1922 bis 1939) vollständig zugänglich gemacht hat.[13]

3 Zentrale Begriffe und Konzepte

Bei der Auswahl der einleitend zu definierenden Begriffe und Konzepte habe ich mich an der Formel „Beschränkung tut not“ orientiert. Meine Wahl ist daher auf eine Trias gefallen, bestehend aus den Begriffen „ Konkordat “ (was ziemlich naheliegend war), „ Heiliger Stuhl “ (weil dieser in Konkordaten immer einer der Vertragspartner zu sein pflegt), und zuletzt „ Staatskirchenrecht “ (weil Konkordate stets gestaltend auf dieses Einfluss nehmen).

3.1 Konkordat (in seiner allgemeinen Bedeutung)

Eine erste Begriffsdefinition finden wir im Lexikon für Theologie und Kirche: „Unter einem Konkordat wird ein zweiseitiger völkerrechtlicher Vertrag zwischen dem Heiligen Stuhl und einem Staat verstanden, der die dauernde Regelung sämtlicher oder auch nur eines Teiles der die beiden Konkordatspartner gemeinsam berührenden kirchlichen und staatskirchenrechtlichen Angelegenheiten zum Ziel hat.“[14] Konkordate sind also Vereinbarungen zwischen einem Staat und der katholischen Kirche – die herrschende Meinung erachtet sie als echte Verträge. Vereinzelt lehnen Staatstheoretiker ihren Charakter als völkerrechtliche Verträge indessen ab: mit dem Argument, „daß ihr wesentlicher Inhalt die innerstaatliche Ordnung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche ist.“[15]

Dieser Umstand werde noch deutlicher – so Reinhold Zippelius – „bei Kirchenverträgen mit der evangelischen Kirche, die den gleichen Gegenstand regeln wie Konkordate und inhaltlich oft weitgehend mit diesen übereinstimmen, bei denen aber überhaupt kein Völkerrechtssubjekt sichtbar wird, das dem Staat als Vertragspartner gegenüberträte.“[16] Ob man Konkordate wie Kirchenverträge deshalb als „Verträge sui generis“, „quasivölkerrechtliche Verträge“ oder „Staatsverträge“ bezeichnen möchte, ist nach Zippelius eine zweitrangige Frage; wesentlich ist, „daß sie nach heute herrschender Ansicht als Verträge weder einseitig widerrufen, noch einseitig interpretiert werden können.“[17] Friedrich Koja betont, dass unter den synonym gebrauchten Begriffen „Staatsvertrag“ und „völkerrechtlicher“ („internationaler“) Vertrag „nicht nur Verträge zwischen Staaten, sondern alle Verträge zwischen Völkerrechtssubjekten zu verstehen sind, sofern sie nicht rein privatrechtlicher Natur sind.“[18]

In der Konkordatspraxis werden – Joseph Listl folgend – nur „diejenigen Verträge zwischen dem Heiligen Stuhl und einem Staat als ‚Konkordat‘ (Conventio solemnis) bezeichnet, in denen zwischen den beiden Partnern eine umfassende oder jedenfalls eine mehrere bedeutsame Sachgebiete betreffende und auf Dauer angelegte Regelung gemeinsamer Angelegenheiten erfolgt ist. Teilvereinbarungen, Konkordatsergänzungen und ‚Fortschreibungen‘ von Konkordaten werden als ‚Vereinbarung‘ (Conventio, Accordo, Accordo concordato), Notenwechsel, Protokoll, Agreement oder in Einzelfällen auch als bloßer ‚Modus vivendi‘ bezeichnet. Jedoch ist festzuhalten, daß ungeachtet der variierenden Terminologie und des unterschiedlichen Grades an Feierlichkeit, der beim Abschluß dieser Verträge aufgeboten wird, sämtlichen genannten konkordatären Abmachungen derselbe Grad an Geltung, Bindungsverpflichtung und Bestandskraft zukommt wie den umfassenden Regelungen.“[19]

Das erstrangige Ziel, das die Kirche beim Abschluss von Konkordaten verfolgt, „liegt ausschließlich auf der religiösen Ebene. Konkordate sind Mittel im Dienste der Glaubensverkündigung und damit der Verwirklichung des Heilsauftrags der Kirche.“[20] Nicht selten gebrauchten die beiden Gewalten, Kirche und Staat, Konkordate aber „zur Beseitigung von langen und tiefgreifenden Konflikten.“[21] So endete mit dem Wormser Konkordat von 1122, einem Kompromiss zwischen Kaiser Heinrich V. und Papst Calixtus II., nach „jahrelangen Verhandlungen auch im Reich der Investiturstreit.“[22] Das Wiener Konkordat von 1448, zwischen Kaiser Friedrich III. und Papst Nikolaus V. abgeschlossen, ordnete unter anderem „die Pfründenverleihung im Heiligen Römischen Reich und die damit zusammenhängenden Abgaben.“[23] Weil nur vom Papst, nicht jedoch reichsrechtlich publiziert, wird es nicht zum Reichsgesetz. Und doch bestanden diese Rechtsverhältnisse „im wesentlichen bis zum Ende der Reichskirche und des Heiligen Römischen Reiches (1803/1806).“[24]

Für die katholische Kirche brach 1918 eine neue Konkordatsära an. Dieser Umstand war nicht nur durch die politischen Umbrüche in den Staaten, sondern auch durch das Inkrafttreten des Codex Iuris Canonici[25] im Jahre 1918 bedingt. Papst Pius XI. (6.2.1922-10.2.1939)[26] „wollte so weit als möglich mit Hilfe von Konkordaten das neue allgemeine Kirchenrecht durchsetzen.“[27] Insgesamt bilden die beiden Pontifikate Pius‘ XI. und Pius‘ XII. (2.3.1939-9.10.1958)[28] in der neueren Konkordatsgeschichte „wegen der großen Zahl der in diesem Zeitraum abgeschlossenen Konkordate den bisherigen Höhepunkt der kirchlichen Konkordatspolitik.“[29]

Das scheinbar dem alten System der societas-perfecta-Lehre verbundene Konkordat ist im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) und dessen Aussagen über das Verhältnis von Kirche und Staat in Diskussion geraten.[30] Denn das Zweite Vatikanum greift in seiner Lehre über die Kirche auf ausdrucksstarke biblische Bilder zurück (Kirche als Volk Gottes ; als Leib des Herrn ; als Tempel des Heiligen Geistes)[31], während dem Codex Iuris Canonici von 1917 noch das Kirchenbild der societas perfecta zugrunde liegt, womit zum Ausdruck gebracht wird, „daß es sich bei der Kirche wie beim Staat um eine äußerlich sichtbare Gesellschaft handelt. Und zwar um eine vollkommene Gesellschaft, d.h. um eine Gesellschaft, die alle Mittel zur Verfügung hat, die zur Erreichung ihres Zieles erforderlich sind.“[32]

Die neueste Entwicklung zeigt aber, „daß die im Gefolge der Dekrete des 2.Vaticanums entstandene innerkirchliche Diskussion um die Berechtigung von Konkordaten und den Gebrauch der darin enthaltenen Privilegien […] in der Praxis nicht zu einer Abkehr von diesem Rechtsinstitut geführt hat.“[33] Im Gegenteil, häufig wird übersehen, dass „Konkordatsrecht bzw. Kirchenvertragsrecht ganz allgemein im internationalen Vergleich eher im Vormarsch als im Rückzug befindlich ist.“[34]

Übersehen wird indessen vielfach – gerade im Zusammenhang mit der Konkordatsdiskussion –, „daß institutionelle Garantien in den Staatsverfassungen nicht in der Lage sind, den gesamten Bereich der Beziehungen Kirche – Staat – Gesellschaft abzudecken und daß sehr häufig erstarrte Interpretationen einer Anpassung an die gewandelte Situation im Wege stehen. Die konkordatäre Regelung ist elastischer.“[35]

Den hohen Rang des konkordatären Rechts innerhalb der kirchlichen Rechtsordnung bekundet can.3 des am 25.Jänner 1983 promulgierten, für den lateinischen Rechtskreis geltenden Codex Iuris Canonici (CIC/1983)[36]:

Die Canones des Codex heben die vom Apostolischen Stuhl mit Nationen oder anderen politischen Gemeinschaften eingegangenen Vereinbarungen weder ganz noch teilweise auf; diese gelten daher wie bis jetzt fort ohne die geringste Einschränkung durch entgegenstehende Vorschriften dieses Codex.

Ganz ähnlich lautet auch die entsprechende Formulierung von can.4 des am 18.Oktober 1990 promulgierten, für den orientalischen Rechtskreis geltenden Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium (CCEO)[37]:

[...]


[1] Amtliches Ergebnis unter: http://www.bmi.gv.at/cms/BMI_wahlen/volksbegehren/Alle_Volksbegehren.aspx (Zugriff: 19. Jänner 2014).

[2] Fundstelle: http://www.kirchen-privilegien.at/kreuz-schulen-vfgh-stellt-kirchenprivilegien-uber-menschenrechte/ (Zugriff: 19. Jänner 2014).

[3] Vgl. dazu: Pappi, Franz Urban, Theorien, Methoden und Forschungsansätze, in: Münkler, Herfried (Hrsg.), Politikwissenschaft. Ein Grundkurs, Reinbek bei Hamburg 2003, 77-[100], 94f.

[4] Pappi, Theorien, 94.

[5] Ebda.

[6] Patzelt, Werner J., Einführung in die Politikwissenschaft, Grundriß des Faches und studiumbegleitende Orientierung, Passau 2001, 168.

[7] Vgl. dazu näherhin: Patzelt, Einführung, 164-169.

[8] Vogler, Günter, Probleme einer Periodisierung der Geschichte, in: Goertz, Hans-Jürgen (Hrsg.), Geschichte. Ein Grundkurs, Reinbek bei Hamburg 1998, 203-213, 207.

[9] Fundstelle: https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=10009196 (Zugriff: 19. Jänner 2014).

[10] Weinzierl-Fischer, Erika, Die österreichischen Konkordate von 1855 und 1933, Wien 1960, 250-271.

[11] Weinzierl, Erika, Das österreichische Konkordat von 1933 von der Unterzeichnung bis zur Ratifikation, in: Paarhammer, Hans / Franz Pototschnig / Alfred Rinnerthaler (Hrsg.), 60 Jahre Österreichisches Konkordat, München 1994 (= Veröffentlichungen des internationalen Forschungszentrums für Grundfragen der Wissenschaften Salzburg, Neue Folge Band 56), 119-134, 119.

[12] Kremsmair, Josef, Der Weg zum österreichischen Konkordat von 1933/34, Wien 1980 (= Dissertationen der Universität Salzburg, Band12), I.

[13] Vgl. dazu näherhin: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-49133247.html (Zugriff: 19. Jänner 2014) sowie http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/articleEEOJK-1.57207 (Zugriff: 19. Jänner 2014).

[14] Listl, Joseph, Lexikon für Theologie und Kirche, Sechster Band, Sonderausgabe (Durchgesehene Ausgabe der 3.Auflage 1993-2001), Freiburg im Breisgau 2006 [Kurz: LThK], Stichwort: Konkordat.

[15] Zippelius, Reinhold, Staat und Kirche, Eine Geschichte von der Antike bis zur Gegenwart, 2., neu bearbeitete Auflage, Tübingen 2009, 170f.

[16] Zippelius, Staat, 171.

[17] Ebda.

[18] Koja, Friedrich, Allgemeine Staatslehre, Wien 1993, 54f.

[19] Listl, Joseph, Konkordate aus der Sicht des Heiligen Stuhles, in: Paarhammer, Hans / Franz Pototschnig / Alfred Rinnerthaler (Hrsg.), 60 Jahre Österreichisches Konkordat, München 1994 (= Veröffentlichungen des internationalen Forschungszentrums für Grundfragen der Wissenschaften Salzburg, Neue Folge, Band 56), 13-33, 18.

[20] Listl, Konkordate, 14.

[21] Weinzierl-Fischer, Konkordate, 5.

[22] Heim, Manfred, Kirchengeschichte in Daten, München 2006, 54.

[23] Weinzierl-Fischer, Konkordate, 5.

[24] Heim, Manfred, Einführung in die Kirchengeschichte, München 2000, 66.

[25] Codex Iuris Canonici, Pii X Pontificis Maximi iussu digestus Benedicti Papae XV auctoritate promulgatus / praefatione Emi. Petri Card. Gasparri et indice analytico-alphabetico auctus, Typis Polyglottis Vaticanis MCMXXXIII [Kurz:CIC/1917].

[26] Daten aus: Lexikon der Päpste und des Papsttums, (Lexikon für Theologie und Kirche kompakt, Auf der Grundlage des Lexikon für Theologie und Kirche, 3.Auflage), Freiburg im Breisgau 2001, Stichwort: Pius XI.

[27] Potz, Richard, Ist das Konkordat noch zeitgemäß?, in: Österreichisches Archiv für Recht und Religion (öarr), 53 (2006), 64-86, 72.

[28] Daten aus: Lexikon der Päpste und des Papsttums, Stichwort: Pius XII.

[29] Listl, Joseph, § 116 Die Lehre der Kirche über das Verhältnis von Kirche und Staat, in: Listl, Joseph / Heribert Schmitz (Hrsg.), Handbuch des katholischen Kirchenrechts, Zweite, grundlegend neubearbeitete Auflage, Regensburg 1999, [1239]-1255, 1554.

[30] Puza, Richard, Katholisches Kirchenrecht, Heidelberg 1986, 87.

[31] Vgl. dazu u. a. Art. 17 der Dogmatischen Konstitution über die Kirche „Lumen Gentium“, zB in: Rahner, Karl / Herbert Vorgrimler (Übersetzer und Autoren), Kleines Konzilskompendium. Sämtliche Texte des Zweiten Vatikanums. Allgemeine Einleitung – 16 spezielle Einführungen – ausführliches Sachregister, Freiburg im Breisgau 321966.

[32] Puza, Richard, Katholisches Kirchenrecht, Heidelberg 1986, 194.

[33] Puza, Kirchenrecht, 87.

[34] Potz, Konkordat, 65.

[35] Puza, Kirchenrecht, 88f.

[36] Codex Iuris Canonici – Codex des kanonischen Rechtes, lat./dt. Ausgabe, Kevelaer 31989 [Kurz:CIC/1983].

[37] Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium – Gesetzbuch der katholischen Ostkirchen, Lateinisch-deutsche Ausgabe. Herausgegeben von Libero Gerosa und Peter Krämer. Übersetzt von Gerd Ludwig und Joachim Budin. Bearbeitet von Sabine Demel, Libero Gerosa, Peter Krämer, Ludger Müller. Liturgiewissenschaftliche und ostkirchenkundliche Fachberatung Michael Kunzler, Paderborn 2000 (=Amateca – Repertoria ; Bd. 2) [Kurz:CCEO].

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Die Genese des österreichischen Konkordats von 1933/34.
Untertitel
Eine Studie zur Entwicklung der Staat-Kirche-Beziehungen in Österreich
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Bachelor-Seminar - Politikwissenschaft - Vergangenheitspolitik
Note
1
Autor
Jahr
2014
Seiten
43
Katalognummer
V275194
ISBN (eBook)
9783656673910
ISBN (Buch)
9783656673903
Dateigröße
678 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
genese, konkordats, eine, studie, entwicklung, staat-kirche-beziehungen, österreich
Arbeit zitieren
Mag. Siegfried Höfinger (Autor), 2014, Die Genese des österreichischen Konkordats von 1933/34., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275194

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