Wir leben in einer "Risikogesellschaft" laut des Soziologen Ulrich Beck. Dem kann man durchaus zustimmen, wenn wir an die verschiedensten Risiken denken, mit denen wir täglich in den Medien konfrontiert werden. Zum Beispiel droht den Menschen das Risiko von Naturkatastrophen durch das sich verändernde Klima und durch den Straßenverkehr steigt das Risiko extremer Umweltverschmutzung und gesundheitlicher Beeinträchtigungen. Auch Technologien wie Gen- und Nukleartechnik bergen unendlich viele Gefahren, die oftmals noch gar nicht bekannt sind. Außerdem beinhalten Kommunikationstechnologien neben ihren großen Chancen auch erhebliche Risiken, die sich in Datenschutzskandalen oder Cyberterrorismus widerspiegeln. Selbst die Techniken der Medizin sind nicht frei von Risiken und Nebenwirkungen, die meist erst verzögert auftreten. Neben diesen technischen Risikothemen ist die Gesellschaft aber auch von sozialen Gefährdungen betroffen. Die immer wachsende soziale Ungleichheit, aber auch Arbeitslosigkeit oder der Zerfall von Gesellschaften müssen hier angemerkt werden. All diese Risiko- Bereiche haben etwas gemeinsam:
„Die Unsicherheit darüber, welche Folgen gegenwärtiges Handeln für unmittelbare oder auch weitreichende Zukünfte hat“ (Nassehi 1997: 252).
Dieses Handeln benötigt ein gewisses Maß an Kenntnissen und Vertrauen in mögliche Nachfolgen der Handlungen. In unserer aktuellen Gesellschaft herrscht aufgrund des öffentlichen Diskurses die Annahme, dass ein solches Vertrauen kaum vorliegt. Das wird vor allem daran deutlich, wenn schon bei den gewöhnlichsten Handlungen und Bestimmungen darüber diskutiert wird, welche denkbaren unabsichtlichen Folgen beziehungsweise Schäden resultieren könnten.
Jedoch war der Umgang mit Risiko und Unsicherheit nicht immer gleich. Die folgende Arbeit soll deshalb Aufschluss darüber geben, wie sich die unterschiedlichen Risikokulturen am Beispiel Naturkatastrophen von der traditionellen, über die industrielle bis hin zur heutigen modernen Gesellschaft verändert haben und wie sich diese Kulturformen untereinander unterscheiden.
Um den Kontext besser erfassen zu können, soll zu Beginn eine Definition des Risikobegriffs stehen. Danach wird die traditionelle, industrielle und moderne Risikokultur in den Gesellschaften dargestellt und erläutert. Anschließend werden die genauen Unterschiede dieser drei Modelle am Beispiel von Naturkatastrophen demonstriert und abschließend ein Fazit gezogen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Risikobegriff
3. Risikokulturen
3.1. Traditionelle Gesellschaften
3.2. Industrielle Gesellschaften
3.3. Moderne Gesellschaften
4. Unterschiede der Modelle am Beispiel von Naturkatastrophen
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die soziologische Entwicklung von Risikokulturen, indem sie den Übergang von traditionellen über industrielle bis hin zu modernen Gesellschaften analysiert. Das Hauptziel besteht darin, die unterschiedliche Wahrnehmung und Bewältigung von Risiken – konkret am Beispiel von Naturkatastrophen – herauszuarbeiten und die grundlegenden kulturellen Unterschiede in deren Bearbeitung aufzuzeigen.
- Soziologische Definition und theoretische Einordnung des Risikobegriffs.
- Charakterisierung der Risikowahrnehmung in traditionellen, industriellen und modernen Gesellschaftsformen.
- Analyse des Wandels von Schicksalsergebenheit hin zu technokratischer Beherrschbarkeit und schließlich zu einer "Erwartung des Unerwarteten".
- Vergleich der Umgangsweisen mit Naturkatastrophen als Indikator für den gesellschaftlichen Wandel.
- Herausarbeitung der zunehmenden Komplexität und Unkalkulierbarkeit in modernen Risikolagen.
Auszug aus dem Buch
3.3. Moderne Gesellschaften
Trotz der Existenz von Versicherungen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen passieren jedoch andauernd Unfälle, Katastrophen und es kommt zu Schäden. Eine amerikanische Studie über Risiken der Großtechnik fand heraus, dass erst nachdem ein Schaden eintritt, genaue Aussagen über Fehler und Verbesserungsmöglichkeiten gemacht werden können. Wir sind also in einer Gegenwart angekommen, die man trotz des chemischen, physikalischen oder elektronischen Wissens und Erfahrung nicht als „gegenwärtige Zukunft“ (ebd. 263) bezeichnen kann. Auf den ersten Blick erscheint es logisch, entstandene Schäden auf menschliches Unvermögen, wie Steuerungsfehler oder falsches Beurteilen von Situationen zurückzuführen. Die vorher genannte Studie zeigt jedoch, dass Wahrscheinlichkeitsrechnungen über bestimmte Risiken zu viel Linearität enthalten. Mit Linearität ist gemeint, dass man Wirkung und Ursache immer berechnen und richtig voraussagen kann. Diese Linearität trifft aber auf unsere hochmodernen Maschinen meist aufgrund ihrer Komplexität nicht zu, was Unfälle oder Schäden beweisen.
Je größer die Komplexität der technischen Systeme ist, desto mehr muss man damit rechnen, dass Unerwartetes passiert. In unseren modernen Gesellschaften wird uns auch deshalb die Vorstellung von unerwarteten Ereignissen immer vertrauter. Da die Systeme und Maschinen immer komplizierter werden, werden sie auch anfälliger gegenüber Systemausfällen und Unfällen. Das „neue“ Risiko in modernen Gesellschaften zeichnet sich also dadurch aus, dass die technischen Systeme immer komplexer werden und damit Unsicherheiten über die Zukunft und Unkalkulierbarkeit wachsen. Während in industriellen Gesellschaften die Meinung vorherrschte, die Welt durch Wahrscheinlichkeitsrechnungen beherrschen zu können, geht dieser Gedanke in den modernen Gesellschaften wieder verloren (ebd.: 263ff.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der 'Risikogesellschaft' ein und stellt die Zielsetzung der Arbeit vor, die Entwicklung der Risikokulturen anhand von Naturkatastrophen zu vergleichen.
2. Risikobegriff: Das Kapitel definiert Risiko soziologisch als soziales Problem der Handlungsantizipation und beleuchtet die Rolle von 'Beobachtung zweiter Ordnung' in der Risikowahrnehmung.
3. Risikokulturen: Dieser Abschnitt unterteilt die gesellschaftliche Risikogeschichte in drei Phasen, die den jeweiligen Wandel in der Wahrnehmung und Verarbeitung von Unsicherheiten markieren.
3.1. Traditionelle Gesellschaften: Hier werden Risiken als schicksalhaft und oft religiös begründet betrachtet; sie dienen primär der Stabilität innerhalb von sozialen Gruppen.
3.2. Industrielle Gesellschaften: Dieses Kapitel beschreibt den Übergang zu einer industrialisierten Arbeitswelt, in der Risiken durch Versicherungsprinzipien und statistische Berechenbarkeit kollektiv bewältigt werden sollen.
3.3. Moderne Gesellschaften: Hier wird der Wandel zu 'evolutionären Risiken' thematisiert, die aufgrund ihrer Komplexität und Unkalkulierbarkeit nicht mehr durch traditionelle Versicherungsmodelle abgedeckt werden können.
4. Unterschiede der Modelle am Beispiel von Naturkatastrophen: Dieser Vergleich zeigt, wie Naturkatastrophen von schicksalhaften Ereignissen zu komplexen, schwer beherrschbaren Herausforderungen für moderne Gesellschaften wurden.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass sich Risikokulturen maßgeblich durch ihre Werte und Wissensstrukturen unterscheiden und die moderne Gesellschaft zunehmend mit einer Unsicherheit konfrontiert ist, die den Expertenrat notwendig macht.
6. Literaturverzeichnis: Dies ist das Verzeichnis der verwendeten Quellen.
Schlüsselwörter
Risikogesellschaft, Risikokulturen, Naturkatastrophen, Soziologie des Risikos, Unsicherheit, Individualisierung, Versicherungsschutz, Wahrscheinlichkeitsrechnung, evolutionäre Risiken, Komplexität, Expertenwissen, Klimawandel, Risikobewusstsein, gesellschaftlicher Wandel, Technikfolgen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit analysiert, wie sich der Umgang mit Risiken und Unsicherheit über die Zeit hinweg gewandelt hat, unterteilt in die Phasen der traditionellen, industriellen und modernen Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der soziologischen Betrachtung der Risikowahrnehmung, der Entwicklung von Versicherungsmodellen in der Industriezeit sowie den Herausforderungen durch komplexe, nicht mehr linear berechenbare Risiken in der Moderne.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit verfolgt das Ziel, die Unterschiede zwischen traditionellen, industriellen und modernen Risikokulturen zu verdeutlichen und dies konkret anhand des Beispiels von Naturkatastrophen zu demonstrieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Literaturanalyse soziologischer Risikokonstruktionen, insbesondere unter Einbezug von Autoren wie Ulrich Beck, Niklas Luhmann und anderen Risikoforschern.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition des Risikobegriffs, die detaillierte Beschreibung der drei gesellschaftlichen Risikokulturen sowie einen direkten Vergleich dieser Modelle am Fallbeispiel von Naturkatastrophen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich besonders durch Begriffe wie Risikogesellschaft, Risikokulturen, evolutionäre Risiken, Komplexität und gesellschaftlicher Wandel beschreiben.
Wie unterscheiden sich Naturkatastrophen in der Wahrnehmung der verschiedenen Epochen?
Während sie in traditionellen Gesellschaften als schicksalhafte, schuldlose Ereignisse wahrgenommen wurden, versuchte man sie in der Industriezeit technisch zu berechnen und zu versichern, bevor sie in der Moderne als hochkomplexe, globale und oft unvorhersehbare Probleme erkannt wurden.
Was bedeutet der Begriff 'evolutionäre Risiken' im Kontext dieser Arbeit?
Es handelt sich um Risiken, die in einem bestimmten Kontext entstehen und diesen zugleich verändern, wodurch sie sich der traditionellen linearen Berechenbarkeit entziehen und oft neue, unvorhersehbare Nebenfolgen produzieren.
- Arbeit zitieren
- Verena Schindler (Autor:in), 2014, Soziologie des Risikos. Wie unterscheiden sich traditionelle, industrielle und moderne Risikokulturen am Beispiel Naturkatastrophen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275238