[...] Die Diskussion um die
Definition dieser Kategorien und die Definition der Autobiografie selber, hat mich am
meisten interessiert. Deswegen habe ich für meine Hausarbeit zwei Aufsätze ausgesucht, die
versuchen, die Autobiografie zu definieren und die mit ihr auftauchenden Probleme
aufzuzeigen. Einer der Aufsätze ist von dem Franzosen Georges Gusdorf und trägt den Titel
„Voraussetzungen und Grenzen der Autobiographie.“2 Der andere Aufsatz, „Der
autobiographische Pakt“3, ist von Philippe Lejeune, ebenfalls ein Franzose. In den fünfziger
Jahren setzte eine neue Phase der Autobiografie-Forschung ein, bei der Frankreich und die
angelsächsischen Länder für längere Zeit die Führung übernahmen, vor allem in der
gattungstheoretischen Diskussion. Die Formgesetzte der Gattung traten hier erstmals in das
Blickfeld. Es wurde versucht, die Gattung der Autobiografie von anderen Selbsterzeugnissen
und von der Biografie, wie auch ihre verschiedenen Typen untereinander, formal zu
unterscheiden. Der Begriff „Kunstwerk“ tauchte im Zusammenhang mit der Autobiografie
zum ersten Mal 1956 bei Georges Gusdorf auf. Philippe Lejeune stellte in seinem Aufsatz
heraus, dass die Beziehung des Autobiografen zum Leser eine sehr wichtige Rolle spielt.
„Der autobiographische Pakt“ erschien fast zwanzig Jahre nach dem Aufsatz von Gusdorf
(nämlich 1974). In dieser Zeitspanne hat sich die Diskussion um die Autobiografie stark
weiterentwickelt und somit sind Lejeune´s Überlegungen und Gedankengänge natürlich
ausgereifter. Im ersten Kapitel meiner Hausarbeit werde ich den Aufsatz von Georges
Gusdorf mit eigenen Worten zusammenfassen und erklären und im zweiten Kapitel den von
Philippe Lejeune. Im Schlussteil werde ich dann auf Verknüpfungspunkte der beiden
Aufsätze eingehen und meine eigene Meinung darstellen.
2 Gusdorf, Georges: „Voraussetzungen und Grenzen der Autobiographie“ (zuerst 1956), in: Günter
Niggl (Hg.): „Die Autobiographie – Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung“,
Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1989, S. 121-147
Diese Quelle wird im Folgenden unter Verwendung der Sigle >GG< und Angabe der Seitenzahl
zitiert.
3 Lejeune, Philippe: „Der autobiographische Pakt“, in: Philippe Lejeune: „Der autobiographische
Pakt“ (zuerst 1975), Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1994, S. 13-51
Diese Quelle wird im Folgenden unter Verwendung der Sigle >PL< und Angabe der Seitenzahl zitiert.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Selbsterkenntnis eines Menschen als Kunstwerk
2. Eine vertragliche Gattung
Schlussteil
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit den autobiografischen Theorien von Georges Gusdorf und Philippe Lejeune auseinander. Ziel ist es, deren Definitionen der Gattung "Autobiografie" gegenüberzustellen, ihre unterschiedlichen Ansätze zur Identität von Autor, Erzähler und Protagonist zu analysieren und die Rolle des literarischen Kunstwerks im Kontext der Selbsterkenntnis zu beleuchten.
- Die anthropologische Bedeutung der Autobiografie als Mittel zur Selbsterkenntnis.
- Die Gattungsdiskussion und die Abgrenzung zur Biografie und zum Roman.
- Philippe Lejeunes Konzept des "autobiografischen Pakts" und die Bedeutung der Namensidentität.
- Die Rolle der literarischen Form und des künstlerischen Ausdrucks bei der Selbstinszenierung.
- Die kritische Reflexion der Möglichkeiten und Grenzen einer universellen Gattungsdefinition.
Auszug aus dem Buch
1. Selbsterkenntnis eines Menschen als Kunstwerk
In seinem Aufsatz „Voraussetzungen und Grenzen der Autobiographie“ bezeichnet Georges Gusdorf die Autobiografie als eine fest etablierte Gattung, an deren Existenz für ihn kein Zweifel besteht. Er definiert Autobiografie als eine ganzheitliche und zusammenhängende Darstellung eines gesamten Lebens, die von demjenigen, um dessen Leben es sich handelt, selber geschrieben wird. Sie ist für Gusdorf ein Dokument über ein Leben, ein Zeugnis eines Menschen über sich selbst. Doch in allererster Linie ist die Autobiografie für ihn ein Kunstwerk, das verborgene Stellen des persönlichen Wesens zutage bringt und uns damit den inneren Menschen zeigt. Er sagt, die Autobiografie habe etwas Schöpferisches an sich. Sie bewirke eine Erschaffung des eigenen Ichs durch den Autor selber und sei somit Mittel der Selbsterkenntnis.
Gusdorf bezeichnet sie als Spiegel, in dem der Mensch sein eigenes Bild wiedergibt. Er ist der Meinung, ein Autor will mit einer Autobiografie sein Leben zur Vollendung bringen, ihm einen Sinn geben. Bevor ich jedoch näher auf Gusdorf´s Verständnis von Autobiografie eingehe, möchte ich zunächst zusammenfassen, wie er die historische Entstehung begreift und beschreibt. Er sagt, dass die Gattung der Autobiografie räumlich und zeitlich begrenzt auftritt. Das Anliegen, das eigene Leben zusammenzufassen, zeige sich nur auf einem kleinen Teil der Weltkarte und erst seit einigen Jahrhunderten.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die Problemstellung der Gattungsdefinition von Autobiografien ein und stellt die beiden zentralen theoretischen Positionen von Georges Gusdorf und Philippe Lejeune vor.
1. Selbsterkenntnis eines Menschen als Kunstwerk: Dieses Kapitel expliziert Gusdorfs Verständnis der Autobiografie als schöpferisches Kunstwerk, das zur Selbsterkenntnis dient und den inneren Menschen jenseits bloßer historischer Fakten freilegt.
2. Eine vertragliche Gattung: Hier wird Lejeunes Theorie des "autobiografischen Pakts" analysiert, wobei der Fokus auf der notwendigen Identität von Autor, Erzähler und Protagonist sowie der Bedeutung des Eigennamens liegt.
Schlussteil: Der Schlussteil vergleicht die Ansätze von Gusdorf und Lejeune, zeigt Gemeinsamkeiten sowie Differenzen auf und reflektiert die eigene kritische Position zur Gattung der Autobiografie.
Schlüsselwörter
Autobiografie, Georges Gusdorf, Philippe Lejeune, Gattungstheorie, Autobiografischer Pakt, Selbsterkenntnis, Identität, Kunstwerk, Erzähler, Protagonist, Literaturwissenschaft, Referenzpakt, Lebensdarstellung, Subjektivität, Formgesetzte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der literaturwissenschaftlichen Definition und Theoriebildung zur Gattung der Autobiografie, basierend auf zwei einflussreichen Aufsätzen von Georges Gusdorf und Philippe Lejeune.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Gattungsdiskussion, die Unterscheidung zwischen Autobiografie, Biografie und Roman sowie die Rolle des Autors und dessen Beziehung zum Leser.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, Gusdorfs anthropologischen Ansatz der Selbsterkenntnis und Lejeunes formalen Ansatz des "autobiografischen Pakts" gegenüberzustellen und deren Aussagekraft kritisch zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Methode der vergleichenden Textanalyse und Gattungskritik, indem sie die theoretischen Modelle der Autoren systematisch zusammenfasst und mit einer eigenen kritischen Reflexion hinterfragt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in zwei Abschnitte: Zunächst wird Gusdorfs Verständnis der Autobiografie als Kunstwerk dargelegt, gefolgt von einer detaillierten Analyse von Lejeunes vertragstheoretischem Modell.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Autobiografie, autobiografischer Pakt, Identität, Selbsterkenntnis, Gattungstheorie, Referenzpakt und die Distanz zwischen Autor, Erzähler und Protagonist.
Inwiefern unterscheidet sich die Sichtweise von Gusdorf von der Lejeunes hinsichtlich der Autobiografie?
Während Gusdorf die Autobiografie vor allem als anthropologisches Dokument und schöpferisches Kunstwerk zur Selbsterkenntnis betrachtet, fokussiert Lejeune auf die pragmatischen und strukturellen Bedingungen, insbesondere den Vertrag zwischen Autor und Leser.
Wie bewertet die Autorin die Bedeutung des Eigennamens im Kontext der Autobiografie?
Die Autorin folgt Lejeune in der Einschätzung, dass der Eigenname für die Glaubwürdigkeit und den "Pakt" der Autobiografie zentral ist, kritisiert jedoch die strikte Ablehnung einer anonymen Autobiografie durch Lejeune.
- Quote paper
- Verena Roelvink (Author), 2002, Die Autobiografie - Eine Gegenüberstellung der Theorien von Georges Gusdorf und Philippe Lejeune, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27524